*Bhagwans Erben*
*Die Osho-Bewegung heute*
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Am 20. Januar 1990 wurde am Ufer des Mula-Mutha-Flusses in der westindischen
Stadt Poona der Leichnam eines Mannes verbrannt, der ohne Übertreibung als
die wohl exzentrischste Gestalt im Spektrum der Neuen Religiosität
bezeichnet werden darf: Rajneesh Chandra Mohan, von seinen Anhängern
Bhagwan Shree Rajneesh und zuletzt Osho genannt.
Über zwei Jahrzehnte lang war Rajneesh mit seinen provozierenden Thesen
über Körper, Sexualität und Religion in den Medien präsent. Kaum nach-
vollziehbar erschien Beobachtern die Begeisterung gerade auch unter
westlichen Intellektuellen für ihn. Zu fremdartig wirkte die Rolle und
Institution des Guru, als daß sie sich ohne weiteres in unser okzidental
geprägtes Religionsverständnis einordnen ließe.
Seit Rajneesh nicht mehr lebt, ist es um seine Bewegung ruhig geworden.
Niemand sorgt mehr für publicityträchtige Skandale, durch die sich der
Guru in den siebziger und achtziger Jahren das ständige Interesse der
Medien sichern konnte. Dennoch sollte man daraus nicht schließen. daß der
von ihm ausgegangene spirituelle Funke erloschen wäre. Ganz im Gegenteil:
Die von ihm ins Leben gerufene Gemeinschaft zählt mittlerweile zu den
bedeutendsten und größten neuen Religionen, die sich in der zweiten Hälfte
dieses Jahrhunderts in unserem Land etabliert haben.
Das vorliegende Buch handelt von dieser Religionsgemeinschaft. Wie ist sie
entstanden? Wie hat sie sich entwickelt? Wie ist sie einzuschätzen? Was
wollte Rajneesh, was wollen seine Anhänger, die Sannyasin?
Bei der Beantwortung dieser Fragen fühle ich mich einem religionsgeschicht-
lichen Ansatz verpflichtet. Mein Interesse gilt der Philosophie der Osho-
Bewegung und den aus ihr hervorgegangenen Formen religiösen Handelns.
Beide Gegenstandsbereiche beschreibe ich, ohne jedoch von vornherein eine
wertende Perspektive zugrunde zu legen. Es geht mir um das Selbstverständnis
Rajneeshs und seiner Anhänger, dem ich mich vor allem durch eine Analyse
von Texten des Stifters annähere. Damit will ich die Aufmerksamkeit der
Leser auf die religiösen Phänomene selbst lenken.
Erst nach einem solchen Arbeitsschritt, der die religiösen Gegebenheiten
gewissermaßen so zeigt, wie sie sind - erst nach einer genauen Kenntnis
der sannyatischen Religiosität nämlich halte ich eine fruchtbare und
mithin auch kritische Auseinandersetzung mit der Osho-Bewegung überhaupt
für möglich und sinnvoll.
In den einzelnen Kapiteln behandle ich, nach einem Überblick über die
Entstehungsgeschichte dieser Bewegung bis heute, die Person und religiöse
Funktion ihres Oberhauptes, seine Lehre, das Selbstverständnis und Alltags-
verhalten seiner Schüler, ihre religiöse Praxis, ihr Gemeinschaftsleben und
das sannyatische Religionsverständnis. Anhand dieser Aspekte möchte ich
Typisches herausarbeiten und aufzeigen, was zum unaufgebbaren Grundbestand
dieser Religiosität zu zählen ist: Bhagwans Erbe. Immer werden sich die
Sannyasin als Schüler Rajneeshs verstehen, ihren religiösen Weg buchstäblich
mit Leib und Seele beschreiten und sich in Therapie und Meditation auf
ihre Reise nach innen begeben.
Daran anschließend beschäftige ich mich mit den Jesus-Reden Rajneeshs und
untersuche die Wirkungsgeschichte jener Rajneesh-Texte, die unter
christlichen Lesern die größte Resonanz fanden. Im letzten Kapitel frage
ich - von dieser Religionsgemeinschaft ausgehend - nach der Notwendigkeit
eines Dialogs mit den Neuen Religionen.
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Joachim Süss
Bhagwans Erbe
Die Osho-Bewegung heute
Reihe Claudius Kontur
Claudius Verlag, 1996
ISBN 3-532-64010-4
Preis: 24,80 DM