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Jelpke: Fuer wissenschaftliche Aufarbeitung des Voelkermordes an den Armeniern statt unkritischer Lepsius-Verehrung

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Aug 20, 2008, 6:00:00 PM8/20/08
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Für wissenschaftliche Aufarbeitung des Völkermordes an den Armeniern
statt unkritischer Lepsius-Verehrung

Eine Antwort auf die Vorwürfe des Zentralrates der Armenier in
Deutschland

Der Zentralrat der Armenier in Deutschland (ZAD) wirft der Fraktion
DIE LINKE in einer Preseerklärung vom 8.8.2008 eine „peinliche
Diffamierung von Johannes Lepsius“ vor. Hintergrund ist die Kleine
Anfrage der Fraktion „Bundesmittel für as Lesius-Haus und die
Gedenkstätte zum Völkermord an den Armeniern“ (Drucksache 16/9956
vom 7.7.2008). Zu diesen Anschuldigungen erklärt die Initiatorin der
Kleinen Anfrage Ulla Jelpke:

Während die Unterstützer des Bundestagsantrages 15/5689, CD/CSU,
FDP, SPD und Bündnis90/Die Grünen nur von „Vertreibungen und
Massakern an den Armeniern“ sprechen, hat die LINKE als einzige
Bundestagsfraktion in ihrer Kleinen Anfrage diese als „Genozid“ und
„Völkermord“ benannt. Schon allein dadurch sollte deutlich werden,
dass es uns bei der Kleinen Anfrage 16/9956 „Bundesmittel für das
Lepsius-Haus und die Gedenkstätte zum Völkermord an den Armeniern“
keineswegs um eine Relativierung dieser Ereignisse geht. Im
Gegenteil: Hintergrund unsrer Kleinen Anfrage war die Sorge, dass
das Gedenken und die Aufarbeitung des Völkermordes durch eine
einseitige Konzentration auf die Person von Johannes Lepsius und die
unkritische Darstellung seines Lebens und Werks gefährdet werden.

Das Gedenken an den vom jungtürkischen Regime und seinen deutschen
Militärberatern begangenen Genozid an über einer Million Armeniern
während des Ersten Weltkrieges ist wichtig. Ebenso notwendig sind
die weitere wissenschaftliche Aufarbeitung der Hintergründe und
Opfer dieses Völkermordes und die Benennung der Täter sowie die
Ehrung derjenigen, die sich dieser Barbarei entgegenstellten. Dazu
gehören in Deutschland neben Pfarrer Johannes Lepsius der
sozialistische Reichstagsabgeordnete Karl Liebknecht, der
pazifistische Schriftsteller Armin T. Wegner und andere.

Die vom bekannten Genozid-Forscher Wolfgang Gust aufgezeigten
braunen Flecken auf Lepsius Weste sind kein Geheimnis mehr. Nur wenn
wir als Befürworter der Einrichtung einer Gedenkstätte im
Lepsius-Haus vorbehaltlos alle Brüche und Widersprüche im Leben des
Johannes Lepsius aufzeigen, können wir dessen unbestreitbare und
große Verdienste um das armenische Volk glaubhaft würdigen. Wer aber
wie der ZAD jede Kritik an Johannes Lepsius ausblendet und abwehrt
und diesen quasi zum Heiligen erhebt, läuft letztlich türkischen
Genozidleugnern ins offene Messer. Denn der staatlichen türkischen
Geschichtsinterpretation nahestehende Kreise haben den Vorwurf der
Aktenmanipulation bereits aufgegriffen, um über eine Kritik der
Person von Lepsius und seines Wirkens die Ereignisse um den Genozid
insgesamt in Frage zu stellen oder zu relativieren. Und diese im
Übrigen selber alles Andere als demokratisch gesinnten Kreise werden
den unkritischen Lepsius-Verehrern auch dessen antidemokratische
Gesinnung vorhalten, um damit das Gedenken an den Genozid insgesamt
in ein negatives Licht zu rücken.

Peinlich ist der Verweis des ZAD, Lepsius könne kein Antisemit
gewesen sein, da er mit dem jüdischstämmigen US-Botschafter
Morgenthau kooperiert habe. Lepsius antisemitische Äußerungen,
wonach „das jüdische Volk […] Mittelalter und Neuzeit als Parasit
der Germanen überdauert“ habe und seine Verehrung des
Rassefanatikers Houston Steward Chamberlain werden dadurch nicht
entkräftet.

Dass der sozialistische Reichstagsabgeordnete Karl Liebknecht sich
bei seiner Kleinen Anfrage im Reichstag zum Schicksal der Armenier
ausdrücklich auf die Dokumentation von Johannes Lepsius bezog, ist
richtig. Das ändert jedoch nichts daran, dass Lepsius 1919 im
Auftrag de Auswärtigen Amtes seinen guten Namen für eine
manipulierte Edition der Dokumentensammlung „Deutschland und
Armenien 1914-1918“ hergab, aus denen durch Auslassungen und
Fälschungen jede deutsche Mitverantwortung an dem Genozid vertuscht
wurde. Gerade die vom ZAD benannte Tatsache, dass Lepsius 1920 –
also nach dem Friedensvertrag von Versailles - in seiner
Zeitschrift „Der Orient“ von einer „Mitschuld“ Deutschlands sprach,
beweist, dass Lepsius die Wahrheit kannte und damit auch die
Aktenmanipulationen durchschaut haben musste. Doch die vorgeblich
weiße Weste des deutschen Reiches bei den Friedensverhandlungen war
dem Anhänger eines Großdeutschen Kaisertums Johannes Lepsius
offenbar wichtiger wie die Benennung der Mitverantwortlichen für den
Genozid und deren strafrechtlicher Verfolgung.

Ich möchte den Vergleich ziehen zum Widerstand des 20.Juli 1944
gegen Adolf Hitler. Die Attentäter um Graf Stauffenberg haben das
große Verdienst, wenigstens in letzter Minute den Tyrannenmord
versucht zu haben. Wer aber ausblendet, dass ein Großteil der
Verschwörer bis 1944 den deutschen Vernichtungskrieg mitgetragen
hat, zum Holocaust schwieg oder diesen gar aktiv unterstützte und
für ein Deutschland nach Hitler weiterhin ein diktatorisches Regime
befürwortete, wird dem Attentat des 20.Juli nicht gerecht. Wenn wir
auf diese rechte Gesinnung eines Großteils der Verschwörer des
20.Juli hinweisen, relativiert dies keineswegs ihre historische
Leistung, sondern ordnet diese nur geschichtlich korrekt ein. Eine
ebensolche Herangehensweise erscheint mir im Falle Lepsius geboten.

Ich befürworte die Einrichtung einer Genozidgedenkstätte und eines
Instituts zur weiteren wissenschaftlichen Aufarbeitung des Genozids
im Potsdamer Lepsius-Haus. Wogegen ich mich allerdings verwehre, ist
eine einseitige und unkritische Darstellung des Lebens und Werks von
Johannes Lepsius. Daher begrüße ich es, dass die Bundesregierung
sich als Mittelgeber des Lepsius-Hauses für ein differenziertes
Lepsius-Bild einsetze will. Damit hat unsere Kleine Anfrage ihr Ziel
erreicht.
--
Ulla Jelpke, MdB
Innenpolitische Sprecherin
Fraktion DIE LINKE

Platz der Republik 1
11011 Berlin

Tel: (030) 227-71253
Fax: (030) 227-76751
Mail: ulla....@bundestag.de

Web: http://www.ulla-jelpke.de
http://www.linksfraktion.de/

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