Der Wortlaut der letzten Mail, die ich am 4.12.94 an Stefan Pompl in einer
Diskussion über Spiritualität schickte. Es bilde sich jeder selber eine
Meinung darüber, inwieweit ich zu eigener Argumentation fähig bin.
Ich bin auch weiterhin zum öffentlichen oder privaten Netz-Gespräch über
spirituelle Fragen bereit - mit Stefan Pompl genauso wie mit jedem anderen
Teilnehmer des Netzes.
Das öffentliche Verbreiten von haltlosen Unterstellungen, wie es Stefan Pompl
in /CL/MEDIEN/DISKUSSION praktizierte, dient allerdings diesem Dialog *nicht*.
By the way: Es gehört nicht zu meinen Gepflogenheiten, E-Mails
zu veröffentlichen, aber Stefans Verleumdung nötigt mich dazu.
--------------------- Beginn der dokumentierten E-Mail -------------------
Hallo Stefan,
ich komm grad vom LINK-N-Treffen zum Thema "Quo Vadis, /CL-Netz?", wo wir uns
im kleinen Kreis recht angeregt unterhalten und ausgetauscht haben.[...]
Nun noch was zu unserem laufenden Dialog:
WD > Ich verwende absichtlich den Begriff "Bewußtheit" statt "Bewußtsein", da
WD > "Bewußtheit" für mich deutlicher bezeichnet, worum es geht: Achtsamkeit,
WD > Aufmerksamkeit, Wachheit.
SP>
SP> Die drei Begriffe kann ich so unterstützen. Allerdings fehlt das
SP> Objekt, auf die sich meine Achtsamkeit usw. richtet. Und das ist
SP> wesentlich.
Da scheiden sich wohl mal wieder unsere Geister. Von Osho habe ich
gelernt, daß nicht die *Objekte* der Achtsamkeit wesentlich sind, sondern
die Achtsamkeit selber, die in tiefer Meditation schließlich in sich
selber ruht. Der Weg der Meditation führt über das Beobachten zurück zum
Beobachter, weg von den Objekten, hin zum Subjekt.
*Wissenschaft* ist Erforschung der *objektiven* Welt,
*Meditation* führt immer tiefer in die *subjektive* Welt.
Letztendlich ist natürlich die ganze Welt eine *Einheit* -
dem Meditierer erschließt sich diese Einheit auf dem Weg der Innenschau.
WD > Nach Oshos Worten ist Erleuchtung eine Art innere Kernexplosion, die
WD > selbst-evident ist und von niemandem außerhalb autorisiert werden muß.
SP>
SP> Das heißt dann auch, daß Du nicht sagen kannst, wie weit Du noch
SP> davon weg bist?
So ist es. Aber "der Weg ist das Ziel". Der Weg der Bewußtheit und Liebe,
des Entspannens und Loslassens ist *in sich selbst* bereits sehr befriedi-
gend und erfüllend. Und es gibt schon auch jetzt seelische Zustände, die
mit Morgendämmerung oder Schwangerschaft vergleichbar sind: freudige
Erwartung eines kommenden Ereignisses, auch wenn zeitliche Voraussagen
in diesem Fall unmöglich sind.
SP> Derzeit bin ich mir aber bewußt, daß meine
SP> Individualität nicht in mir ist, sondern durch meine Umwelt definiert
SP> und geprägt wird.
Nun, sagen wir, Du erkennst deutlich als "Deine Individualität" zur Zeit
nur psychische Komponenten, die durch Deine Umwelt definiert und geprägt
sind. Immerhin hast Du aber durch diese Beobachtung bereits eine innere
Distanz zu dieser von außen definierten und geprägten sogenannten
"Individualität", die Osho als "personality" bezeichnet (von "persona"
= Maske im Theater). Osho sagt, daß es einen inneren Wesenskern gibt, den
Du mit in dieses Leben gebracht hast, der nicht sozial konditioniert ist.
Diesen Wesenskern nennt er "individuality" - das unteilbare innere Selbst.
WD > Es ist auf jeden Fall gut, daß Du Dich beobachtest, als "Kombination und
WD > Ausprägung verschiedener Eigenschaften". Wenn dies jedoch die *ganze*
WD > Individualität sein soll, dann stellt sich die Frage: Wer ist der
WD > Beobachter dieses Sammelsuriums? Gehört der Beobachter nicht zur
WD > Individualität?
SP>
SP> Der Beobachter bin ich. Mein Bewußtsein, daß sich quasi von Außen
SP> sich selbst ansieht und betrachtet, wertet und natürlich immer unter
SP> einer subjektiven Sicht forscht. Ich weiß nicht, wie individuell mein
SP> Bewußtsein ist. Zuweilen treffe ich ja Leute mit sehr gleichen
SP> Anschauungen, Einstellungen und Werten. Ich gehe aber mal davon aus,
SP> daß ich (mein Bewußtsein) bei nur ausreichend genauer Rasterung als
SP> individuell bezeichnen kann.
Das, was *wertet*, ist nicht das Bewußtsein, oder besser, die
*Bewußtheit*, von der Osho spricht. Bewußtheit im engeren Sinne
ist immer nicht-wertendes Beobachten.
WD > Osho sagt, ebenso wie Buddha: Das, was Du *beobachten* kannst, auch
WD > Deine Gedanken und Gefühle, das bist Du *nicht*. Du bist der
WD > Beobachter. Die Identifikation mit Körper, Gedanken, Gefühlen ist eine
WD > existentielle Selbsttäuschung. Meditation löst diese Selbsttäuschung
WD > wieder auf, der Erleuchtete ist völlig davon befreit.
SP>
SP> Ich habe mir schon gedacht, daß die sowas sagen. Ich halte es aber
SP> für falsch. Ich kann durchaus mich selbst unter verschiedenen
SP> Blickwinkeln betrachten und damit verschiedenartig bewerten. In der
SP> Meditation schalte ich gewisse Richtungen und Werte aus. Daraus eine
SP> Bewußtseinserweiterung zu folgern ist zwar nicht zwingend falsch aber
SP> schon gar nicht richtig.
Meditation ist *reines* Beobachten. Es mag verschiedene Methoden des
Einstiegs geben, aber letzten Endes geht es darum, zum reinen Spiegel
dessen zu werden, was ist - ohne jede Wertung. Und mit dieser Haltung geht
man nach innen: einfach da sein, alles beobachten, ohne zu werten.
Auf diesem Weg löst sich das Ego auf und wird der individuelle Wesenskern
entdeckt und freigesetzt.
WD > Man braucht keine Wertentscheidung zwischen dem Ego und dem Selbst zu
WD > treffen. Durch wachsende Bewußtheit erlangt man Einsicht in die
WD > Funktionsweise des Ego, in seine existentielle Dummheit und Beschränkt-
WD > heit.
SP> Das ist aber eine Wertentscheidung zu sagen, ich meditiere um zu
SP> meinem Bewußtsein zu gelangen, denn damit setze ich bestimmte Werte
SP> außer Kraft. Meditation ist sicher EIN Weg zu dem, was man so
SP> vielleicht ist, aber meiner Meinung nach nicht DER Weg.
So gesehen, steht am Anfang eine Wertentscheidung: wohin will ich mich
entwickeln, wie stehe ich zum Leben, bleibe ich rein außenorientiert oder
möchte ich mir auch meine inneren Welten und Potentiale erschließen?
SP> Oh, Du glaubst an ein Leben nach Deinem (physikalischen irdischen)
SP> Tod?
Ich halte die Ewigkeit meines inneren Seins für eine weitaus
einleuchtendere Hypothese als ein singuläres Dasein, das an meinen
jetzigen Körper geknüpft ist.
SP> Nachdem ich Probleme damit habe, das Befreiende, Liebevolle, Wahre
SP> und Schöne mittels einer Wertentscheidung festzulegen (und so oder so
SP> wird es eine sein), kann mich das kaum befreien.
Ich lege es nicht mittels einer Wertentscheidung fest, sondern erfahre es
durch wachsende Bewußtheit, in der ich gerade *nicht* werte.
SP> > Wie wärs mit /CL/GLAUBEN/UNGLAUBEN als Rubrik für den Humanismus? ;-)))
SP>
SP> :-) Eigentlich betrachte ich Humanismus nicht als Unglauben, denn das
SP> Wort könnte man auch als negativen Glauben interpretieren. Ich
SP> bezeichne mich auch nicht als Atheist, weil ich mich dann ja wieder
SP> (indirekt, negativ) über einen Gott definieren würde
Kann ich gut nachvollziehen - war ja auch nur ein Scherz am Rande..
Liebe Grüße,
Svarup.
---------------------- Ende der dokumentierten E-Mail --------------------