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Ahmed Arif Gedichte

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K.Steinle

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Jan 12, 1999, 3:00:00 AM1/12/99
to
Anatolien

Wiegen habe ich Noah gegeben,
Schaukel und Hängematten.
Wie ein Kind von gestern bin ich, ein Kind der Mutter Eva,
Aus Anatolien bin ich,
Kennst du das?

Verschämt bin ich,
Verschämt vor Armut,
Mit leeren Händen, nackt im Angesicht des Tages...
Sie frieren, meine Pflänzchen,
Meine Ernte fällt knapp aus.
Meine Brüderlichkeit, meine Arbeit,
Meine Gemeinschaft
Sind von Atompilzen durchdrungen.
In der Welt der Dichter und Denker
Bin ich einsam,
Einsam und weit weg.
Weißt du das?

In Jahrtausenden wurde ich aufgerieben.
Mit erschreckenden Reiterheeren zerrissen sie
Meinen süßen Morgenschlaf -
Herrscher, Aggressoren, Banditen,
Die mir Zoll abpreßten.
Ich bin weder Alexander dem Großen gefolgt,
Noch Sultan Murat*.
Sie kamen und gingen ohne Spuren zu hinterlassen!
Meinen Freund habe ich gegrüßt,
Und habe mich gesträubt...
Siehst du?

Und wie ich sie liebe, wenn du wüßtest!
Den Köroélu*,
Den Karayílan*,
Den unbekannten Soldaten...
Dann Pir Sultan* und Bedrettin*.
Und dann unzählige Lieben,
Die man gar nicht alle aufschreiben kann...
Wenn du wüßtest,

Wie die mich liebten!
Wenn du wüßtest, wie diejenigen, die in Urfa* geschossen haben,
Vom Minarett herab, hinter der Barrikade,
Hinter der Zypresse,
Dem Tod ins Gesicht gelacht haben!
Das mußt du unbedingt wissen,
Hörst du?

Laß dich nicht so hängen,
Sei nicht so betrübt, nicht so elend...
Egal wo du bist,
Ob in Freiheit, im Gefängnis, am Studiertisch
oder als ganz gewöhnlicher Mensch.
Schreite vorwärts erhobenen Hauptes.
Spucke dem Henker ins Gesicht
und dem Ausnutzer, dem Kollaborateur und Verräter..
Halte durch -
Mit dem Buch, mit Arbeit,
Mit Zähnen und Klauen,
Mit Hoffnung, mit Liebe, mit Träumen.
Halte durch, laß mich nicht hängen.

Schau, wie ich wieder zu neuem Leben erwache,
In deinen ehrlichen, jungen Händen.
Töchter
Und Söhne werde ich in der Zukunft haben.
Jede und jeder von ihnen ein unverzichtbarer Teil dieser Welt,
Und Knospe meiner jahrtausendelangen Sehnsucht.
Ich küsse deine Augen,
Deine Augen,
Meine einzige Hoffnung bist du,
Verstehst du?
____________________
* Murat der Vierte, als besonders grausamer und diktatorischer
Sultan bekannt, weshalb dieser Name im Volksmund auch
sprichwörtlich für diese Eigenschaften gebraucht wird.
* Köroglu, anatolischer Volksheld aus dem 17. Jahrhundert, der als
Beschützer der Armen und Kämpfer gegen Unrecht bekannt ist. Seine
Geschichten wurden unter den Völkern Anatoliens, des
Kaukasusgebietes und des Irans von Mund zu Mund verbreitet.
* Karayilan war ein Anführer des Widerstands gegen die
französische Besatzung
* Pir Sultan ist ein bis zur heutigen Zeit bekannter
(alewitischer) Volkssänger aus dem 16. Jahrhundert, der wegen
seinen Liedern gegen die Unterdrückung auf Befehl Hízír Paóas
hingerichtet wurde.
* Scheich Bedrettin, Kadi, der für die Toleranz zwischen
verschiedenen Glaubensrichtungen und einen utopischen
Urkommunismus eintrat. Nach einem von ihm angeführten
Bauernaufstand 1416 im Ägaisgebiet von der Armee des Sultans
festgenommen und hingerichtet.
* Im Kampf gegen die französischen Besatzungstruppen nach dem 2.
Weltkrieg, dessen Zentrum in dem in Kurdistan gelegenem Dreieck
Antep-Urfa-Maraó war
***************************************
aus der Neuerscheinung im Libresso Verlag:

Ahmed Arif
hasretinden prangalar eskittim
Aus Sehnsucht nach dir habe ich Sträflingsketten abgetragen

Gedichte türkisch-deutsch
Übersetzung und Biografie von Karen Steinle
126 Seiten, brosch. DM 20,--
ISBN 3-930707-07-1

bestellbar per Rechnung über e-mail oder
Libresso Buchhandlung und Verlag,
Bauerngasse 14, 90443 Nürnberg
Tel. 0911- 22 50 36 Fax: 27 260 27

K.Steinle

unread,
Jan 13, 1999, 3:00:00 AM1/13/99
to
Nacht

Nacht - die Hälfte unserer Welt
Rot - der grüne Frühling,
Wenn auch die Hälfte noch schneebedeckt.
Und dann mein Volk - brüderlich, doch auch der Mensch des Menschen
Feind,
Und dann der Skorpion mit seinen sieben Ringen,
Die gelbe Viper,
Die Grausamkeit des Hinterhältigen sitzt uns im Nacken.
Und meine Seele befindet sich in tiefster Nacht
Am Galgen, den man hinter den Flügeltüren sieht,
Im Brunnen des Gefängnishofes,
Aus dem das Wasser seitlich herabfließt.
Sie sind gekommen, um zu prüfen, ob ich schon tot bin,
Zwischen meinen Rippen tasten sie.
Sollen sie doch...

Das ist eine Epoche - das Herz erträgt das nicht!
Eine Epoche, so aufrührerisch, so rebellisch wie nie,
Eine Hölle die Knospen der Brüste.
Das ist eine Epoche, vierzig Tage, vierzig Nächte lang,
Meine Arme, mein Hals im Strick gefangen.
Hey, meine Seele, leiste Widerstand gegen das Schlechte...!
Ach, was soll ich sagen,
Die Kugeln prasseln aus den Gewehrläufen,
Ihre Prinzipien sind blutig,
Die Angreifer zerreißen unseren Schlaf,
Nehmen mein Herz gefangen.

Das Reflektieren ist den Spiegeln verboten.
Ich kann nicht hinuntergehen in deinen Garten, denn sie haben ihn
total verwüstet.
Nichts als ein unendliches Vakuum, höchst verwerflich,
Gerade als mir das Messer schon wie die Hölle vorkam,
Fällst du mir wieder ein.
Meine Hände abgemagert...

Sie wissen Bescheid
Über sämtliche Arten der Grausamkeit und Unterdrückung
- Über das Krummschwert, die schwarze Mauser, den blutigen
Hinterhalt
Und die Gedanken des Menschen - die hinterhältigsten
die schändlichsten, abscheulichsten,
Wie verrücktgewordenes Uranium.
Sie wissen Bescheid,
Sollen sie es doch wissen!
Wie ich mich nach dir verzehre,
Oh, meine Geliebte...

So sind die Freibeuter ohnmächtig geworden beim Anblick von Blut,
Ohnmächtig angesichts der mit dem Verbotenen genährten
Unersättlichen,
Der falschen Propheten,
Der Zwerge
Und der kastrierten und dummen Sklaven.
Eben noch einmal,
Als diese Seele bei mir war,
War ich eben ganz verrückt,
Oh, meine Geliebte...

Diese Verbote,
Überbleibsel der Pharaonen.
Entbehrung,
Aus dem Licht in die Dunkelheit.
Heimliche Fallen für die Seele.
Der Morgen graut und schneidet die Hoffnung ab mit grausamer Hand.
Blinde Leidenschaft, losgelöst von der Welt.
Es wird Tag. Sie warten darauf, daß du fällst.
Falle nicht!
Ich sterbe...
Ich verliere deine Augen.

In meiner Nacht
Mit Quitten und Granatäpfeln
Bist du mir Gefährtin.
Im Unglück,
Wo die Welt eng wird.

K.Steinle

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Jan 14, 1999, 3:00:00 AM1/14/99
to
Vor Sehnsucht nach dir habe ich Sträflingsketten abgetragen

Dich zu erklären, dich.
Den guten Seelen, den Helden.
Dich zu erklären, dich.
Der Unehrlichkeit, die keine Ahnung davon hat, wie du bist,
Der hinterhältigen Lüge.

Ein strenger Winter nach dem anderen,
Der Wolf schläft, der Vogel schläft, der Kerker schläft.
Und draußen eine lärmend und tosend dahinfließende Welt...
Nur ich konnte keinen Schlaf finden
In unzähligen schlaflosen Frühlingsnächten.
Vor Sehnsucht nach dir habe ich Sträflingsketten abgetragen.
Stecke dir Rosen ins Haar - blutige Rosen,
Eine rechts
Und eine links...

Wenn ich in dich hineinschreien könnte,
In den bodenlosen Brunnen,
Zu dem fallenden Stern,
Der sich in ein abgebranntes Streichholz verwandelt,
Ein abgebranntes Streichholz,
Das in den Ozean gefallen ist unter die dunkelste Welle.

Zerrissen die ersten Lieben des Seelentierchens,
Zerrissen die Küsse,
Kein Anteil für mich, plötzlich bricht die Nacht herein,
Ein Schluck, eine Zigarette, und den Gedanken nachhängen,
Wenn ich dich erklären könnte...
Deine Abwesenheit ist ein anderer Name für Hölle.
Ich friere, mach' deine Augen nicht zu...

K.Steinle

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Jan 15, 1999, 3:00:00 AM1/15/99
to
Notizen von der Burg Diyarbakirs*
und
Wiegenlied für unser Baby Adilos*

1.

Ich wage es kaum zu berühren,
Mit seinem zarten Pfirsichflaum, mit seiner zerbrechlichen
Granatapfel-Seele.
Mit meinem gebrochenem Rückgrat laufe ich.
Nicht so beschaffen wie ein Vogel,
Oh, frage nicht,
Laaaal*...
Der schreckliche Befehl ist auf den Weg geschickt worden;
Der Garten der Gefährtin total zerwühlt und geplündert*,
Meine Locke vergießt Blut.

Habe mich einer haltenden Seele
Auf Gedeih und Verderb ganz und gar gegeben,
So war ich eben, loooy...
Mit leeren Händen,
Mit dem Fuß in der Falle gefangen.
Wenn es nur mir so ginge,
Welche Plage sie zu lieben,
Sie hat einen Mund, doch keine Zunge,
Die Burg von Diyarbakír...

2.

Sie erblühen,
Die blutroten Blüten
Und auf der anderen Seite schneit es noch.
Schneeverweht der Karaca-Berg,
Schneebedeckt die Sommerweide...
Schau, an meinem Schnurrbart Eiszapfen
Und ich friere.
Unendlich die harten Winter.
Dich stelle ich mir vor wie den Frühling,
Dich stelle ich mir vor wie Diyarbakir,
Aber was wird nicht von Übergriffen heimgesucht.
Süß ist es, an dich zu denken...

3.

Der Hamravat-Fluß zugeforen,
Auf dem Tigris* vier Finger dick Eis.
Unser Wasser müssen wir aus dem Ziehbrunnen holen.
Den Tee brühen wir mit geschmolzenen Schneewasser auf.
Meine Mutter bewahrt ihr Rheuma wie ein Geheimnis.
"Wind" sagt sie, "das vergeht im Frühjahr".
Meine Schwester ist schwanger, trägt schwer.
Sie ist ein schönes Mädchen, weißt du,
Sie ist scheu, einerseits schüchtern
Und andererseits hat sie Angst,
Daß sie sterben könnte.
Wir werden eine Seele mehr werden in diesem Winter,
Mein Baby, wo soll ich dich verbergen?
Willkommen,
Tausendmal willkommen,
Neffe Ahmed Arifs...

4.

Du bist geboren,
Drei Tage haben wir dich hungern lassen,
Drei Tage haben wir dir nicht die Brust gegeben,
Adiloó Baby,
Damit du nicht krank wirst.
Das ist so Sitte bei uns.
Jetzt sauge was du kannst,
Sauge an der Brust und wachse...

Das da sind
Giftige Nattern und giftige Tausendfüßler,
Die es auf unsere Liebe, auf unser Brot
Abgesehen haben.
Du mußt sie kennen,
Kennen, um groß zu werden.

Das ist die Ehre,
In unser Sündenregister eingemeiselt,
Und das ist die Geduld,
Von Gift durchdrungen.
Umarme sie,
Umarme sie und werde groß...
____________________
* Diyarbakir ist die (heimliche) kurdische Hauptstadt
* Adiloó war der Name des ersten Kindes, das Ahmed Arifs Schwester
Nezihe geboren hat
* Kurdischer Klagelaut
* Ahmed Arif meint das Tigris-Tal, das durch Sandabbau von US- und
niederländischen Firmen verwüstet wurde, um militärische Anlagen
und Flughäfen zu bauen. Später entstanden auf dem Gebiet
"Gecekondu"s (Elendsviertel)
* Der Tigris ist ein großer, 1950 km langer, im Antitaurus
entspringender Fluß, der durch Kurdistan fließt

K.Steinle

unread,
Jan 16, 1999, 3:00:00 AM1/16/99
to
Dreiunddreißig Kugeln

1.

Dies ist der Berg Mengene,
Dort, wo der Morgen anbricht in Van.
Ein Kind des Nemrut ist dieser Berg,
Dort gegenüber dem Nemrut, wo die Sonne aufgeht am Morgen.
Lawinen auf der einen Seite, am Horizont der Kaukasus,
Ein Gebetsteppich der Perser auf der anderen Seite.
Gletscher auf den Gipfeln,
Flüchtige Tauben an seinen Quellen,
Eine Schar Rebhühner...

Niemand kann ihren Mut leugnen,
Nie wurden sie im Kampf Mann gegen Mann besiegt,
Diese Jungen - seit tausend Jahren!
Wie kann man ihre Geschichte erzählen...
Es geht ja nicht um einen Schwarm Kraniche,
Nicht um die Sternbilder am Himmel -
Dreiunddreißig Herzen, von Kugeln zerfetzt,
Dreiunddreißig Ströme quellenden Blutes
Fließen nicht hinab,
Sammeln sich zu einem See auf dem Berg...

2.

Am Fuß des Pfades ein aufgeschreckter Hase,
Sein Rücken gescheckt,
Milchweiß sein Bauch,
Ein armer, trächtiger Berghase.
Bis zum Halse schlägt dem zitternden Tier das Herz.
Mitleid empfindet der Mensch.
Einsamkeit - einsame Stunden
In einem makellosen, splitternackten Morgengrauen.

Einer der Dreiunddreißig schaut ihn an,
Im Bauch eine hungrig quälende Leere,
Wirr die Haare und der Bart,
Läuse am Kragen,
Die Hände gefesselt,
Mit einer Hölle im Herzen sieht der Mutige
Einen armen Hasen
Hinter sich.

Die geliebte Flinte fällt ihm ein,
Beleidigt unter dem Kissen zurückgelassen.
An sein junges Pferd denkt er, aus der Ebene von Harran,
Mit einer blauen Perle in der Mähne,
Mit weißer Stirn
Und weißen Fesseln.
Ein Vergnügen der leichte Ritt,
Rotbraun, die Seglavi-Stute.
Wie flogen sie über den Berg Hozat!

Wehrlos und gefesselt jetzt,
Im Rücken ein kalter Gewehrlauf
- Das müßte nicht sein!
Zuflucht hätte er finden können auf den Höhen...
Diese Berge sind seine Brüder, sie kennen sein Schicksal.
Bei Allah! Diese Hände machen dem Mann keine Schande!
Die Asche der brennenden Zigarette,
Im Sonnenlicht die funkelnde Gabel der Natternzunge.
Beim erste Schuß schon zerstäuben
Die Meisterhände...

Nie sind diese Augen in eine Falle gegangen.
Die drohende Lawine, das Verhängnis der Spalten,
Die schneebedeckte weiche Hinterhältigkeit
Der Abgründe -
Im Voraus schon von seinen Augen erkannt...
Wehrlos
Erschossen,
Der Befehl stand fest.
Seine Augen werden zum Fraß für blindes Getier,
Sein Herz zum Aas für die Geier...

3.

Ich bin getroffen.
Zur Stunde des Morgengebets
In einer abgelegenen Schlucht der Berge,
Liege ich da.
Blutend, hingestreckt...

Ich bin getroffen.
Mein Traum dunkler als die Nächte,
Kein gutes Zeichen erscheint mir,
Ohne Aufschub nehmen sie mir das Leben.
Das steht nicht in den Geschichtsbüchern.
Ein Pascha hat den chiffrierten Befehl gegeben.
Ohne Gehör, ohne Urteil werde ich erschossen.

Chronist, schreibe alles über mein Schicksal!
Vielleicht meint man, es sei nur Legende?
Das sind keine Rosen auf meiner Brust,
sondern Dumdum-Geschosse!
Der Mund zerfetzt...

4.

Den Todesbefehl führten sie aus,
Tauchten den blauen Dunst des Berges in Blut.
Auch den gerade erst erwachenden Wind der Morgendämmerung
Besudelten sie mit Strömen von Blut,
Stellten dann die Gewehre zusammen,
Betasteten die Brust,
Durchsuchten
Alles haarklein.
Mein rotes Halstuch,
Die Gebetskette und Tabaksdose nahmen sie mit
- Geschenke der Perser.

Brüder sind wir, durch unser Blut verbunden
Mit den Dörfern drüben, mit den Nomaden
Verschwägert seit Jahrhunderten.
Wir sind Nachbarn, Seite an Seite.
Unsere Hühner vermischten sich.
Nicht aus Unkenntnis,
Aus Armut
Konnten wir uns mit dem Reisepaß nicht so recht anfreunden.
Wegen solcher Vergehen
Werden wir hingeschlachtet
Und zu Banditen gestempelt,
Zu Schmugglern,
Zu Räubern,
Zu Verrätern...

Chronist, schreibe alles über mein Schicksal!
Vielleicht meint man, es sei nur Legende?
Das sind keine Rosen auf meiner Brust,
Sondern Dumdum-Geschosse!
Der Mund zerfetzt...

5.

Schieß' doch, Kerl!
Schieß!
So leicht sterbe ich nicht.
Ich bin die Glut in der Asche des Herdes.
In meinem Bauch gibt es ein Wort
Für den, der versteht.
Mein Vater hat seine Augen gegeben vor Urfa,
Drei Brüder auch,
Drei liebe Bäume,
Noch nicht satt vom Leben, drei Felsen.
Von Festungstürmen, Hügeln, Minaretten
Der Chronist, der Verwandte, die Kinder der Berge
Im Widerstand gegen die französische Umzingelung.

Sein Schnurrbart fing gerade erst an zu wachsen.
Mein junger Onkel Nazif,
Gut sah er aus,
Leichten Herzens,
Ein guter Reiter.
Er sagte "Schieß, Bruder,
Es ist ein Tag der Ehre"
- Und ließ sein Pferd laufen.

Chronist, schreibe alles über mein Schicksal!
Vielleicht meint man, es sei nur Legende?
Das sind keine Rosen auf meiner Brust,
Sondern Dumdum-Geschosse!
Der Mund zerfetzt...

K.Steinle

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Jan 17, 1999, 3:00:00 AM1/17/99
to
Im Gymnasium in Afyon geschrieben Gedicht:

Mein Kissen ist ein blauer Rosengarten,
Mein Schlaf ist der unverständliche Gesang meiner Haare.
Der erste Schatten auf meinem Kissen ist die Unerfahrenheit,
Und die erste vergessene Freiheit der Tanz.

Die Sanftheit deiner schäumenden Küsse
Ist der Ort des Himmels der heiligen Sünden,
Der Flaum deiner makellosen weißen Haut,
Wenn eine Wolke am Mond vorbeigleitet.

Die Musik in deinen Augen, in denen blauer Wein fließt,
Ermattet in ihrem Schatten.
Du bist immer so schön, meine Geliebte.
Ich bin auf gottlose Weise total verliebt in dich.

K.Steinle

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Jan 18, 1999, 3:00:00 AM1/18/99
to
Ein Jugendgedicht von 1947:

Zur Abendstunde, der Wein
Herrscht über Gärten und Berghänge.
Genau die richtige Zeit, in der Welt zu spazieren,
Wenn das Mondlicht ein wenig Wasser trinkt.

Deine Hüften haben Gestalt angenommen,
Die Spatzen pfeifen es von den Dächern.
Die Schlagzeilen der Zeitungen spucken meilenweit Lügen aus,
Doch sie stehen auf tönernen Füßen.

Du mein Kind,
Die Druckerschwärze und
Deiner Hände Werk wurden verraten.
Sie haben ihn fortgetragen, deinen Freund,
Ins Auge des Orkans.

Die Liebe
Ähnelt der Hoffnung.
Ein kalter Gewehrlauf
Eine blinde Kugel, hinterhältige Falle,
Die grausame Unterdrückung im Nacken,
Und meine aufgeblühte Seele auf dem Tablett präsentiert,
Auf der Nasenspitze
Die Freiheit.

Du liebst - es ist möglich.
Zwischen euch die Kugel
Und das Sperrgebiet.
Du bist jung
Und deine Liebe ist so schön, daß es sich lohnt dafür zu sterben.
Und alte Männer sind es, die solche Gesetze machen.

K.Steinle

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Jan 19, 1999, 3:00:00 AM1/19/99
to
"Togliatti*"

Palmiro, Palmiro, großartiger Arbeiter
Der Pulvergeruch aus deinen noch warmen Wunden
Läßt die Muttermilch versiegen
Und raubt den Babys den Schlaf.
Du bist die Angst der Kathedralen auf der Halbinsel.
Die Plätze Roms
Gehören jetzt uns, auch am Tage.
Der Meerwind in strahlendem Blau,
Die Sonnenweiten Siziliens,
Die Wellen auf den Ansichtskarten und die Gärten Neapels,
Auch die Luft, alle stehen auf unserer Seite,
Auch das Wasser, alle stehen auf unserer Seite.
Der Seniore Gasperi* dagegen
und alle anderen Herren
Fürchten uns genauso,
Wie uns die Klostermäuse fürchten.
____________________
* Palmiro Togliatti war ZK-Mitglied der Italienischen
Kommunistischen Partei und Vertreter in der Komintern mit
führender Rolle. Er wurde 1946 in Italien von Faschisten ermordet.
* Alcide de Gasperi (1881-1945), radikaler italienischer
Antikommunist, Gründer der Katholischen Volkspartei und später der
Democrazia Cristiana, war mehrmals Außenminister und
Ministerpräsident.


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aus der Neuerscheinung im Libresso Verlag:

Ahmed Arif
hasretinden prangalar eskittim
Aus Sehnsucht nach dir habe ich Sträflingsketten abgetragen

Gedichte türkisch-deutsch
Übersetzung und Biografie von Karen Steinle
126 Seiten, brosch. DM 20,--
ISBN 3-930707-07-1

bestellbar per Rechnung über e-mail oder
Libresso Buchhandlung und Verlag,
Bauerngasse 14, 90443 Nürnberg
Tel. 0911- 22 50 36 Fax: 27 260 27


____________________

K.Steinle

unread,
Jan 20, 1999, 3:00:00 AM1/20/99
to
Verhaftet

Plötzlich
Schweigen, wie von einer Kugel getroffen;
Auch meine Augäpfel
Schweigen.
Die Stadt öffnet sich, gibt den Weg frei;
Im Radio eine traurige Melodie
Aus Elazig*.

Ich halte nicht nach Fluchtmöglichkeiten Ausschau.
Ehrlos bin ich nicht,
Reumütig bin ich nicht.
Ich möchte es mir nur bequem machen
Mit einer Zigarette.
Ihr Rauch ist mir so wertvoll wie Edelsteine.

Bin ich geschlagen, bin ich beschämt?
Eigentlich beides nicht.
Ich bin ein armer Kerl, du bist schön
Und die Welt ist voller Hoffnung.
Mir ist so komisch zumute heute Abend
Meine Geliebte.
Als ob mich das Ungeheuer verschleppen würde
Mich links und rechts packt
Mit Bayonetten auf beiden Seiten.
...........

Und es gibt Mauern
Deren Anblick der Sonne verboten ist.
Und schrecklich ist die Einsamkeit der Pritsche.
Rücklings auf dem Bett liegst du
Mit deiner Freundin der Zigarette an den Lippen.
Die Aprikosenbäume beginnen vielleicht gerade heute Nacht zu
blühen.
Aus den Kasernen erklingt der Zapfenstreich
Und verwehrt sind dir die schönsten Kämpfe.
Dein Herz steckt in einer Kohlegrube in Zonguldak*
Dein Kopf ist bei einem Straßenkampf in China.

1951 im Gefängnis in Ankara geschrieben
____________________
* Elazíg ist eine kurdische Stadt
* Zonguldak ist der türkische Kohlenpott und das Zentrum der
Schwerindustrie im Schwarzmeer-Gebiet; extrem schlechte und
gefährliche Arbeitsbedingungen, jährlich verunglücken um die 100
Bergleute tödlich.

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