Die Menschen niederer Art prahlen mit ihren Vorzügen,
und darin liegt wirklich nicht viel Gutes.
Ein Mensch der Tugend, des *De*,
regiert durch Nichthandeln, *Wuwei*.
Nichts, was er tut, tut er für sich
oder aus eigenem Antrieb.
Das Handeln eines Menschen niederer Art entspringt
dem Ich,
und was er sucht, ist die Befriedigung seiner Wünsche.
Ein Herrscher, der die Menschen liebt,
handelt liebevoll - und niemand merkt etwas davon.
Ein Mann des Gesetzes handelt dem Gesetz gemäß
und dient damit doch seinen eigenen Zielen.
Der Unbeugsame ruft nach Recht und Ordnung,
und wenn das Volk ihm nicht zu willen ist,
braucht er Gewalt.
Geht das wahre *Dao* verloren,
so tritt Moral an seine Stelle.
Wenn sie versagt, wird das "Gewissen" bemüht.
Verblaßt dieses, erschallt der Ruf nach dem "Gesetz".
Geht auch das verloren, dann haben wir dies:
Verwirrung herrscht. Niemand kennt sich mehr aus.
Weissagungen und Prophezeiungen gibt es im Überfluß -
doch sind diese nur ein trügerischer Abglanz des *Dao*;
sind die Wurzel
aller Irreführung.
Darum schaut der Weise nur auf das, was wirklich ist.
Er sieht nicht nur die Oberfläche -
er bläst den Staub zur Seite und trinkt das reine Wasser ...
Er hält sich nicht nur an die Blüte,
sondern auch an die Wurzeln und an die Frucht.
Blase den Staub beiseite, und:
Komm zum lebendigen Wasser.
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Laotse: Tao Te Ching
Deutsch nach der Neubearbeitung von Man-Ho Kwok, Martin Palmer, Jay Ramsay
Theseus Verlag
ISBN 3-89620-076-3