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[FR] Benachteiligt die Schule die Jungen? (fwd)

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Kinderland

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Jul 27, 1999, 3:00:00 AM7/27/99
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Frankfurter Rundschau 22.7.99

*Von "Power Girls" und "armen Kerlen"*
Benachteiligt die Schule die Jungen? / Bange Fragen und die
vorsichtige Suche nach Antworten

Von Wigbert Tocha FRANKFURT A.M..

Nichts als Probleme machen sie, die Männer. Und die Jungen auch. Die
Lehrerinnen und Lehrer jedenfalls können ein Lied davon singen. "Ihr
Lernverhalten und die Konzentration lassen zu wünschen übrig", sagt
der Berufsschullehrer Franz Frimmersdorf, "oft stören sie das
Sozialklima, etwa durch negative Kommentare zu den Beiträgen anderer
oder indem sie andere nicht ausreden lassen." Frimmersdorf ist auch
Mitarbeiter der Arbeitsstelle "Erziehung zur Gleichberechtigung" im
Hessischen Landesinstitut für Pädagogik und hat für interessierte
Lehrerkollegen den "Arbeitskreis Jungen" ins Leben gerufen.

Die beteiligten Pädagoginnen und Pädagogen sind sich einig:
Aggressionen, Belästigungen und Grenzüberschreitungen gehen
meistens von den Jungen aus. Zwar gebe es, sagt Frimmersdorf,
auch den Typus des introvertierten Jungen. Aber der sei eher ein
Außenseiter mit "atypischem Jugend- und Jungenverhalten". Das
deckt sich mit den Beobachtungen der Frankfurter
Grundschullehrerin Ursula Kerntke. "Die Leistungen der Mädchen
sind besser", sagt sie, "sie sind interessierter und fleißiger,
und sie haben weniger Probleme, ihr Wissen im Unterricht
konstruktiv einzubringen." Viele Jungen hätten dagegen Probleme,
eine positive Lernhaltung zu entwickeln; das könne sich bis zur
untergründigen oder offenen Verweigerungshaltung steigern.

Das sei freilich nicht die Schuld der Jungen oder das
Versagen der Lehrerinnen und Lehrer, findet Kerntke. "Die Art, wie in
der Schule gelernt wird, kommt Jungen nicht entgegen." Vieles sei zu
kopflastig, nötig seien "mehr Bewegung, mehr Experiment, mehr
Handarbeit". Ob offen eingestanden oder nicht, treibt derzeit viele
Pädagogen die bange Frage um: Haben wir vor lauter Bemühen, die
Mädchen stärker in den Mittelpunkt zu stellen, die Jungen vergessen?

Kerntke: "Nachdem wir gerade gelernt haben, daß Mädchen besondere
Aufmerksamkeit brauchen, machen wir in den Schulen die Erfahrung: Es
sind die Jungen, die Extra-Aufmerksamkeit benötigen." Die Zahlen
jedenfalls sind eindeutig: 32 Prozent der Mädchen, aber nur 24 Prozent
der Jungen besuchten im Jahr 1995 das Gymnasium - ein Trend, der sich
seitdem eher noch verschärft hat. Dagegen gehen 13 Prozent der
Mädchen, aber 16 Prozent der Jungen auf die Hauptschule; noch
augenfälliger ist es bei der Sonderschule: Nur zu einem Drittel
besuchen diese Schule Mädchen, dafür zu zwei Dritteln Jungen. Und in
Hessen waren im Jahr 1997 nur 850 Mädchen ohne Hauptschulabschluß -
aber 1587 Jungen.

Kann das so bleiben? Jahrelang war die Diskussion
von der Frage bestimmt, wie es möglich sei, an den Schulen die Mädchen
besonders zu unterstützen. Die feministische Forschung ging davon aus,
daß Mädchen vielfältige Benachteiligungen an den Schulen erleiden
müssen: Sie werden nicht richtig wahrgenommen von den Lehrern,
belästigt von den Jungen, an den Rand gedrängt in den
Naturwissenschaften, im Sport und im Computerkurs. Eine solche
Betrachtung, stellt Ulf Preuss-Lausitz, Erziehungswissenschaftler an
der Technischen Universität Berlin, fest, habe heute fast nur noch
historische Bedeutung.

An die Stelle der Frage, wie es möglich sei,
die "Mädchen-Stärken" (so ein Buchtitel aus dem Jahr 1993) zu
entwickeln, sei ein Blickwinkel nötig, der auch die alltägliche
Abwertung der Jungen sehe. Der Erziehungswissenschaftler plädiert in
einem Beitrag für die Zeitschrift Pädagogik für das Konzept
"Kinder-Stärken": Ziel müsse es sein, abgewertete und benachteiligte
Kinder aufzuwerten. Darunter seien mindestens so viele Jungen wie
Mädchen. Preuss-Lausitz: "Die Emanzipation der Mädchen muß die
Emanzipation der Jungen einbeziehen." Jungen schneiden bei den heute
stark im Vordergrund stehenden "Schlüsselqualikationen" schlechter ab
als Mädchen: "Sie sind oft konkurrenzorientiert, die Mädchen dagegen
teamorientiert", sagt Frimmersdorf. "Das hat Folgen im Berufsleben, wo
einige Unternehmen sich wundern, daß die Teamfähigkeit mit
Sonderkursen, die viel Geld kosten, trainiert werden muß."

Die Mädchen liegen vorn. Aufgrund ihrer Kommunikations- und
Sprachfähigkeit und ihres Schreibverhaltens werden sie von
Lehrern beiderlei Geschlechts besser zensiert. Bei den
Schülerinnen, unterstreicht Preuss-Lausitz, funktioniere auch
die Erziehung zu Werten wie Toleranz und Demokratie
besser. Und: Beim Schulziel der Selbständigkeit und
Durchsetzungsfähigkeit sei es um die Generation der "Power Girls" und
ihren aufgeschlossenen Lehrerinnen nicht schlecht bestellt - das sei
aber, so Preuss-Lausitz, kein Anlaß, über die "armen Kerle" zu
jammern, die an den Rand gedrängt würden, wohl aber Grund für die
Forderung: Die Schule muß "nicht nur mädchengerecht, sondern auch
jungengerecht werden".

Wie kann das gelingen? Die Männer fehlen. Das fängt an im
Kindergarten, wo erst allmählich männliche Erzieher in die
weibliche Domäne eindringen, und setzt sich fort in den Schulen,
vor allem in den Grundschulen. Obwohl fünfzig Prozent der
Schüler Jungen sind, gibt es in der Grundschule in Frankfurt, in
der Kerntke tätig ist, 16 Klassenlehrerinnen und nur einen
Klassenlehrer - kein Einzelfall. Zwar ist der Anteil der
männlichen Lehrkräfte an "höheren" Schulen größer - eine Folge
der Geschlechterhierarchie, die an der Spitze immer noch Männer
und nur weiter unten Frauen bevorzugt.

Das ändert aber nichts daran, daß der "eine Mann" an der
Grundschule - nicht selten der Schulleiter - entschieden zu
wenig ist. "Den Jungen fehlen positive männliche
Identifikationsfiguren", sagt Frimmersdorf. "Intakte" Familien
werden seltener, die Zahl der Alleinerziehenden nimmt zu. Und
oft fällt der Vater, der "noch da ist", als Ansprechpartner aus,
"es gibt zuwenig Kommunikation zwischen Sohn und anwesendem
Vater", sagt Frimmersdorf.

Kerntke unterstreicht, daß bei vielen Kindern, konfrontiert etwa
mit der Kritik der alleinerziehenden Mutter am abwesenden
Vater, nur noch ein "So wollen wir die Männer nicht" übrig
bleibe - aber, so fragt Kerntke, "woran sollen sich die Jungen
orientieren?" Bei dieser Frage gehe es in der Schule weniger um
die Inhalte des Unterrichts, sondern um Alltagsvorbilder, die
die Jungen benötigten, um einen "Ausschnitt vom Männerleben, den
man glauben kann: Der Lehrer kümmert sich um mich, er hat
Geduld, er spricht mit mir". Ohne diese Erfahrung pendelten die
Jungen zwischen Abgrenzung, problematischen Vorbildern wie dem
halbwüchsigen Aufschneider mit dem Handy, der am benachbarten
Kiosk steht, und der Suche nach Anerkennung in der Jungen-
Clique.Kerntke: "Jungen werden benachteiligt, weil sie niemanden
haben, nach dem sie sich richten können. Fünfzig Prozent Jungen
brauchen fünfzig Prozent Lehrer."

Was sonst noch tun? Preuss-Lausitz beläßt es bei dem allgemeinen
Hinweis, daß aus der unabhängig voneinander geführten Diskussion
über "die Mädchen" und "die Jungen" ein vielfältiger Chor werden
müsse: "Der Chor selbstsicherer und kooperativer Kinder." Von
der Forderung nach getrenntem Unterricht hält er wenig. Dennoch
ist absehbar, daß diese Forderung bald umgekehrt erhoben werden
wird: weniger, um den Mädchen zu helfen, sondern um die Jungen
besonders zu unterstützen.

Ursula Kerntke hat mit solchen differenzierten Gruppen gute
Erfahrungen gemacht. Mit einer Jungen-Gruppe hat sie kürzlich
mehrere Tage lang im Schulgarten gearbeitet. Die Jungen waren
kooperativ, zufrieden mit ihrer Arbeit und stolz. Der übliche
Streit fiel aus. Auch Frimmersdorf plädiert für eine "reflexive
Koedukation". Dahinter verbirgt sich zum einen das allgemeine
Ziel, den Unterricht so zu gestalten, daß Mädchen und Jungen
miteinander und voneinander lernen können; "alle", sagt
Frimmersdorf, "sollen ermutigt werden, Selbstvertrauen und
Eigenverantwortlichkeit zu erwerben, aber auch Schwäche und
Hilfsbedürftigkeit einzugestehen". Zum anderen hält er es für
sinnvoll, Jungen und Mädchen zeitweise getrennt zu unterrichten,
etwa im Computerkurs. Er verweist auch auf die Laborschule in
Bielefeld, die gute Erfahrungen mit einer getrennten
"Mädchenkonferenz" und einer "Jungenkonferenz" gemacht hat; in
der Laborschule gibt es zudem einen "Haushalt(s)paß" auch für
Jungen: Dieses Workshop-Angebot umfaßt Alltagsfähigkeiten vom
Kochen über die Wäschepflege bis hin zur Kindererbetreuung.

Gewonnen ist, da sind sich alle einig, schon viel,
wenn ein Bewußtsein für das Problem entsteht.

[ dokument info ]
Copyright © Frankfurter Rundschau 1999
Erscheinungsdatum 22.07.1999

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