Der Geschlechterkonflikt auf dem Arbeitsmarkt*
kann nur durch Umverteilung gelöst werden*
- Männer müssen weniger arbeiten*
*Der Ärger mit den Männern*
vom Thomas Gesterkamp
Jobs, Jobs, Jobs - so lautet das Credo der neuen Regierung. Doch
auch Rot-Grün fehlt das Rezept, schon weil die Diagnose falsch
gestellt ist. Der chronische Patient Arbeitsmarkt krankt nicht
nur an technischer Rationalisierung oder schleppender
Inlandskonjunktur. Hinter der monatlichen Hiobsbotschaft aus
Nürnberg steckt auch ein Geschlechterkonflikt.
Der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf stellte vor
kurzem einen verblüffenden Zahlenvergleich auf: Einschließlich
der Beschäftigung auf dem zweiten Arbeitsmarkt gehen in Sachsen
411 von 1.000 Einwohnern einer bezahlten Tätigkeit nach - in
Nordrhein-Westfalen sind es nur 409. Trotzdem liegt die
Arbeitslosenquote im Osten rund doppelt so hoch wie im Westen.
Biedenkopf erklärt diesen Unterschied sehr abstrakt damit, daß
die "Erwerbsneigung regional stark voneinander abweicht".
Konkret meint der CDU-Politiker, was er sich öffentlich nicht zu
sagen traut: Die ostdeutschen Frauen wollen weder Hausfrau noch
Hinzuverdienerin sein, sondern weiter Vollzeit arbeiten. Das
aber ist im patriarchalen Sozialstaat (west)deutscher Prägung
nicht vorgesehen.
In der Debatte um die Zukunft der Arbeit ist viel von Standort,
Lohnnebenkosten oder Globalisierung, aber wenig von der
Geschlechterfrage die Rede. Frauen lassen ihre nahezu
gleichwertige berufliche Qualifikation nicht mehr freiwillig im
Kochtopf verdampfen; selbst unter den Müttern kleiner Kinder
wächst die Nachfrage nach Erwerbsarbeit. Die vielgepriesene
Vollbeschäftigung zwischen 1960 und Mitte der siebziger Jahre
war stets eine Vollbeschäftigung für Männer.
Der männlichen Normarbeit entsprach die weibliche Abweichung von
der Arbeitsnorm: Frau verzichtete, damit ihr Partner im Beruf
seinen Mann stehen konnte. Das einst dem Bürgertum vorbehaltene
Lebenskonzept des Alleinverdieners entwickelte sich während des
Wirtschaftswunders zum allgemeinen Leitbild. "Die Frau eines
Stahlarbeiters braucht nicht zu arbeiten" - diese Devise führte
zu einer (in der alten Bundesrepublik) niedrigen
Erwerbsbeteiligung der Frauen - und damit zur Vollbeschäftigung
der Männer.
Der Wirtschaftswissenschaftler Meinhard Miegel, ein alter
Weggefährte Biedenkopfs, hat für Westdeutschland vorgerechnet,
daß es rund drei Millionen Erwerbspersonen weniger gäbe, wenn
die Zahl der berufsorientierten Frauen im Vergleich zu den
sechziger Jahren nicht deutlich gestiegen wäre. Im Klartext:
Würden die Mütter zu Hause bleiben, verschwänden rein
statistisch zwei Drittel der Arbeitslosen.
Von solcher Stammtischarithmetik distanziert sich Miegel. Ihm
ist klar, daß man(n) das Recht von Frauen auf eine eigenständige
Berufsbiographie nicht einfach rückgängig machen kann. Die
rechtspopulistische Forderung "Frauen zurück an den Herd" ist
selbst innerhalb der CDU eine Minderheitenposition.
Aber auch das gerade in der SPD populäre Rezept, durch
exorbitant hohe Wachstumsraten genügend Erwerbsarbeit für alle
zu schaffen, ist zum Scheitern verurteilt. Das Angebot an
bezahlten Jobs läßt sich nicht beliebig vermehren. Der
Geschlechterkonflikt auf dem Arbeitsmarkt kann nur durch
Umverteilung gelöst werden. Platt formuliert: Frauen können nur
dann mehr arbeiten, wenn Männer weniger arbeiten. Überstunden,
60-Stunden-Wochen und die entsprechenden Einkommen sind ein
Privileg. Radikale Arbeitszeitverkürzung ist keine verstaubte
Parole, sondern ein sehr modernes Konzept, das Erwerbslosigkeit
endlich auch als "Gender"-Problem begreift.
Der bunte, unterbrochene Berufsweg, den Frauen schon immer
durchlaufen haben, wird auch für Männer die neue Norm.
Lebenslange Probezeit statt lebenslanger Anstellung: Vor allem
schlecht Qualifizierte zahlen einen hohen Preis, wenn sie die
geschützte Welt der Tarifverträge verlassen müssen. Das
britische Wirtschaftsblatt The Economist machte sich schon vor
gut zwei Jahren seine ganz eigenen Sorgen: Unter der
Schlagzeile: "The trouble with men" prognostizierte die
Zeitschrift, daß gerade männliche Beschäftigte mit angelernten
Fertigkeiten das "zweitrangige Geschlecht von morgen" bilden
könnten.
Die einstigen Helden der Industriegesellschaft werden immer
weniger gebraucht. Die Krise der Arbeit ist zugleich eine Krise
der männlichen Identität. Im Gegensatz zu Frauen verfügen Männer
nicht über allgemein akzeptierte Alternativen, um ihrem Leben
jenseits der Erwerbsarbeit einen Sinn zu geben. Die
"Breadwinner"-Rolle ist brüchig geworden, neue Konzepte einer
anderen Balance zwischen Beruf und Privatem sind angstbesetzt
und werden nur von einzelnen Exoten erprobt. Eine Existenz als
Hausmann, Hedonist oder Hinzuverdiener können und wollen sich
nur wenige Paradiesvögel leisten. Die Vorstellung, weniger zu
verdienen als ihre Partnerin, ist für viele Männer ein
gruseliger Gedanke.
Der erwerbslose Familienvater gilt als ganz besonderes Symbol
für den Schrecken der Arbeitslosigkeit. Erwerbslose Mütter
dagegen sind nicht arbeitslos, sondern Hausfrau und "nicht
berufstätig". Hauptsache, der "Ernährer" hat eine gute Stelle,
und die Grundversorgung der Familie bleibt gesichert. Das
deutsche Sozialsystem fußt auf patriarchaler Ideologie.
Die Hinterbliebenenrente wie auch die Mitversicherung in der
Krankenkasse für die nicht oder auf 630-Mark-Basis jobbende
Ehegattin gehen vom gleichen Prinzip aus: Das Männereinkommen
ist der Ausgangspunkt, Fraueneinkünfte setzen sich überwiegend
aus abgeleiteten Ansprüchen zusammen. Das prägt auch die
Strategie der Gewerkschaften: Der fleißige Facharbeiter hat zwei
Kinder und eine Frau zu Hause; deshalb braucht er mehr Geld und
nicht mehr freie Zeit.
Der jüngste Tarifstreit in der Metallindustrie und im
öffentlichen Dienst war eine Wiederaufführung dieser stets
gleichen Inszenierung. Statt dessen das Thema
Arbeitsumverteilung in den Vordergrund zu rükken, stößt in der
auf Einkommensteigerung fixierten männlichen Stammkundschaft der
Gewerkschaften auf Widerstand. IG-Metall-Chef Klaus Zwickel und
sein ÖTV-Kollege Herbert Mai können ein Lied davon singen.
Das Ende der Normarbeit ist nicht nur ein Risiko, sondern
eröffnet auch Chancen: Bewegliche Zeitstrukturen und farbige
Berufsbiographien befördern ein Lebenskonzept, in dem die
Erwerbstätigkeit auch für Männer allmählich ihre zentrale
Bedeutung verliert. Eine Politik, die flexible
Normalarbeitszeiten weit unterhalb der 35-Stunden-Woche etwa
durch Steueranreize und niedrigere Sozialversicherungsbeiträge
attraktiv macht, wäre ein Beitrag zur Lösung des
Geschlechterkonfliktes - und damit vielleicht auch zur Lösung
der Probleme am Arbeitsmarkt.
Thomas Gesterkamp
Die einstigen Helden der Industriegesellschaft werden immer
weniger gebraucht
Das deutsche Sozialsystem fußt nach wie vor auf einer
patriarchalen Ideologie
taz Nr. 5845 vom 28.5.1999 Seite 12
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