In der Ausgabe vom 11. Februar 1999 erscheinen unter anderem
folgende Beitraege:
Inland
Im Fuerstentum Liechtenstein machen sich Skinheads breit. Die
Polizei versucht den Imageschaden mit Falschauskuenften zu
begrenzen. (diesen Beitrag dokumentieren wir im folgenden)
Sagen die Gewerkschaften Nein zu den bilateralen Vertraegen? Ein
Streitgespraech mit SGB-Praesident Paul Rechsteiner.
Gegen die Wegsperr-Mentalitaet: Seit dem <<Mord am
Zollikerberg>> gelten viel mehr Delinquenten als gemeingefaehrlich.
Die St. Galler Strafvollzugsbehoerden opponieren gegen die
haertere Gangart in Zuerich. (diesen Beitrag dokumentieren wir auf
www.woz.ch)
Lukrative Apartheid: Die Regierung Suedafrikas traegt noch heute
die Last der Auslandsschuld des Apartheidregimes. Der Finanzplatz
Schweiz war daran massgeblich beteiligt, wie eine neue Studie
zeigt.
Der Traum eines CVP-Dissidenten: Michel Carron, der den Dorsaz-
Skandal ins Rollen brachte, will im Wallis eine SVP-Sektion
gruenden.
Ausland
Indiens Regierungspartei steckt in der Klemme. Dass immer die
andern die Schuld haben sollen an Missstaenden wie der
Preisexplosion oder den Uebergriffen auf Minderheiten will ihr
niemand mehr abnehmen.
Das Desaster der deutschen Gruenen. Kommt nach der begreiflichen
Niederlage in Hessen der Krach in Bonn?
Zum Tod Koenig Husseins von Jordanien: Ein Koenig, der zu einem
Volk kommen wollte. Ein Nachruf von Azmy Bishara.
Brasilien: Der Erfolg der streikenden Ford-Arbeiter von Sao
Bernardo do Campo zeigt auch auf, wie schwach die Gewerkschaften
in den uebrigen Landesteilen sind.
Ukraine: Mittels einer besonders originellen Art von Fundraising
tritt momentan die ukrainische Regierung hervor: Ohne westliche
Geldspritze fuer ihre neuen AKWs bluehe der Welt ein neuer
atomarer Gau, droht sie. (diesen Beitrag dokumentieren wir auf
www.woz.ch)
Polen: Ein Abkommen zweier Bauernorganisationen mit der
Regierung beendete am Montag militante Proteste, die das Land
zwei Wochen lang in Atem hielten. Doch ein Wiederaufflackern der
sozialen Spannungen ist absehbar.
Kultur / Gesellschaft
Viktor Giacobbo: 1 TV-Sendung, 1 Kolumne, 1 Buch, 1 Casino-
Theater. Er ist die Nummer 1 seiner Branche. Ein Portraet von
Condstantin Seibt. (diesen Beitrag dokumentieren wir auf
www.woz.ch)
Anthroposophie und Kultur: Zwei neue Kulturraeume in Basel sind
vom Geist Rudolf Steiners inspiriert.
Krieg im Kopf: Wie Niklaus Meienberg waehrend den beklemmenden
Wochen des Golfkriegs 1991 in Panik geriet und alle Welt vor einem
drohenden Weltkrieg retten wollte. 3. Teil des Exklusiv-
Vorabdrucks der Biografie.
Amuesante Troubles in Langenburg (Aarau?). <<Wurst und Spiele>>,
der neue Roman von Wolfgang Bortlik.
<<Ranft>> heisst Manfred Zuefle's Buch ueber den Obwaldner Heiligen
Bruder Klaus, ein stilles Manifest ueber Raum und Zeit.
Yusuf Yesiloez erzaehlt in <<Vor Metris steht ein hoher Ahorn>> von
seiner Zeit als politischer Gefangener im tuerkischen Gefuengnis.
Die WoZ wird herausgegeben von der Genossenschaft Infolink, die
ausschliesslich den ZeitungsmacherInnen gehoert. Fuer ein
kostenguenstiges Probeabo (acht Ausgaben fuer 20 Franken,
inklusive der monatlich beigelegten deutschsprachigen Ausgabe
von Le Monde diplomatique) senden Sie einfach eine Notiz
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Angabe der Postadresse bitte nicht vergessen; wir koennen die
Zeitung nicht e-mailen ...
Und hier der angekuendigte Text
Im Fuerstentum Liechtenstein machen sich Skinheads breit.
Die Polizei versucht, den Imageschaden mit Falschauskuenften zu
begrenzen.
Juerg Frischknecht
<<Ich bin deutschnational aufgewachsen, mein Neni kaempfte in der
Waffen-SS>>, prahlte Wolfgang Risch, als wir uns im Bahnhofbuffet
Buchs trafen. Die WoZ hatte den heute Zwanzigjaehrigen gerade als
jenen Liechtensteiner Skinhead enttarnt, welcher der Nationalen
Initiative Schweiz (NIS) eine Postfachadresse in Vaduz besorgt
hatte. <<Wolfi>> war im kurzen Bundeswehrleibchen erschienen. Den
rechten Oberarm zierte ein Stacheldraht-Tattoo, auf dem linken war
der <<Neni>> mit Stahlhelm und SS-Kragenspiegeln taetowiert. <<Ein
flotter Bursche>>, lobte am Telefon der verehrte Grossvater.
Geradezu brav wirkte neben dem flotten <<Wolfi>> der 27-jaehrige
Rico Gurt, damals noch SBB-Angestellter, der sich mit Emblemen
zum Ku-Klux-Klan bekannte. Nicht nur gegenueber der WoZ traten
die beiden als Wortfuehrer der lokalen Skinheadszene auf. Die
Liechtensteiner Regierung empfing sie zum Gespraech, und in einer
Diskussionsrunde des privaten <<Radio L>> durften sie die
Biedermaenner spielen.
Weil die beiden ein NIS-Flugblatt gegen den Basler
Zionistenkongress naechtens in Chur und Landquart verteilt hatten,
standen sie letzten Herbst wegen Verhetzung vor dem
Schoeffengericht. Das Duo kam mit einem Freispruch davon, doch hat
die Staatsanwaeltin Berufung eingelegt. Vor Gericht behauptete
Gurt, er habe sich aus der Szene zurueckgezogen, eine Beteuerung,
die er diese Woche wiederholte.
Der Schweizer Gurt und der Liechtensteiner Risch hatten nicht nur
zur NIS engen Kontakt, sondern auch zu den Schweizer Hammerskins
sowie zum Patriotischen Ost-Fluegel (POF). Der Liechtensteiner
POF-Ableger fuehrte regelmaessige Treffen durch. In den
Partyberichten der Ostschweizer kommt <<Wolfi>> als
leidenschaftlicher Biertrinker vor. Gurt und Risch pilgerten zu
Grossdemos in Muenchen und Leipzig und zum 1. August nach
Buelach. Ein grosser Reiseradius foerdert das Ansehen in der Clique.
Beim Versuch, im September 1997 in St. Gallen eine antirassistische
Kundgebung zu sprengen, war Gurt nur deshalb nicht dabei, weil er
im Militaerdienst war. Vor Ort war hingegen Risch, der wie vierzig
andere unfreiwillig eine Nacht in einer Polizeizelle verbrachte.
Mit in der St. Galler Zelle sass Kamerad Sacha Maillot, ein
Liechtensteiner mit franzoesischem Pass. Der 22-jaehrige
Lastwagenfahrer sorgte Anfang Jahr fuer Schlagzeilen, weil er
zusammen mit dem 17-jaehrigen Gymnasiasten <<Frax88>> die
Homepage <<Liechtensteiner Arier>> betrieb, die gratis auf dem
amerikanischen Provider <<xoom>> platziert war. <<Achtung: Der
Zugang zu dieser Seite ist Juden, Tuerken, Schwulen und vor allem
Niggers untersagt>>, wurden Surfer gelockt. Gegruesst wurden ein
Dutzend einheimische Kameraden (darunter der <<angstlose
Daniel>>) sowie <<unser Altnazi Egon und natuerlich unser Fuehrer
Adolf Hitler>>.
Mit dem Altnazi war Egon Marxer gemeint, einst Scharfuehrer der
Volksdeutschen Jugend, einer Art Liechtensteiner Hitler-Jugend.
Die Skins kennen ihn vom Film <<Fuer Gott, Fuerst und Vaterland>>.
Die jungen Nazi-skins versuchen, an die braune Tradition
anzuknuepfen. Umgekehrt versicherte Marxer, dass er keinen
Kontakt zu Skins habe. Es gibt in der Tat keinen Beleg dafuer, dass
<<Altherren>> den Naziskins beistehen wuerden. Maillot blufft zwar,
man habe sich Mitte der neunziger Jahre zwei, drei Mal in einem
Restaurant mit ehemaligen Waffen-SS-Mitgliedern getroffen, doch
bleibt er vage.
Ein paar Monate lang vermittelte die Homepage auch eine praezise
Anleitung zum Bombenbasteln. Der arbeitslose Fernfahrer Maillot
steuerte unter seinem Spitznamen <<Schlumpf>> Kurzgeschichten
bei. Er tat Auschwitz als blossen Traum ab (<<nie geschehen>>),
empfahl eine auslaendische Frau als <<schlachtreife Kuh>> und zeigte
sich als <<Nationalsozialist>>, <<Rassist>> und <<Judenfeind>>. Der
WoZ gegenueber deutschte er sein Weltbild weiter aus: <<Die
Orient-Loge hat Ruth Dreifuss in den schweizerischen Bundesrat
gebracht.>> Maillots letztes Wort lautet stets: <<Wenn Sie etwas
zitieren, streite ich alles ab.>>
<<Frax88>> (88 fuer Heil Hitler) gab auf Anraten seiner Anwaeltin
keine Auskunft. Der Gymnasiast sei ein bisher unbekannter
Einzeltaeter, versichert die Polizei. Maillot hingegen spricht von
der <<Kindergartentruppe>>, also von einer Clique, die den Internet-
Stubenhocker bewundert habe. Altgediente Skins spoetteln, der
junge Frax leiste sich bloss <<eine lange Glatze - mehr als sechs
Millimeter lange Haare>>.
Auf der Homepage tauchte auch der Gruppenname
<<Liechtensteiner88>> auf. In Beizen blufften junge Skins: <<Nun
haben wir eine eigene Homepage.>> Am 20. Dezember bekam die
Polizei Wind vom wenig imagefoerdernden neuen Landesprodukt.
Bereits drei Tage spaeter hatte sie die E-Mail-Adresse von Frax
entschluesselt, unternahm jedoch nichts.
Schneller handelten Hacker. Nachdem der <<Tages-Anzeiger>> ueber
die <<Liechtensteiner Arier>> berichtet hatte, gab sich ein Hacker
als Provider aus und wies Frax per fingiertem E-Mail an, das
Passwort zu aendern, was dieser brav tat. Das war der Freipass fuer
den Hacker, der das Passwort flugs nochmals aenderte. Der
ausgetrickste Frax stellte wuetend fest, dass auf <<seiner>> Seite
nicht mehr Hakenkreuz, Fuerstenkrone und Adolf Hitler aufschienen,
sondern der Davidstern. Wenige Tage spaeter kippte der Provider
die Seite aus dem Netz.
Erst danach, Mitte Januar, fuehrte die Liechtensteiner Polizei bei
Frax, der aus bestem Hause stammt und im Zickzack private
Mittelschulen durchlaeuft, eine Hausdurchsuchung durch, eine Woche
spaeter dann auch bei Maillot. Bei beiden wurden die Computer
beschlagnahmt. Das Duo wird wahrscheinlich wegen Verhetzung
sowie wegen Verletzung des Sprengstoffgesetzes und des
Wappengesetzes angeklagt.
Eben erst ist Maillot zur hoechstmoeglichen Geldbusse verurteilt
worden, weil er im Dezember 1997 seine Mutter
zusammengeschlagen und anschliessend im Freien mit einer seiner
Maschinenpistolen herumgeballert hatte. Waffenbesitz ist auch bei
Liechtensteiner Glatzen die Regel. Wiederholt sind einige von ihnen
wegen Schlaegereien verurteilt worden. In Vorarlberg schlugen
letzten September im Fuerstentum wohnhafte Skins Discobesucher
spitalreif. Das Landgericht Feldkirch verknurrte drei Taeter zu
unbedingten Bussen zwischen 12 000 und 19 000 Franken. Einem von
ihnen, dem 25-jaehrigen, in der DDR geborenen Koch Daniel N.,
drohten die Liechtensteiner im November muendlich die
Ausweisung an. <<Seither habe ich von der Fremdenpolizei nichts
mehr gehoert>>, freut sich der <<angstlose Daniel>>.
Zwei der Vorarlberger Taeter (darunter ein Bosnier, der im Moment
in seiner Heimat Militaerdienst leistet) stehen zusammen mit
Wolfgang Risch wegen einer weiteren Schlaegerei am 2. Maerz in
Vaduz vor Gericht. Kein Wunder, sind sie auf die Justiz schlecht zu
sprechen.
Hans, der Polizist
Ganz anders reden sie von der Polizei. <<Reden Sie nur mit der
Polizei>>, riet Risch. <<Ich rufe Hans vorher an und sage ihm, was er
sagen soll.>> Maillot resuemierte: <<Als Pri-vatmann ist Hans schon
recht. Er hat uns auch mal zu einem ungezwungenen Gespraech auf
den Bullenposten eingeladen - leider ohne Bier.>> Die Glatzen reden
von Polizeisprecher und Skinheadexperte Hans Meier, als ob es der
Trainer ihres Fussballclubs waere, der ab und zu ein vaeterliches
Wort spricht. <<Wir luegen Hans nie an>>, erklaeren die Skinheads.
<<Ich werde nicht angelogen>>, vermutet Hans Meier seinerseits.
<<Drei bis vier Skinheads>> gebe es derzeit in Liechtenstein, dazu
etliche Sympathisanten, sagt Meier. Er ist bekannt fuer seine tiefen
Schaetzungen, die dann als offizielle Meinung die Runde machen.
LehrerInnen, Jugendarbeiter und Eltern wissen indes laengst, dass
die Glatzenszene seit Mitte der neunziger Jahre waechst und immer
Juengere in ihren Bann zieht. <<Bereits Fuenftklaessler eifern in
ihrem Auftritt den Skinheads nach>>, berichtet ein Erzieher. Derzeit
zaehlt die Liechtensteiner Skinszene schaetzungsweise zwei Hand
voll Aktivisten plus zwei Dutzend Sympathisanten.
Hans Meier bemueht sich so sehr um ein moeglichst unbeflecktes
Liechtensteiner Image, dass er es mit der Wahrheit nicht so genau
nimmt:
- Gurt sei nie als Schlaeger aufgefallen, behauptete Meier. Tatsache
ist, dass Gurt wegen einer Schlaegerei noch bis zum Juni eine
Geldbusse von 12 000 Franken abstottert.
- Am Jahrmarkt 1998 habe es in Schaan keinen Zwischenfall mit
Rechtsextremen gegeben, behauptete Meier. Tatsache ist, dass drei
Skins wegen Koerperverletzung angeklagt sind. <<Das wurde halt als
gewoehnlicher Raufhandel eingetragen>>, meinte Meier hinterher.
- Die Taeter des Vorarlberger und des Schaaner Vorfalls gehoerten
zu <<voellig anderen Gruppen ohne personelle Ueberschneidung>>,
behauptete Meier. Tatsache ist, dass zwei der drei Schaaner Taeter
bereits in Vorarlberg verurteilt wurden.
Das Fuerstentum Liechtenstein lebt vom guten Image. Auf die
unwillkommene Skin- headszene reagieren die Behoerden vor allem
dann, wenn die Sache dummerweise Schlagzeilen macht. Seit 1997
ist eine Kommission daran, eine Strafnorm aehnlich dem
schweizerischen Antirassismus-Gesetz auszuarbeiten.
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