Du hast oft über die Psychoanalyse und verwandte Therapien gesprochen.
Würdest du bitte etwas über neuere Entwicklungen, wie die Gestalttherapie
von Fritz Perls und - die neueste Mode - Voice Dialogue, sagen?
Können diese Therapien jemandem, der schon meditiert, helfen,
sich selbst und seine Spiele klarer zu sehen?
Osho:
Erstens sind Psychotherapien
wie die Gestalttherapie von Fritz Perls und andere schon alt;
sie sind nichts Neues.
Nur Voice Dialogue ist neu, die neueste Mode -
aber das sind alles nur Spiele für den Verstand.
Sie können jemandem, der schon meditiert, nichts bringen.
Keine Psychotherapie kann es mit der Meditation aufnehmen,
denn durch Psychotherapie ist noch nie jemand erleuchtet worden.
Ihre Begründer waren nicht erleuchtet,
und die Erleuchteten des Ostens haben sich nie mit Psychotherapie abgegeben.
Sie haben sich auch nicht mit Psychologie,
ja nicht einmal mit der Psyche abgegeben,
denn ihnen ist es nie darum gegangen, die Probleme der Psyche zu lösen.
Ihnen ging es darum, aus der Psyche, aus dem Verstand *auszusteigen*,
was leichter ist.
Dann hören sämtliche Probleme auf,
denn sobald man aus dem Verstand draußen ist,
erhält er keine Nahrung mehr, um weiter Probleme zu erzeugen.
Ansonsten ist es ein nie endender Prozeß.
Ob man nach einer alten oder neuen Mode psychoanalysiert wird,
spielt keine Rolle:
Das sind alles nur Variationen desselben Themas.
Nach einer Psycho-Sitzung fühlt sich deine Psyche etwas frischer und besser,
weil du Ballast abgeworfen hast.
Und außerdem weißt du ein bißchen besser Bescheid über deine Psyche -
das hält dich normal.
Im Grunde steht die ganze Psychotherapie im Dienst des Establishments.
Ihre Funktion ist es, die Leute davor zu bewahren, von der Norm abzuweichen.
Wenn jemand sich außerhalb der Herde und deren Normen bewegt
und Dinge tut, die man nicht tun sollte... es mögen harmlose Dinge sein,
doch die Gesellschaft kann solche Leute nicht tolerieren.
Sie müssen zur Norm, zum Durchschnittsstandard zurückgebracht werden.
Die Arbeit eines Psychotherapeuten besteht darin, deinen Geist zu säubern.
Es ist eine Art Ölwechsel des Gehirnapparates.
Danach funktioniert er wieder etwas besser, und überdies
bekommst du ein wenig Einblick in das Funktionieren deines Verstandes.
Aber es bringt keine revolutionäre Veränderung.
Mag sein, daß du *ein Problem* löst,
aber *die Ursache* hast du nicht beseitigt.
Das Problem ist der Verstand selbst.
Du kannst ein Problem beseitigen, doch der Verstand wird ein neues kreieren...
Es ist, wie wenn man einen Baum stutzt:
Man schneidet *ein* Blatt ab,
und aus reiner Selbstachtung und Würde
läßt der Baum anstelle des alten *drei neue* Blätter wachsen.
Deshalb stutzen die Gärtner die Bäume:
damit sie mehr Blätter, dichteres Laub bekommen.
Genauso ist es mit dem Verstand:
Du kannst ein Problem beseitigen, indem du es verstehst - und das kommt teuer -,
aber der *Verstand*, der das Problem kreiert hat, ist immer noch da.
Die Psychoanalyse geht nicht über die Grenzen des Verstandes hinaus.
Der Verstand wird ein neues Problem kreieren -
komplizierter als das erste, das du gelöst hast.
Natürlich, denn der Verstand kapiert, daß du dieses Problem jetzt lösen kannst,
also kreiert er etwas Neues, Komplizierteres - dichteres Laub.
*Meditation* ist etwas völlig anderes als die Psychoanalyse
oder irgendeine von den Therapien, die sich auf den Verstand beschränken.
Meditation ist ein *Aussteigen* aus dem Verstand:
"Mach du ruhig weiter mit deinen Problemen, aber ich geh nach Hause!"
Der Verstand ist ein Parasit, und darum hat er keine eigene Existenz.
Er braucht es, daß du in ihm drin steckst,
damit er dich weiter auffressen kann - dich und deinen Kopf.
Wenn du aber aussteigst, dann ist der Verstand bloß noch ein Friedhof,
und all die Probleme, die zu groß waren, um sie fallenzulassen,
brechen dann tot zusammen.
Meditation ist eine völlig andere Dimension:
Du *beobachtest* einfach den Verstand,
und indem du ihn beobachtest, kommst du aus ihm heraus.
Nach und nach verschwindet der Verstand mit all seinen Problemen,
während er sonst all diese sonderbaren Probleme erzeugt.
Der Verstand ist euer einziges Problem -
alle anderen Probleme sind nur Ableger des Verstandes.
*Meditation schneidet den Verstand von seinen Wurzeln ab.*
Und all diese Therapien - Gestalt, Voice Dialogue, Fritz Perls...
Wir können sie bei *den* Menschen anwenden,
die noch nicht in die Meditation eingetreten sind,
damit sie lernen, den Verstand besser zu verstehen,
und damit sie die Ausgangstür finden können, die aus dem Verstand hinausführt.
Wir wenden hier alle möglichen Therapien an, und sie sind sehr hilfreich -
aber nicht mehr für die, die schon meditieren.
Sie sind nur am Anfang hilfreich,
wenn ihr euch noch nicht daran gewöhnt habt zu meditieren.
Sobald ihr meditativ geworden seid, braucht ihr keine Therapie mehr;
dann hilft euch keine Therapie mehr.
Aber am Anfang kann es sehr hilfreich sein, besonders für Leute aus dem Westen.
Sigmund Freud hat nur recht
in bezug auf den *westlichen* Verstand und seine Tradition.
Wenn Freud sagt, daß jedes Mädchen die Mutter haßt, weil es den Vater liebt,
dann beruht das ganze auf dem *westlichen* Verständnis vom Sex
und von der Liebe zum anderen Geschlecht.
Die Mädchen lieben ihren Vater, und die Jungen lieben die Mutter.
Aber die Mädchen können ihrer Liebe nicht Ausdruck geben,
vor allem können sie mit dem Vater keine sexuelle Beziehung haben,
zumal die Mutter mit ihm sexuell zusammen ist.
Deshalb sind sie eifersüchtig auf die Mutter - die Mutter ist ihre Feindin.
Die Jungen werden Feinde des Vaters,
weil der Junge nicht mit der Mutter Sex haben kann.
Ein *Japaner* kann das nicht einmal *denken*, kein Inder könnte das denken -
sie werden ganz anders erzogen.
Sigmund Freud und Jung und Adler und Assagioli und Fritz Perls -
sie haben keinen blassen Schimmer!
Sie haben nicht einmal im Traum daran gedacht,
daß Menschen auch anders sein könnten als die Menschen im Westen.
*Im Osten* bringt die Psychoanalyse nicht viel.
Für die *westlichen* Menschen finde ich es hilfreich,
wenn sie Gruppen machen, einfach um ihren Verstand zu reinigen.
Mit einem gereinigten Verstand ist es leichter, in Meditation zu gehen.
Wenn man aber *nicht* in Meditation gehen will
und sich nur darauf verläßt, seinen Verstand zu reinigen,
dann kann man den Rest seines Lebens damit zubringen
und wird nie irgendwo anders hinkommen.
Der Osten orientiert sich anders,
und darum sollte man an den dortigen Universitäten
statt Lehrstühlen für Psychoanalyse solche für Meditation einrichten.
Für den Osten lautet die Frage schon seit Jahrhunderten:
*Wie kann man über den Verstand hinausgehen?* -
die einzige, die ausschließliche Frage.
Aber weil der westliche Verstand sich auf einem anderen Weg entwickelt hat,
ist ihm nie in den Sinn gekommen,
daß man den Verstand transzendieren könnte.
Ich habe jüdische und christliche Quellen durchforscht:
Es gibt keine einzige Aussage in der gesamten Geschichte des Westens,
wonach jemand versucht hätte, den Verstand hinter sich zu lassen.
Man hat den Verstand benutzt, um zu beten,
Man hat den Verstand benutzt, um an Gott zu glauben,
Man hat den Verstand benutzt, um fromm und tugendhaft zu werden.
Aber keiner hat je daran gedacht, daß es möglich sein könnte,
den Verstand hinter sich zu lassen.
Im Osten ist das die einzige, die ausschließliche Suche gewesen.
Das ganze Genie des Ostens hat an dieser einen Sache gearbeitet,
an keinem anderen Problem:
Wie kann man über den Verstand hinausgehen? -
Denn wenn man seine Probleme *insgesamt* lösen kann,
indem man den Verstand transzendiert,
warum sollte man sich dann abmühen
und jedes Problem *einzeln* zu lösen versuchen?
Der Verstand wird immer *neue* Probleme kreieren; er ist sehr kreativ.
Du löst *ein* Problem, und schon taucht *ein anderes* auf.
Du löst auch *dieses*, und ein *weiteres* Problem taucht auf.
Für die Psychoanalytiker ist das ein gutes Geschäft,
denn sie wissen, daß ihr niemals geheilt werden könnt.
Ihr werdet nicht von eurem Verstand geheilt -
geheilt werden nur eure spezifischen Probleme.
Der Verstand, ihr Ursprung, bleibt bestehen.
Die Psychoanalyse schneidet nie die Wurzeln ab,
sondern nur die Blätter und höchstens ein paar Zweige,
aber die wachsen immer wieder nach - weil die Wurzeln noch vorhanden sind.
Meditation bedeutet das Abschneiden sämtlicher Probleme an der Wurzel.
Ich sage es noch einmal:
Der Verstand ist das eigentliche, das einzige Problem,
und solange ihr nicht über den Verstand hinausgeht,
werdet ihr nie über die Probleme hinausgehen.
Es ist erstaunlich, aber selbst heute
haben die westlichen Psychologen sich noch nicht darüber Gedanken gemacht,
warum der Osten so viele Erleuchtete hervorgebracht hat.
Die haben sich alle nicht um das *Analysieren* des Verstandes gekümmert.
Aber sie haben Hunderte von Methoden gefunden,
die euch helfen können, den Verstand zu *transzendieren*.
Sobald ihr den Verstand hinter euch gelassen habt,
werden euch alle Probleme so erscheinen, als gehörten sie zu jemand anderem.
Ihr erlangt den Standpunkt eines Beobachters auf dem Berg,
und sämtliche Probleme spielen sich unten im Tal ab.
Sie können euch nichts mehr anhaben - ihr seid über sie hinausgegangen.
Der Westen hat sich ausschließlich auf den Verstand konzentriert.
Das einzige, worüber man im Westen nachgedacht hat, sind Materie und Geist.
Die Materie ist die Wirklichkeit und der Geist nur ein Nebenprodukt -
und jenseits des Geistes existiert nichts.
Im Osten ist die Materie eine Illusion
und der Geist ein Nebenprodukt all eurer Illusionen, Projektionen und Träume.
*Eure Wirklichkeit aber liegt jenseits von Materie und Geist.*
*Im Osten* teilen wir die Wirklichkeit in drei Kategorien ein:
die Materie ganz außen,
die Seele ganz innen,
und dazwischen der Geist.
Die Materie hat eine relative Wirklichkeit;
sie ist nicht absolut wirklich, nur relativ.
Der Geist ist absolut unwirklich,
und die Seele ist absolut wirklich.
Das ist eine völlig andere Beschreibung des menschlichen Seins.
*Der Westen* hat eine simple Kategorisierung:
Die Materie ist wirklich,
der Geist nur ein Nebenprodukt,
und über den Geist hinaus gibt es nichts.
Darum seid euch im klaren:
Wenn ihr meditiert, dann braucht ihr nichts anderes.
Wenn ihr aber nicht meditiert,
dann kann Psychotherapie als Vorstufe zur Meditation hilfreich sein.
Der Westen geht den verschiedensten Schwindlern auf den Leim,
einfach weil der Westen
der Meditation noch nicht selbst auf den Grund gegangen ist.
So kann jeder Idiot hergehen und irgend etwas behaupten,
und er wird Anhänger finden,
weil die Leute von Meditation keine Ahnung haben.
Weder Mantra-Singen, noch Hopsen, noch Levitation...
diese Dinge haben nicht das geringste mit Meditation zu tun.
Meditation hat nur eine Bedeutung:
über den Verstand hinauszugehen
und ein Beobachter, ein Zeuge zu werden.
Auf eurem Zeugesein beruht das Wunder - das ganze Mysterium des Lebens.
(Osho: The Invitation)
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Quelle:
OSHO: DAS BUCH DER HEILUNG
Durch Meditation zur Quelle von Gesundheit und Leben
Mit einer Einführung von Dr. Rüdiger Dahlke
(Heyne Taschenbuch Nr. 08/9658)
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Osho im WWW: http://www.osho.org
http://earth.path.net/osho
>Osho:
>
>Keine Psychotherapie kann es mit der Meditation aufnehmen,
>denn durch Psychotherapie ist noch nie jemand erleuchtet worden.
>Ihre Begründer waren nicht erleuchtet,
>und die Erleuchteten des Ostens haben sich nie mit Psychotherapie abgegeben.
Psychotherapie ist eine Sache...
>Ob man nach einer alten oder neuen Mode psychoanalysiert wird,
>spielt keine Rolle:
... Psychoanalyse eine andere. Und was zweitere angeht, so verkuendet
Osho hier IMO Unsinn oder hat keine Ahnung.
Ich zitiere hier mal James Brennen, weil er die Angelegenheit einiger-
massen praegnant auf den Punkt bringt, und sich im Wesentlichen mit mei-
ner Sicht deckt:
...
Sogar dann, wenn man Glueck hat (oder "bereit" ist), eine authentische
Mysterienschule zu finden, wird einem die Aufnahme selten leicht gemacht.
Die Barrieren sind nicht finanzieller Art. Jede okkulte Schule, die
ihren Namen verdient, wird, wenn die Gelegenheit es fordert, keinerlei
Gebuehren erheben. Andererseits wird keine dieser Schulen Dilettanten in
ihre Reihen aufnehmen. Um Aufnahme zu finden, wird man hart, sehr hart
arbeiten muessen, und zwar ueber mehrere Jahre hinweg. Um schliesslich
als Mitglied aufgenommen zu werden, muessen Sie noch haerter arbeiten.
Und die Arbeit selbst ist die beschwerlichste, die Sie sich vorstellen
koennen, da Sie an Ihrem eigenen Selbst, an Ihrem eigenen Charakter ar-
beiten.
Neben diesen wohlverborgenen Organisationen gibt es nur ein einziges
echtes Initiationssystem, das in Europa einem groesseren Pulikum
zugaenglich ist. Sein Begruender ist Sigmund Freud, dessen Interesse an
der Kabbala in seinen Biographien selten verzeichnet wird - udn es heisst
Psychoanalyse. Die PSychoanalyse ist zwar vielen Menschen zugaenglich,
aber leider nicht ohne einschraenkungen. Darueber hinaus wurde sie nicht
als Initiationsritual erdacht, sondern zum Zweck der Therapie und wird
im allgemeinen als solche angewandt, auch wenn sie sich im wesentlichen
als unbrauchbar erweist.
Damit werden deutlich die NAchteile dieses Systems sichtbar. Es ist
sinnlos, sich einem Therapeuten zur Behandlung anzuvertrauen, ausser man
ist gut bei Kasse. Damit soll der Berufsstand der Psychiater nicht ver-
unglimpft werden, es geht vielmehr um den Hinweis, wie viel Zeit und
Energie fuer eine vollstaendige Analyse aufgewendet werden muessen. Und
es geht nicht nur ums Geld. Wenige kompetente aerzte werden ihre ZEit
mit gesunden Patienten vergeuden. Sie werden dieAnalyse fuer den Neuro-
tiker aufsparen, der auf jede erdenkliche Weise davon profitieren wird,
ausser einer erfolgreichen Beseitigung seiner Symptome.
...
(James Brennan, Experimentelle Magie, Basel 1985)
Wir sehen also: Brennan ist der Meinung, dass die Psychoanalyse zwar
dem Kranken nicht hilft, wohl aber dem Suchenden helfen kann. Osho hin-
gegen stellt fest, dass die Psychoanalyse dem Kranken nicht hilft, und
daher auch dem Suchenden nicht helfen kann.
Und Brennan kennt ganz offensichtlich Mysterienschulen, die um einiges
mehr Tiefgang haben als das Osho-Movement...
Herzlichen Gruss
Peter
--
Write to: Peter Much * Koelnische Str. 22 * D-34117 Kassel * +49-561-774961
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