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Nazim Hikmet: Mein Lebenslauf

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Karl Dietz

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Jan 16, 2000, 3:00:00 AM1/16/00
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Nazim Hikmet - Mein Lebenslauf

1902 bin ich geboren;
in meine Geburtsstadt kam ich nie wieder,
ich kehre nicht gerne um;

als Dreijaehriger lebte ich in Aleppo, bei meinem Grossvater, einem Pascha;
mit 19 Jahren habe ich in Moskau an der Kommunistischen Universitaet studiert;
30 Jahre spaeter war ich in Moskau als Gast des ZK der Partei;

seit meinem 14. Lebensjahr schreibe ich Verse;
manche Menschen kennen die Arten der Graeser oder der Fische,
ich kenne die Arten der Einsamkeit;
manche wissen die Namen der Sterne,
ich weiss die Namen der Sehnsucht;
ich war in Kerkern und Grand-Hotels,
ich hungerte oft, machte auch Hungerstreik und lernte manche Speise nicht kennen;

mit 30 sollte ich haengen;
mit 48 sollte ich den Friedenspreis bekommen und bekam ihn auch;
mit 36 legte ich in einem halben Jahr 4 Quadratmeter Beton zurueck;
mit 59 flog ich in 18 Stunden von Prag nach Havanna;

Lenin habe ich nicht mehr erlebt,
doch ich hielt Wache an seiner Bahre 1924;
1961 waren seine Buecher mein Ehrenmal, das ich besuchte;
man wollte mich trennen von meiner Partei,
es ist nicht gelungen;
die stuerzenden Goetzen konnten mich nicht zerschmettern;

1951 fuhr ich mit einem jungen Freund dem Tod auf dem Meer entgegen;
1952 lag ich 4 Monate lang mit einem Herzriss regungslos auf dem Ruecken und wartete auf den Tod;

wenn ich liebte, war ich sehr eifersuechtig,
doch Charlot habe ich nie beneidet;
die ich liebte, betrog ich auch,
aber nie hab ich Freunde hinterruecks schlechtgemacht;

ich trank, ohne Trinker zu werden,
und bin stolz, dass ich mein Brot immer im Schweiss meines Angesichts verdienen musste;
ich schaemte mich oft fuer andere
und log, um andre nicht zu verletzen,
doch log ich nie ohne Grund;

ich reiste im Zug, im Auto, im Flugzeug -
viele koennen das nie;
ich war in der Oper -
wie viele koennen nie in die Oper gehen
und kennen sie nicht einmal dem Namen nach;

was viele schaetzen,
hab ich gemieden seit meinem 21. Lebensjahr:
Moscheen, Kirchen und Tempel, Synagogen und Zauberer,
doch hin und wieder liess auch ich mir den Kaffeesatz deuten;

meine Buecher erschienen in 30 bis 40 Sprachen,
nur in meiner Tuerkei, in meiner Muttersprache,
sind sie verboten;

an Krebs erkrankte ich bisher nicht,
doch sicher davor ist man nie;
ich habe keinerlei Aussicht,
Minister und dergleichen zu werden,
es liegt mir auch nichts daran;
ich war nicht im Krieg
und musste nie in die Luftschutzkeller um Mitternacht fluechten
und wurde auch nicht von Stukas auf der Flucht beschossen,
doch mit fast 60 Jahren habe ich mich verliebt ...

kurzum, Genossen,
sollte ich heute, hier in Berlin, vor Kummer zugrunde gehen,
koennte ich sagen:
Ich habe menschlich gelebt auf dieser unserer Erde,
und wer weiss,
wie lange ich noch lebe
und was ich noch alles erleben werde.

Dieser Lebenslauf wurde am 11. September 1961 in Berlin geschrieben.

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