DIE REALITÄT DER BEVÖLKERUNGSENTWICKLUNG
- URSACHEN UND VERANTWORTLICHKEITEN
Die Frage der Bevölkerungsentwicklung der Bundesrepublik
Deutschland mit ihren exorbitanten ökonomischen, politischen und
kulturellen Folgen läßt sich schon seit langem nicht mehr
verschweigen, es kommt darauf an, sie in ihrer ganzen Konsequenz
zu erfassen und Ursachen und Verantwortlichkeiten zu benennen.
Diese Entwicklung konzentriert tiefgreifendste gesellschaftliche
Veränderungen dieses Landes. Sie ist einerseits Ergebnis einer
Politik, die solche Veränderungen in Kauf nimmt oder vielmehr
sogar beabsichtigt, andererseits sind hier im Verlauf von drei
Jahrzehnten demographische Fakten geschaffen worden, die eine
enorme Hypothek für sämtliche Entwicklungsmöglichkeiten des
Landes und darüber hinaus für seine Nachbarn darstellen. Sie
scheinen das Land in eine ganz bestimmte Entwicklungsrichtung
zu zwingen.
Die staatlichen Statistiken der Bevölkerungsentwicklung und die
staatlichen Prognosen für die kommenden Jahrzehnte lassen sich
kurz folgendermaßen zusammenfassen:
Die Bevölkerungsentwicklung der BRD wird schon seit 1972 durch
ein permanentes Geburtendefizit geprägt, anders ausgedrückt: es
sterben erheblich mehr Menschen in diesem Lande als geboren
werden.
Die offiziellen Prognosen der weiteren Bevölkerungsentwicklung
laufen auf die Permanenz des gegenwärtigen starken
Sterbeüberschusses hinaus. Nach Überzeugung des Statistischen
Bundesamtes sowie auch der Bundestags- Enquête-Kommission
"Demographischer Wandel" (Bericht v. 14. 6. 1994) wird
Deutschland von der angeblichen Gesetzmäßigkeit beherrscht, daß
die Geburtenzahlen innerhalb der Bevölkerung - einschließlich aller
mittlerweile hier lebenden Menschen, die rechtlich Ausländer sind -
so gering sind, daß *jede nachfolgende Generation sich auf etwa
2/3 der Elterngeneration reduziert.*
Für den deutschen Teil der Bevölkerung ist der Wert noch geringer.
Selbst wenn dieser Unterschied nicht gemacht wird, führt diese
Entwicklung in der Hochrechnung über 4 Generationen zu einem
*Schwund der Bevölkerung von jetzt 82 auf etwa 16 Mio.*
Dieselbe Entwicklung führt zu einer rasch fortschreitenden
Alterung der Bevölkerung. Es wurde errechnet, daß bereits im Jahre
2020 auf ein Kind bzw. Jugendlichen im Alter bis zu 20 Jahren
*zwei* ältere Menschen von 60 und mehr Jahren entfallen werden.
Diese Seite der Prognose sollte man sich in ihren sozialen
Auswirkungen einmal vorzustellen versuchen. Sie ist noch viel
krasser als der relativ häufig öffentlich verwendete Rentenschocker,
demzufolge dann auf einen Erwerbstätigen mindestens ein Rentner
kommen werde, den er würde unterhalten müssen.
Wenn diese Berechnungen auch nur annähernd Wirklichkeit
würden, würde sich die Verminderung und die Alterung der
Bevölkerung nach dem Jahrzehnt 2030-40 noch erheblich
beschleunigen.
Diese Berechnungen spiegeln eine Entwicklung wider, die sich in
ca. 35 Jahren der Existenz der BRD, seit etwa Mitte der 60er Jahre,
vor aller Augen abgespielt hat, eine Entwicklung der Bevölkerung,
deren Negativität selbst in Europa einzig dasteht, und deren
inzwischen eingetretene Ergebnisse, so wie sie von ihren Ermittlern
dargestellt werden, dazu führen, daß das, was noch heute als
deutsche Nation bezeichnet wird, sich im eigenen Land zu einer
Minderheit zurückbilden würde, im Zeitraum der nächsten 50-100
Jahre. Anschließend wäre deren endgültiges Verschwinden zu
erwarten, innerhalb eines historisch relativ knappen Zeitraumes von
insgesamt 100 bis 150 Jahren, von heute an gerechnet.
Selbstverständlich sind dies bloß Hochrechnungen, die eine relativ
gleichmäßige geschichtliche Weiterexistenz unterstellen, ohne
größere Umwälzungen oder auch Katastrophen - was jedenfalls eine
sehr fragwürdige Annahme ist. Aber es sind Hochrechnungen, die
Realität würden, wenn die gesellschaftlichen Trends, die sich in
ihnen ausdrücken, nicht gebrochen werden. Und zu dieser
Entwicklung, die - wie immer auch zu bewerten - in ihrer
Radikalität absolut einzigartig dasteht, bekennen sich sämtliche
Parteien des parlamentarischen politischen Systems der BRD. Sie
kritisieren nicht die Faktoren und Entscheidungen - es waren die
ihren - die in der Vergangenheit zu dieser Entwicklung geführt
haben, und machen keine Versuche, dieser Entwicklung in Zukunft
etwas entgegenzusetzen. Außer dem Konzept: weitere
Einwanderung vieler Millionen, um den Absturz der
Bevölkerungszahlen etwas abzumildern und auf eine mittlere Frist
noch mit einer gewissen Zahl von arbeitsfähigen Menschen rechnen
zu können, haben sie keines. Wie diese eingewanderten
Nationalitäten jedoch mit der absterbenden deutschen in Zukunft
hier zusammenleben sollen, was für eine Gesellschaft daraus
entstehen soll, darüber gibt es aus diesen Kreisen keine Konzepte
oder überhaupt nur ernsthafte Diskussionen.
Man muß daraus den Schluß ziehen, daß diese gesamte
Entwicklung von den verantwortlichen Kreisen bejaht wird. Mit
anderen Worten: das vorausgesagte Verschwinden der eigenen
Nation entspricht dem politischen Willen dieser Kreise.
E i n i g e E i n z e l h e i t e n :
Das Statistische Bundesamt schreibt 1998:
"Nach dem drastischen Geburtenrückgang der 70er Jahre,
der im früheren Bundesgebiet mit 576 000 Geburten im
Jahre 1978 seinen tiefsten Punkt erreichte (Anfang der 60er
Jahre haben im früheren Bundesgebiet jährlich noch über
eine Million Kinder das Licht der Welt erblickt), hat es nur
wenige - hauptsächlich durch den Altersaufbau der
Bevölkerung bedingte - Veränderungen gegeben. (Änderung
der Geburtenzahl durch Schwankung der Zahl der Frauen
im gebärfähigen Alter). Die Geburtenzahl bewegt sich seit
dieser Zeit im früheren Bundesgebiet zwischen knapp 600 000
und gut 700 000. Gemessen an der Kinderzahl, die 1 000
Frauen unter jeweils gegebenen Verhältnissen in ihrem
Leben bekommen würden, hatten wir im früheren
Bundesgebiet viele Jahre das niedrigste Geburtenniveau der
Welt. Heute werden wir in den alten Bundesländern bei
einem Durchschnitt von knapp 1 400 (d.h. 1,4 Kinder je
Frau) nur noch von Italien und Spanien und einigen
osteuropäischen Ländern (Bulgarien, Tschechien und
Lettland) unterboten. Dort werden nach den gegenwärtigen
Verhältnissen nur noch 1,2 Kinder je Frau geboren. Deutlich
niedriger liegen ferner die neuen Bundesländer."
Die Enquête-Kommission "Demographischer Wandel" des
deutschen Bundestages, die 1994 einen Bericht vorgelegt
hat, schreibt darin u.a..
"Die Bundesrepublik Deutschland war von 1972 bis 1985
weltweit das Land mit der niedrigsten Fertilität." (S.25)
"Das Minimum wurde 1985 mit einer zusammengefaßten
Geburtenrate von 1,28 erreicht. Die Nettoreproduktionsrate betrug
0,6. Bis 1989 stieg die zusammengefaßte Geburtenrate wieder auf
1,39 an, was im wesentlichen auf einen starken Anstieg der in
Deutschland registrierten Geburten ausländischer Staatsangehöriger
zurückzuführen ist." (S. 25)
"Bliebe das generative Verhalten unverändert und die
Nettoreproduktionsrate auf dem heutigen Niveau von 0.66 konstant,
würde die Bevölkerung ohne Wanderungen in jeweils etwa 28
Jahren (=durchschnittlicher Abstand zwischen Eltern- und
Kindergeneration) um 34 v.H. abnehmen: von 1990 etwa 80 Mio.
bis 2018 auf etwa 52,8 Mio., bis 2046 auf etwa 34,8 Mio., bis 2074
auf etwa 23 Mio. (Birg, 1993 b, 59)." ( S. 32)
"Nach Birg summiert sich die Zahl der Zuwanderinnen und
Zuwanderer, die für die Aufrechterhaltung des Bevölkerungsstandes
von 1990 erforderlich ist, bei Annahme einer leicht steigenden
Fertilität der deutschen Bevölkerung bis 2050 auf etwa 16,9
Mio. Unter Berücksichtigung des Sekundäreffekts von
Wanderungen (junge Altersstruktur und höhere Fertilität der
Zuwandernden) beträgt die kumulierte Zahl der bis 2050
Zuwandernden und ihrer Kinder 24,1 Mio. Dies bedeutete - nach
derzeitigem Staatsbürgerschaftsrecht - einen Ausländeranteil von
37,7 v.H., wobei der jetzt schon hier lebende Anteil der
Ausländerinnen und Ausländer an der Wohnbevölkerung von 8,6
v.H. noch nicht berücksichtigt ist (Birg 1993b, 77)." (S. 32)
D i e Ü b e r a l t e r u n g d e r B e v ö l k e r u n g
Nach einer Grafik der Zeitschrift "focus" 33/93 wird im Jahre 2030
die Zahl der bis zu 20-Jährigen, die im Jahre 1980 etwa 20 Mio.
betrug, gefallen sein auf knapp über 10 Mio., die Zahl der 20-
60-Jährigen von etwa 40 Mio. auf ca.32, und die Zahl der über
60-Jährigen gestiegen von 15 Mio. auf annähernd 30 Mio.
Hierin liegt u.a. die Prognose eines Verhältnisses 1 Erwerbstätiger:
1 Rentner, die häufig so stark herausgestellt wird, wenn man vom
Zusammenbruch des bisherigen Rentensystems redet und für die
sog. private Altersvorsorge Reklame macht. Dieses Verhältnis soll
nach manchen Aussagen schon im Jahre 2020 annähernd
Wirklichkeit sein.
Wie die Rentenfrage geregelt wird, ist aber nur ein Teil des
Problems, und zwar ein untergeordneter. Die Hauptfrage ist: was
soll das für eine Gesellschaft werden, in der die Menschen im
(heutigen) Rentenalter von 60 Jahren und mehr fast die Hälfte der
Bevölkerung stellen, und die Jugend unter 20 Jahren nur noch ein
Siebentel bis ein Sechstel? Selbst wenn man davon ausgeht, daß -
unter günstigen Bedingungen - im Jahre 2020 oder 2030 ein 60-
Jähriger biologisch und kulturell jünger ist als heute, vielleicht um
3 bis 5 Jahre, und ein Teil der über 60-Jährigen noch arbeiten wird,
ist dies eine Gesellschaft, die ganz eindeutig vom Alter dominiert
wird und in der das jugendliche Element zur gesuchten Seltenheit
werden wird.
Es stellen sich gleichzeitig auch grundlegende ökonomische
Fragen. Wovon wird diese Gesellschaft leben? Von der eigenen
Produktivität oder von der Arbeit anderer Menschen in der globalen
Ökonomie? Wird eine solche Gesellschaft ökonomisch
leistungsfähig genug sein, um in der internationalen Konkurrenz
mitzuhalten, oder wird es sich bei diesem Deutschland zunehmend
um einen "Rentnerstaat" handeln, dessen Bevölkerung im
unmittelbaren Wortsinne großenteils aus Menschen im Rentenalter
besteht, der aber auch seine ökonomische Basis weit mehr noch als
heute in den Profiten hat, die viele Millionen Arbeitender in
anderen Teilen der Welt an ihn abführen müssen? Wird diese
Gesellschaft kreativ und revolutionär sein?
E i n e a n d e r e, v o n m a n c h e n K r ä f t e n
b e r e i t s r e c h t k o n k r e t i n s A u g e
g e f a ß t e P e r s p e k t i v e:
In einem Buch von Hans Mohl , "Die Altersexplosion. Droht uns
ein Krieg der Generationen?" Kreuz-Verlag, Stgt. 1993 heißt es S.
34, das Stat. Bundesamt habe errechnet, daß bereits im Jahre 2010
die über 65-Jährigen 12,7 Mio., d.h. 20,8% der Bevölkerung
ausmachen werden.
Das empfindet Mohl als Legitimation, bspw. für "rationierte"
Medizinleistungen für Ältere zu plädieren. Bestimmte kostspielige
Heilverfahren sollten ab einem bestimmten Alter nicht mehr
angewendet werden. (S. 65f.)
Wie Mohl S. 71 ff. berichtet, hat die von ihm geleitete Sendereihe
des ZDF "Gesundheitsmagazin Praxis" bereits eine englische
Fernsehsendung gezeigt, in der ganz offen die Selektion praktiziert
wurde. Das im Studio versammelte "Publikum" sollte entscheiden,
wem von zwei konkurrierend präsentierten Patienten es unter
Kostengesichtspunkten Leben oder Tod zuerkennt. Es hat im
Sinne des Fernsehens funktioniert und die Selektion durchgeführt.
Mohl selbst bekennt sich ausdrücklich zu dieser barbarischen
Perspektive:
"So wie im Studio dürfte die Diskussion auch in Politik und
Gesellschaft ausgehen. Nicht Lebensverlängerung um jeden
Preis wird das Ziel sein, sondern Lebensqualität wird den
Vorrang vor Lebensverlängerung erhalten.
Konsequenterweise wird dies in seinen praktischen
Auswirkungen die Lebens-Chancen alter Menschen
beschränken, wird das auch auf Kosten der Interessen alter
Menschen gehen." ( S. 73)
Man sollte sich also keineswegs nur mit den Verbrechen der
Vergangenheit befassen, sondern auch und gerade mit denen, die
sich hier für die Zukunft ankündigen.
Redaktion Neue Einheit
-wgr-
20. Dez. 1999
Internet Statement 99/24
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Lesen Sie den ausführlichen Artikel "Bevölkerungsentwicklung und
Bevölkerungsprognosen / Eine Zusammenstellung schlagender
statistischer Angaben", der soeben in der Zeitschrift NEUE
EINHEIT, Ausgabe 1999/2 erscheint. Er enthält u.a. eine
ausführliche Präsentation und Erörterung der offiziellen
statistischen Darlegungen sowie zahlreiche für sich selbst
sprechende politische Zitate.
E-mail: ver...@neue-einheit.com
Internet: http://www.neue-einheit.com
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neue einheit
Zeitschrift für Politik. Ökonomie und Kultur
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copyright 1999, Verlag NEUE EINHEIT (Inh. H. Dicke)
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