*Geschlechterforschung: Unruhe beim Familienernährer*
Von Simone Schmollack
Auch zehn Jahre nach dem Mauerfall hat sich am unterschiedlich
ausgeprägten Rollen- und Geschlechterverständnis in Ost und West
nicht viel geändert
Eine Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung hat Mütterlichkeit und
Väterlichkeit zum Thema einer Tagung am 4. und 5. Februar in
Berlin-Schmockwitz gemacht.
Wenn Männer heute gefragt werden, was sie sich von ihrer
Partnerin wünschen, wenn sie selbst so viel verdienen würden, um
die Familie allein ernähren zu können, fallen die Antworten in
Ost und West noch immer recht unterschiedlich ans, Während es
Umfragen verschiedener Meinungsforschungsinstitute zufolge knapp
40 Prozent der Männer in den alten Bundesländern gern sähen, daß
ihre Frau zu Hause bleibt, wollen nur etwa 11 Prozent der Männer
in den neuen Bundesländern eine Mutti in Kittelschürze. Sie
präferieren eher einen Teilzeitjob für ihre Partnerin.
64 Prozent der Ostmänner empfindet einen solchen Arbeitsrhythmus
für das Familienglück am besten, im Westen sind es nur rund 28
Prozent. Damit bestätigt sich erneut das in beiden Teilen
Deutschlands unterschiedlich ausgeprägte Rollen- und
Familienverständnis. Im Westen wollen Männer nach wie vor eher
ein traditionelles Familienleben, bei dem der Mann die
klassische Ernährerrolle einnimmt und die Frau sich um Haushalt
und Kinder kümmert. Der Zuspruch von Frauen in den
Altbundesländern hingegen, sich im Beruf zu verwirklichen, ist
in den letzten zehn Jahren von rund 40 auf etwa 60 Prozent
gestiegen.
*Westmänner sind verunsichert*
Der Osten ist da einen Schritt weiter. Hier steht
Partnerschaftlichkeit im Vordergrund, die es ermöglicht, daß die
Frau Beruf und Familie miteinander vereinbaren kann. Seit den
60er Jahren war es in der DDR selbstverständlich, daß Frauen
berufstätig sind. Auch heute kommt es für über 90 Prozent von
ihnen nicht in Frage, die Hausfrau zu spielen.
Dennoch ist seit geraumer Zeit bei Westmännern eine zunehmende
Verun sicherung bezüglich ihres eigenen Rol lenverständnisses zu
beobachten. Etwa ein Drittel der Befragten gab an, überhaupt
nicht beurteilen zu können, ob und wie die Frau arbeiten soll,
wenn genügend Geld im Hause ist. Die Männer wissen nicht, ob
sie' lieber eine selbständige und selbstbewußte Partnerin an
ihrer Seite hätten oder eine finanziell abhängige. »Hier zeigt
sich deutlich, wie zwiespältig das Frauenbild westdeutscher
Männer ist«, meinte Katrin Rohnstock, Herausgeberin der
Buchreihe Ost-Westlicher Diwan.
Gemeinsam mit der ostdeutschen Journalistin führt die Heinrich-
Böll-Stiftung die Tagung durch. Ende der 90er Jahre unterliegen
die gesamtdeutsche Gesellschaft wie die Geschlechtervcrhältnisse
gleichermaßen einem starken Wandel. Die bürgerliche männliche
Ernährerfamilie steht zur Disposition. Die meisten Frauen wollen
Mütter und berufstätig, viele Männer neben ihrem Job auch Väter
sein. Seit einiger Zeit geistert der »neue Mann« durch die
Medien. Doch wie dieser aussieht und [was er] von sich und
seiner Partnerin bzw. seinem Partner erwartet, ist bislang im
Dunkeln geblieben. Jetzt warten die beiden Soziologen Rainer
Volz und Paul M. Zulehner mit einer Schrift auf, die die "Männer
im Aufbruch" (auch Titel des Buches, das im Schwabenverlag
erschienen ist) eingehend untersucht hat.
*Auch am freien Tag: Arbeit statt Familie*
Danach nimmt der Mann der Zukunft Hausarbeit relativ regelmäßig
und oft ohne Aufforderung wahr, pflegt Kontakte mit Freunden
(auch gern ohne Partner) und ist sexuell eher aktiv. Wobei sich
Sexualität hauptsächlich in der Partnerschaft abspielt. Die
Partnerin darf also Berufstätige. Mutter, Liebhaberin und
Hausfrau sein, während der sogenannte traditionelle Mann seine
Frau auf die Hausfrauen- und Mutterpflichten reduziert. Sexuelle
Attraktivität wird der Frau im klassischen Ehemodell, nachdem
sie ihre Fortpflanzungspflicht erfüllt hat, nicht mehr in dem
Maße zugesprochen.
Ein Indiz dafür, daß der traditionelle Mann und konservative
Partnerschaftsmodelle ausgedient haben, ist ebenso, daß sich
Volz und Zulehner nicht nur auf das weiblich-männliche
Beziehungsmodell beschränken, sondern auch homosexuelle
Partnerschaften in ihre Untersuchung mit einfließen lassen. Auch
gleichgeschlechtliche Paare müssen ab und zu mal abwaschen und
das Bad schrubben. Und auch Lesben und Schwule können bei
solchen ungeliebten Tätigkeiten in heftigste Streitigkeiten
geraten.
Häufig wird die schönste Theorie durch die rauhe Wirklichkeit
gebrochen. Männer beispielsweise, die heute Erziehungsurlaub
nehmen wollen, können sich in den meisten Fallen gleich selbst
die Kündigung schreiben. Und das Wolfsburger VW-Modell der Vier-
Tage-Woche zeigt, daß der »neue Mann« erst heranwachsen muß. Die
meisten VW-Arbeiter widmen sich an ihrem freien Tag nicht [der
Haus- sondern] der Schwarzarbeit.