Google Groups no longer supports new Usenet posts or subscriptions. Historical content remains viewable.
Dismiss

Stoerfall Wuppertal: Nachbetrachtung

1 view
Skip to first unread message

Coordinat. geg. Bayer-Gefahren

unread,
Sep 10, 1999, 3:00:00 AM9/10/99
to
***********************************************************
* Vorabdruck aus STICHWORT BAYER, Ausgabe 3/99 *
* Zeitschrift der Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V. *
* Internationales Netzwerk seit 1983 *
* Für Anfragen, Kontakte und kostenloses Probeabo: *
* CBG, Postfach 15 04 18, 40081 Düsseldorf *
* Tel: 0211-333 911 Fax: 0211-333 940 *
***********************************************************

Beinahe-Katastrophe bei BAYER versetzt Stadt Wuppertal in
Panik: "Das war wie im Krieg"

Am 8. Juni kam es auf dem Wuppertaler BAYER-Gelände, das
mitten im Stadtgebiet liegt, zu einer Explosion und nachfolgend
zu einem Brand. Die austretenden Chemikalien und der
Brandruß riefen bei unzähligen Menschen Atembeschwerden,
Kopfschmerzen, Übelkeit, Augenreizungen und Hautverätzungen
hervor; die umherfliegenden Glassplitter verursachten
Schnittwunden. Vorläufige Bilanz des Unglücks: Über 100
Verletzte, Sachschaden in Millionenhöhe bei den umliegenden
Wohnhäusern, das Werksgrundstück rund um das Kesselhaus
218 eine Trümmerlandschaft - und für die Stadt einmal mehr die
Gewissheit, mit einer chemischen Zeitbombe in ihrem Herzen zu
leben.

Von Udo Hörster

Ein Riesenknall, eine unheilvoll dräuende schwarze Rauchwolke
immensen Ausmaßes, ätzender Gestank - mitten im Wuppertaler
Stadtgebiet ist der Ernstfall eingetreten: ein sog. Störfall, wie diese
Beinahe-Katastrophe bei BAYER im Amtsdeutsch verharmlosend
ausgedrückt wird. Die bei der Explosion entstandene Druckwelle war
so stark, dass sie straßenzugweise die Glasscheiben aus den
Fensterrahmen sog und das Wohnungsinventar durcheinanderwirbelte.
Mauersteine und Dachziegel flogen durch die Luft und gingen auf
vorbeifahrende Autos nieder, nur ein Wunder verhinderte größere
Unfälle. Die Wucht der Detonation schleuderte einen
Werksangehörigen mitsamt Brandschutztür durch den Gang zu einem
Nebengebäude; zwei BAYER-Beschäftige erlitten vom
ohrenbetäubenden Lärm einen Trommelfellriss. Über 100
Belegschaftsangehörige, Feuerwehrleute oder AnwohnerInnen
mussten sich wegen Atemwegsbeschwerden, Reizungen der Binde-
und Schleimhäute oder Hautausschlägen in ärztliche Behandlung
begeben. Die Feuerwehr sperrte ein zwei Quadratkilometer großes
Stadtgebiet weiträumig ab und ließ wegen des hohen
Vergiftungsrisikos niemanden die Abgrenzung passieren. "Das war
wie bei einem Bombenangriff im Krieg", beschreibt ein sichtlich
erregter, älterer Anwohner die Situation. Und es hätte noch schlimmer
kommen können: Die Strecke der Wuppertaler Schwebebahn führt
mitten durch das BAYER-Areal. Zum Zeitpunkt der Explosion befand
sich ein im Feierabendverkehr vollbesetzter Zug in nur zweiminütiger
Entfernung vom Werk. Zwei Minuten, die Wuppertal von einer Groß-
Katastrophe mit unzähligen Opfern trennten, denn der städtische
Brandoberamtsrat Jürgen Luckhardt ist sich sicher: "Die Wucht der
Druckwelle war so enorm, dass sie die Schwebebahn zum Absturz
gebracht hätte."

"Betriebsstörung mit Geruchsbelästigung"
Am Unfalltag erwies es sich als fatal, dass BAYER weder die Stadt
noch die Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr, die
MedizinerInnen der umliegenden Krankenhäuser oder die
AnwohnerInnen auf die Möglichkeit eines solchen GAUs vorbereitet
hatte. Im Gegenteil, in den vergangenen Jahren sind sogar der in
solchen Fällen früher übliche Sirenenalarm und die
Katastrophenschutzpläne abbgeschafft worden. Der BAYER-
Warndienst für die Nachbarschaft war "kaum das Hochglanzpapier
wert (..), auf dem sich BAYER seiner gerne rühmt", befand die
Westdeutsche Zeitung. MedizinerInnen sahen sich durch die
übermittelten Datenblätter zu den ausgetretenen Giftstoffen nur
unzureichend in die Lage versetzt, die Chemie-Opfer angemessen zu
versorgen. Die BAYER-Werksfeuerwehr war dem Unfall nicht
gewachsen, ihre Personalstärke war aufgrund der vom Konzern
verordneten Einsparungen stark reduziert worden. Die städtische
Feuerwehr musste in Ermangelung eines auf BAYER abgestimmten
Worst-case-scenarios auf einen allgemein gehaltenen
Katastrophenplan als Grundlage zurückgreifen und setzte eine sog.
B3-Meldung ab, die Dringlichkeitsstufe knapp unterhalb dem
Evakuierungsfall. Sie - nicht BAYER (!!!) - gab die "dringende
Warnung" aus, sich nicht im Freien aufzuhalten und Fenster und
Türen zu schließen. Dass die Explosion einen Großteil der
Fensterscheiben zerstört hatte, war allerdings in dem Maßnahmen-
Katalog nicht vorgesehen.
Berufstätige, die auf dem Heimweg im Autoradio von dem Störfall
gehört hatten und sich um ihre Familien ängstigten, versuchten durch
einen Handy-Anruf bei BAYER Genaueres zu erfahren. Vergebens.
Sie erhielten nicht einmal den Hinweis auf die eingerichtete Hotline.
Der hätte sich aber sowieso als nutzlos erwiesen, denn zu diesem
Zeitpunkt lief unter der Nummer nur eine belanglose Ansage vom
Band.
Werksleiter Heinz Bahnmüller übte sich derweil vor den Medien
darin, das Ausmaß der Beinahe-Katastrophe herunterzuspielen. Er
konnte zwar über Ursache und Verlauf des Unglücks keine konkreten
Informationen liefern, die Explosion habe sich bei der Produktion des
Pestizides TELDOR ereignet. Aber eines wusste er gleichwohl ganz
sicher: "Giftige Dämpfe wurden nicht freigesetzt." Um 18.00
versicherte er: "In 20 Minuten ist hier alles vorbei" und ein
Konzernsprecher sprach lediglich von einer "Betriebsstörung mit
Geruchsbelästigung". Das kauften BAYER weder die
AnwohnerInnen noch die MitarbeiterInnen ab. Ein
Belegschaftsangehöriger im WDR-Fernsehen: "Es ist ja schließlich
keine Parfüm-Fabrik." Und auf die Nachfrage des Journalisten, ob er
denn der Werksleitung misstraue, antwortete er: "Ich misstraue ihr
nicht unbedingt, aber ich zweifele. Ich zweifele an, dass man in so
einem Fall sagt, es habe keine Gefahr bestanden. Das zweifele ich
sehr wohl an, ja!"

BAYERs Kehrtwendung
Eine Woche nach dem Schreckenstag widerrief der Konzern seine
bisherige Darstellung des Unfallhergangs. In dem Kesselwerk 218 sei
nicht der TELDOR-Behälter, sondern der daneben liegende, in dem
ein Lösemittel für ein Produkt gegen Parasitenbefall angesetzt wurde,
hochgegangen. Die Verwechslung zweier Chemikalien habe zu der
Explosion geführt, hieß es jetzt statt dessen. Axel Köhler-Schnura von
der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG):
"Diese Kehrtwendung in der Begründung des Unfallhergangs ist nicht
glaubwürdig. Sie wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Möchte
BAYER von etwas ablenken?" Immerhin ist geplant, die TELDOR-
Produktion in Dormagen im großen Stil zu betreiben. Immerhin kam
es bereits zehn Tage vor der Katastrophe vom 8. Juni in derselben
Wuppertaler TELDOR-Anlage bereits schon einmal zu einem Unfall,
bei dem ebenfalls Schwefeldioxid und Salzsäure ausgetreten sind und
ein Mitarbeiter verletzt wurde. BAYER musste also Auswirkungen
auf die Genehmigung der Anlage in Dormagen befürchten. Da scheint
es angebracht, TELDOR aus der Schusslinie zu nehmen. Auch erhebt
sich die Frage, ob in der TELDOR-Versuchsanlage mit noch nicht
dokumentierten Stoffen und Verfahren gearbeitet wurde?
In jedem Fall ist die BAYER-Version vom Vertauschen zweier Stoffe
in sich nicht schlüssig. Warum etwa hat das Sicherheitsventil des
Kessels das Ausbrechen der Explosion nicht verhindert?
Unwahrscheinlich erscheint die Version von den vertauschten Stoffen
zudem deshalb, weil in allen großen Industriebetrieben gemäß der
ISO 9001-Richtlinie zur Qualitätssicherung gearbeitet wird, die
individuelle Fehler beim Umgang mit gefährlichen Stoffen strukturell
ausschließen soll. Sie schreibt unter anderem deutliche
Kennzeichnungen der Stoffe und ein Protokolliersystem mit doppelten
und dreifachen Kontroll-Gegenzeichnungen vor. Immerhin ging es
nicht um kleine Mengen, das Vertauschen von zwei Fläschchen,
sondern um insgesamt fast zwei Tonnen.
Fehler im System vermutet auch Roland Fendler vom Darmstädter
Öko-Institut. Der Wissenschaftler zieht die Erklärung von BAYER
ebenfalls in Zweifel. Seiner Meinung nach beugt das umfassende
Kennzeichnungs- und Dokumentationssystem einer Vertauschung von
Stoffen vor. Schon allein, dass Kaliumhydroxid (Ätzkali) in der am
häufigsten verwendeten Form eine ganz andere Konsistenz als
Kaliumcarbonat hat - es ist kein Pulver, sondern besteht aus kleinen
Plätzchen - spricht gegen einen Irrtum beim Einfüllen. Ein
Fragezeichen setzt Fendler auch hinter die Konzern-Darstellung der
chemischen Reaktion, die zu der Explosion geführt hat, wonach
zunächst die Gesamtmenge Kaliumhydroxid in den Kessel gefüllt
wurde und dann das 2-Chlor-5-Nitrotoluol mit einem Lösemittel. Das
sei ein absolut unübliches Verfahren, so der Chemiker. Er hält es für
möglich, dass das Ätzkali bewusst verwendet wurde und Experimente
zur Bestimmung des ph-Wertes - des optimalen
Mischungsverhältnisses, das eine maximale Ausbeute und minimale
Stoffabfälle garantiert - oder zur Bestimmung der günstigsten
Drucktemperatur den Unfall ausgelöst haben.

Gefahren zu jeder Zeit
Die Explosion brachte nicht nur Millionenschäden und mehr als 100
Verletzte mit sich, sondern auch große Gefahren für die Gesundheit
der Bevölkerung. Während BAYER wiederholt "Gefahr zu keiner
Zeit" vermeldete, ergaben Messungen vom Unternehmen selbst sowie
vom Landesumweltamt (LUA), ein bis zwei Stunden nach dem
Bersten des Kessels vorgenommen, übereinstimmend erhöhte
Konzentrationen von Schwefeldioxid und Salzsäure. Ist Salzsäure
nachgewiesen, so ist meist auch das krebserregende Seveso-Gift
Dioxin nicht weit. Dioxin, das giftigste aller bekannten Gifte, das in
jeder noch so niedrigen Konzentration schädlich ist.
Gezielte Nachmessungen bestätigten dies. Das LUA ermittelte
Dioxin-Konzentrationen von 1,8 Nanogramm pro Quadratmeter in
den umliegenden Gemüsegärten, von 3,4 Nanogramm in den
angrenzenden Wohngebieten, von 17 Nanogramm auf dem
Werksgelände und von 45 Nanogramm direkt an der Unglücksstelle.
Noch zwei Wochen nach dem Unglück verendeten unweit des Werks
Zierfische in einem Tümpel. Eine systematische Erfassung aller
Betroffenen AnwohnerInnen, PassantInnen und AutofahrerInnen auf
der nahegelegenen Autobahn unterblieb. Langzeitfolgen für die
menschliche Gesundheit bleiben damit unentdeckt.
Eine weitere Gefahr stellen krebserregende Brandstoffkondensate wie
die polyzyklischen Kohlenwasserstoffe dar, die sich im Ruß gebildet
haben. Was sonst noch alles für giftige Substanzen entstanden sind,
wird für immer unbekannt bleiben. Die Routine-Messungen erfassen
nämlich nur die Stoffe, auf die die Apparaturen jeweils geeicht sind.
Detaillierteren Aufschluss über den gesamten Gift-Komplex hätte nur
eine Messung unmittelbar nach der Explosion, vorgenommen direkt in
den ersten austretenden Rauchwolken, geben können. Genau diese
Messungen wollte GREENPEACE auch durchführen, aber der
BAYER-Konzern verweigerte der Gruppe den Zutritt zum
Firmengelände.
In diesem Zusammenhang erweist es sich übrigens als besonders fatal,
dass allein diejenigen, die mit gefährlichen Stoffen die Umwelt
vergiften, auch in der Lage sind, diese zu analysieren. "Die
Überwachungsbehörden verfügen nicht über die notwendige
Analytik", kritisiert CBG-Sprecher Axel Köhler-Schnura.

"Für sichere Arbeitsplätze!"
Zwei Tage nach der Beinahe-Katastrophe zogen 300
Belegschaftsangehörige von BAYER auf die Straße. "Für sichere
Produktion, für sichere Arbeitsplätze" und "Mehr Personal, mehr
Sicherheit, weniger Unfälle" stand auf ihren Transparenten zu lesen.
Die KollegInnen machten die massiven Arbeitsplatzvernichtungen im
Produktions- und Sicherheitsbereich mitverantwortlich für das
verheerende Geschehen am 9. Juni. Als konkretes Beispiel nannte ein
Beschäftigter, dass nur noch eines von fünf Werkstoren mit einem
Pförtner besetzt ist. Dadurch stand die eintreffende Feuerwehr vor
verschlossenen Türen und wertvolle Minuten verrannen, ehe sie zum
Brandherd vorrücken konnte.
BAYER kündigte nach dem Schwarzen Dienstag an, die Pestizid-
Produktion nach Dormagen verlegen zu wollen, was schon länger
geplant gewesen sei. Allzulang aber auch noch nicht, denn als die
SPD-geführte Landesregierung im Rahmen einer neuen
Bauleitplanung Anfang der 80er Jahre gefährliche Produktionsstätten,
die sich in der Nähe von Wohnsiedlungen befanden, verlegen wollte,
intervenierte der Chemie-Konzern erfolgreich gegen das Vorhaben.
Mit dem Beschluss, die Produktion zu verlegen, meint man bei
BAYER jetzt alles Menschenmögliche getan zu haben. Als ob das
Dormagener Werk nicht ebenso in unmittelbarer Nähe von
Wohnsiedlungen läge. Als ob es die Beinahe-Katastrophe vom Juli
98, als 12 Tonnen (!) krebserregendes TDI ausgetreten sind, nicht
gegeben hätte. Axel Köhler-Schnura folgert daher: "Die
Produktionsverlagerung war längst beschlossene Sache und hat mit
dem aktuellen Unfall nichts zu tun." Die Geschäftspolitik von
BAYER, so der CBG-Vorstand, folge streng betriebswirtschaftlichen
Vorgaben. Er zitiert Konzernboss Manfred Schneider, der in schnöder
kapitalistischer Selbstherrlichkeit festgestellt hat: "Wir sind auf Profit
aus, das ist unser Job." Kein Wunder also, wenn Wuppertals
Werkleiter Heinz Bahnmüller keine Schuldgefühle plagen:
"Prinzipiell können derartige Explosionen überall da passieren, wo
Chemikalien gemischt werden." Die Wuppertaler könnten sozusagen
noch von Glück reden, denn, so Bahnmüller zynisch: "Es hätte
durchaus auch anders kommen können bei der Schwere der
Explosion."
Die Wuppertaler StadtpolitikerInnen fügen sich klaglos ins Fatum.
Bürgermeister-Kandidat Hermann Josef Richter (CDU), spricht nur
von den vielen Arbeitsplätzen und SPD-Bürgermeister Hans
Kremendahl fand es sogar passend, zwei Tage, nachdem Wuppertal
am Rand von Seveso gestanden hatte, zu versichern: "Wir sind stolz
auf die BAYER-Werke." Eine Wuppertalerin, die direkt neben der
Anlage lebt, sah sich jedenfalls zum Selbstschutz gezwungen: "Meine
Konsequenz ist: "Ich ziehe weg!"

KASTEN
DIE COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN fordert:
- Keine Chemie-Anlagen mehr in der Nähe von Wohnvierteln,
stattdessen
Ansiedlung gefahrloser Produktionstätten
- Rückhaltlose Aufklärung des Unfallhergangs unter Einbeziehung
unabhängiger GutachterInnen z.B. vom ÖKOINSTITUT
- Langzeituntersuchungen über mögliche Folgeschäden der Beinahe-
Katastrophe
- Die Ausarbeitung von Katastrophenschutzplänen für jeden Standort
- BAYER muss die Personalstärke im Sicherheitsbereich erhöhen
- BAYER muss für die entstandenden Sachschaden aufkommen.
Dabei gilt das
Prinzip der Beweislastumkehr: Der Konzern hat bei Zweifelsfällen
den
Nachweis zu führen, dass bestimmte Beschädigungen nicht durch
die
Explosion hervorgerufen worden sind.

## CrossPoint v3.11 ##

0 new messages