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Osho: Geben und Nehmen (5)

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Wolfgang Doelz

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Feb 18, 1996, 3:00:00 AM2/18/96
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Vom 26. März bis zum 19. April 1987 sprach der Mystiker Osho
über Friedrich Nietzsches "Also sprach Zarathustra".
Im Osho Verlag Köln wurde mittlerweile der erste Band dieser Serie
unter dem Titel "Zarathustra - Ein Gott der tanzen kann" veröffentlicht.
Im folgenden ein Auszug aus Kapitel 23:

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[zunächst ein Zitat aus Nietzsches "Also sprach Zarathustra":]

*Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir; das will laut werden.*
*Eine Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe.*
*Licht bin ich: ach, daß ich Nacht wäre!*
*Aber dies ist meine Einsamkeit, daß ich von Licht umgürtet bin.*
*Ich lebe in meinem eignen Lichte,*
*ich trinke die Flammen in mich zurück, die aus mir brechen.*
*Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht;*
*und oft träumte mir davon, daß Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen.*

* * *

Osho:

Zarathustra hebt immer wieder die Tatsache hervor,
daß es den Stolz eines Menschen verletze,
wenn man ihm etwas *gibt*.
Daher muß alles Geben sehr umsichtig, sehr kunstvoll geschehen.
Du solltest nicht so geben,
daß der andere gedemütigt wird.
Aber genau das passiert immer.
Die Leute wollen eigentlich gar nicht *geben*,
sie wollen *demütigen*.
Das Geben ist nur ein Vorwand dafür,
den Stolz eines anderen zu verletzen -
es ist häßlich und unmenschlich.

Zum Geben gehört ein großes Herz und eine große Kunst.
Man sollte auf eine solch indirekte Art und Weise geben,
daß der Nehmende keinerlei Demütigung,
sondern im Gegenteil eine große Liebe spürt,
daß er spürt, wie du ihn ganz akzeptierst,
daß er spürt, wie es dich mehr freut, ihm zu geben,
als es ihn freut, es entgegenzunehmen -
daß du ihm zu Dank verpflichtet bist.
Man sollte so geben,
daß es die Achtung vor dem anderen ausdrückt,
daß er dadurch erhöht wird.

*Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht.*

Zarathustra sagt:
"Ich bin arm -
in dem Sinne, daß ich das Glück des Nehmenden nicht kenne;
denn ich bin so erfüllt,
daß ich nichts brauche.
Ich bin so völlig abgerundet,
daß mir unmöglich jemand noch etwas geben könnte."

Daher
*kenne ich das Glück des Nehmenden nicht;*
*und oft träumte mir davon,*
*daß Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen.*

Ich kenne nicht das Glück des Nehmens,
aber ich habe Menschen Dinge entgegennehmen sehen,
und habe gesehen, wie es ihren Stolz verletzt, ihre Würde vernichtet.
Sie werden zu Bettlern gemacht. Darum
*träumte mir oft davon,*
*daß Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen.*

Es ist besser zu stehlen - wenigstens rettet dir das deine Würde.
Er sagt dies nicht, um Diebstahl zu predigen,
er sagt dies, um euch darauf hinzuweisen,
daß ihr jedesmal, wenn ihr jemandem etwas gebt,
dies sehr umsichtig und vorsichtig tun sollt.
Gebt so, als wäre das Geben *euer* Bedürfnis,
nicht das Bedürfnis des Nehmenden -
so als wäre euch das Geschenk eine Last,
und sehr nett von dem Nehmenden, euch diese Last abzunehmen.

*Das ist meine Armut, daß meine Hand niemals ausruht vom Schenken*

Er hat so viel, daß er immerzu
seine Liebe, seine Weisheit, seine ursprünglichen Einsichten herschenkt;
aber, sagt er:
das ist meine Armut, seid nicht beleidigt.
Ich versuche nicht, meinen *Reichtum* zu beweisen,
indem ich euch etwas schenke.
Ich beweise einfach nur meine *Armut*.
Ein sehr seltsamer Gedanke, aber sehr aufschlußreich.

Wenn die Regenzeit kommt,
und die Regenwolken über euch hängen, voll von Regenwasser,
möchten sie sich ausregnen.
Nicht, weil ihnen die durstige Erde am Herzen liegt,
sondern, weil sie allzu beladen mit Wasser sind.
Es wird ihnen immer schwerer.
Nur aus dieser Last heraus, aus dieser Schwere heraus regnen sie.
Es liegt an ihrer *Armut*,
daran, daß sie sich nicht mehr halten konnten,
daß sie zu klein sind, daß sie zu früh überladen sind.
Genau so sollte jeder Gebende denken.
Nur dann wird alles, was er zu geben hat, aus Liebe gegeben.
Andernfalls ist es keine Tugend, sondern eine Sünde.

*Das ist meine Armut,*
*daß meine Hand niemals ausruht vom Schenken;*
*das ist mein Neid,*
*daß ich wartende Augen sehe und die erhellten Nächte der Sehnsucht.*

Hierin ist er zweifellos einmalig,
daß er Dinge von einer Warte aus sieht,
von der sie noch nie jemand gesehen hat - weder vor ihm noch nach ihm.
Er sagt: "Ich bin neidisch auf wartende Augen."
Er sagt: "Ich bin neidisch auf die Bettler, weil sie niemandem wehtun."
Wie können sie, wenn sie *nehmen*, jemandem wehtun?
Wenn sie nehmen, können sie ihr Ego nicht stärken.

"Ich bin neidisch..."
Aber was bleibt Zarathustra sonst übrig?
Er ist so voll und fließt so über von Liebe und Licht,
daß er machtlos ist.
Genau darum sagt er: "Ich bin arm";
er ist machtlos, er muß einfach schenken.

Kabir, einer der großen Mystiker Indiens,
hat sehr schön etwas Ähnliches zum Ausdruck gebracht. Er sagt:
"Wenn der Baum zu schwer wird von seinen Früchten,
dann neigen sich langsam seine Äste,
bis sie schließlich den Boden berühren.
Sie sind zu schwer, um noch so stolz, so egoistisch dazustehen wie einst.
Zum erstenmal macht ihr Reichtum sie demütig.
Ihr Reichtum holt sie wieder herunter zur Erde.
Sie bitten jemanden, ihnen ihre Früchte zu nehmen,
damit sie gewichtlos werden
und sich wieder hoch in den Himmel recken können."

Kabir sagt:
"Genauso steht es um einen,
dessen Dasein zu einer reifen Frucht geworden ist.
Er wird demütig, er wird arm.
Er ist bereit, mit jedem zu teilen.
Er fragt nicht, ob du es verdienst oder nicht.
Er will nur eines: geleert werden."

Aber das Problem beim spirituellen Reifungsprozes ist,
daß du umso mehr bekommst, je mehr du hast.
Also gibst du und gibst,
und aus unbekannten Quellen fließt dein Lebensbecher immer weiter über -
durch dein Geben wird er nie leer.

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Das Geheimnis Europas ist, daß es das Leben nicht mehr liebt,
hat der Dichter Camus nach dem Ende des 2. Weltkrieges gesagt.

Vielleicht finden manche Europäer von heute
in den Kommentaren des indischen Mystikers Osho
zu Nietzsches "Also sprach Zarathustra"
Anregungen für eine neue Religion der Liebe zum Leben.

-- Peter Sloterdijk


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