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wir haben einen lieben freund verloren ...

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Paulo-Freire-Gesellschaft

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May 5, 1997, 3:00:00 AM5/5/97
to

Paulo-Freire-Gesellschaft e.V.
Adlzreiterstr. 23, 80337 München Tel 089 -774078
Fax 089 -774077
paulo-fr...@link-m.de
für eiliges: f.le...@link-m.de
http://home.t-online.de/home/fritz.letsch/

Pressemitteilung Sonntag, 4. Mai 1997

*Wir haben einen lieben Freund verloren*
*Paulo Freire starb 75-jährig in Sao Paulo*
=========================================================================
Am Freitag, 2. Mai '97 verstarb unser Freund und Vorbild Paulo Freire. Wie
kein anderer pflegte er den Dialog und ermunterte alle pädagogisch und
politisch Tätigen, die Lebenswelt mit den Lernenden zu teilen und mit
ihnen gemeinsam Wege zu entwickeln, ihre Situation zu verändern.
Wir werden versuchen, sein Anliegen weiter zu verwirklichen.
==========================================================================

Kurzporträt Paulo Freire

Geboren am 19.9.1921 in Recife (Nordosten Brasilien) unter dem Namen Paulo
Reglus Neves Freire

1928 aufgrund der Weltwirtschaftskrise, Umzug mit der Familie nach
Joboatao. Als Paulo Freire 13 Jahre alt war, starb der Vater und für eine
ganze Reihe von Jahren regierte der Hunger in Paulo Freires Leben. "In der
Schule konnte ich das Vierer-einmaleins nicht, kannte auch nicht die
Hauptstadt Englands, ich kannte aber die Geographie des Hungers..." Mit
großer Anstrengung gelang es ihm, ein Jurastudium zu absolvieren.

1944 Heirat mit Elza Maria Oliviera, einer Grundschullehrerin. Von ihr
wurde er angeregt, sich intensiv mit erziehungswissenschaftlichen Fragen
auseinanderzusetzen.

1946 Arbeit als Lehrer für portugiesische Sprache in der Abteilung für
Erziehung und Kultur im Sozialdienst der Industrie, später dort als
Direktor für den Bundesstaat Pernambuco tätig.

1956 verließ Freire sein Amt im Sozialdienst der Industrie teils wegen
Unstimmigkeiten mit der Unternehmensseite bezüglich seiner demokratischen
Arbeitsmethode, teils weil ihm die Grenzen der assistenzialistischen Hilfe
bewußt wurde.

1961 startete eine von Freire konzipierte Alphabetisierungskampagne in
Brasilien auf nationaler Basis. Der damalige Präsident Goulart ordnete an,
daß mit Freire's Methode in "20.000 Kulturzirkeln" 2 Millionen Erwachsene
alphabetisiert werden sollten..

1964 Staatsstreich durch die Militärs, Freire mußte 75 Tage ins
Gefängnis und dann ins Exil. In der Folgezeit arbeitete er u.a. 4 Jahre in
Chile (Agrarministerium, Fortbildung für landlose Bauern) und ein Jahr an
der Universität in Harvard (USA) als Gastprofessor.

1971 übernahm er beim Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf die Stelle
als Berater für Bildungsfragen in den "Entwicklungsländern". In dieser
Zeit war er in vielen Ländern (spez. in Sao Tomé und Principe, Mozambik,
Angola, Nicaragua) tätig.

1980 nach der Demokratisierung in Brasilien die Erlaubnis zur Rückkehr
aus dem Exil. Dort Mitarbeit u.a. im Rahmen der Erzdiözese Sao Paulo
(Kardinal Arns), an der Kath. Universität (PUC), sowie ab 1989 als
Stadtrat für Erziehungsangelegenheiten in Sao Paulo.

1991 trat Freire von diesem Posten zurück, um wieder mehr im Bereich
der wissenschaftlichen und beraterischen Arbeit tätig zu sein.

1994 hatten wir Paulo Freire und seine zweite Frau, die Historikerin
Ana Maria Freire in München zu Gast. Zu seinem zentralen Thema

*"Verantwortung in der dritten und ersten Welt übernehmen":*

"Die an mich oft gerichtete Frage oder Feststellung lautet:
"Paulo, Du bist ja schon ein interessanter Mensch. Auch Dein Diskurs ist
schön, aber Du sprichst nicht von unserer Wirklichkeit. Wir, in der Ersten
Welt, haben nichts mit dieser Bewußtseinsbildung zu tun." Hinter solchen
Feststellungen oder Fragen verbirgt sich in Wirklichkeit die Angst davor,
die Dritte Welt in der Ersten Welt zu entdecken.

Es ist die Angst davor, die Verantwortung für die ungerechte
Weltordnung zu übernehmen, "anzunehmen". Es ist das Schuldgefühl, Erst-
Weltler zu sein. Dieses Schuldgefühl sollte abgelegt, am besten auf den
Müllhaufen geworfen werden. Keine Angst vor der Freiheit zu haben, das ist
notwendig. Ich spreche von Pädagogik, der Wissenschaft der Erkenntnis, von
Politik etc. und ich glaube nicht, daß alle diese Bereiche, über die ich
spreche, daß es diese Bereiche in der "1. Welt" nicht geben soll.
Ich spreche genau von dieser pädagogischen Beziehung zwischen den
Menschen und ich glaube nicht, daß diese pädagogische Beziehung zwischen
den Menschen der "1. Welt" nicht stattfindet. Das ist also die "Angst vor
der Freiheit" von den "Erst-WeltlerInnen". Ich sage Euch aber auch, daß
ich Angst vor der Freiheit habe. Was ich aber wirklich versuche, in meinem
Leben zu praktizieren, ist: die Freiheit zu lieben und nicht Angst vor ihr
zu haben."

Paulo Freire hat von über 20 Universitäten die Ehrendoktorwürde erhalten.
Seine Bücher sind in 18 Sprachen weltweit übersetzt. Die wichtigsten
Bücher, in denen er die Grundelemente seiner befreienden Pädagogik
darlegte, waren:

Pädagogik der Unterdrückten, Reinbeck, 1973 -Manuskript 1968.

Pädagogik der Solidarität - Für eine Entwicklungshilfe im Dialog,
Wuppertal, 1974

Erziehung als Praxis der Freiheit, Reinbeck 1977 (in Brasilien 1965
erschienen)

Dialog als Prinzip - Erwachsenenalphabetisierung in Guinea-Bissau,
Wuppertal, 1980.

"Der Lehrer ist Politiker und Künstler - Neue Texte zur befreienden
Bildungsarbeit", Reinbeck 1981

1994 erschien das Buch "Pädagogik der Hoffnung" in Englisch und
Portugiesisch, eine engagierte Anwendung seiner Erziehungskonzeption auf
die 90er Jahre.

Sein letztes Buch "Im Schatten des Mangobaumes" (Rio 1995) kann als Kritik
am neoliberalen Wirtschaftsmodell gelesen werden. In ihm entwickelt er die
Aufgaben des dialog-orientierten progressiven Pädagogen in postmodernen
Zeiten.

Die Ideen Paulo Freire's wurden hier durch die 1977 gegründete Europäische
Arbeitsgruppe Bewußtseinsbildung verbreitet, die sieben Mitgliedsgruppen
umfasste: ArbeitsGemeinschaft SozialPolitischer ArbeitsKreise München,
Centro di Animazione per 'l Autogestione Populare (Palermo / Italien),
Friedensuniversität Namur (Belgien) Jugendakademie Walberberg (Bornheim-
Köln) Institut Oecuménique pour le Dévelopement des Peuples (Paris),
Mouvement d' Animation de Base / International Ontmoetingscentrum (Hasselt
/ Belgien) und die Escuela Professionale Emigrati / Berufsschule der
Emigrierten (Zürich).

Aus diesem Dachverband ist Anfang der neunziger Jahre in Deutschland und
Belgien die Paulo-Freire-Gesellschaft e.V. München entstanden, die sich
der Aufgabe stellt, die theoretischen Grundlagen der Freire-Pädagogik zu
erforschen und die Praktiker mit den Forschern in Verbindung zu bringen.
Zahllose Fachtagungen wurden in den verschiedenen europäischen Ländern
durchgeführt.

Vor allem in Latein- und Mittelamerika hat Paulo Freire grundlegende
Veränderungen in der Erwachsenenbildung bewirkt, aber auch in Afrika
bildet sein Ansatz die Grundlage der bildungspolitischen Basisarbeit.
Freire selbst hat längere Zeit in den ehemaligen portugiesischen Kolonien
(Angola, Mozambik, Sao Tome und Principe) gearbeitet und dort einen
entscheidenden Einfluß auf das Bildungssystem ausgeübt.

Heute werden die anthropologischen und pädagogischen Prinzipien der Freire-
Pädagogik in Schwarzafrika in zahllosen Bildungsorganisationen angewandt.
Das letzte Heft unserer Zeitschrift für befreiende Pädagogik ist diesen
Projekten gewidmet.

Für Juli dieses Jahres war Paulo Freire von der UNESCO zum Weltkongress
der Erwachsenenbildung nach Hamburg eingeladen, die Paulo-Freire-
Gesellschaft plante eine Tagung in Loccum und Treffen mit ihm in
verschiedenen Städten. Ein Sammelband mit Berichten aus der Arbeit in
unseren europäischen Situationen ist für Sommer geplant. Die Universität
Oldenburg wollte ihm die Ehrendoktorwürde verleihen.

Für das Wintersemester '97 hatte ihn die Harvard-Universität zur
Entwicklung einer Pädagogik für das 21. Jahrhundert eingeladen.

Bildmaterial und Zeitschriften bitte anfordern bei f.le...@link-m.de

paulo-freire-gesellschaft, adlzreiterstr. 23, 80337 münchen

Vorstand der Paulo-Freire-Gesellschaft: Eva Maria Antz (Köln-Brühl),
Marita Hecker, Frankfurt, Dr. Heinz Peter Gerhardt (Bonn), Fritz Letsch
(München), Prof. Dr. Manfred Peters (Namur), Andreas Schauder (Schallstadt-
Wolfenweiler), Heinz Schulze (München) Dr. Ilse Schimpf-Herken, Berlin
Bank für Sozialwirtschaft München, BLZ: 700 205 00, Kto.Nr.: 88 97 200 1

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