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(fwd) Bericht V in Berlin, 13.12.99

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Karl Dietz

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Jan 21, 2000, 3:00:00 AM1/21/00
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## Betreff: Bericht V in Berlin, 13.12.99
## Erstellt: 19.01.00
## Quelle: /ina-list
## Es folgt der Text der weitergeleiteten Nachricht ----------------

Bericht über die Veranstaltung:
Neue Arbeit - Durchwursteln oder eine reale Chance für die Veränderungder
Arbeitsgesellschaft?
am 13.12.99 im Elternzentrum, Mehringdamm 114, Berlin

Ca. 90 Personen folgten unserer Einladung sich über das Konzept
"NeueArbeit" des Philosophen F. Bergmann und dessen praktische Umsetzung
zuinformieren. Neben Frauke Hehl, des Berliner Projektes "workstation",
diedie Veranstaltung leitete, berichteten Elisabeth von Renner
(NetzwerkNeue Arbeit, Kassel), Manuela Krengel, Monika Schulz (Haus
derMöglichkeiten in Lauchhammer) und Michael Birkenbeul
(SozialistischeSelbsthilfe Köln-Mülheim) aus der laufenden Arbeit in ihren
Projekten.
Zunächst führte Elisabeth v. Renner in die Theorie von Frithjof
Bergmannein. Bergmann geht in seinem Konzept davon aus, daß immer
wenigerMenschen einen Vollerwerbsarbeitsplatz ein Leben lang innehaben
werden.Daraus zieht er die Konsequenz über eine Drittelung der zur
Reproduktionnotwendigen Arbeits-Zeit in "'normale'Erwerbsarbeit","High-
Tech-Selfproviding" (Eigenarbeit) und "calling" (Berufung) denBetroffenen
Möglichkeiten jenseits des traditionellenErwerbsarbeitssystems zu
eröffnen. Bergmann möchte mit seinem Konzept,zum einen die verfügbaren
Jobs gerechter verteilen. Zum zweiten, betonter daß durch Eigenarbeit und
schlauen Konsum materielle Einbußen derReduzierung der Arbeitszeit
ausgeglichen werden können. Insgesamt, soBergmanns Vorstellung, trägt
"Neue Arbeit" zur Verbesserung derLebensqualität der Menschen bei; neben
der Erwerbsarbeit bleibt genügendZeit zu überlegen, was man/frau wirklich,
wirklich will, um daraus neuePerspektiven zu entwickeln.

Nach der theoretischen Einführung stellten Manuela Krengel und
MonikaSchulz ihr Projekt "Haus der Möglichkeiten" in Lauchhammer vor.
DieKleinstadt Lauchhammer gehört zu den Industrieregionen der neuen
Länder,die von extrem hoher Arbeitslosigkeit betroffen sind, nachdem
derBraunkohle-Abbau und die damit zusammenhängende
Schwerindustrieweggebrochen sind. Mit dem Haus der Möglichkeiten, das
verschiedeneWerkstätten (Töpferei, Nähwerkstatt, Kunst-und Kulturzentrum)
beinhaltet,sollte zunächst ein Begegnungszentrum geschaffen werden, das
Raum fürIdee, Kreativität und im Bergmann'schen Sinne "calling" bietet.
Außerdemwerden verschiedene Beratungen angeboten. Die beiden Frauen
ausLauchhammer berichteten von anfänglichen Problemen, Akzeptanz für
andereFormen der Arbeit bei Menschen zu finden, deren Vorstellung
vomlebenslangen sicheren Arbeitsplatz plötzlich zerstört wurde. Es
brauchtoffensichtlich einige Zeit und sehr viel Engagement
derProjektinitiatorInnen, einen Umdenkungsprozeß anzustoßen.
Nachmittlerweile fast zweijähriger Erfahrung werden die Angebote jetzt
ingrößerem Umfang genutzt, neue Projekte befinden sich in der Planung.
DasHauptproblem besteht aktuell darin, die Finanzierung des Projektes
überdas Auslaufen der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen hinaus zu sichern.
Michael Birkenbeul von der "Sozialistischen Selbsthilfe Mühlheim
(SSM)"konnte dagegen aus der 20jährigen Erfahrung seines Projektes
darstellen,daß die Bergmann'sche Theorie der Drittelung von
"Erwerbsarbeit","Selfproviding" und "Calling" in der Praxis funktioniert.
In der SSMhaben sich 16 Personen zusammengefunden, um auf einer
altenIndustriebrache gemeinsam zu leben und zu arbeiten. Die SSM betreibt
einUmzugs- und Entrümpelungsunternehmen und einen Second-Hand-Laden, in
demgemeinschaftlich gearbeitet wird, und aus deren Gewinnen 100,-
DMwöchentlich an alle Mitglieder, auch an die Kinder, ausgezahlt wird.
Allewerden kranken- und rentenversichert. Darüber hinaus leben die
Mitgliederder SSM mietfrei, essen gemeinsam und können sich ihren Bedarf
anKleidung, Haushaltswaren etc. aus ihrem Laden geldlos
besorgen."Erwerbsarbeit" und "Selfproviding" gehen hier nahtlos ineinander
über.
In der Diskussion gab es zunächst zahlreiche Nachfragen zur Praxis
dereinzelnen Projekte. Im Vordergrund standen dabei Fragen der
Finanzierung(öffentliche Gelder ja oder nein; welche öffentlichen Gelder
könnengenutzt werden etc.), Fragen der Renten- und Alterssicherung
(waspassiert, wenn man/frau nicht mehr erwerbs- oder eigen-arbeiten
kann,welche Form der Alterssicherung existiert im Konzept von Bergmann)
unddie Frage nach dem Übergang von Eigenarbeit in gewerbliche Tätigkeit
(wohört Eigenarbeit auf und wann fängt gewerbliche Arbeit an).

Eine grundsätzlichere Diskussion entbrannte an der Frage, ob ein
Projektwie die SSM, eine reine Nische sei oder einen
Alternativentwurfdarstellen könnte. Aus dem Publikum heraus wurde
argumentiert, daß dieSSM nur als Armuts-Ökonomie funktionieren könne, bei
der die einzelnenauf einem relativ geringen materiellen Niveau lebten.
Michael Birkenbeulrechnete allerdings vor, daß sie materiell nicht sehr
viel schlechterdarstehen, als manch' eine normale Angestellte, wenn man
dieLebenshaltungskosten, die bei der SSM gemeinschaftlich getragen
werdenmit einbezieht. Dagegen trug er sehr überzeugend vor, daß
diesesgemeinschaftliche Leben ein mehr an Lebensqualität beinhalte.
Als zweiter großer Einwand gegen das Konzept von Bergmann
wurdevorgebracht, daß es zur Individualisierung der Erwerbslosigkeit
beitrage,gerade wenn, wie im Projekt von Lauchhammer das individuelle
"Calling" imVordergrund steht und Erwerbslosigkeit mehr psycho-sozial
bearbeitetwerde. Zudem wurde angemerkt, böten die in Lauchhammer
initiertenWerkstätten kaum tatsächliche Zukunftsperspektiven jenseits
derErwerbsarbeit für eine größere Zahl von Personen. Keinesfalls könne
eineTöpferei und eine Nähwerkstatt Industriearbeitsplätze ersetzen. Die
Fragewurde laut: kann "Neue Arbeit" unter den Bedingungen
derMassenarbeitslosigkeit in Lauchhammer mehr sein als
eineBeschäftigungstherapie? Hier wurde angemerkt, daß es neue Ideen für
eingrößeres Projekt gibt, das auch "Marktchancen" besitzt. Das
Konzeptschließe, wie das Beispiel der SSM zeigt, nicht aus, daß NeueArbeit-
Projekte auch "am Markt" erfolgreich sein können. Zugleich wurdenoch
einmal betont, daß das Haus der Möglichkeiten zunächst einmal einkleiner
Versuch war, möglichst niederschwellig Angebote zu machen,
einenUmdenkungsprozeß in Gang zu bringen.
Ein dritter großer Diskussionsbereich war die Frage nach
demgesellschaftlichen und individuellen Interessen an "Neuer Arbeit".
Diezahlreichen Fragen aus dem Publikum machten deutlich, daß ein
Interesseeinzelner Personen, sich an einem Neue Arbeit-Projekt zu
beteiligen,durchaus vorhanden ist und es einen Bedarf an Beratung und
derVermittlung von Kontakten gibt. Interessanterweise gibt es sowohl
inLauchhammer als auch in Mühlheim Arbeitsämter und
GewerkschaftlerInnen,die auf der Suche nach Perspektiven, sich für das
Neue Arbeit-Konzept zuinteressieren beginnen. Allerdings gibt es bisher
kaum Unternehmen oderBetriebe, die sich an der Verwirklichung der
Drittelungs-Idee Bergmannsbeteiligen. Das Netzwerk Neue Arbeit versucht
zur Zeit, wie Elisabeth v.Renner erklärte, Unternehmen zu gewinnen.

Fazit:
Mit der Veranstaltung wurden zahlreiche Informationen zur
Praxisexistierender Neue-Arbeit-Projekte einer breiteren
Öffentlichkeitvorgestellt. Daß sich rund 90 Personen aus ganz
unterschiedlichen linkenSpektren für das Thema interessieren, kann bereits
als ein Erfolggewertet werden. Das positive Beispiel der Sozialistischen
SelbsthilfeMühlheim gab darüber hinaus Anschauung, daß die Theorie der
Neuen-Arbeitauch in der Praxis funktionieren kann und vermittelte
Anregungen, die, soder Eindruck, vom Publikum mit Interesse wahrgenommen
wurden. Die regeDiskussion machte zugleich deutlich, daß neben dem großen
Interesse anFormen des kollektiven, anderen Arbeitens, grundsätzliche
Fragen anBergmann noch offen stehen und eine kritische
Auseinandersetzungfortgesetzt werden muß. Offen blieben u.a. die Fragen,*
ob das Konzept Neue Arbeit Perspektiven auch im Bereich der
(relativgesicherten) Stammbelegschaften des industriellen Sektors bieten
kann,oder ob es sich "nur" an die marginalisierten und
prekarisiertenArbeitnehmerInnen richtet,
* ob und wie Neue-Arbeit-Projekte ihr Nischen-Dasein überwinden
können,welches Verhältnis zum Markt angestrebt wird, inwieweit das Konzept
mehrleistet als Menschen in eine ohnehin unsichere Selbständigkeit
zuentlassen,
* wie sich das Konzept in die Diskussion um den Sozialstaat einreiht, obes
ggf. Ansatzpunkte gibt, das Konzept Neue Arbeit in die
laufendeExistenzsicherungsdebatte / soziale Grundrechtsdebatte zu
integrieren usw.
Für Februar ist eine Diskussionsveranstaltung mit Bergmann selbstgeplant,
auf der wir diese Fragen vertiefend diskutieren wollen.


# kontakt :Frauke Hehl
# work.s...@berlin.de
# http://www.snafu.de/~workstation

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