Von Moritz Jensen
Als sich 1996 auf einem Workshop Geheimdienstler und Wissenschaftler
im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums Gedanken über die zu-
künftige geostrategische Bedeutung der Türkei machten, war ihnen das
Kaspische Meer besonders wichtig. Nicht, dass Herren wie der CIA-Mann
Paul B. Henze - der in die Militärputsche 1973 in Chile und 1980 in
der Türkei verstrickt war - ihre besondere Liebe zu diesem weltweit
grössten Binnenmeer entdeckt hätten. Wohl eher zu dem, was unter dem
Meer und an seinen Küsten verborgen ist.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion sind die gigantischen Erdölvorkommen
in Aserbaidshan, Kasachstan und Turkmenistan für den Westen in greif-
bare Nähe gerückt. Der vom Sicherheitsberater Jimmy Carters zum Berater
amerikanischer Ölfirmen gewandelte Zbigniew Brzezinski brachte die US-
Strategie in der Region auf den Punkt: «Wir sorgen für geopolitischen
Pluralismus und fördern damit das Entstehen eines modernen, demokra-
tischen und postimperialen Russland.» Dieser «geopolitische Pluralismus»
bedeutet nichts anderes, als die Beseitigung der russischen Einfluss-
sphäre am Kaspischen Meer.
Der CIA-Mann Paul B. Henze riet den jungen Staaten Zentralasiens und
des Kaukasus schon 1993 zum Modell Türkei: «Die Türken und die Muslime
der ehemaligen Sowjetunion schauen auf die Türkei und erhoffen sich
von ihr Impulse, um ihre Unabhängigkeit, ihren Status und ihr Ansehen
in der Welt zu festigen. Die Türkei hat es geschafft - warum sollten
sie es nicht auch schaffen?»
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Welt des Türkentums
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Die Regierung in Ankara nimmt diese vom NATO-Partner USA zugewiesene
Vorbildfunktion gern an. Der türkische Staatspräsident Süleyman Demirel
ist sich sicher: «Es gibt eine gewaltige Welt des Türkentums von der
Adria bis zur chinesischen Mauer.» Solche immer wieder hervorgekramten
«ethnischen Gemeinsamkeiten» entspringen eher der Phantasie, als der
Realität. So gehören weder die Tschetschenen noch die Mehrzahl der 30
in Dagestan lebenden Völker und Sprachgemeinschaften zu den so genannten
Turkvölkern. Auch in anderen Gebieten, in denen überwiegend turk-
sprachige Völker leben, bleibt «die Welt des Türkentums» ein Konstrukt,
um die Ansprüche der Türkei auf die Position einer Regionalmacht zu
unterstreichen.
Ankara mischt sich aktiv in die Konflikte der Kaukasus-Region und
Zentralasiens ein. Dabei schielt die Türkei nicht nur auf einen fetten
Anteil am Ölgeschäft. Sondern vielmehr auf strategische Vorteile, die
sich aus einer möglichen Kontrolle über die Transportwege des Öls
ergeben würden. Eine Unterbrechung der durch Dagestan zum russischen
Schwarzmeerhafen Noworossisk verlaufenden Pipeline für Öl aus
Aserbaidschan brächte die Türkei ihrem Ziel, den Transport des Rohstoffs
komplett über ihr Gebiet abzuwickeln, ein gutes Stück näher. Ankara
favorisiert als sichere Alternative zur russischen Variante eine
Pipeline, über die Öl und Gas vom Kaspischen Meer über den Transkaukasus
zum Mittelmeerhafen Ceyhan gepumpt werden soll.
Nach anfänglichem Zögern zeigt sich auch Washington an dieser Lösung
des Transportproblems interessiert. Die vom Westen finanzierte und
im April dieses Jahres in Betrieb genommene Pipeline von Baku zum
georgischen Schwarzmeerhafen Supsa bietet vom Durchmesser nicht die
benötigte Kapazität, und der mögliche Weg über den Iran zu einem
Hafen am Persischen Golf kommt für die USA momentan sicher nicht in
Frage.
Moskau hat indes mit seinem harten Vorgehen gegen die unter anderem
vom prowestlichen Regime in Saudi-Arabien unterstützten islamischen
Krieger in Dagestan gezeigt, dass es die Kontrolle über die Rohstoff-
ressourcen nicht kampflos aufgeben wird.
Im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidshan um die Enklave
Nagorny-Karabach unterstützte Ankara Baku mit Waffen und Militär-
beratern. Im ersten Tschetschenien-Krieg halfen tschetschenische
Interessengruppen in der Türkei den Aufständischen mit Waffen, der
Rekrutierung von Freiwilligen und der Bereitstellung von Logistik
für die Ausbildung von Kämpfern. Moskau erhob damals den Vorwurf,
Ankara habe keine Anstrengungen unternommen, diese Aktivitäten zu
unterbinden - vielmehr habe es diese gefördert. Die Kämpfer in
Dagestan wiederum kamen meist aus Tschetschenien.
Bei den ganz offensichtlich von den westlichen NATO-Partnern
abgesegneten Aktivitäten Ankaras wird eine Balkanisierung des
Kaukasus einkalkuliert. Hier werden imaginäre nationale, ethnische
und religiöse Interessen geschaffen, die eine Destabilisierung der
Region vorantreiben.
Bei allen Zukunftsszenarien, die Paul B. Henze und seinesgleichen
für das US-Verteidigungsministerium erarbeiteten, spielen Öl und
Krieg eine zentrale Rolle. In einem Szenario putschen prorussische
Bewegungen in kaukasischen Hauptstädten. Die Öl-Pipeline von Georgien
in die Türkei wird gesprengt. In einem anderen Szenario versuchen
russische Truppen zwischen 2005 und 2006 in einer schlecht vorbe-
reiteten, militärischen Offensive Tschetschenien, Dagestan und
Georgien zu erobern, werden aber zurückgeschlagen. Ankara leistet
Militärhilfe für die Kaukasische Föderation. Im Gegenzug sprudelt Öl
durch Pipelines über die Türkei zum Mittelmeer. In einem dritten
Szenario versinkt Russland in Terror und Chaos. Es kommt zu einer
Föderation zwischen den Kaukasus-Staaten einschliesslich der nord-
kaukasischen Regionen innerhalb Russlands.
Solche Entwürfe sind keine Manuskripte für Computerspiele oder
Science-fiction-Filme, sondern Planungen für Schlachtfelder von
morgen.
Quelle: Neues Deutschland
aus: Unsere Welt (Basel)
Jg. 22, Nr. 5/6 - 1999
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>> Further Informations about Iraq and Palestine:
>> http://giv.de.cx
>> http://user.exit.de/giv/index.htm
>> http://soziales.freepage.de/irak/index.htm
>> http://www.germany.net/teilnehmer/101,88843/index.html
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