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Nachtigallen in Springerstiefeln: Zur Lage der Dinge bei der "Kunst & Kultur - kulturpolitische Zeitschrift der IG Medien"

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Marcus Hammerschmitt

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Feb 23, 2000, 3:00:00 AM2/23/00
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Was ist eigentlich mit der "Kunst & Kultur" los?
In der aktuellen Ausgabe findet sich ein mehrseitiges
Elaborat von Axel Matthes (S. 31), der sich offenbar mehr
und mehr dazu berufen fühlt, nicht nur die gewohnheitsmäßig
Unverstandenen und Abseitigen in seinem Kleinverlag zu
veröffentlichen, sondern auch ganz direkt mit bizarren Einlassungen
in den Kulturbetrieb einzugreifen. Es wäre nicht das
erste Mal, daß ein Verleger, der auch Schriftsteller
sein will, die Geduld des Papiers erforscht, aber muß es
wirklich Herrn Matthes gestattet werden, in der "Kunst &
Kultur" Jean Paul zu loben, weil der "frei von Feminismus"
sei? Die albernen Witzchen Jean Pauls, die Matthes
zum Beleg dieser Behauptung anführt, machen aus Jean
Paul noch keinen Frauenfeind, sie allerdings zum Zwecke
des Lobs auf so engem Raum zu konzentrieren, riecht nach
Herrenabend. Und wenn Matthes die Hosen
herunterläßt, bleibt es nicht bei ein paar peinlichen
Bemerkungen zu Dummheiten seiner Lieblingsschriftsteller,
denn er schöpft gern aus dem Vollen. "Jean
Paul gehört wie Gustav Mahler zu den schlechthin
unkritisierbaren Phänomenen". "Jedes Volk bringt sich
durch einen Dichter in einer Höchstleistung an den Tag (...)"
"Jean Paul ist ganz frei von der Antike, daher ohne Maß,
daher deutsch." "Er kam zum Bewußtsein der
Vergänglichkeit und setzte dagegen das Hochgefühl einer
allumfassenden Liebe, eine Selbstüberwölbung und eine
Art Vulkanismus." Nun will die Kunst und Kultur weder ein geologisches
Fachmagazin, noch ein Kirchenblättchen, noch ein
Monatsheft für professionelle Selbstüberwölber sein, sondern
die kulturpolitische Zeitschrift der IG Medien. Man kann
sich also durchaus fragen, was diese Harzkörnchen aus dem
Weihrauchfaß des deutschen Bildungsspießers eigentlich in der
Kunst & Kultur verloren haben. Die Antwort, jedenfalls für die
letzten Jahrgänge: Sie passen nur zu gut. Es ist nicht nur Herr
Matthes, der manchmal sein neues Verlagsprogramm
im redaktionellen Teil der Zeitschrift selbst rezensieren darf
(vgl. Kunst & Kultur Nr. 9 / Dez. 99 S. 48 - 51). Es ist auch der
Chefredakteur Josef Singldinger, dem schon einmal bei der Besprechung
einer Ausstellung die anthroposophischen Visionen durchgehen
(Nr. 5 Juni/Juli/August 1999, S. 16). Es ist Rudolf Ungváry, der in
Nr. 6 / September 1999 seine nationale Linguistik im Rückenmark
verankert, und es ist das fast komplette Fehlen von deutlichen,
öffentlichen Reaktionen auf die unerträglichen Äußerungen von Martin
Walser am 11.10.98 in der Paulskirche. Während der Hauptteil des
Blattes sich um Zeitfragen, Organisationsdebatten und mehr oder minder
interessante Ausstellungen, Neuerscheinungen und Konzerte kümmert,
macht sich in ihren Schmuddelecken ein Gemisch aus
versnobtem Antiintellektualismus, ästhetisierender
Langeweile und abgeschmacktem Irrationalismus breit.
- Die Spitzensportler im einzelnen. Josef Singldinger (als Autor nur
im Inhaltsverzeichnis des Heftes kenntlich gemacht) überschreibt eine
Ausstellung zu den Werken anthroposophischer bzw.
anthroposophisch inspirierter Künstler bedenkenlos mit dem Titel
"Visionen - Richtkräfte für das 21. Jahrhundert in Zürich". Nun
unterliegt ja der irrationale und rassistische Kern der Anthroposophie
glücklicherweise seit einigen Jahren einer kritischen Überprüfung,
Singldinger ficht es nicht an. Zu Rudolf Steiner hat er profunde
Dinge zu sagen: "Je mehr in einem Kunstwerk Denken und
Fühlen spürbar werden, destro intensiver wird es auf die, die es
betrachten, wirken. Rudolf Steiner forderte eine solche
Differenziertheit auf allen Ebenen des menschlichen
Ausdrucksvermögens, für das konkrete soziale Engagement ebenso wie
für die Fähigkeit zum abstrakten Sicheinlassen auf die Dinge." Es wird
diese Differenziertheitgewesen sein, die Rudolf Steiner zu sozial
engagierten Aussagen wie der folgenden veranlaßt hat: "Das Judentum
als solches hat sich aber längst ausgelebt, hat keine Berechtigung
innerhalb des modernen Völkerlebens, und dass es sich dennoch erhalten
hat, ist ein Fehler der Weltgeschichte." Auch die
wissenschaftstheoretischen Erkenntnisse
Steiners befriedigen Singldinger zutiefst. "Kunst und Wissenschaft
sindeine Einheit. Und nur über diese Einheit kommt man zur Erkenntnis
der Kunst und zur Wahrheit in der Wissenschaft. Steiner will keinen
Separatismus von Denken und Fühlen. Alles beruhe auf dem Prinzip der
Wechselwirkung."Es mögen diese tiefen wissenschaftlichen Einsichten
gewesen sein, die Steiner behaupten ließen, Quecksilber heile Syphilis
und Frauen müßten "Mulattenkinder" gebären, hätten sie als Schwangere
"Negerromane"gelesen. Zu Emma Kunz, die mit den Anthroposophen in der
besagten Ausstellung gemeinsam gezeigt wird, hat Singldinger zu
vermerken: "Emma Kunz, die fast völlig Unbekannte, war
Naturheilpraktikerin. (...) Das, was sie zeichnete,
pendelte sie aus und kam - fast möchte man sagen: über eine
Geisterhand geführt - zu höchst rätselhaften Bildern, die alle ohne
Titel sind." (Nr. 5 Juni/Juli/August 1999, S. 16). Singldinger möchte
man fast etwas ganz anderes sagen: danke. Danke dafür, daß er, wenn
auch unfreiwillig, die enge Verwandtschaft zwischen der Anthroposophie
und den zeitgenössischen esoterischen Bocksprüngen kenntlich macht.
Axel Matthes hingegen verarztet besonders gern Genies. Auch Goethe
ist vor ihm nicht sicher. "Unfaßbar. An Goethe wird der hochmütige
Unsinn der Professoren und Literaten und ihrer Biografien und Essays
deutlich: denn wenn man alles gelesen hätte und sich auskennte, was
über ihn geschrieben und seine Werke, Briefe und Tagebücher, Bilder
von ihm, Handschrift und Horoskop dazu - so wäre das innere Rundbild
und ideale Gemälde von seiner persona doch nur ein schwacher Schatten,
weggewischt in dem Augenblick, da wir ihn leibhaftig vor Augen hätten
und hörten - in seiner unwägbaren und nie in Worte faßbaren Aura und
Sprache." (Nr. 2 / März 1999, S. 13) Es bedarf schon einer nicht in
Worte faßbaren Sprache, um den Titanen zu huldigen, und Axel Matthes
beherrscht sie selbst angesichts des Leibhaftigen wie der
Gottseibeiuns. Rudolf Ungváry treibt wiederum ganz etwas anderes um.
Ich habe mich zu seinem Text "Friedhofsdenken fürs Gewissen" (Nr. 6
Sept. 99 / "anriss", S. 24) schon einmal geäußert ("Lob des
Massakers", Usenet-Diskussionsbeitrag September
1999). Weil er das Triumvirat, das ich hier meine, perfekt macht,
seien die schönsten Zitate daraus noch einmal angeführt:

"Aber nur in der Muttersprache kann man richtig
die Säuglinge und Geschlechtspartner liebkosen ..."

"Kulturelles Erbe ist Information und Information
ist Macht. Durch seinen Besitz behauptet man sich
innerhalb einer Rasse, die von Kopf bis Fuß auf
sprachlich erfaßte Regelfolgen eingestellt ist."

"In einer Fremdsprache ist die Macht weder richtig
erreichbar, noch richtig genießbar. Genauso, wie der
Sexualakt oder die Geburtswehen nicht richtig in
einer Fremdsprache ausgetragen werden können."

"Wer eine ungarische, serbische, albanische usw.
Muttersprache hat, dem ist es vom Rückenmark her
eindeutig, daß ein jeder auf die Assimilation des
Anderen aus ist."

Was kommt als nächstes? Wird uns in der "Kunst & Kultur"
bald Gabriele d'Annunzio empfohlen, weil er "frei von Vernunft"
war? Müssen wir in der kulturpolitischen Zeitschrift der IG
Medien lesen, daß Arno Breker das Ideal der modernen Plastik
erreicht habe? Wird uns der Kosovo-Krieg als Stahlbad verkauft,
durch das die Deutschen ihrer eigentlichen Bestimmung näher
gekommen seien?

Man könnte ja gespannt sein. Mir ist vorläufig allerdings
nur schlecht.


"Causerien über dem Abgrund" (Dez./Jan. 1999)
Mein Beitrag zu der entfallenen öffentlichen Debatte des VS
über Martin Walsers Friedenspreisrede:

http://www.cityinfonetz.de/homepages/hammerschmitt/low_walser.html

"Ist die Anthroposophie eine Wissenschaft?"
Artikel des schwedischen Philosophen Sven Ove Hansson
zu den wissenschaftlichen Meriten Rudolf Steiners:

http://www.cityinfonetz.de/homepages/hammerschmitt/low_hansson.html

Das englischsprachige Original:

http://www.dandugan.com/waldorf/articles/Hansson.html

Die diversen Rassismen Rudolf Steiners und seiner Anhänger:

http://www.akdh.ch/ps/ps_52Anth-Rass-Denk.html


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