»USA wollen russische Föderation spalten«
CDU-Politiker Willy Wimmer warnt vor Kriegseskalation in Europa.
jW-Bericht
Der Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der Organisation
für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Willy Wimmer (CDU),
hat die USA für den Krieg in Tschetschenien mitverantwortlich gemacht.
»Wir haben es in Europa und in den südlichen Regionen der Russischen
Föderation mit einem globalstrategischen Spiel zu tun, wo es um Roh-
stoffe wie Öl und Gas geht«, sagte Wimmer am Freitag im InfoRadio
Berlin-Brandenburg. Es gebe den massiven Versuch bestimmter Kräfte,
die Russische Föderation von Süden aus zu spalten, erklärte Wimmer
ebenfalls am Freitag im Gespräch mit jW.
»Das Streben der USA nach einer 'unipolaren Welt' sei der Hauptgrund
für den Tschetschenien-Krieg und andere bewaffnete Konflikte der Welt«,
wird Wimmer von der Agentur ADN zitiert. Das wollte der CDU- Bundes-
tagsabgeordnete so zwar nicht gesagt haben, wie er gegenüber jW
erklärte, dennoch warnte er vor einer weiteren Kriegsgefahr. »Wenn wir
das Spannungsfeld zwischen unipolarem Streben und multipolarer Welt
nicht in Griff bekommen, werden wir in eine sehr konfliktreiche Zeit
einwandern.« Wenn alles nur noch einer bestimme, werde das »auch
Nachteile für Europa bringen«, so Wimmer.
Wimmer forderte die Bundesregierung auf, die derzeitige politische
»Schieflage« in der Rußlandpolitik wieder aufzuheben und das Prinzip
der Unverletzlichkeit der Grenzen als Maßstab für ihr politisches
Handeln zu nehmen. »Wir können in Europa ansonsten nur noch die Büchse
der Pandora öffnen.« Aus regionalen Konflikten drohe dann allerdings
ein neuer großer, überregionaler Konflikt zu werden.
Die USA als einzige Großmacht setzen Wimmer zufolge zur Zeit einen
Prozeß in Gang, »der zu Konflikten mit fast allen anderen Staaten
führt oder führen wird«. An der »engen Partnerschaft« mit Washington
wollte der OSZE-Politiker nicht rütteln. Allerdings plädierte er für
mehr »föderales Denken« auch im internationalen Rahmen (siehe auch
Interview).
»Was momentan passiert, ist nur der Anfang«, warnte Flottillenadmiral
a. D. Elmar Schmähling am Freitag gegenüber junge Welt. Wie Wimmer ist
auch Schmähling der Meinung, daß es im Kaukasuskonflikt nicht um die
Frage der nationalen Unabhängigkeit Tschetscheniens gehe, sondern »um
den direkten Zugriff auf die Ressourcen dieser Region«. Bemerkenswert
sei, daß alle südlichen Länder der GUS mittlerweile im NATO-
Kooperationsrat seien. Die gesamte NATO-Osterweiterung sei von Anfang
an ein Affront gegen Rußland gewesen, so Schmähling. Die Einbindung
osteuropäischer Staaten in das westliche Militärbündnis führte zu
einer deutlichen Verschiebung des Kräfteverhältnisses zugunsten der
NATO. Dies müsse von Moskau als gefährlich angesehen werden, so der
deutsche Ex-Militär.
»Die osteuropäischen Staaten haben allerdings nicht mehr Sicherheit
erhalten, weil die USA nach wie vor keine Nuklearwaffen auf diesem
Gebiet stationieren dürfen. Das wäre ein casus belli. Ohne diese
Stationierung ist ein effektiver Schutz aber nicht gewährleistet«,
sagte Schmähling. Im Gegenzug müßten die neuen NATO-Anwärter und
Mitgliedsstaaten aber enorme Mittel für ihre Rüstung ausgeben.
Insgesamt gebe die NATO zehnmal mehr Mittel für militärische Zwecke
aus als Rußland. »Hinzu kommt die geographische Nähe der Nord-
atlantischen Allianz zu Rußland, die aus Moskauer Sicht eine riesige
Bedrohung darstellt.«
Auch der NATO-Krieg gegen Jugoslawien habe in letzter Konsequenz auf
Rußland gezielt. »Die USA hatten die Absicht, die NATO auf jugosla-
wischem Gebiet fest anzusiedeln und Rußland stärker einzukreisen.«
Trotz ökonomisch desolatem Zustand sei Rußland aufgrund seiner
Nuklearwaffen aber ein großer und gefährlicher Rivale, den man ernst
nehmen müsse. »Rußland wird es nicht so einfach hinnehmen, weiter
in die Knie gezwungen zu werden.« Die Führung werde alles daran
setzen, sich zur Wehr zu setzen, warnte auch Schmähling vor einer
weiteren Kriegseskalation. Die deutsche Regierung spiele in dieser
Frage eine »üble, heuchlerische Rolle«. Verbal werde die Verbindung
zu Rußland immer wieder betont, in der Realität passiere das
Gegenteil: »Rußland wird an die Wand gedrückt. Die Behandlung
Primakows während des NATO-Krieges durch Bundeskanzler Schröder war
hierfür symptomatisch.«
* * *
Führt Washington die Welt in einen großen Krieg?
jW sprach mit Willy Wimmer, Vizepräsident der Parlamentarischen
Versammlung der OSZE und CDU-Bundestagsabgeordneter
F: Wie zuvor über Jugoslawien ist die hiesige Berichterstattung über
den Tschetschenien-Krieg bestimmt von einem Schwarz-Weiß-Bild:
Die russische Armee kämpft mit unverhältnismäßigen Mitteln gegen
die tschetschenische Bevölkerung. Teilen Sie diese Sicht aus Ihrer
Erfahrung, die Sie in der OSZE gesammelt haben?
Ich habe keine Veranlassung, mich ausschließlich auf Medienbilder zu
beziehen. Das Schlimme ist, daß immer die einfachen Menschen ins Gras
beißen, auch in Grosny. Es ist eine Frage unserer aktiven Mithilfe,
daß dieses Morden beendet werden muß. Ich vermisse schmerzlich, daß
man die Möglichkeiten von Organisationen wie dem Roten Kreuz oder dem
Roten Halbmond nicht intensiver nutzt, um den Schrecken mit humanitären
Mitteln zu begegnen.
Mit der Frage Tschetschenien ist aber mehr verbunden als das, was wir
derzeit in den schrecklichen Fernsehbildern sehen. Zu Beginn des ersten
Tschetschenien-Krieges stand die Bereitschaft der russischen Regierung,
die OSZE ins Land zu lassen. Ich kann mich gut daran erinnern, daß auch
meine Gespräche Anfang Januar 1995 mit dem damaligen Präsidenten der
russischen Duma, Rybkin, uns auf diesem Weg weiterbrachten. Daß das
heute so viel anders ist, kann ich nur bedauern.
F: Warum ist das heute so viel anders?
Seit Ende des ersten Tschetschenien-Krieges ist auch eine andere
Entwicklung ins Land gegangen. In den letzten Jahren nach dem ersten
Friedensschluß, an dem die OSZE maßgeblich mitgewirkt hatte, fanden
in Tschetschenien offensichtlich Abläufe statt, die sich unserer
Aufmerksamkeit entzogen. Wir gingen davon aus, daß Tschetschenien den
Friedensschluß mit der OSZE und der Russischen Föderation nutzen würde,
seine Staatlichkeit so weit zu betreiben, daß nicht nur eine de facto
Unabhängigkeit von der Russischen Föderation Ergebnis sein könnte,
sondern eine de jure Unabhängigkeit. Das ist nicht umgesetzt worden.
Wir haben allerdings auch sehen müssen, daß offensichtlich das, was man
in Tschetschenien als relative Rückenfreiheit gegenüber Moskau bekam,
in der Kaukasusrepublik genutzt worden ist, Kräfte zu sammeln, die
ihre Zielvorgabe offensichtlich nicht im Aufbau eines unabhängigen
Tschetschenien, sondern in einer Speerspitze gegen den weichen,
südlichen Unterleib der Föderation sahen. Seit Jahren mußte eine sehr
begründete Sorge der Russischen Föderation darin bestehen, daß aus
Tschetschenien heraus mit Zielrichtung Kasan an der Wolga eine Spaltung
der Russischen Föderation in der Absicht derjenigen stand und steht,
die sich in Tschetschenien selbst aus vielen Ländern zu einer
bewaffneten Formation zusammengefunden hatten.
F: Werden diese Kräfte von außen unterstützt?
Vor wenigen Wochen sprach ich sehr ausführlich mit dem einstigen
Sicherheitsberater Jelzins, Herrn Rybkin. Er machte darauf aufmerksam -
und er führte ja vor Lebed die Verhandlungen mit der tschetschenischen
Seite -, daß ihm auf der anderen Seite des Verhandlungstisches nicht
nur Tschetschenen gegenübersaßen, sondern Leute, die er eindeutig
Ländern südlich von Tschetschenien zugeordnet hatte und zuordnen mußte.
Ich muß das sehr ernst nehmen, und ich bin relativ sicher, daß die
amtierende Bundesregierung über diese Umstände genauestens im Bilde ist.
F: Nichtsdestotrotz richten sich die Mahnungen der deutschen Regierung,
auch anderer westlicher Regierungen, in allererster Linie einseitig
an Moskau. Wie bewerten Sie die derzeitige deutsche Rußland-Politik?
Ich meine, daß wir sehr viel deutlicher alle mit Tschetschenien ver-
bundenen Aspekte behandeln müssen, weil uns das ansonsten in eine
Schieflage bringt, die jedenfalls den Menschen an Ort und Stelle
überhaupt nicht weiterhilft. Schieflagen sind nie gut für die Politik.
F: Von Rußland wird die Politik der NATO und ihrer Ost-Erweiterung
stark kritisiert und als Bedrohung empfunden.
Wir werden in Europa nicht weiterkommen, wenn wir nicht die Charta von
Helsinki aus dem Jahr 1975 mit der Unverletzlichkeit der Grenzen und
die Charta von Paris von 1990, in der dieser Grundsatz erneut fest-
geschrieben wurde, als Maßstab für unser politisches Tun empfinden. Wir
können in Europa ansonsten nur noch die Büchse der Pandora öffnen. Meine
große Sorge ist, daß aus regionalen Konflikten uns einmal der große
überregionale Konflikt wieder ins Haus steht.
Es gibt auf dem euroasiatischen Kontinent zahlreiche Konfliktherde,
die das verdeutlichen, wobei sie nicht alle im OSZE-Bereich liegen:
der Balkan, der Kaukasus, die chinesische Provinz Sinkiang, Kaschmir,
Tibet, der Konfliktherd auf der koreanischen Halbinsel. Wenn ich das
addiere, wird mir schlecht. Absolut schlecht. Und wenn ich dann sehe,
daß man auch im Zusammenhang mit dem Krieg gegen Jugoslawien über die
Grundsätze der KSZE und der OSZE in einer bestimmten Weise hinwegge-
gangen ist, dann weiß ich nicht, welche Mechanismen man neben der
puren Gewalt entwickeln will, um Konflikte erst gar nicht entstehen
zu lassen.
Ich bin ein absoluter Anhänger davon, daß die Frage von Menschen- und
Bürgerrechten keine rein innenpolitische Angelegenheit ist. Es gibt
Menschenrechtspakte. Ich habe die Sorge, daß sich folgende Linie
entwickelt: In dem Maße, wie die Volksrepublik China die Menschen-
rechtspakte der UNO unterschreibt, nimmt man in anderen Hauptstädten
Abstand davon, eine Verbesserung der menschenrechtlichen Situation
über die internationalen Vereinbarungen in dem jeweiligen Land
anzustreben. Der Zynismus nimmt inzwischen überhand. Deswegen:
Integrität des Staatsgebietes der Russischen Föderation, ja. Aber
ich wünsche mir dringend, daß wir zu einem Status vor dem Krieg gegen
Jugoslawien zurückkehren, was die ausbalancierte Situation anbetrifft.
F: Sie haben das »Streben der USA nach einer unipolaren Welt« als
Hauptgrund für den Tschetschenien-Krieg und auch anderer bewaffneter
Konflikte in der Welt bezeichnet. Heißt das, Sie plädieren für eine
stärkere Abkopplung Westeuropas von den USA?
Ich habe das in der Form nicht gesagt. Ich habe nur seit 1992 darauf
aufmerksam gemacht, daß das offen erklärte Streben nach Supreme
superpower der einzigen Großmacht auf diesem Globus einen Prozeß in
Gang setzt, der zu Konflikten mit fast allen anderen Staaten führt
oder führen wird. Die Menschen haben ein untrügliches Gefühl dafür,
daß es wenig Sinn macht, nach der Pfeife von einem zu tanzen. Wenn
wir dieses Spannungsfeld zwischen unipolarem Streben und multipolarer
Welt nicht anders in den Griff bekommen, werden wir in eine sehr
konfliktreiche Zeit gelangen. Wir kommen nicht weiter, wenn wir alles
nur noch von einem bestimmen lassen. Wir sehen, daß die Entwicklung
auch Nachteile für Europa bringen wird. Ich bin für eine enge
Partnerschaft mit den USA, aber ich bin starker Anhänger der föderalen
Gesichtspunkte. Wenn ich das im nationalen Rahmen bin, dann kann ich
das international auch nicht anders sein. Föderales Denken ist aus
meiner Sicht das beste Mittel, es nicht zu Konflikten kommen zu lassen.
Interview: Rüdiger Göbel
aus: junge Welt, v. 8. 1. 2000
* * *
Einkreisungsfehllogik
In der Welt ist eine neue strategische Lage entstanden
Von Fritz Teppich
Schliddert die Menschheit im kommenden Jahrtausend an der empfindlichen
euro-asiatischen Südflanke unseres Kontinents über Jugoslawien und
Tschetschenien Schritt für Schritt Richtung dritter Weltkrieg? Düstere
Perspektiven kann jede und jeder von einer ohne besondere Mühe selbst
kenntlich gemachten Europakarte ablesen. Dazu schwärze man die Gebiete
von Deutschland sowie Italien in den Vorkriegsgrenzen von 1937. Schwarz
zu übertuschen sind auch das kriegsvorbereitende, dann angeschlossene
Österreich und die niedergewalzte Tschechoslowakei, ebenso die damals
achsennah regierte Iberische Halbinsel. Anschließend übermale man
knallgelb die nazistisch-faschistischen Eroberungen in den ersten beiden
Jahren des Zweiten Weltkrieges bis September 1941, also einschließlich
der in den zehn Anfangswochen nach Überfall auf die UdSSR überrannten
Sowjetgebiete.
Über die so schwarz-gelb kolorierte Europakarte lege man durchsichtiges
Papier, auf dem maßstabentsprechend die Umrisse der heute von Washington
nebst NATO-EU beherrschten Staaten eingezeichnet sind. Die Methode
bringt Beunruhiges plastisch zutage: Die derzeit erreichten Standorte
der Westmächte decken sich weitgehend mit den vormaligen Aufmarsch-
und Erstangriffszonen der Hitlerarmee zu Beginn ihres Ostfeldzuges. In
Vorbereitung war die Sowjetunion halb eingekreist, wie nun wieder die
GUS mit Rußland als Kern.
Dabei darf nicht übersehen werden, was alles an Gebieten des
auslaufenden Warschauer Paktes den USA ohne besonderen Einsatz dank
Gorbatschow zugeschoben worden war, während das Dritte Reich erst im
Laufe von zwei verlustreichen Jahren an verschiedenen Fronten Europas
entsprechende Gebiete an sich zu reißen vermocht hatte.
Ist es ein Zufall, daß die nun allein verbleibende Supermacht USA
auf eine Ost-Scheidelinie vorgerückt ist, die dem seinerzeitigen
Ausgangspunkt des deutschen Ostangriffs entspricht? Planende
Militärstrategie kennt keine Zufälle! Sie folgt in solchen Vorbe-
reitungsstadien stets geopolitischer sowie waffenbedingter Logik.
Daher lassen sich aus Truppen- und Materialplazierungen in etwa
auch die jeweiligen offensiven oder defensiven Absichten ersehen.
So auch gegenwärtig. Die Vereinigten Staaten zielen auf Ausschaltung
per Unterwerfung. Dank unserer Methode sticht die weitgehende
Deckungsgleichheit der seinerzeitigen und heutigen Aufmarschoperationen
bildhaft ins Auge: Vom Westen her ist die GUS - wie vor einem halben
Jahrhundert die UdSSR - als Objekt imperialer Begierde bereits halb
eingekreist. Sie wird als potentielle Gegenmacht eingeschätzt, die
vorsorglich ausgeschaltet werden sollte.
Kurz vor Losschlagen gegen die Sowjetunion hatte der deutsche
Generalstab, ebenfalls nicht zufällig, zur Absicherung der eigenen
Südflanke Jugoslawien auszuschalten versucht. Nun bestimmt dort
vergleichbare Strategie das NATO-Engagement. Im Medienzeitalter wird
der Angriff allerdings zu angeblicher Menschenrechtsverteidigung
ummanipuliert. Antimenschlich und völkerrechtswidrig damals schon die
Zerschlagung der CSR, jetzt ähnlich die Jugoslawiens, beginnend mit
der Herauslösung Koratiens sowie Sloweniens. Zuletzt, angesichts des
unbezähmbaren serbisch-teilnationalistischen Freiheitsdranges, das
Kosovo-Abenteuer, dornengekrönt durch die zehnwöchige Luft- und
Raketenbombardierung vornehmlich ziviler Objekte. Noch wagte
Washington keinen zweiten Einsatz von A-Bomben, die - ein bisher
den USA vorbehaltenes Maximalverbrechen - über Hiroshima und Nagasaki
abgeworfen worden waren, immerhin aber Krieg, der auf ähnlich
grauenhafter Auslöschungsdoktrin beruht.
Was, wenn nach weitgehender Ausschaltung Jugoslawiens, im weiteren
Verlauf der Südflanke, 2.000 Kilometer weiter östlich, Tschetschenien
aus der GUS herausgeschossen würde? Tschetschenien ist unter anderem
eine Hauptpforte zur Schlüsselregion Kaukasus. Dort herrscht eine
teils untereinander zerstrittene Völkervielfalt, unter der Hader zu
entfachen durchaus möglich ist. In Georgien zum Beispiele hat der
gewiefte NATO-Sympathisant Schewardnadse bereits die Fäden in der
Hand. Im Norden des Kaukasus, von dort gut durch ebenes Gelände
zu erreichen der schon von NS-Deutschland heiß begehrte Drehpunkt
Stalingrad, heute Wolgograd. Im Südwesten in zentraler Position
eingriffsbereit die Türkei, im Süden Nahost mit den längst USA-
attackierten Staaten Irak und Iran. Besorgniserregender noch, mit
Sprung über das kaspische Binnenmeer könnte ein Aggressor längs der
traditionellen Seidenstraße bis nach Volkschina vordringen.
In Tschetschenien geht es im Grunde weniger um lokale Anliegen,
vielmehr im wesentlichen um für die Offensivstrategie der Vereinigten
Staaten, um wichtige Durchmarschpositionen sowohl nach Nord wie nach
Ost. Angesichts dieser bedrohlichen Situation für das nördliche
Rußland - aber auch für das östliche Volkschina - haben sich kürzlich
maßgebende russische Militärs ungewöhnlicherweise öffentlich zu Wort
gemeldet, gewarnt: Die Destabilisierung dieser empfindlichen Position
würde Gefahren eines allgemeinen Krieges heraufbeschwören! Nicht
zuletzt diese für die Unversehrtheit ihres Landes Verantwortlichen
mögen dazu beigetragen haben, daß der sichtlich kranke, bisher vom
Westen gestützte Jelzin, auf russische Atom- Verteidigungswaffen
hinweisen mußte. Er tat das in Peking, wo er deutlich formulierte
Rückendeckung für die GUS erhielt.
Mit dieser De-Facto-Allianz der zwei wichtigen Mächte ist eine neue
strategische Lage auf unserem Erdball entstanden. Das mit dem Zerfall
der UdSSR vor einem Jahrzehnt zu Scherben gegangene Ost-West-
Gleichgewicht ist auf veränderte Weise einseitig wiederhergestellt
worden. Mit Schwäche auf nicht oder nur bedingt kapitalistischer Seite
kann der auf Konzernmacht basierende Westverbund nicht weiter rechnen.
Bei entsprechend gutem Willen würde jetzt Gelegenheit bestehen, eine
neue West-Ost-Friedensbalance auf die Beine zu stellen. Ermunterung
dazu könnte von dem Vorbild kommen, das seine Bewährungsprobe während
vier Jahrzehnten Kalten Krieges bestanden hatte.
Napoleon und Hitler sind mit ihren Vorhaben gescheitert, durch Kriege
Weltherrschaft zu erzwingen. Beide hinterließen Elend. Kriege zwischen
Staaten bleiben für die Völker letzthin ein Unglück. Wie aber solchen
furchtbaren Entgleisungen entgegenwirken? Erwiesen ist, daß Kriege
sich leider durch Pazifismus nicht vermeiden lassen, nicht unter den
Gegebenheiten unserer Zeit. Die kriegerische Abwehr des menschheitsge-
fährdenden Hitler-Vormarsches war überlebensnotwendig. Immerhin kann
Friedenssicherung heute durch gegenseitige Respektierung der Macht-
balance erreicht werden. Sie hatte nach 1945 lange einen großen Krieg
zu verhindern vermocht. Auseinandergebrochen war sie erst, als im
Zuge des Verfalls der UdSSR Washington militärisch ausgreifend, weit
vorgeschobene Ausgangspositionen einzunehmen befahl.
Mit der russisch-chinesischen Abwehrproklamation ist weiterem westlichen
Unterminieren und Vordringen eine überaus ernstzunehmende Warnungssperre
entgegengesetzt worden. Jetzt sind Denkfähigkeit und Vernunft der Herren
und Damen in den USA sowie in allen ihnen verbundenen Staaten gefordert.
Gäben sie dagegen vor, die neuen strategischen Gegebenheiten zu über-
sehen, verzichteten sie nicht auf bisherige übergreifende Herrschaftsan-
sprüche, begännen sie nicht zumindest mit Teilrückzügen Signale guten
Willens zu geben, würden wir zunehmend Besorgnis erregenden Zeiten
entgegen gehen. Ein dritter Weltkrieg, der unweigerlich zum Einsatz
heutiger Vernichtungswaffen führen müßte, würde unseren Erdball für
Epochen nur noch bedingt bewohnbar hinterlassen. Alle wären Verlierer.
Schlimm, würden Politiker und Generalität in Washington nicht bedenken,
daß die Vereinigten Staaten im Vergleich zu China-GUS nur über ein
minder großes Territorium verfügen und schon damit verwundbarer sind
als die Gegenseite. Das Sternenkriegspotential, auf das sie so sehr
pochen, würde kaum das Risiko mindern, denn jeder Innovation wird heute
rasch eine entsprechend überlegene Waffen entgegengestellt. Schwerst-
bombardierungen würden voraussichtlich die schon normalerweise nicht
selten auf psychiatrischen Beistand angewiesenen Bessergestellten in
Großstädten wie New York, San Francisco, Chicago oder Detroit schwerer
treffen als die noch bodenverwurzelten Menschen der GUS. Allerdings
würden die aus angegriffenen Gebieten, wo auch immer, herüberwehenden
Giftwolken die gesamte Menschheit unsäglich gefährden.
Bleiben angesichts solcher grauenhafter Perspektiven Hoffnungen auf
durchgreifende Kriegsverhinderung Illusion? So wie Menschen sind, kann
kaum mit großen pazifistischen Mehrheiten gerechnet werden, die bereit
wären, sich hingebungsvoll Kriegsentfachungen zu widersetzen.
Dauerhafte Friedenssicherung könnte nur durch ein Bündel fest zu
schließender, grundlegender Vereinbarungen erreicht werden. Dazu
müßten vorrangig mit gehören: Lückenlos kontrollierte Einstellung der
Produktion, ausnahmslos sämtlicher mehr als kleinkalibriger Waffen.
Allgemeine, umfassende, genau überwachte Abrüstung und Entmili-
tarisierung aller Staaten und Einzelgebiete. Unverzügliche Räumung
von Stützpunkten jeglicher Art, die Aggressionen dienen könnten, auf
eigenen sowie fremden Territorien.
Doch die Hürden, die im Hinblick auf entsprechende Abkommen überwunden
werden müßten, sind gigantisch hoch und werden auf absehbare Zeit
nicht fortgeräumt werden können. Deswegen gilt es, sich auf Mögliches
zu konzentrieren. Also Machtbalance zwischen den Ausschlaggebenden
wiederherstellen, diese zumindest temporär friedenssichernd festzurren,
um schließlich auf diesem Weg endgültiger Kriegsverhinderung sich
schrittweise zu nähern. Würde die Menschheit auf diesem Weg ins dritte
Jahrtausend auch nur wenige grundlegende Schritte vorankommen, wäre
das eine große Sache.
aus: junge Welt, v. 7. 1. 2000
http://www.jungewelt.de/
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>> Further Informations about Iraq and Palestine:
>> http://giv.de.cx
>> http://user.exit.de/giv/index.htm
>> http://soziales.freepage.de/irak/index.htm
>> http://www.germany.net/teilnehmer/101,88843/index.html
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