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"Neue Rechte": Geopolitik und Religion

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LEO.T...@bionic.zerberus.de

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Nov 23, 1999, 3:00:00 AM11/23/99
to
Mit oder ohne Gott?

Das Christentum, der Islam,
die Tradition, die "Neue"
Rechte:

Geopolitik und Religion

von Jean Cremet

Wie seit den Anfängen dieser Strömung befindet sich die
Religion nach wie vor im Zentrum der ideologischen Debatte
der Nouvelle Droite. Nach zuletzt der Nr.89 (1997) mit dem
Dossier "Europa: Das heidnische Gedächtnis" steht erneut
die Ausgabe Nr.95 (Juni 1999) der Eléments, des
Publikumsblattes der französischen "Neuen" Rechten, unter
der zentralen Fragestellung "Mit oder ohne Gott?"1 Dieser
Schwerpunkt, auf den das Titelblatt mit einem Gemälde von
Stonehenge hinweist, ist nach Art einer Umfrage gestaltet.
Auf die Leitfrage "Mit oder ohne Gott?" antworten einige
Exponenten der Nouvelle Droite aus Frankreich (Alain de
Benoist, Pierre Le Vigan2) und dem Ausland (José Javier
Esparza3, Luc Pauwels4), der belgische neopaganistische
Journalist Christopher Gérard, der seit 1994 die
einschlägige Vierteljahreszeitschrift Antaios5 herausgibt,
der esoterische, geopolitisch ausgerichtete Schriftsteller
Jean Parvulesco6, der Musikwissenschaftler Jean-François
Gautier und andere. Es finden sich also etliche der
bekanntesten Namen der europäischen "Neuen" Rechten und
ihres direkten Umfeldes als Autoren in diesem Dossier, was
nochmals die Bedeutung unterstreicht, die hier diesem
Themenfeld zugewiesen wird.

Dafür spricht auch der Name des einzigen externen
Mitarbeiters, denn als Interviewpartner steht in diesem
Heft mit dem Italiener Massimo Introvigne ein prominenter
und ausgewiesener Experte zur Verfügung. Introvigne gilt
als einer der weltweit anerkanntesten Spezialisten im
Bereich "Sekten" und Neue Religiöse Bewegungen. In Turin
leitet der gelernte Jurist, Hochschullehrer für zeitgenös
sische Religionsgeschichte und ehemalige Vorsitzende der
Alleanza Cattolica das Spezialinstitut CESNUR, mit dem er
jährlich internationale wissenschaftliche Kolloquien zu
allen Aspekten neuer Religiosität, der Esoterik sowie
okkulter und magischer Gruppierungen durchführt, die sich
unter anderem dadurch auszeichnen, daß auch Aktivisten und
Ideologen solcher spiritueller Erscheinungen als Referenten
in eigener Sache zu Wort kommen.

Als die gegenwärtigen religiösen Haupttendenzen sieht
Introvigne einerseits die fundamentalistische,
buchstabengetreue Auslegung der heiligen Schriften, zu
sätzlich durch den gemeinsamen Ritus - wie beispielhaft
beim Sufismus - die kollektive Identität stärkend,
andererseits eine rein individuelle Religiosität, die
weniger auf das Heil als auf das persönliche Glück
ausgerichtet ist. Letztere findet sich besonders ausgeprägt
im Synkretismus der unzähligen Erscheinungsformen des New
Age, in denen sich jeder im Baukastensystem seine eigene
Religion zusammenbastelt. Beide dieser Haupttendenzen der
gegenwärtigen Religiosität werden - wie bekannt - von der
"Neuen" Rechten als unbrauchbar verworfen. Darin zumindest
stimmt sie mit ihrem Interviewpartner überein.

Die Bundestags-Enquetekommission zu Fragen der "Sekten"7
hatte Introvigne in der vergangenen Legislaturperiode als
Gutachter für die internationalen Verknüpfungen in diesem
Bereich herangezogen. Introvigne, der sich, obwohl selbst
praktizierender Katholik, gegen jegliche staatliche
Reglementierung im Bereich der Religion ausspricht und
keinerlei Berührungsängste gegenüber heidnischen und
esoterischen Gruppierungen oder der extremen Rechten hat8,
nähert sich seinem Untersuchungsgegenstand
"objektivistisch", fällt also - außer bei offenkundigen
Verbrechen - keinerlei Werturteile. Zur Beurteilung des Phä
nomens sind seiner Ansicht nach ausschließlich
Fachwissenschaftler berufen, Untersuchungen durch
Geheimdienste und die Berücksichtigung der Arbeit von Anti-
Sekten-Gruppen lehnt er ab.9 Mit dieser Haltung ist er
natürlich für die "Neue" Rechte interessant, die auch nach
dreißig Jahren im katholischen Frankreich noch immer darum
kämpft, daß die verschiedenen Ausformungen des Heidentums
wenn schon nicht als gleichberechtigt anerkannt werden,
dann doch zumindest nicht mehr gesellschaftlich
stigmatisiert werden.10

Die Linie des Abwägens, weitab von der ausschließlichen
Sensationsbezogenheit der Massenmedien und staatlicher
Reglementierungssucht, behält Introvigne selbst bei
skandalisierten Strömungen wie dem Satanismus bei.11 "Aber
auch dort", so erläutert er im Interview mit den Eléments,
"darf man die Bedeutung nicht überschätzen. In Frankreich
zählen die Satanisten kaum mehr als einige Dutzend
Personen." Man müsse außerdem zwischen einem organisierten
Satanismus und einem "wilden" von Heranwachsenden
unterscheiden, "die gelegentlich schwerwiegende Dummheiten
begehen". Die erwähnten aktuellen religiösen Haupttendenzen
sind für ihn letztlich Konsequenzen einer Moderne, die den
Menschen Halt und Orientierung in jedem Bereich des Lebens
verweigert, die sogar den Glauben säkularisiert und zu
einer Ware gemacht hat. Echte Spiritualität finde sich
ausschließlich in traditionsverwurzelter und -bewußter
Religion, die konkreten Inhalte des Glaubens sind im
Vergleich dazu zweitrangig.12 Eine Position, die auch von
einigen der sich als explizit heidnisch verstehenden
Exponenten der "Neuen" Rechten geteilt wird.
Introvignes grundlegend antimoderner Standpunkt wird in der
Einschätzung deutlich, daß die eigentliche Gefahr auf
spirituellem Gebiet darin liege, daß die Welt der Moderne
insgesamt an sich satanisch sei.

"(Joseph de) Maistre meinte, daß die Französische
Revolution in ihrem Wesenskern satanisch sei, aber er
glaubte keineswegs, daß die Revolution von einer kleinen
Sekte heimlicher Satanisten gelenkt wurde... Ich glaube,
daß die Präsenz des Satans in unserem modernen Leben und in
unserem Jahrhundert, das so viele Gemetzel gesehen hat,
nicht geleugnet werden kann, aber ich werde nicht danach
streben, dafür Individuen verantwortlich zu machen, die
ausschließlich sich selbst repräsentieren."

Der Teufel wirkt nicht durch jene, die sich offen zu ihm
bekennen, sondern verfügt über zahllose Verkleidungen und
kann in vielfältiger Form auftreten.

Einer ähnlichen Annäherungsweise an den "Satan" in der
Moderne befleißígte sich der aus der Schweiz stammende
Konservative Revolutionär Denis de Rougemont, einer der
Hauptautoren der wichtigen Zeitschrift der Zwischen
kriegszeit Ordre Nouveau13. Der Essay "Der Anteil des
Teufels" von Rougemont, dessen Konzeption eines
föderalistischen europäischen Reiches14, begünstigt durch
die Veröffentlichung seiner Gesammelten Werke in
Frankreich, von allen Fraktionen der "Neuen" Rechten
zunehmend rezipiert wird, erschien 1999 als deutsche
Erstübersetzung bezeichnenderweise bei Matthes & Seitz in
München. Und entsprechend dieser, der Moderne gegenüber -
gelinde ausgedrückt - skeptischen Haltung, die den Teufel
hauptsächlich in der als dekadent begriffenen Gegenwart
ausmacht15, hat auch der stark durch Pierre-Joseph Proudhon16
geprägte Föderalismus Rougemonts antimoderne Züge. Sein
Föderalismus wird befördert von der Leitidee des
mittelalterlichen Heiligen Römischen Reiches Deutscher
Nation, eines Reiches, das durchdrungen ist von der
"Dialektik von Zentralität und Subsidiarität" (Robert
Steuckers), getragen nicht nur von gemeinsamer Herrschaft,
sondern vor allem von der einigenden Idee, der unitas des
Glaubens.17

Die von Rougemont repräsentierte Strömung der französischen
Konservativen Revolution, der sogenannte Personalismus,
wird über seine Hauptvertreter wie Thierry Maulnier, Jean-
Pierre Maxence, Robert Aron, Arnaud Dandieu und nicht
zuletzt Emanuel Mounier in den letzten Jahren verstärkt von
der "Neuen" Rechten rezipiert. Dies ist kaum erstaunlich,
denn Zeev Sternhell stellt sie im Abschlußkapitel seines
grundlegenden "Ni droite, ni gauche"18 als eine der Aus
formungen der "faschistischen Ideologie in Frankreich" dar.
Ein Beispiel für dieses gezielte Wiederaufgreifen einer
bisher vernachlässigten Geistesströmung aus dem eigenen
Traditionskabinett ist der informative Band des Schülers
und Mitarbeiters von Georges Sorel, Pierre Andreu,
"Révoltes de l'esprit"19, der die einschlägigen
Zeitschriftenprojekte in den dreißiger Jahren beleuchtet.
Es versteht sich, daß auch in den Debatten des damaligen
Personalismus die Spiritualität eine beträchtliche Rolle
spielte.

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, daß diese - wiederum in
mehrere Richtungen gespaltene - Fraktion der Konservativen
Revolution, vor allem über ihren Repräsentanten Alexandre
Marc, auch Beziehungen zu der Gruppe um die national
revolutionär ausgerichtete Zeitschrift Gegner von Harro
Schulze-Boysen pflegte.20 In Übereinstimmung mit dessen
Projekt sah man sich ebenfalls als "weder links, noch
rechts", als neue, die bisherigen Lager hinter sich
lassende Synthese.21

Die ständige demonstrative Betonung des neopaganistischen
Standpunktes der "Neuen" Rechten, der auch in der aktuellen
Ausgabe der Eléments seinen Niederschlag findet, bleibt
lagerintern inzwischen nicht mehr ohne Widerspruch.
Schärfster Kritiker aus den eigenen Reihen ist dabei wieder
einmal der frühere Chefideologe Guillaume Faye. In seiner
Generalabrechnung mit der "Neuen" Rechten in Buchform
"L'Archéofuturisme"22 sieht er in der "Instrumentalisierung
und Politisierung des Paganismus" einen der folgen
schwersten Irrtümer der Denkschule um Alain de Benoist. Da
es sich bei Fayes Kritik um keine Einzelmeinung handelt,
sondern er sowohl bei praktizierenden Heiden wie
Christopher Gérard als auch bei den Integralen
Traditionalisten23 und praktizierenden Katholiken innerhalb
des GRECE um Arnaud Guyot-Jeannin und Christophe Levalois24
sowie den eher religiös indifferenten GRECE-Führungskadern
wie Charles Champetier Unterstützung erfährt, seien
nachfolgend etwas ausführlicher einige Passagen aus Fayes
Analyse wiedergegeben.

"Von einer richtigen Feststellung ausgehend, einer von
nietzscheanischer Natur - der Schädlichkeit des egalitären,
homogenisierenden und ethno-masochistischen Charakters des
christlichen Evangeliums -, hat die Nouvelle Droite einen
neuheidnischen Korpus konstruiert, der mit mehreren Mängeln
behaftet war. Paraxoderweise begann dieser Neopaganismus
unbewußt mit einer christlichen Anschauung, nämlich daß
einem Dogma ein Gegendogma entgegengesetzt werden müsse.
'Das' Heidentum existiert nicht; es gibt potentiell
unzählige Formen des Heidentums. Die Nouvelle Droite hat
sich implizit als eine 'heidnische Kirche' dargestellt, die
zudem ohne Gottheit ist. Die dem heidnischen Konzept eigene
Natur verbietet es, daß man es als metapolitisches Banner
benutzt, während man dies mit dem Christentum, dem Islam
oder dem Judentum tun kann."

Dieser falsche Ansatz sei, so Faye, folgerichtig und fatal
ergänzt worden um einen "virulenten Anti-Katholizismus"
sowie eine "offene Sympathie für den Islam". Ersteres sei
unverständlich, da der Katholizismus durchaus eine Reihe
von Resten des heidnischen Polytheismus aufweise,
Anknüpfungspunkte also vorhanden gewesen wären. Letzteres
sei unverständlich, da die "Wüstenreligion" Islam einen
"theokratischen Monotheismus" verkörpere und man zugleich
von einer "objektiven Bedrohung Europas durch den Islam"
ausgehen müsse25. Beides sei nicht zuletzt aus dem ganz
pragmatischen Grund zu verurteilen, da man sich mit solchen
Positionsnahmen selbst von der natürlichen Zielgruppe
abtrenne und unnötige Gräben schaffe.

Faye, der in diesem Zusammenhang abschätzig von einem
"Folklorismus" spricht, resümiert die Konsequenzen:

"Ein potentielles Publikum ist niemals zur Nouvelle Droite
gekommen, ein anderes hat sie verlassen. Warum? Zunächst
weil eine Reihe von Menschen nicht verstand, weshalb dem
Paganismus eine solche Vorrangstellung eingeräumt wurde,
jenes ideologische Privileg, das ihm zugestanden wurde,
vorrangig sogar gegenüber weit wichtigeren Fragen konkreter
und politischer Art, so wie beispielsweise der Zerstörung
der europäischen Ethno-Sphäre oder der anti-natalistische
Masochismus der Regierungen. Eine weitere Konsequenz: diese
Wertschätzung des Paganismus als Kennzeichen für die Öffent
lichkeit hatte, vor allem in Frankreich, eine schädliche
Auswirkung in den Medien. Sich ausdrücklich auf das Heiden
tum zu berufen, 'gleich welcher Art, das macht einen zur
Sekte', wie mir eines Tages eine sehr berühmte französische
Schauspielerin gesagt hat, die privat übrigens den Ideen
der Nouvelle Droite nahesteht, sich jedoch, wie viele
andere auch, der Melange aus politischer Ideologie und dem
Para-Religiösen verweigert. Das mag man natürlich beklagen,
aber so verhält es sich nun einmal. Es gibt Regeln der
Propaganda, die man nicht umgehen kann."

Das Heidentum sei nur dann von Wert für die "Neue" Rechte,
wenn es konkret sei. Neben der prägenden Nietzsche-Lektüre,
erläutert Faye, sei es vor allem ein handfestes Ritual
gewesen, das ihn in dieser Richtung geprägt habe,

"der 'Schwur von Delphi', den Pierre Vial zu Beginn der
achtziger Jahre initiiert hatte. Dort, im Heiligtum des
Apollo, zur Zeit der Morgendämmerung, haben Leute aus
Griechenland und aus Burgund, aus der Toskana und aus
Bayern, aus der Bretagne und der Wallonie, aus Flandern und
Katalonien geschworen, ihr Leben lang eine heidnische Seele
zu bewahren. Sehr gut. Aber alle diese heidnischen
Handlungen müssen in einem internen Rahmen verbleiben. Die
heidnische Seele ist eine innere Kraft, die bei jeder
ideologischen und kulturellen Ausdrucksform nach außen
dringen muß. Sie ist wie der Kern eines Nuklearreaktors.
Sie darf nicht ausdrücklich in der Form
instrumentalisierter Slogans auftreten. Man sagt nicht:
'Ich bin Heide'! Man ist es."

Nicht zuletzt diese offenkundig Widerhall findende
lagerinterne Kritik von Faye spricht dafür, daß es sich
nicht um das letzte Dossier der Eléments zum Thema Religion
gehandelt haben dürfte. Zwar stimmt man weiterhin mehrheit
lich dem Urteilsspruch Spenglers zu, beim Christentum
handele es sich um den "Bolschewismus der Antike"26, zwar
betont man weiterhin, daß das Christentum als Monotheismus
"notwendigerweise totalitär" sei, denn da es somit nur eine
Wahrheit gebe, folge daraus "Gegen Gott zu sein, heißt für
das Böse zu sein. Und gegen das Böse ist alles erlaubt:
Völkermord, Folter, Inquisition."27, zwar führt man
weiterhin den Totalitarismus des "eifersüchtigen Gottes"
bis zu den jüdischen Wurzeln in der Schöpfungsgeschichte
zurück, die bereits demonstriere, daß die "abrahamitischen"
Religionen die Welt im Wortsinne "heil-los" gemacht
hätten28, doch stellen diese Positionen keine
"Zugangsvoraussetzungen" mehr dar. So wie das Heidentum
grundsätzlich pluralistisch verstanden wird, so sind
nunmehr auch andere spirituelle Zugänge jenseits der
Traditionen des indo-europäischen Heidentums (oder was
darunter verstanden wird) möglich, wenn sie die
Grundvoraussetzung erfüllen, anti-egalitär und anti-
universalistisch zu sein.

Neben dieser grundsätzlichen religiösen Debatte findet
parallel innerhalb der Nouvelle Droite und ihrem
europäischen Umfeld eine neuerliche Diskussion über das
Verhältnis zum Islam und in Verbindung damit auch zu den
arabischen Staaten statt.

Spätestens seit der Nr.53 (Frühjahr 1985) der Eléments
hatte sich innerhalb der europäischen "Neuen" Rechten
eigentlich ein pro-arabischer und in seinem Gefolge
tendenziell pro-islamischer Ansatz durchgesetzt, dessen Vor
aussetzung natürlich die als Gegensätzlichkeit begriffene
Unterscheidung zwischen Europa und dem "Westen", den USA
war. In dem entsprechenden Dossier "Pour en finir avec la
civilisation occidentale" in den Eléments Nr.34, April/Mai
1980, hatte Faye bereits die künftige Linie in groben
Umrissen vorgezeichnet. Schon damals konstatierte er, daß
"...der islamische Nationalismus sicherlich den erquicklich
sten Backenstreich dar(stellt), der dem utopischen
Zivilisationsmuster amerikanischer Provenienz je
verabreicht wurde. In der Tat stellt er den westlichen
Wunschtraum des merkantilen Wachstums und der vorrangigen
Entwicklung der Ökonomie in Abrede und verwirft zugleich
den Marxismus, in dem er - zu Recht - einen Faktor der
kulturellen Dekadenz erblickt."29

Der GRECE befand sich zur Zeit der Abfassung der damaligen
Zeilen als Hauptorganisation der Nouvelle Droite auf dem
Höhepunkt eines bereits länger anhaltenden
Medieninteresses. Ab Sommer 1979 war er Gegenstand einer
Pressekampagne mit mehreren hundert Artikeln gewesen.30 Ein
knappes Jahr später widmete sich diese "Neue" Rechte,
zunächst eher nebenbei, einem Thema, das in der
Gesamtgesellschaft aus mehreren Gründen Gegenstand lei
denschaftlicher Auseinandersetzungen war: dem Islam. Als
Religion der meisten aus dem Maghreb stammenden
französischen Bürger und eines erheblichen Teils der
Immigrantinnen und Immigranten, die auch im Frankreich der
damaligen Zeit Gegenstand einer rassistischen Kampagne
waren, als Leitideologie der im Westen ob ihrer
Antimodernität mit starken Ängsten belegten Revolution im
Iran, als angeblich hinter dem internationalen Terrorismus
stehende ideologische Macht, als dessen Symbol immer wieder
das Libyen des Obersten Ghaddifi herangezogen wurde, und
nicht zuletzt als Religion der Mehrheit derjenigen Länder,
die über die wichtigsten Ölvorkommen verfügen, also "uns" -
wie die unmittelbare Vergangenheit mit der traumatisch
nachwirkenden ersten Ölkrise gezeigt hatte - den Ölhahn
zudrehen können, reichte zu diesem Zeitpunkt der Islam im
Westen als Feindbild in seiner Wirkungsmacht fast an den
Kommunismus heran.

In dieser Situation die arabischen Staaten und den Islam
als potentielle Bündnispartner zu präsentieren, zeugte von
Risikobereitschaft und Innovationskraft. Man stellte sich
auf die Seite einer religiösen und politischen Erscheinung,
die gesamtgesellschaftlich stigmatisiert war und länder-
sowie lagerübergreifend in ganz Westeuropa für die
etablierten politischen Kräfte den Feind Nr.1 repräsen
tierte. Einmal ganz davon abgesehen, daß die "Neue" Rechte
heute diesen Mut nicht mehr aufbringen würde (das, was in
Deutschland als "Neue Rechte" bezeichnet wurde, hat ihn
ohnehin nie besessen), war für einen solchen Schwenk in
einer solchen Situation selbstverständlich eine gründliche
und umfassende ideologische Vorbereitung notwendig.

Das Titelblatt der betreffenden Eléments Nr.34, mit denen
der neue Kurs eingeläutet wurde, bildet das im gleichen
Jahr 1980 entstandene Gemälde "Manhattan" des der Nouvelle
Droite nahestehenden Künstlers Olivier Carré, der eng mit
Guillaume Faye befreundet war und 1994 bei einem Unfall
verstarb (Nouvelles de Synergies Européennes Nr.23, 1996,
S.22)31. Der Maler Carré gehörte wie der italienische GRECE-
Mitbegründer Giorgio Locchi32 zu denjenigen Aktivisten der
Nouvelle Droite, die dem Anti-Liberalismus Priorität vor
allen anderen Motivationen einräumte.

Dieser ideologische Impetus schlug sich selbstverständlich
auch in seinem Schaffen nieder. "Manhattan", das ist Carrés
Sicht der Freiheitsstatue: nur aus der Ferne erscheint
dieses Symbol der USA wie gewohnt. Je näher der Betrach
tende kommt, desto deutlicher werden die Verheerungen an
dem Bauwerk. Tatsächlich handelt es sich nur noch um eine
Ruine, die sich im rasanten Verfall befindet. Restauration?
Unmöglich! Komplette Fragmente lösen sich, der Kopf ist
bereits zum Totenschädel geworden. Der Verfall ermöglicht
zugleich die Erkenntnis der wahren Natur dieses Symbols,
denn es zeigt sich, daß das scheinbar so stabile Bauwerk in
Wirklichkeit eine leere Hülle ist. Von der konturlosen
Farbgebung her (grau/grün/blau) verschwimmt das Monument
mit dem gleichfarbigen, ebenfalls unkonturierten
Hintergrund. Die Freiheitsstatue wird damit umso mehr
Ausdruck für den Zustand des Führungslandes des "freien
Westens", dessen hervorstechendster Charakterzug der der
Undifferenziertheit und der Einebnung noch bestehender
Unterschiede zu sein scheint.

Die Bildlegende zu "Manhattan" verweist auf eine weitere,
zeitgleich erfolgende Absetzung von der Ideologie der
herkömmlichen extremen Rechten:

"Die Fackel der amerikanischen 'Freiheit' hat zu lange die
Welt geblendet und dabei die Völker und die Kulturen der
tiefgreifendsten und gefährlichsten der Unterdrückungen
ausgeliefert. Um ihre Identität und ihre Unabhängigkeit
wiederzufinden, müssen die der amerikanischen Hegemonie
unterworfenen Nationen mit der 'westlichen Zivilisation'
und ihrem rassistischen und nivellierenden Egalitarismus
brechen. Da sie an jenen Tag entstanden ist, da die Pilger
der 'Mayflower', die Bibel in der Hand, mit Europa
gebrochen haben und am Cape Cod die Anker warfen, sollte
die Zivilisation des Westens folglich nicht mit der
europäischen Zivilisation verwechselt werden. Wie die
Völker Asiens, Afrikas oder Lateinamerikas müssen die
Völker Europas die Zügel ihrer Geschichte wieder selbst in
Hand nehmen und ihre Ketten zerbrechen. Neue Bündnisse
werden sich herausbilden, die sich dem Messianismus von
'Bibel und Business' entgegenstellen."

Die Freiheitsstatue ist also tatsächlich ein Symbol. Ein
Symbol in doppelter Hinsicht, das zugleich die Verblendung
der Völker gegenüber den tatsächlichen Zielen des Westens
kennzeichnet ("Bibel und Business") als auch für die ver
hüllte Unfreiheit steht, die der Egalitarismus mit sich
bringt. Erstmals wird an dieser Stelle im Diskurs der
Nouvelle Droite die grundsätzliche Trennung und
Gegenüberstellung von westlicher und europäischer
Zivilisation vorgenommen. Auch die Schuldzuweisung für
dieses Auseinanderklaffen ist eindeutig. Die Verantwortung
liegt bei den amerikanischen Gründervätern, die "mit Europa
gebrochen haben". In diesen wenigen zitierten Zeilen wird
also nichts geringeres vorgenommen als der radikale Bruch
mit der Ideologie des "christlichen Abendlandes". Heute, so
die Botschaft, steht Europa gegen den Westen33, benötige wie
die Länder des Trikont eine - in diesem Fall vorwiegend
geistige - Entkolonialisierung. Da "Bibel und Business" die
Wahrzeichen des Westens sind, wird jede intellektuelle oder
spirituelle Bewegung zum potentiellen Bündnispartner, die
sich diesem janusköpfigen Feind verweigert.

Damit ist eine deutliche Trennlinie zwischen "Neuer"
Rechter und den Konservativen gezogen. Den Ansatz dazu
hatte bereits in der Vor- und Gründungsphase des GRECE die
Ablösung des von den Konservativen verfochtenen
Nationalstaatskonzeptes durch die Option für ein
europäisches Reich gemacht, fortgesetzt durch die Ablehnung
des Christentums, das zur spirituellen europäischen
Identitätsbildung durch den Paganismus ersetzt wurde.34 Da
das Feindbild Amerika mit dem Gleichheitsgedanken
identifiziert wird, ist im Umkehrschluß auch klar, daß
Europa durch das Prinzip der Differenz, der Ungleichheit,
gekennzeichnet sein muß. Genau dieses "Recht auf die
Unterschiedlichkeit" war auf dem Titelblatt der
vorhergehenden Ausgabe der Eléments (Nr.33, Februar/März
1980) mit dem Untertitel "Pour en finir avec tous les
totalitarismes" eingefordert worden. Zwar liegen auf dem
Cover die erhabenen Säulen der Ruinen griechischer Tempel
im Bildvordergrund noch im Dunkel, doch die Morgenröte ist
bereits deutlich im Hintergrund zu erkennen. Bald werden
die Tempel der Götter (nicht des Gottes!) im hellen Licht
liegen. Die Ideologieentwicklung der "Neuen" Rechten wird
hier wiederum deutlich als work in progress erkennbar.

Auch die spätere Bündnisoption mit der "Dritten Welt" mit
anti-amerikanischer Stoßrichtung, am detailliertesten
vorgetragen von Alain de Benoist in seinem Band "Europe,
Tiers monde - même combat" ("Europa, Dritte Welt - gleicher
Kampf"; Paris: Robert Laffont 1986)35, kommt bereits im
Leitartikel von Benoist "Weder Sklaven, noch Roboter" der
betreffenden Nr.34 der Eléments zum Ausdruck:

"Weder die Geschichte, noch die Kultur, noch die
Geopolitik, noch die Philosophie, noch grundlegende
Affinitäten verbinden Europa mit den Vereinigten Staaten.
Was für die USA gut ist, ist selten gut für uns. (Und
umgekehrt, wäre man zur Warnung versucht zu sagen). Im
Umkehrschluß ist alles, was das russisch-amerikanische
Kondominium schädigen kann, alles was der Blockpolitik
einen Schlag versetzen kann, auf lange Sicht gut für
Europa. Aus diesem Grund steht Europa in natürlicher
Solidarität weder zum Osten, noch zum Westen, sondern zu
den nationalen Volkskräften Afrikas, Asiens und
Lateinamerikas, die mißbräuchlich unter dem Namen 'Dritte
Welt' zusammengefaßt werden - und die, nur allzu häufig,
als Sündenböcke dienen."36

Alles, was den jungen Staaten der "Dritten Welt" eine
verbindende Identität verleihen könnte, ist also schon
deshalb zu begrüßen, weil es deren gemeinsame Front gegen
die USA geistig stärkt. Der fünf Jahre später endgültig aus
gearbeitete positive Bezug auf den Islam ist bereits an
dieser Stelle implizit vorgezeichnet.

Der heutige leidenschaftliche Kritiker dieses Kurses,
Guillaume Faye, selbst war es, der 1985 im Grundsatzartikel
zum Dossier "Die Araber" eine "euro-arabische Allianz"
(S.10 - 17) einforderte. Heute sieht er in der Zusam
menarbeit mit den "nationalen Volkskräften" des Trikont
keine "natürliche Solidarität", sondern vielmehr ein
unmögliches Bündnis, da er einer der Hauptgegensätze der
Gegenwart, mit der Tendenz einer dramatischen Verschärfung,
der zwischen Nord und Süd sei. So gelangt er heute zu dem
Schluß:

"In der Geschichte führt kein Volk den 'gleichen Kampf' wie
andere. Es gibt nur vorübergehende Bündnisse. Andererseits
handelt es sich bei der 'Dritten Welt' um ein Konzept, das
sich erschöpft hat. Es gibt China, Indien, die Vorstufe
eines muselmanischen Reiches usw. Aber es gibt keine
'Dritte Welt'. Außerdem vernachlässigt dieser
Bündnisgedanke mit der Dritten Welt... die wirkliche
Geschichte: den Migrationsdruck und die Geopolitik des
Südens gegen den Norden. Diese unangebrachte Annäherung an
die Dritte Welt wurde, was erschwerend hinzukommt,
begleitet von einem abwegigen und naiven Pro-Islamismus,
dem wir uns unterworfen haben, während tatsächlich eine
objektive, offensive Bedrohung - aus Revanche und
verständlich - der arabisch-muselmanischen Welt auf Europa
lastet, das als 'zu eroberndes Land' betrachtet wird."37

Was er heute so leidenschaftlich als einen der
gravierendsten ideologischen und strategischen Mißgriffe
der "Neuen" Rechten brandmarkt, propagierte er, wie er
wähnt, 1985 ebenso leidenschaftlich. Seine Bündnisforderung
steht nicht nur am Anfang des zwei Drittel des Heftumfanges
beanspruchenden Dossiers, sondern ist in diesem auch der
längste Beitrag. Der Rest des Schwerpunktes - fünf weitere
Artikel und das obligatorische Editorial von Benoist -
scheint nach den behandelten Aspekten des Themas und Art
der Autoren speziell dafür komponiert zu sein, Fayes
Vorpreschen abzustützen.

Auf seinen Grundsatzbeitrag folgt ein Interview mit dem
Nahost-Spezialisten der liberalen, "neu"rechter Sympathien
unverdächtigen Tageszeitung "Le Monde", Jean-Pierre
Péroncel-Hugoz, unter dem Titel "Klischees haben ein langes
Leben". Dieses von dem damaligen GRECE-Kader Pierre Vial
geführte Gespräch, soll neben der Erweiterung der eigenen
Kenntnisse vorwiegend dem Nachweis dienen, daß es auch im
bürgerlich-(links)liberalen Lager Stimmen gibt, die der
allgemeinen Islamophobie Mäßigung und Abgewogenheit ent
gegensetzen.

Der nächste Beitrag, "Benoist-Méchin le précurseur"
("Benoist-Méchin der Vorläufer"), von Robert de Herte (d.i.
Alain de Benoist) wiederum zieht eine der wenigen in der
französischen Rechten allseits anerkannten Persönlichkeiten
als Kronzeugen heran. Allseits anerkannt deshalb, da sich
in seiner Biographie und seinen Positionsnahmen gleich
mehrere Generationen und Strömungen der Rechten - von der
NS-Kollaboration bis zum Gaullismus - wiederfinden können.

Der 1901 geborene Publizist Jacques Benoist-Méchin, von dem
einige Bände auch auf deutsch erschienen sind38, war
Mitglied des faschistischen Parti Populaire Français des
ehemaligen Kommunistenführers Jacques Doriot oder stand
diesem zumindest sehr nahe39 Als hoher Funktionär des
Kollaborateurs-Regimes von Vichy 1947 in einem Tribunal
zunächst zum Tode verurteilt, wurde er zu lebenslangem
Zuchthaus begnadigt und schließlich bereits 195440 wieder
freigelassen. Schon während der Endphase des
Kolonialkrieges gegen Algerien plädierte er für eine pro-
arabische Umorientierung der französischen Außenpolitik41,
verstärkt dann während des israelisch-arabischen
Militärkonfliktes42, damit auf einem anderen Niveau den
antisemitischen Diskurs der randständigen extremen Rechten
ergänzend. Benoist-Méchin, der seine Kollaboration mit dem
NS-Regime stets mit seiner grundlegenden Europaorientierung
begründet hatte, ist durch diesen Werdegang ein idealer
Kronzeuge für die pro-arabische und -islamische Linie der
Nouvelle Droite.

Bei aller Erneuerungsfreude achten die Autoren des GRECE
also darauf, sich nicht zu weit von ihrer Zielgruppe zu
entfernen, deren geringe geistige Beweglichkeit ihnen nur
zu bekannt ist. Da Benoist natürlich um die starke negative
Besetzung des Islam in der französischen Gesamtgesellschaft
und der der Leserschaft der Publikationen der extremen
Rechten weiß, beginnt er seinen Beitrag über Benoist-Méchin
vorsichtshalber mit einem Zitat einer geistigen Ikone, die
in diesem Milieu nahezu unangreifbar ist. Diese
Unangreifbarkeit des zitierten Autors ist auch notwendig,
denn die Ausführungen von Gustave Le Bon aus seinem zu
Jahrhundertbeginn publizierten Essay "La civilisation des
Arabes" können auf die eurozentrisch geprägte extreme
Rechte nur als Provokation wirken. Benoist zitiert Le Bon,
der als einer der geistigen Stammväter der Konservativen
Revolution angesehen werden kann43, mit den Sätzen:

"Die muselmanische Zivilisation hatte in der Welt einen
immensen Einfluß, und dieser Einfluß ist ausschließlich den
Arabern geschuldet und nicht den verschiedenen Rassen, die
ihre Religion übernommen haben. Durch ihren seelischen
Einfluß haben sie die Barbarenvölker gebändigt, die das
Römische Reich zerstört hatten; durch ihren geistigen
Einfluß haben sie Europa die Welt der wissenschaftlichen,
literarischen und philosophischen Kenntnisse eröffnet, die
dieses ignoriert hatte, und sie sind sechs Jahrhunderte
lang unsere Zivilisatoren und unsere Herren gewesen."44

Nachdem der einleitende Rundumschlag Guillaume Fayes für
ein euro-arabisches Bündnis eine solche Stütze durch von
der Nouvelle Droite als geistige Vorfahren reklamierte
Denker erfahren hat, kann in den beiden letzten Beiträgen
des Dossiers seine Argumentation noch weiter zugespitzt
werden. Die Deutsche Sigrid Hunke, eine der seltenen Frauen
in den Publikationen der "Neuen" Rechten, erklärt der Leser
schaft, "Was Europa den Arabern verdankt" (S.32 - 36). Sie
wird im biographischen Abspann ihres Artikels als
multidisziplinär gebildete Wissenschaftlerin sowie als
Spezialistin für die arabische Welt vorgestellt, die starke
religiöse Interessen hat. Ihre Einbindung in die extreme
Rechte wird ebenso unterschlagen wie der Umstand ihrer
Promotion bei dem Rassetheoretiker Ludwig Ferdinand Clauß.45
Das Dossier beendend, erläutert der Italiener Claudio
Mutti, "Warum ich den Islam gewählt habe" (S.37ff.). Somit
wird zum Abschluß des Schwerpunktes noch einmal
hervorgehoben, daß die Option der Nouvelle Droite auch im
Ausland, von Persönlichkeiten unterschiedlicher
Generationen und differierenden wissenschaftlichen und
politischen Backgrounds geteilt wird.

Trotz dieser umfassenden Vorsichtsmaßnahmen rief das
Dossier zum Teil heftige Reaktionen hervor.46 Obwohl in den
Eléments ansonsten kaum Leserbriefe abgedruckt werden,
standen in der folgenden Ausgabe (Nr.54/55, Sommer 1985)
gleich vier Seiten für Stellungnahmen zur Verfügung. Dabei
gab es Zustimmung durch den Schriftsteller Pierre Gripari
und den Integralen Traditionalisten Bernard Marillier, aber
auch heftigen Widerspruch. "Europa verdankt den Arabern gar
nichts" hieß es als Überschrift in Erwiderung auf Hunke.
Ein weiterer Leserbriefschreiber bezweifelte gar, daß so
etwas wie eine "arabische" Zivilisation überhaupt
existiere. Und Benoist sah sich gemüßigt zu versichern:
"Ich habe keineswegs vor, zum Islam zu konvertieren." (S.68
- 71)

Dies hatte selbstverständlich auch Faye nicht vor. In
seinem Grundsatzartikel führt er zunächst aus, daß zwar das
Verhältnis der EU-Länder zu den arabischen Staaten, nicht
zuletzt wegen der Palästina-Frage, stets wechselhaft ge
wesen sei, es aber seit spätestens 1973 zu einer spürbaren
Verbesserung gekommen sei. Dies sei einerseits durch den
arabischen Gipfel dieses Jahres verursacht gewesen,
andererseits vor allem durch die französische, gaullistisch
orientierte Außenpolitik. Die neuerliche Abkühlung des
Klimas seit Beginn der achtziger Jahre ist Fayes Ansicht
nach - wir hätten es kaum vermutet! - auf die Intervention
der USA zurückzuführen. "Bereits 1975 erklärte tatsächlich
Richard Nixon, beunruhigt über die laufende euro-arabische
Politik, in einer Rede in Chicago, daß die Initiative der
EWG zur Annäherung an die Araber eine 'Verschwörung gegen
die Interessen der Vereinigten Staaten' sei." (S.11) In
zwischen aber sei nicht nur die gaullistisch inspirierte
Außenpolitik aufgegeben worden, sondern es habe sich auch
eine gravierende Veränderung beim angestrebten Partner
vollzogen. "Ägypten und Saudi Arabien, Herzstücke der arabi
schen Welt, sind im militärischen und ökonomischen Bereich
vollständig dem Einfluß Washingtons erlegen." Getreu dem
geopolitischen Ansatz konstatiert Faye hier eine
Fortsetzung des britischen Strebens als Seemacht, den
Mittelmeerraum zu beherrschen.

Den Europäern wirft Faye vor, daß sie es nicht zu nutzen
verstanden hätten, daß der Einfluß der USA im arabischen
Raum zwischen 1962 und 1970 beträchtlich zurückgegangen
sei. Gleichzeitig hätten die betreffenden Länder
erfolgreich die Einflußversuche der Sowjetunion abgewehrt
und einige von ihnen, Faye nennt namentlich Algerien und
Libyen, hätten versucht, einen neutralistischen "Dritten
Weg" der Blockfreiheit zu gehen, bei dem sie leider keine
Unterstützung durch die EWG erfahren hätten. "Heute halten
die USA", so beklagt Faye fast resigniert, "als kombinierte
Folge ihrer Politik der Unterstützung Israels, des strategi
schen Rückhalts, den sie den erdölproduzierenden Staaten
besonders Arabiens anbieten, und des Spiels, das sie zur
Spaltung der Araber führen... im arabischen und
Mittelmeerraum einen politischen, strategischen, ökonomi
schen und kulturellen Einfluß, der stärker ist als jemals
zuvor, einen viel stärkeren als die UdSSR, deren Flotte
kaum Bewegungsspielraum im Mittelmeer hat." (S.12) Der
europäische Einfluß wiederum tendiere gegen Null.

Diese Entwicklung strebt zu einer Ausschaltung Europas in
der Weltpolitik, des Zerriebenwerdens zwischen den beiden
Supermächten, wobei man geopolitisch noch nicht einmal mehr
im eigenen Hinterhof - dem Mittelmeerraum - als Akteur
wirken können. Die Förderung der Entstehung einer euro-
arabischen Achse sieht Faye als probates Gegenmittel, wobei
er einräumt, daß dies auf den sofortigen Widerstand beider
Supermächte stoßen werde, die zwar als Konkurrenten
auftreten, sich aber in ihrer gegen Europa gerichteten
Politik einig seien. Faye geht als also um nichts weniger
als um einen christlich/abendländischen-isla
misch/morgenländischen Dialog. Er als einer der
Hauptprotagonisten der Erringung der "kulturellen
Hegemonie", der "Metapolitik" hegt keinen anderen Gedanken
als den der Erringung einer vollkommen realpolitischen
Hegemonie im gesamten Mittelmeerraum.

Die Grundvoraussetzung für eine Blockbildung liege im
geschlossenen Auftreten der Araber, in der Beschränkung auf
ihren eigenen Raum, in einer Politik der Paktungebundenheit
und des Dritten Weges. Bisher hätten sie den Fehler be
gangen, ihre Freunde zu mißhandeln, ihre wahren Feinde zu
vernachlässigen und sich durch Kriege gegenseitig zu
schwächen. Die zweite Grundvoraussetzung, fährt Faye fort,
liege in einer grundlegenden Veränderung der Betrachtung
der Araber durch die Europäer. Noch wirke eine Manipulation
der öffentlichen Meinung, um die Araber als unsere Feinde
erscheinen zu lassen. Dazu sei fast jedes Mittel recht.
"Übrigens kann man sich mit nur ein wenig gesundem
Menschenverstand anläßlich der Attentate im Libanon, die
das Leben zahlreicher französischer Soldaten gekostet
haben, fragen: Wem nutzt es?" (S.15) Faye beantwortet die
Frage selbstverständlich nicht, gibt den Lesenden jedoch
die "Hilfestellung", daß es sicherlich nicht die Araber
seien. Und er zieht eine Schlußfolgerung: eine Beendigung
des atlantistischen und Israel-freundlichen
außenpolitischen Kurses sei notwendig, um eine Verbesserung
der Beziehungen zu den arabischen Staaten zu erreichen.
Außerdem, so vergißt er nicht, sofort anzufügen, müssen die
arabische Einwanderung nach Europa verhindert werden, was
auch im arabischen Interesse liegen, da diese dort einen
beträchtlichen Aderlaß verursache.

Erst als letzten Punkt seiner Liste der Hindernisse eines
Bündnisses führt Faye den Islam an.

"Es steht uns nicht zu, den inneren Wert des Islam zu
beurteilen. Ob er tatsächlich monotheistisch und
universalistisch ist sowie philosophisch dem judäo-
christlichen Projekt der Vereinheitlichung der Erde
nahesteht - einem Projekt, von dem wir uns als Polytheisten
ferne halten - ändert nichts daran, daß hic et nunc, beim
gegenwärtigen weltweiten strategischen und kulturellen
Kräfteverhältnis, die arabisch-islamische Wiederkehr für
uns einen objektiv begrüßenswerten Faktor darstellt, da sie
eine schwere Erschütterung der atlantisch-kommunistischen
Bipolarität hervorruft und da sie dazu beiträgt, das Modell
einer Zivilisation des Westens zu destabilisieren, die
uniform für die gesamte menschliche Gattung ist." (S.15f.)

Auch wenn Faye einräumt, daß ein solches Bündnisprojekt nur
mittelfristig realisierbar sei, hindert ihn das nicht,
seine Träume bereits in eine noch entferntere Zukunft
schweifen zu lassen:

"Indien, stets versucht durch die Blockfreiheit, könnte
sich dem anschließen... Nein, das ist kein Traum. Das ist
ein Alptraum, den jede Nacht die Strategen im Pentagon und
an den Ufern der Moskwa haben. Sie wissen, daß eine euro-
arabische Achse das Gesicht der Erde verändern würde, denn
erstmals seit 1945 würden die Ost-West-Logik des ameri
kanisch-sowjetischen Kondominiums und der Bruch zwischen
Nord und Süd durch die westliche Wirtschaftsordnung, die
beiden gegenwärtigen Stützpfeiler der Unterwerfung der
Völker der Welt, schwer erschüttert." (S.17; Auslassung im
Original)

Diese Positionsbestimmung und strategische Zielsetzung traf
auf die Zustimmung auch der diversen nationalrevolutionären
Strömungen, was in der folgenden Jahren zu einem -
allerdings recht kurzlebigen - Annäherungsprozeß zwischen
Nationalrevolutionären und der europäischen "Neuen" Rechten
führte.47 Die nationalrevolutionären Bündnispläne mit der
"Dritten Welt", die allerdings stets eher eine modifizierte
Fortführung des Herren-Sklaven-Verhältnisses der
Kolonialära darstellten als eine gleichberechtigte
Partnerschaft anzustreben, reichten zurück bis in die
fünfziger Jahre, in denen Otto Strasser sein Konzept
"Eurafrika"48 entwickelte und Oswald Mosley Afrika und den
arabischen Raum als natürliche Rohstoffquelle Europas
einstufte, und fanden ihre Fortsetzung in den sechziger
Jahren, in denen der belgische Nationalbolschewist Jean
Thiriart auch persönliche Kontakte zu Politikern nicht-
paktgebundener Staaten wie dem ägyptischen Staatschef
Nasser pflegte.

Dieser "pro-islamische" Konsens ist inzwischen sogar
innerhalb des nationalrevolutionären Lagers selbst
zerbrochen, obwohl die beklagte "Verwestlichung der Welt"
(Serge Latouche) noch weiter fortgeschritten ist,
Bündnispartner für eine antiwestliche Koalition inzwischen
auch auf der Linken zu finden waren. Bereits Anfang 1994
führten Differenzen in der Beurteilung des Islam und beson
ders des Islamismus zum faktischen Zerfall des so hoffnungs
voll zu Beginn der neunziger Jahre gestarteten europäischen
nationalrevolutionären Netzwerkes Front Européen de
Libération (FEL), das von der französischen Nouvelle
Resistance um Christian Bouchet, einem 1988 ausgeschlosse
nen früheren GRECE-Mitglied, initiiert worden war. Damals
sorgte die stärkste und finanzkräftigste nationale
Mitgliedsorganisation, der belgische PCN in der
ideologischen Nachfolge von Jean Thiriart, für einen Bruch
im FEL, da man eine euro-arabische Allianz zwar keineswegs
verwarf, diese aber strikt von einem ideologischen Bündnis
mit dem Islamismus trennte und keinesfalls zu einer Lie
belei mit dem Iran bereit war.49

Die belgischen Anhänger Luc Michels im PCN hatten
begriffen, daß sich seit dem pro-arabischen Kurs ihres
Vordenkers Jean Thiriart in den sechziger Jahren
gravierende Veränderungen vollzogen hatten. Damals traten
führende arabische Politiker als Vertreter eines "Dritten
Weges" auf, als Verfechter des pan-arabischen Gedankens und
eines arabischen Sozialismus, der weder kapitalistisch noch
marxistisch sein sollte. Namen wie der des ägyptischen
Staatspräsidenten Nasser standen ebenso für jenen Kurs wie
das Projekt der länderübergreifenden, panarabisch-
nationalistischen und sozialistischen Baath-Partei oder die
fast schon nicht mehr zählbaren Versuche eines staatlichen
Zusammenschlusses mehrerer arabischer Länder in der einen
oder anderen Form. In diesen Ansätzen sahen die
europäischen Nationalrevolutionäre Überschneidungen zum
eigenen Gedankengut. Doch diese strategische Option ist
inzwischen marginal geworden Nur noch wenige arabische
Politiker, namentlich Ghaddafi, stehen dafür.

Das heute im Medienblickpunkt stehende Phänomen des
islamischen Fundamentalismus steht in einem engen
Zusammenhang mit diesem Niedergang.

"Erst mit dem Eintritt der nationalistischen und
sozialistischen Strömung, die mit dem Panarabismus
verbunden war, in die Phase des Niedergangs und der
Auflösung gewinnt die religiöse Strömung wieder an Kraft,
dabei andere politische Bewegungen zerstörend. Der Aufstieg
von Bewegungen und Kräften des religiösen Typs und der
Zusammenbruch der arabischen nationalistischen Kräfte sind
also gleichzeitige Phänomene. Das endgültige Scheitern der
arabischen Nationalismen erklärt zu einem großen Teil den
islamischen Extremismus im Mittleren Osten und im
Maghreb.", kommentiert Arnaud Imatz den Wandel, der die
Nationalrevolutionäre eines natürlichen Bündnispartners
beraubte.50

Da sich auch - aus anderen Gründen - die Gruppe um die
wichtige Mailänder Zeitschrift Orion51 von Bouchet und
dessen FEL distanzierte, dümpelt dieser heute lediglich
noch gemeinsam mit der Jugendorganisation von Pino Rautis
Movimento Sociale - Fiamma Tricolore, unbedeutenden
Splittergruppen wie der britischen National Revolutionary
Faction um Troy Southgate oder militanten Neonazis wie der
belgischen Odal Groep und Devenir aus dem wallonischen Teil
des Landes sowie gelegentlich einigen deutschen Freien
Nationalisten herum.52 Sie alle versuchen erst gar nicht,
den Widerspruch aufzulösen, daß der Islam innenpolitisch
als kultur- und volkszerstörender Feind begriffen, außen
politisch aber als Bündnispartner gegen den "großen Satan",
das eigentliche "Schurkenland" USA eingeschätzt wird.

Im Islam-Diskurs der französischen extremen Rechten ist die
Position des bekennenden Anhängers des Satanisten Aleister
Crowley, Bouchet, da er besonders die iranische Theokratie
heftig unterstützt, selbstverständlich marginal. Es ist
schwer zu entscheiden, welchen Anteil bei seiner positiven
Einschätzung der vehemente Antisemitismus hat und welchen
eine weitergehende ideologische Sympathie. Gleiches gilt
für die Solidarisierung von Bouchet und seinem Miniatur-
Lager mit der US-amerikanischen Nation of Islam des Louis
Farrakhan, die sich neben deutlich antisemitischen Zügen
auch eines vehementen anti-asiatischen Rassismus
befleißigt.53

Während die kleinen Querelen des zahlenmäßig unbedeutenden
und einflußlosen nationalrevolutionären und -
bolschewistischen Lagers höchstens in der Abteilung
"Klatsch und Tratsch" innerhalb der extremen Rechten
Beachtung finden, sorgt in Frankreich dagegen seit dem
Herbst 1998 ein Buch auch außerhalb dieses Kernbereichs für
Furore, das bereits im Titel die Stoßrichtung verkündet:
"Islamismus und Vereinigte Staaten - Eine Allianz gegen
Europa". Verfasser des im bekannten Verlagshaus L'Age
d'Homme (Paris und Lausanne), das zahlreiche prominente
Romanciers zu seinen Autoren zählt, erschienenen Bandes ist
der Geopolitiker Alexandre del Valle, der in den
vergangenen Jahren verstärkt bei Veranstaltungen der
"Neuen" Rechten referiert hat54. Im Frühjahr gehörte er zu
den Unterzeichnern des Aufrufs "Non à la guerre!",
initiiert aus dem Umfeld der "Neuen" Rechten, gegen den
Jugoslawien-Krieg der NATO.55

Das Vorwort des Bandes verfaßte der Mitbegründer der
französischen Atomstreitmacht General a.D. Jean-Marie
Gallois56, gegenwärtig Redaktionsmitglied der Eléments und
mit zweien seiner Veröffentlichungen im Buchdienst des
Blattes vertreten, das Nachwort der frühere Nahost-
Spezialist der linksliberalen Tageszeitung Le Monde, Jean-
Pierre Péroncel-Hugoz, der 1985 in der erwähnten Islam-
Ausgabe der Eléments noch den neuen pro-islamischen Kurs
des GRECE argumentativ gestützt hatte. Sowohl der relativ
renommierte Veröffentlichungsort als auch das prominente
personelle Umfeld waren also bereits darauf gerichtet,
Aufsehen in der Zielgruppe und bis hinein in gaullistische
Kreise zu erregen. Der Verkaufserfolg gab dem Konzept recht
und bestätigte, daß es sich um ein Thema handelt, das die
Aktivisten der extremen Rechten als noch nicht ausreichend
behandelt ansehen.

Im Interview mit der Zeitschrift Offensive pour une Europe
enracinée57, dem früheren Organ des Hochschulverbandes des
Front National, der mehrheitlich zu Bruno Mégret
übergelaufen ist, erläuterte del Valle seine Einschätzun
gen, wobei er den damals gerade laufenden Balkankrieg als
integralen Bestandteil dieser globalen Konfrontation
betrachtete. Die von den USA, namentlich werden die
Minister Albright und Cohen genannt, die im Diskurs der
extremen Rechten implizit als Juden - damit als Handlanger
Israels - stigmatisiert sind (in der Bundesrepublik hat der
Focus für die Popularisierung dieses Schemas gesorgt),
"unterstützte und bewaffnete" UCK stehe für einen
"muselmanischen Irredentismus" und ein "sezessionistisches
Projekt". Letzterer Umstand allein wäre für den jakobinisch
ausgerichteten Del Valle schon Grund genug, die UCK abzu
lehnen. Doch darüber hinaus führt er albanische
Geheimdienstberichte an, die darauf verweisen, "daß
terroristische Gruppen, die in Verbindung zu dem Milliardär
Ben Laden stehen, über Ausbildungslager im Norden Albaniens
verfügen." Er kommt zu der Schlußfolgerung: "Im Kosovo ist
es also der radikalste und expansionistischste Flügel des
Islamismus, der Nutzen aus der Komplizenschaft der
Vereinigten Staaten zieht."

Nicht nur den Interviewern vom FN-Studentenverband stellt
sich die Frage, was die USA mit der Unterstützung von
Gruppen bezwecken, die dem Westen feindlich gesonnen sind.
Del Valle weiß selbstverständlich die Antwort:

"Diese amerikanische Politik hat stets das Ziel verfolgt,
abgesehen von einigen unvorhergesehenen Zwischenfällen wie
den Attentaten des Sommers 1998, den Einfluß und die Macht
der obskursten Strömungen des Islam zu stützen, von denen
angenommen wurde, daß sie den technologischen Rückstand der
islamischen Welt aufrechterhalten würden. Diese Politik ist
umgesetzt worden besonders durch die Unterstützung der
Islamisten gegen Ghaddafi, der die Scharia kritisiert, der
syrischen Moslembruderschaften gegen das laizistische Baath-
Regime von Hafez El Assad, oder auch sogar der schiitischen
Islamisten im Süden des Irak gegen das ebenfalls
laizistische und auf der Baath-Ideologie beruhende Regime
von Saddam Hussein."

Del Valle vergißt selbstverständlich den Hinweis nicht, daß
diese irakischen Schiiten seit November 1998 offiziell
durch die USA 97 Millionen US-Dollar an Unterstützung
erhalten haben.

Den Widerspruch, daß die mit den USA am engsten verbündeten
islamischen Staaten, die Türkei und Saudi Arabien,
keineswegs islamistisch ausgerichtet sind, sondern vielmehr
versuchen, Islam und Moderne als vereinbar anzusehen - wie
beispielhaft im Kemalismus -, löst Del Valle freilich nicht
auf. Die Unterstützung der sich heute gegenseitig heftig
bekriegenden islamistischen Kräfte in Afghanistan durch die
USA wiederum erfolgte in früheren Tagen offensichtlich aus
anderen geostrategischen Gründen, nämlich um die
beabsichtigte Einkreisung der UdSSR voranzutreiben. Es
spricht einiges dafür, daß die nicht bestreitbaren
Destabilisierungsversuche der Vereinigten Staaten an der
Südflanke Rußlands weiterhin zumindest mittelbar dem
mutierten alten Gegner gelten. Wenn Staaten wie der Iran
oder der Irak schon nicht als Verbündete zu gewinnen sind,
dann besteht die zweitbeste Lösung darin, daß sie so
instabil sind, daß sie auch für andere nicht als
zuverlässige Partner taugen.

Del Valle zieht einen anderen Schluß. Diese Mittelost-
Politik der US-Regierung zur Destabilisierung der auf
Unabhängigkeit bedachten Regimes der Region richte sich, so
seine geopolitische Analyse, mittelbar gegen Europa, dessen
Staaten teilweise über traditionell gute Bündnisbeziehungen
zu denjenigen arabischen Ländern verfügt hatten, die
nunmehr unter Druck stehen. Dies gilt, auch wenn es Del
Valle nicht extra erwähnt, besonders für Frankreich, das
speziell in der Phase des Gaullismus nach dem Algerienkrieg
versucht hatte, besondere Beziehungen zu den südlichen
Mittelmeer-Anrainern zu errichten, die den anti-
atlantischen außenpolitischen Kurs stützen konnten. Die US-
Politik auf dem Balkan, führt Del Valle aus, sei die
Umsetzung von Huntingtons These des "Clash of
Civilizations" in Realpolitik.

"Im Kosovo verfolgen die Vereinigten den Staaten die
Politik des 'Teile und Herrsche', die darin besteht, einen
Kampf der Kulturen zwischen der slawisch-orthodoxen Welt
einerseits und Westeuropa andererseits zu erzeugen."

Dabei, so die Meinung des deutschen "neu"rechten Kaders
Winfried Knörzer (Nürnberg), sei gegenwärtig eine reale
politische, militärisch-strategische oder ökonomische
Bedrohung des Westens weder vorhanden noch in absehbarer
Zeit zu erwarten.

"Im Hinblick auf die 'harten' Fakten der Machtpolitik,
nämlich die militärischen und wirtschaftlichen Ressourcen,
stellt der Islam keine den Westen von außen her bedrohende
ernstzunehmende Gefahr dar.", schätzt Knörzer realistisch
ein. Doch auch eine geistige Affinität sei nicht vorhanden,
sondern der Rückhalt müsse quasi importiert werden: "Aber
auch seine religiöse Ideologie besitzt keine etwa dem
Kommunismus, der über viele Jahrzehnte hinweg im
Proletariat und bei Intellektuellen einen festen Rückhalt
hatte, vergleichbare Attraktivität, die es dem Islam
ermöglichen könnte, größere Teile der westlichen
Gesellschaften auf seine Seite zu ziehen. Die durch die
massive Einwanderung hervorgerufene, schleichende
Islamisierung des Westens ist freilich ein wirklich
bedrohliches Phänomen. Diese aber läßt sich weniger als
Ausdruck der Stärke des Islams, als vielmehr der Schwäche
des Westens deuten."58

Die durch das beschriebene Vorgehen geschaffene dauerhafte
Instabilität der Region (Balkan, Naher und Mittlerer Osten,
zu erweitern um den Kaukasus), die durch kommende Konflikte
in Montenegro, Makedonien und dem griechischen Thrakien
noch verstärkt werden werde, so wieder Del Valle, nütze aus
schließlich den USA. Läßt man sich auf die These Del Valles
erst einmal ein, so fällt es leicht, in offiziösen
außenpolitischen Schriften aus den Vereinigten Staaten viel
fältige Belege für diesen Ansatz zu finden.59

Folgerichtig verwirft Del Valle grundlegend den bisher in
der "Neuen" Rechten hegemonialen Ansatz eines euro-
arabischen Bündnisses.

"Meiner Ansicht nach täuschen sich jene Autoren, und sie
täuschen jene, die ihnen folgen, indem sie sie die
islamische Natter mit einer antiamerikanischen und
antizionistischen Couvertüre schlucken lassen. Tatsächlich
wollen sie uns dazu bringen, zwischen Amerika und dem Islam
zu wählen, so als ob der eine die Garantie gegen den
anderen sei, während es sich um zwei zwar konkurrierende,
sich jedoch ergänzende Ausformungen der Hegemonie der
kosmopolitischen und mondialistischen Moderne handelt.
Irgendwie ein Islamerika! Außerdem mündet dieser Philo-
Islamismus unweigerlich in der Übernahme vollkommen un
verantwortlicher Positionen wie des Kommunitarismus und des
Multikulturalismus, dessen Apologie wir in einer kürzlich
erschienenen Ausgabe der Zeitschrift 'Eléments' finden. Zu
diesem Thema muß man das bemerkenswerte Werk von Guillaume
Faye 'L'Archéofuturisme' lesen, der eine mutige selbstkri
tische Bilanz des GRECE und seiner aktuellen Abirrung in
Richtung Kommunitarismus zieht."

Forderte die "Neue" Rechte vergangener Tage eine
Äquidistanz zu den USA und der UdSSR, die als scheinbar
feindlich und gegensätzlich, in Wirklichkeit aber gemeinsam
Europa unterjochend verstanden wurden, als feindlich Zwil
linge, belegt mit dem griffigen Schlagwort des "Wodka-Cola-
Imperialismus", so scheint heute der neue Slogan
"Islamerika" auf, der den gleichen Vorgang der Bedrohung
Europas mit nur zum Teil veränderten Hauptakteuren umschrei
ben soll. Tatsächlich hatten ja bereits die geopolitischen
Theoretiker der Vergangenheit darauf verwiesen, daß nicht
nur ein ewiger Gegensatz zwischen den Landmächten und denen
der See bestehe60, sondern daß es auch für jede Seemacht zum
Sieg unerläßlich sei, das der feindlichen Landmacht
gegenüberliegende Ufer zu besetzen.61 Spätestens seit dem
Ende des Zweiten Weltkriegs ist Großbritannien als
Hauptseemacht durch die USA abgelöst worden, spätestens
seit dem Zerfall der Sowjetunion ist diese durch die EU,
wenn man diese konform mit dem "neu"rechten Verständnis als
Nation in statu nascendi begreift, als wesentlichste
Landmacht abgelöst worden. Ein Europa "gegenüberliegendes
Ufer" stelle das somit faktisch aus dem alten Kontinent
ausgebürgerte Großbritannien dar, das bereits heute real
als Juniorpartner oder gar Vasall der USA wirke.62 Das
zweite und wichtigere gegenüberliegende Ufer aber wäre
demnach der Süden des Mittelmeeres, die islamische Welt.
Wird auch dieses von den USA gewonnen, wäre die Einkreisung
Europas perfekt.

Folgen wir dieser Denkweise, dann werden nicht nur die
muslimischen Einwanderer aus dem Maghreb zur Fünften
Kolonne in Europa und gegen Europa, sondern dann macht auch
die anti-deutsche Option des Generals Gallois Sinn. Das
neue, größere und stärkere Deutschland hat besonders seit
der Übernahme der Kanzlerschaft durch Gerhard Schröder
bereits eindrucksvoll nachgewiesen, daß es nur allzu bereit
ist, "mehr Verantwortung zu übernehmen", wie der Euphe
mismus für die neue, alte Großmachtpolitik im zunächst
kontinentalen Rahmen lautet. Gallois geht nun davon aus,
daß Deutschland durch die Schaffung einer Achse Berlin -
Moskau der Einkreisung Europas durch die USA ein
Gegengewicht entgegensetzen könnte, eine damit deutlich
nach Osten verschobene Hauptmacht des Landes.63 Das Herzland
würde in Richtung Sibirien wandern, Frankreich dagegen an
den Rand rutschen. Dieses Eurasien-Konzept findet bereits
heute Widerhall in einflußreichen politischen und
militärischen Kreisen und wird auch von der Mehrheit der
dortigen "Neuen" Rechten geteilt.64 Sollte diese Achse
Berlin - Moskau tatsächlich verwirklicht werden, dann
stünde der Rest Europas, wie zu Zeiten des
Systemgegensatzes, erneut vor der Wahl zwischen Pest und
Cholera, der "raumfremden", für die Globalisierung stehen
den Großmacht USA einerseits, einer europäischen
Hegemonialmacht Deutschland andererseits. Anstelle der zwar
kritikwürdigen Maastricht-EU, die aber trotz aller Mängel
immerhin für ein europäisches Europa steht, drohte dann ein
deutsches Europa.

Die letztzitierten Bemerkungen Del Valles und ihr
theoretischer Hintergrund unterstreichen, daß es keineswegs
"nur" um Fragen der Religion geht, daß es sich keineswegs
nur um eine angestrebte Korrektur der pro-islamischen
Positionen des GRECE und seines Umfeldes handelt. Auch die
paganistische Option der Gründungsphase des GRECE war
schließlich zumindest nicht in erster Linie religiösen
Überlegungen und Überzeugungen geschuldet, sondern
verursacht durch den Antiliberalismus im Zusammenspiel mit
der Europaorientierung. Kein europäisches Reich, so die
These, ohne europäische Identität. Und keine europäische
Identität ohne europäische Religion. Keine europäische
Religion ohne Verwurzelung in der europäischen Tradition.
Alle anderen Begründungen für die Entscheidung für ein
unbestimmt bleibendes Heidentum müssen als nachrangig und
nachgeschoben angesehen werden. Es ging und geht in erster
Linie nicht um Fragen der Spiritualität oder der
Metapolitik, sondern vielmehr ganz profan um Ansätze der
Großmachtpolitik und die geeignete ideologische Basis
dafür.

Del Valle, der in der Vergangenheit mehrfach bei
Veranstaltungen der GRECE-Konkurrenz Synergies Européennes
um Robert Steuckers aufgetreten war, geht es aus den
genannten Gründen um eine grundsätzlichere ideologische
Rückbesinnung der durch Alain de Benoist repräsentierten
Strömung der Nouvelle Droite. Für ihn und andere
Unzufriedene stellen die jüngsten ideologischen Modifi
kationen des GRECE der letzten Jahre Irrwege dar, die die
notwendige klare Feindbestimmung in Frage stellen und zum
Teil sogar aufheben.

Besonders in der Kritik steht dabei der aktuelle
Chefredakteur der Eléments, Benoists Lieblingsschüler
Charles Champetier, der auch verantwortlich für den
Hauptaufsatz in der angegriffenen Ausgabe des GRECE-Blattes
war.65 Champetier bezieht sich von allen jüngeren Kadern des
GRECE am deutlichsten auf postmoderne und situationistische
Analysen. Das macht ihn naturgemäß noch verdächtiger. Doch
die Rügen treffen auch den Meister, Alain de Benoist,
selbst. Ihm wird sein heftiger Flirt mit den amerikanischen
Kommunitaristen66 verargt, der seinen Ursprung wohl in der
engen Zusammenarbeit von Benoist seit Beginn der neunziger
Jahre mit der aus der 68er-Bewegung stammenden US-Zeit
schrift Telos hat, die inzwischen eine Art "Links-
Schmittianismus" vertritt, der sich vor allem auf dessen
ordnungspolitische Großraumkonzeptionen stützt.67 Von den
von dieser Entwicklung Enttäuschten wird bemängelt, daß die
Feindschaft gegen den Liberalismus (in der Ausprägung eines
John Rawls) allein als Grundlage für eine gemeinsame Arbeit
und Frontbildung unzureichend sei.

Del Valle, Faye und anderen lagerinternen Kritikern geht
die Entfernung von der bisherigen Stammkultur entschieden
zu weit. Man habe vergessen, so kritisiert Faye an anderer
Stelle seines neuen Buches, daß Gramscis Ansatz der Meta
politik und der kulturellen Hegemonie kein zweckfreier sei,
sondern das konkrete Ziel der Machtübernahme verfolge.
Diese könne nicht im quasi luftleeren Raum durch einige
Intellektuelle bewerkstelligt werden, sondern bedürfe unter
anderem einer parteipolitischen Stütze, die Gramsci mit dem
PCI zur Verfügung stand. Eine solche Stütze könne, bei
allen eingestandenen Mängeln, für das eigene Lager
gegenwärtig ausschließlich der Front National sein. Die
scharfe Positionierung gegen diesen, besonders in der Frage
der Einwanderung, sei also nicht nur ideologisch falsch
gewesen, sondern stelle zugleich eine kontraproduktive
Strategie dar. Das Resultat bestehe darin, daß Überlegungen
zur kollektiven Identität vernachlässigt worden seien, der
Diskurs der "Neuen" Rechten stattdessen fast schon
"individualistische" (eine Todsünde!) Züge angenommen habe.

Positiv hervorgehoben wird dagegen der Ansatz des alten
GRECE-Funktionärs Pierre Vial, der seit 1988 - also noch
vor Beginn der eigentlichen Erfolgsphase! - im FN (heute in
Mégrets Mouvement National) konstruktiven Entrismus betrie
ben habe, zugleich aber die Arbeit in seiner eigenen
Gruppierung Terre et Peuple und der gleichnamigen
Zeitschrift68 fortgesetzt und intensiviert habe. Genau dies,
so Faye, sei wohlverstandener Gramscismus. Für den Umstand,
daß dieser in der Mehrheitsströmung der Nouvelle Droite
sich eher als Eskapismus aus dem wirklichen politischen
Leben gestaltet habe, hat Faye eine einleuchtende
Erklärung: Gramsci sei in der "Neuen" Rechten schlicht nie
gelesen worden (u.a. mangels französischer Übersetzungen),
beim "Gramscismus von rechts" habe es sich lediglich um
einen gelungenen Medien-Hype gehandelt.69 Er muß es
schließlich wissen.

Die Titelfrage der Eléments des Juni 1999 ob "Mit oder ohne
Gott?" ist also ebensowenig beantwortet wie die nach dem
künftigen Kurs dieser Denkschule und ihres Umfeldes - nicht
nur im Bereich der Spiritualität. Vieles spricht für eine
weitere Aufsplitterung, andere Faktoren könnten -
ausreichende eigene Stärke vorausgesetzt - durch die
Konkurrenz um Robert Steuckers genutzt werden. Das
erfolgversprechendste Konzept wäre wohl der von Faye
zurückhaltend propagierte Entrismus in den Front National
gewesen. Immerhin hatte dieser in den vergangenen Jahren
seinen ursprünglichen atlantistischen Kurs vollständig auf
gegeben und in Übereinstimmung mit der "Neuen" Rechten die
USA als Hauptfeind ausgemacht. Und immerhin hatten hier
auch die Neuheiden trotz der überwiegenden katholischen
Ausrichtung der franzöischen extremen Rechten eine
Heimstatt und Akzeptanz gefunden. Aber genau dieser
Entrismus hat sich nunmehr durch die Spaltung der Partei
zerschlagen, da keines der beiden Spaltprodukte auf abseh
bare Zeit die bisherige hegemoniale Rolle ausfüllen können
wird.70 Was tun?

Auch wenn die "Neue" Rechte noch verzweifelt nach der
richtigen Antwort auf die berühmte Frage sucht, steht für
sie auf jeden Fall bereits fest, daß der Ansatz ihres
langjährigen Weggefährten Claudio Mutti als ungeeignet bzw.
sogar kontraproduktiv anzusehen ist. In der Nr.53 der
Eléments, die 1985 die Araber als Schwerpunktthema hatte,
nutzte die Redaktion dieses Blattes den Abdruck eines
Artikels von Mutti noch dazu, um in ihren - damals noch
ungewohnten - Positionen gleichsam als "gemäßigt" in der
pro-islamischen Ausrichtung zu erscheinen. In einem
Vorspann wird ausdrücklich betont, daß man Muttis Annahme
des Bestehens von Affinitäten zwischen dem Islam und der
indo-europäischen Tradition nicht teile, vielmehr stärkere
Übereinstimmungen mit dem Buddhismus und dem Hinduismus
sehe, da diese ebenfalls die Vorstellung von einem
Schöpfergott verwerfen.71

Muttis Werdegang wird allerdings positiv - und deutlich
geschönt - hervorgehoben. Bei ihm handele es sich um
jemanden, "der früher aktiv für ein von den beiden
Supermächten befreites Europa gekämpft hat" (S.37). "Wegen
seiner politischen und verlegerischen Aktivitäten" sei er
"Opfer eines Berufsverbotes" als Professor für ungarische
und rumänische Philologie an der Universität Bologna
geworden. Tatsächlich ist Mutti (*1946) sicher eine der
schillerndsten Erscheinungen innerhalb des italienischen
Neofaschismus, und seine Biographie ist legendenumrankt.

Mitte der sechziger Jahre war er Redakteur von La Nazione
Europea, dem Organ der italienischen Sektion der Jeune
Europe des belgischen Nationalbolschewisten Jean Thiriart,
und gehörte zu den dortigen Führern dieser "europäischen
revolutionären Partei". Die dortige Sektion, Giovane
Europea, bestand zwar aus wenig mehr als hundert aktiven
Kadern, die größtenteils der an der RSI orientierten
Fraktion des MSI entstammten, war jedoch wegen der Geschlos
senheit und der Originalität ihrer Ideologie keineswegs
ohne Einfluß.72 Im damaligen Gemenge aus putschbereiten
Geheimdienstleuten und Militärs, dem stets im Hintergrund
wirkenden CIA, sich gegenseitig unterwandernden Gruppen und
Grüppchen der terroristischen Rechten und ihres Widerparts
auf der Linken, wobei oftmals selbst für die Handelnden
nicht mehr zu unterscheiden war, wer gerade wen
unterwandert hatte oder für die eigenen Pläne benutzte,
pflegte auch eine später recht bekannter Mensch enge
Beziehungen zu Giovane Europea - Renato Curcio, der spätere
Führungskader der Brigate Rosse.73

Mutti hat seit Ende der siebziger Jahre zahlreiche Bücher
über die rumänische Eiserne Garde veröffentlicht sowie
solche esoterischen Inhalts, wobei sein Verständnis des
Islam deutlich durch die beiden Hauptvertreter des
Integralen Traditionalismus Julius Evola und besonders René
Guénon, der wie er selbst ebenfalls, nach einem Irrweg
durch zahllose esoterische und okkulte Gruppen, zum Islam
konvertiert war, geprägt ist. Einen Namen als Publizist
gemacht hatte sich Mutti zunächst jedoch durch seine
Übersetzung der "Protokolle der Weisen von Zion"74, damit
durchaus in der Linie seines damaligen Vorbildes Thiriart
stehend, der sich eines als Antizionismus getarnten
Antisemitismus befleißigte und sich zugleich intensiv um
das Schmieden einer euro-arabischen Allianz bemühte, die
das Entstehen eines Europas "von Dublin bis Bukarest", in
Äquidistanz zu den beiden Supermächten, befördern sollte.

Seine Entfernung aus dem Universitätsdienst war eine Folge
der Ermittlungen zum blutigen Piazza Fontana-Attentat, die
auch zu seiner zeitweiligen Inhaftierung führten. Einer der
Hauptverdächtigen dieses Anschlags war der Kopf der Gruppe
des Ordine Nuovo Pino Rautis in Padua, der Verleger Franco
Freda, ein enger Freund Muttis, in dessen Edizioni di Ar er
auch seine kommentierte Übersetzung der "Protokolle der
Weisen von Zion" veröffentlicht hatte. Fredas strategische
Option zur damaligen Zeit: die Überwindung des Systems
durch eine gemeinsame Kraftanstrengung der Gegner von links
und rechts. In seiner 1979 veröffentlichten Kampfschrift
"Die Desintegration des Systems" heißt es:

"Wir wollen uns an alle jene wenden, die sich dem System
radikal verweigern, auch wenn sie sich jenseits der Linken
des Regimes situieren, überzeugt davon, daß mit ihnen eine
loyale Einheit des Handelns im Kampf gegen die bürgerliche
Gesellschaft verwirklicht werden könnte."75

Eine subversive Methode der Überwindung des Systems liegt
in der Logik des metapolitischen Ansatzes in der
Unterminierung der spirituellen Grundlagen einer Gesell
schaft. Als Anhänger sowohl des von Evola zu Beginn der
fünfziger Jahre verkündeten politischen Konzepts bzw. in
Übereinstimmung mit dessen vorherrschender Interpretation
durch die italienischen Nationalrevolutionäre76 als auch sei
nes Verständnisses von Evolas Ansatz des spirituellen und
sozialen Traditionalismus sah Mutti im Islam nicht nur
einen religiösen und politischen Gegenpart zum verhaßten
egalitären Judäo-Christentum, sondern zugleich eine
Religion, die deutlich traditionsverhafteter war als das
weitgehend säkularisierte Christentum. Im Gegensatz zum
mehrheitlich bei der "Neuen" Rechten vertretenen Paganismus
brauchte sie auch nicht erst wieder zum Leben erweckt wer
den, sondern war bereits eine reale Macht, und dies
spätestens seit der Revolution im Iran zunehmend auch im
politischen Bereich.

Folgerichtig war Mutti stets dann zu finden, wenn Promotion-
Projekte für islamische Staaten gestartet wurden. 1975 war
er Herausgeber eines Sammelbandes zum Lobe Ghaddafis. Wenig
später war er Initiator einer schnell verbotenen
Associazione Italia - Libia. 1990 war er zur Mitarbeit an
der im Planungsstadium verbliebenen pro-irakischen
Zeitschrift Perspectives Euro-Arabe vorgesehen, die von
einer ominösen Groupe d'études et de recherches pour une
perspective euro-arabe initiiert werden sollte. Zahllose
journalistische Beiträge mit bezeichnenden Überschriften
wie "Islamisme et nationalisme révolutionnaire" (Lutte du
peuple Nr.20, 1994) oder "Per una sinergia euro-islamica"
(Orion 3-4/96) ergänzten dies publizistisch.

Natürlich war für dieses angestrebte Bündnis nicht an
Staaten wie Saudi-Arabien oder Marokko gedacht, sondern
ausschließlich an die von den USA als "Schurkenländer"
stigmatisierten wie Libyen, Iran oder Irak. Der
durchgängige, vehemente Antisemitismus wurde vorwiegend
damit begründet, daß es sich bei Israel um einen getreuen
Vasallen der imperialistischen Hauptmacht USA handele, die
Politik des "nationalistischen Zionistenstaates" selbst
rassistisch sei.

Folgerichtig förderte Mutti aber auch seit ihrem Beginn die
Versuche, in Frankreich eine Schule des Integralen
Traditionalismus in der ideologischen Nachfolge Evolas
herauszubilden. So finden wir ihn unter den Autoren der
einschlägigen, inzwischen eingestellten Zeitschriften
Totalité und L'Age d'Or. Es kann in diesem Zusammenhang
kaum als Zufall angesehen werden, daß wir Philippe Baillet,
der heute als einer der maßgeblichen Evola-Exegeten gilt,
dessen Weg aber wie der Muttis von den
Nationalrevolutionären über die Totalité geführt hatte77,
ziemlich genau seit Beginn der pro-islamischen Ausrichtung
des GRECE in der Redaktion der Nouvelle Ecole, des
publizistischen Flaggschiffs der Nouvelle Droite, finden78.

Während die freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem
Integralen Traditionalisten Baillet und der "Neuen" Rechten
à la Benoist, besonders in Italien und Frankreich,
weiterhin bestehen, sind die Kontakte zu dem zeitweiligen
Verbündeten Mutti weitgehend gekappt. Da Benoist jedoch
keine Monopolstellung innerhalb der "Neuen" Rechten (mehr)
hat, schreibt Mutti weiterhin für "neu"rechte Publika
tionen, vorzugsweise die italienische Orion und die Nou
velles de Synergies Européennes, die die Positionen des
1993 gegründeten europäischen "neu"rechten Netzwerkes
Synergies Européennes vertreten. Seine Themenschwerpunkte:
Evola (also ein explizit anti-christlicher Ideologe)79, die
rumänische Eiserne Garde Codreanus (also eine christlich-
orthodoxe faschistische Gruppierung) und der Islam in
seiner nicht-säkularisierten Ausprägung. Bindeglied zwi
schen allen drei Erscheinungen ist neben dem rigorosen
Antisemitismus die Forderung nach einer spirituellen
Fundierung und Verwurzelung jeglichen politischen Handelns.

Obwohl die Deutsche Stimme, das Organ der NPD, kaum zur
"Neuen" Rechten gezählt werden kann, erstaunt es nur wenig,
Mutti hier neuerdings in Übersetzung80 als Autor zu finden,
denn schließlich stimmen Autor und Blattmacher in den
nationalrevolutionären Tendenzen überein. Noch weniger
erstaunt das Thema Muttis in der Juni-Ausgabe des NPD-
Monatsblattes: "Schwert oder Satan? Über die Rolle, welche
die islamischen Staaten heute auf dem Balkan spielen"
(6/99, S.16). Allerdings wurde der Beitrag auf die mit
"Tribüne" gekennzeichnete letzte Seite der Zeitung
verwiesen, wo auch Artikel jenseits der offiziellen
Parteilinie einen Platz finden.81

Auch Mutti verweist zunächst auf den auf dem Balkan
stattfindenden "Kampf der Kulturen" und betont, daß der
Islam "kein einheitlicher Block" sei, sondern sich gerade
in seiner Haltung zu den USA spalte. Anschließend geht er
sofort in die Vollen: Eine Eloge auf den Führer der
iranischen Revolution mischt sich mit Antisemitismus und
der Verdammung der USA. Mutti führt den Nachweis, daß er
sich seit seinen Tagen als Kader der Jeune Europe
inhaltlich höchstens in Nuancen verändert hat:

"Unter den bekannten Verdiensten des Iman Khomeini findet
sich die Leistung, den Hauptfeind in einer klaren und
unumstößlichen Weise bestimmt zu haben: den Hauptfeind
nicht nur des Islam, sondern aller Kulturen und aller
Völker der Erde. Der Feind des Menschen, wenn wir diese
koranische Definition des Dämonen aufnehmen wollen, die ein
bekanntes palästinensisches Gedicht gegen Israel
schleuderte. Wie auch immer, welcher substantielle
Unterschied besteht näher betrachtet zwischen Israel und
der imperialistischen Supermacht, die von den Cohens und
Albrights regiert wird? Indem Khomeini die Vereinigten
Staaten als den 'großen Satan' bezeichnet hat, entwarf er
die Grundlagen für eine Doktrin, die eine erstrangige und
vitale Rolle im Kampf gegen den amerikanischen Impe
rialismus bilden kann und verwies die existierenden
Kontroversen zwischen dem Islam und seinen verschiedenen
Gegnern in die zweite Reihe."

Islamistische Kräfte, so folgert Mutti aus den Ereignissen
auf dem Balkan in jüngerer Zeit, die sich an der
Zerstückelung Jugoslawiens beteiligten, handelten letztlich
gegen ihre eigenen Interessen. Während in dieser Sichtweise
die Herausbildung von Slowenien und Kroatien als
unabhängige Nationalstaaten noch aus ethnischen,
kulturellen und religiösen Gründen zu rechtfertigen war,
gilt dies auf keinen Fall mehr für Bosnien-Herzegowina. "In
Bosnien war es von Anfang an klar, daß der Plan des 'großen
Satans' darin bestand, Kroaten und Muselmanen gegen die
Serben zu verwenden, um ein amerikanisches Protektorat im
Herzen des Balkans zu errichten." Dieser Ansatz müßte
eigentlich unvermittelt allen Tendenzen der extremen
Rechten einleuchten, denn in ihrer Logik dürfte ja
tatsächlich nicht einzusehen sein, warum ein
"multikultureller" Staat (Jugoslawien) aufgelöst und ein
anderer (Bosnien-Herzegowina) gebildet werden soll. Es
handele sich dort, so Mutti, um einen "Islam made in USA",
wofür auch spreche, daß "sich als Finanzier der bosnischen
Regierung niemand geringerer als der jüdische Spekulant
George Soros erwies".

Antisemitismus wird in der Diktion Muttis zur ersten
Pflicht des Muslims, wobei USA und Israel ident gesetzt
werden:

"Weder konnten die Amerikaner Gründe zur Beunruhigung im
kindischen Plan eines 'Islamischen Staates' von Alija
Izetbegovic finden: zu seinen theoretischen Darlegungen
enthüllte die die tatsächlichen Richtlinien als er in
Washington eine devote Huldigung des Tempels des Holocaust
darbrachte. Eine derartige Geste ist vom Standpunkt eines
Moslems gleichbedeutend mit einer tatsächlichen Handlung
des Götzendienstes."
Als besonders willige Kollaborateure der USA in diesem
Prozeß auf dem Balkan hat Mutti dabei die Regierungen Saudi-
Arabiens und der Türkei ausgemacht, die auch an dem Versuch
der Vereinigten Staaten beteiligt sind,

"einen 'muslimischen Gürtel' zu errichten, der Rußland und
einen großen Teil des orthodoxen Gebietes einschließt.
Dieser Entwurf sieht offensichtlich nicht voraus, daß der
Islam über die Orthodoxie die Oberhand gewinnt; sie (sic!)
setzt voraus - und das ist wirklich 'diabolisch' -, daß der
Islam gegen die Orthodoxie in einer Weise verwendet wird,
daß die beiden Gebiete ein gewisses Gleichgewicht
behalten." Dies erkläre auch die Unterstützung der
"Sezessionisten des Kosovo".

Spätestens an dieser Stelle gerät die in sich schlüssige
Logik Muttis in gravierenden Konflikt mit den Fakten, die
auf das Gegenteil der behaupteten Interessenidentität der
USA und Israels deuten. So verweist der Geheimdienstexperte
Erich Schmidt-Eenboom darauf, daß die UCK ideologisch
keineswegs einheitlich sei, geschweige denn islamisch
dominiert. Vielmehr gebe es daneben eine natio
nalsozialistische Fraktion ehemaliger Kollaborateure und
SSler (vorwiegend im US-Exil) und vor allem die
vorherrschende "nationalkommunistische" Strömung. Für den
islamischen UCK-Teil aber gilt laut Schmidt-Eenboom: "Die
fundamentalistische Strömung wird finanziert aus Iran und
Afghanistan, vor allem von Bin Laden, wie der Mossad
aufzeigte."82 "Der Westen", so Schmidt-Eenboom weiter,
unterstütze die "großalbanischen Ziele der UCK höchstens
halbherzig". Dies sei der Grund dafür, daß der islami
stische UCK-Flügel weiterhin Kontakt zu den
"fundamentalistischen Staaten" pflegen werde. Dies wiederum
führe dazu, daß der israelische Geheimdienst Mossad
Jugoslawien mit Aufklärungsergebnissen und
Militärelektronik unterstütze.

Sein Primat des Antisemitismus trübt Mutti also den
strategischen Blick. Davon ist allerdings seine
abschließende Analyse, die er - sicher ist sicher! - mit
einen Verweis auf Carl Schmitt zu stützen sucht83, nicht
betroffen:
"Und gleichfalls ist es klar, daß nach den Plänen des
'Großen Satans' der Konflikt zwischen Muslimen und
Orthodoxen sich weiter ausbreiten soll, so daß auch in
anderen Regionen Eurasiens die Gläubigen des Islam und der
Orthodoxie in Bürgerkriege gezogen würden, die den Inhabern
der Weltmacht nützlich erscheinen."

Auch hier taucht also wiederum als angenommenes Grundmotiv
der US-Politik die beabsichtigte Besetzung der Südflanke
(des "gegenüberliegenden Ufers") Rußlands, einschließlich
der Destabilisierung der Kaukasus-Region, auf.

Auf solche Absichten scheint unausgesprochen der immer
häufiger von "Gott" redende Vorsitzende der russischen
Kommunisten, Gennadij Sjuganow, zu reagieren, wenn er
erklärt:

"Am Ende des 20. Jahrhunderts wird es immer
offensichtlicher, daß der islamische Weg zur einzig
wirklichen Alternative zur Hegemonie der westlichen Welt
wird. Der Fundamentalismus wird verstanden als eine Rück
kehr zu den jahrhundertealten spirituellen Traditionen und
kann zu sehr positiven Resultaten führen. Es handelt sich
um die Rückkehr zu moralischen Normen der Beziehungen
zwischen den Menschen, um die Intakthaltung der Moral der
Gesellschaft."84

Wenn er schon nicht in der Lage ist, den islamischen
Staaten eine mit den USA vergleichbare materielle
Unterstützung zu bieten, dann will er wenigsten geistigen
Gleichklang und Verständnis demonstrieren. Der Feind deines
Feindes ist dein Freund. Wenn für die Islamisten die USA
der "große Satan" sind, dann läßt dies sonstige Differenzen
als zweitrangig erscheinen.

Auch ohne die pro-iranische, islamistische Position Muttis
zu teilen, kommt die Führung der europäischen "neu"rechten
Netzwerkes Synergies Européennes in einer "Erklärung der
Europäischen Synergien zum NATO-Angriff auf Restjugo
slawien" zur gleichen, jedoch deutlich konkretisierten anti-
türkischen Stoßrichtung und zur gleichen strategischen pro-
iranischen Option:

"Rußland sollte bestimmter gegenüber dem Hauptverbündeten
der Vereinigten Staaten in der Region sein, gegenüber der
Türkei. Die vernünftigen und historischen Mächte Eurasiens
sollten enger zusammenarbeiten. Sie sollten auch den Kampf
der Kurden unterstützen, solange die Vereinigten Staaten
und die Türkei die Muslimrebellen auf dem Balkan unter
stützen. Sie sollten mit dem Iran zusammenarbeiten, um eine
Achse Moskau - Teheran - Delhi zu schaffen und besser die
Küsten des Indischen Ozeans zu kontrollieren. Sie sollten
Saddam Hussein unterstützen. Sie sollten die griechische
Mehrheit auf Zypern unterstützen und ihnen Waffen
verkaufen, damit sie der türkischen Aggression Widerstand
leisten können."85
Die letztzitierten Ausführungen Muttis einerseits, der
Synergies Européennes andererseits demonstrieren, daß man
auch in Bezug auf die islamischen-arabischen Staaten und
deren Politik sogar dann zu gleichen Schlußfolgerungen ge
langen kann, wenn man von abweichenden oder sogar
gegensätzlichen Ausgangspositionen ausgeht. Beim "Pro-
Islamismus" oder dem angestrebten euro-arabischen Bündnis
aus Reihen der "Neuen" Rechten und der Nationalrevolutio
näre gibt es im Gegensatz zum anti-islamisch bestimmten
Diskurs der Konservativen keine einheitliche Linie. Der
Argumentationsstrang differiert je nach historischer
Situation, spezifischem nationalen Hintergrund, theoretisch-
ideologischen Bezugspersonen, dem jeweiligen Bündnisumfeld
und natürlich auch gemäß den politischen Ausrichtungen der
einzelnen arabischen Länder bzw. des vorgestellten
arabischen "Blocks". Vieles deutet darauf hin, daß geopoli
tische Überlegungen eine erheblich größere Rolle spielen
als Glaubensfragen. Selbst der Neopaganismus, der stets als
zum ideologischen Kern der "Neuen" Rechten gehörend an
gesehen wird, scheint nur zweitrangig gegenüber strategi
schen Erwägungen und Mittel zum Zweck zu sein. Gegenüber
der jeweils gewählten persönlichen spirituellen
Grundüberzeugung wird innerhalb des Lagers Toleranz
gewahrt, wenn zwei Voraussetzungen gewährleistet sind: der
religiöse Ansatz muß zumindest anti-universalistisch und
anti-egalitär interpretierbar sein, und er muß über
hinreichende antisemitische Konnotationen verfügen. Beides
trifft auf den Islamismus zu.

__________________Fußnoten_______________________________

1 Weitere Schwerpunktausgaben zu diesem Themenbereich waren
u.a. die Nr.17/18 ("La question religieuse"), Nr.36 ("La
libération païenne"), Nr.51 ("Les mythes européens") und
Nr.54/55 ("Sectes: Le vrai danger") der Eléments.
Berücksichtigt man zudem, daß häufig auch in anderen
Dossiers Fragen der Religion eine Rolle spielen, auch die
Krisis (Nr.3: "Tradition?", Nr.6: "Mythe?") und die
Nouvelle Ecole (Nr.47: Tradition) sich dieses Themas
angenommen haben, und es zudem in diversen
Buchveröffentlichungen (z.B. der ehemalige GRECE-Präsident
Jacques Marlaud, Le Renouveau Païen dans la Pensée
Française; Paris: Le Labyrinthe 1986) seinen Niederschlag
gefunden hat, so sticht die herausragende Rolle der
Spiritualität im Diskurs der Nouvelle Droite hervor.

2 Der Städteplaner und Redakteur der Eléments Le Vigan
(*1956) ist seit Mitte der achtziger Jahre in "neu"rechten
Kreisen publizistisch aktiv. Zu Fragen der Spiritualität
war er bisher noch nicht hervorgetreten.

3 Der Spanienkorrespondent der Nouvelle Ecole Esparza
(Madrid) leitete in den achtziger Jahre die kurzlebige und
relativ erfolglose "neu"rechte Zeitschrift Punto y coma.
Seit 1993 gibt er die ideologisch vergleichbare Zeitschrift
Hespérides heraus.

4 Pauwels (*1940) ist ehemaliges Mitglied der
nationalbolschewistischen Gruppierung Jeune Europe und
langjähriger Leiter der Delta-Stichting, die die wichtige
"neu"rechte flämische Vierteljahreszeitschrift Tekos
herausgibt.

5 Der Name dieses heidnisch-pluralistischen Blattes und der
gleichnamigen, ebenfalls von Gérard in Leben gerufenen
Trägergruppe knüpft an eine Zeitschrift desselben Titels
an, die zwischen 1959 und 1971 gemeinsam von Ernst Jünger
und dem Religionswissenschaftler Mircea Eliade
herausgegeben wurde.

6 Der mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnete
Parvulesco arbeitet bereits seit den siebziger Jahren mit
der "Neuen" Rechten zusammen. Beispielhaft für seine
Verknüpfung von Esoterik und großraumpolitischen Denken ist
seine Schrift "Les fondements gépolitiques du 'Grand
Gaullisme'"; Paris: Guy Trédaniel 1995. Als Beispiel für
die geradezu enthusiastische Rezeption dieses Konzepts in
den einschlägigen Kreisen siehe den Aufsatz von Alexander
Dugin, Jean Parvulesco - Der Stern des unsichtbaren
Imperium, in: Kshatriya-Rundbrief Nr.2, 1998, S.2f.

7 Ich setze den gebräuchlichen Begriffs "Sekten" in
Anführungszeichen, um auf den diffamierenden Charakter des
Begriffs aufmerksam zu machen. Als Sekte wird ursprünglich
eine Dissidenz der christlichen Großkirchen bezeichnet, die
sich in der Dogmatik in einem oder mehreren zentralen
Punkten unterscheidet. Ein Dogma vertreten beide, dies
unterscheidet sie nicht. Auch die Größe rechtfertigt die
Belegung mit dem Begriff Sekte nicht unbedingt, da es durch
aus Gruppierungen mit einer Anhängerschaft von mehreren
Millionen Menschen gibt. Und letztlich ist bei weiten nicht
jede "Sekte" eine Abspaltung der christlichen Großkirchen.
Ich bevorzuge aus diesen Gründen den Terminus der
"religiösen Sondergruppe".

8 So referierte er im Februar 1996 in Paris bei einem
Kongreß der französischen heidnischen Zeitschrift
L'Originel, die mit der extremen Rechten verflochten ist
(Orion 3-4/96, S.53).

9 So der Tenor einer 1996 von ihm eingebrachten
Protestresolution der Association Française de Sociologie
Religieuse gegen den französischen Parlamentsbericht über
"Sekten".

10 Julius Evola verwies bereits 1942 in seinem "Grundrisse
der faschistischen Rassenlehre" auf den diffamierenden
Charakter des Begriffes pagan, da der "mit dem Aufkommen
des neuen Glaubens geläufig gewordene(n) Wortsinn paganus -
heidnisch - ein hauptsächlich herabsetzender Ausdruck ist,
der polemisch von der frühchristlichen Apologetik gebraucht
wurde; er stammt von pagus, Dorf, Flecken, womit paganus
sich auf eine Denkungsart eines Landbewohners, eines
unkultivierten, primitiven und abergläubischen Menschen
bezieht. Zur Durchsetzung und Verherrlichung des neuen
Glaubens hat diese Apologetik sich der schlechten
Gewohnheit bedient, andere herabzusetzen, um sich selbst zu
erhöhen. So traf sie eine bewußte und oft systematische
Herabsetzung und Entstellung fast aller früheren
Überlieferungen, Lehren und Kulte, die sie unter der
allgemeinen und geringschätzigen Bezeichnung paganesimus -
Heidentum - zusammenfaßte. Zu diesem Zweck hat sie
selbstverständlich mit Vorbedacht in den vorchristlichen
Kulten und Traditionen die Aspekte hervorgehoben, die kei
nen normalen, ursprünglichen Charakter hatten, sondern
offenbar in Verfall begriffene Formen waren. Ein solches
polemisches Vorgehen führte überdies insbesondere dazu,
allem, was dem Christentum vorangegangen und einfach
nichtchristlich war, einen verbindlichen antichristlichen
Charakter zu unterstellen."

11 Siehe sein empfehlenswertes Buch "Enquête sur le
satanisme", Paris: Dervy 1997.

12 In dieser Analyse bestehen durchaus Berührungspunkte
zwischen dem Religionswissenschaftler Introvigne und dem
Integralen Traditionalisten Evola, der im Satanismus-
Kapitel (S.189 - 205) seines Bandes "Masques et visages du
spiritualisme contemporain" (Puiseaux: Pardès 1991)
ebenfalls darauf verweist, daß es sich beim Satanismus um
"den Extrempunkt der modernen Tendenzen zum
Übernatürlichen" handele. Bereits zum Zeitpunkt der Erstver
öffentlichung, 1971, stellte Evola fest: "Man kann sagen,
daß Satan und der Satanismus heute in Mode sind." (S.189)
Eine grundsätzliche und grundlegende Kritik der "neuen
Religiosität" aus integral-traditionalistischer Sicht
findet sich in dem 1945 erstveröffentlichten Band von René
Guénon, La Règne de la Quantité et les Signes des Temps;
Paris: Gallimard 1992. Dieses umfassende Verdikt als
künstliche, unechte Religion trifft auch die geistige
Grundlage der meisten Strömungen des New Age, die
Theosophie, sowie deren Produkt, die Anthroposphie Rudolf
Steiners. Vgl. dazu v.a. René Guénon, Le Théosophisme.
Histoire d'une Pseudo-Religion; Paris: Éditions
Traditionelles 1986.

13 Vollständiger Reprint der Jahrgänge 1933 - 38 in fünf
Bänden bei der Fondation Émile Chanoux, 4 rue Chrétier, I-
11100 Aoste, Italien. Eine repräsentative "neu"rechte
Betrachtung der Zeitschrift und der gleichnamigen sie
tragenden, seit 1929 aktiven Gruppierung ist der Aufsatz
von Gilbert Destrées in Nouvelle Ecole Nr.50, 1998, S.67 -
80.

14 Vgl. bes. seine "Écrits sur l'Europe, 1948 - 1986", 2
Bde, Paris: La Différence 1997. Zu den "neu"rechten
Föderalismuskonzeptionen siehe neuerdings das Themenheft
der Krisis unter der Leitfrage "Fédéralisme?" (Nr.22, März
1999).

15 Zur zentralen Rolle des Begriffs der Dekadenz im Diskurs
der "Neuen" Rechten und ihrer diversen Verläufer siehe die
exemplarische Studie von Pierre-André Taguieff, J. Evola
penseur de la décadence: une métaphysique de l'histoire
dans la perspective traditionelle et l'hypercritique de la
modernité; in: Politica Hermetica Nr.1, 1987, S.11 - 48.

16 Auch Proudhons Föderalismusvorstellungen finden
gegenwärtig wieder zunehmend Beachtung. So erfuhr sein 1863
erstmals veröffentlichter Band "Du principe fédératif" nach
längerer Zeit eine Wiederveröffentlichung (Paris: Éditions
Tops/H. Trinquier 1997).

17 Das Fehlen einer Leitidee, eines verbindenden Glaubens,
die ausschließlich merkantile Ausrichtung, wird den Plänen
zur Schaffung einer europäischen Vereinigung bereits in den
fünfziger Jahren durch den Integralen Traditionalisten
Julius Evola vorgeworfen, bei dem sich eine grundsätzliche
Kritik des Nationalstaats - als Produkt der dekadenten
Moderne - findet. Vgl. bes. das Schlußkapitel "Ein Europa.
Form und Voraussetzungen" in seinem Band "Menschen inmitten
von Ruinen", Tübingen: Hohenrain 1991, S.371 - 387.

18 2. erw. Aufl., Bruxelles: Complexe 1987, S.304 - 342

19 Paris: Kimé 1991

20 Vgl. den Aufsatz von Thomas Keller, Médiateurs
personalistes entre générations non-conformistes en
Allemagne et en France; in: Gilbert Merlio, Ni gauche, ni
droite, Talence 1995, S.257 - 273. Zum Gegner-Kreis
allgemein und den spärlichen Wiederbelebungsversuchen des
Nationalbolschewismus im Nachkriegsdeutschland siehe
Alexander Bahar, Sozialrevolutionärer Nationalismus
zwischen Konservativer Revolution und Sozialismus. Harro
Schulze-Boysen und der GEGNER-Kreis; Koblenz: Dietmar
Fölbach 1992.

21 Die politische Ortsbestimmung als "weder links, noch
rechts", die typisch für die "Nonkonformisten der dreißiger
Jahre" ist, bei denen es sich häufig um Dissidenten der
Action Française handelte, nehmen beispielhaft die beiden
genannten Exponenten Arnaud Dandieu und Robert Aron in
ihrem gemeinsamen Buch "La Révolution nécessaire" (1933)
vor: "Wir sind weder links noch rechts, aber wenn es
unbedingt notwendig ist, daß wir uns in parlamentarischen
Begriffen verorten, dann wiederholen wir, daß wir uns auf
halbem Weg zwischen der extremen Rechten und der extremen
Linken hinter dem Parlamentspräsidenten befinden, den
Rücken den Abgeordneten zugekehrt." (zit. n. Arnaud Imatz,
Par delà droite et gauche. Permanence et évolution des
idéaux et des valeurs non conformistes; Paris: Godefroy de
Bouillon1996, S.179) Schulze-Boysen brachte dies, bei
übereinstimmender Grundhaltung auf die Formel "Gegner von
heute, Kampfgenossen von morgen" (1932).

22 Paris: L'Æncre 1998.

23 Als Integraler Traditionalismus wird diejenige
philosophisch-spirituelle Schule bezeichnet, die davon
ausgeht, daß alle echten Religionen aus einer einzigen
gemeinsamen Tradition, die am Anfang des Zyklus stand,
abzuleiten sind. Hauptvertreter waren René Guénon, Julius
Evola, Frithjof Schuon, Leopold Ziegler, Arturo Reghini
u.a. Zwischen dieser Denkströmung und der europäischen
Konservativen Revolution bestanden zahlreiche
Überschneidungen, nicht zuletzt das zyklische
Geschichtsbild. Heute gehört die europäische "Neue" Rechte
zu den Hauptrezipienten des Integralen Traditionalismus.

24 Guyot-Jeannin, Leiter des traditionalen Cercle Sol
Invictus und gemeinsam mit Levalois Animator des im Vorfeld
des GRECE agierenden Café Métaphysique, moderiert eine
Sendung bei dem den katholischen Integristen nahestehenden
Sender Radio Courtoisie. Levalois wiederum arbeitet(e) beim
vergleichbar ausgerichteten Radio Renaissance. In früheren
Phasen der "Neuen" Rechten wären solche Überschneidungen
nur schwer vorstellbar gewesen. Daß es sich nicht um
Einzelerscheinungen handelt, wird dadurch deutlich, daß
bekennende (konterrevolutionäre) Katholiken wie Claude
Polin und Claude Rousseau zunehmend als Autoren und
Referent im Umfeld der "Neuen" Rechten auftauchen.
Berücksichtigt man diese Entwicklung, so trifft Fayes
Kritik z.T. ins Leere.

25 Während sich innerhalb der deutschen extremen Rechten
allmählich eine positive Sicht zumindest einiger Aspekte
des islamischen Fundamentalismus Gehör verschafft, ist
nahezu ausschließlich letztgenannter Aspekt, in der Regel
verbunden mit einer zusätzlichen christlichen
Argumentation, ein Thema für die deutschen Konservativen.
Beispiel dafür der Kongreß des Studienzentrums Weikersheim
im Mai 1998, bei dem der frühere SDSler, Grüne und Mit
streiter Alfred Mechtersheimers Rolf Stolz "Die
fundamentalistische Expansion in Deutschland und Europa"
bereits im vollen Gange sah und der Orientalist Dr. Hans-
Peter Raddatz, der auch für die Junge Freiheit schreibt,
"Islamexpansion und multikulturelle Demokratie- und Glau
benskrise" als Menetekel an die Wand malte. Der Eindruck
drängt sich auf, daß in konservativen Kreisen das Wort
"Islam" nicht mehr ausgesprochen werden kann, wenn es nicht
umgehend durch "Fundamentalismus" ergänzt wird. Von
Differenzierungen hält man hier wenig. In die gleiche
Richtung zielt die Broschüre "Der Vormarsch des Islam"
(Eckartschrift Nr.138, Wien 1996) des Funktionärs der
völkischen Österreichischen Landsmannschaft und Chef
redakteurs des Junge Freiheit-Schwesterblattes Zur Zeit
Helmut Müller. Es darf als ungewöhnlich angesehen werden,
daß ausgerechnet jemand mit seinen Positionen zum Thema
Islam bei der Sommeruniversität der Synergies Européennes
im August 1999 in Italien referieren durfte.

26 Die Beschränkung auf dieses eine Spengler-Zitat verflacht
jedoch diesen Autor. Er sieht das Christentum zunächst als
typische Religion der Antike: "Jede antike 'Haltung' will
nur da sein und kümmert sich wenig um das Ethos der andern.
Für oder gegen die Zeitströmung kämpfen, Reform oder Umkehr
betreiben, aufbauen, umwerten oder zertrümmern - das ist
gleichmäßig unantik und unindisch. (...) Es ist falsch,
'das' Christentum mit dem moralischen Imperativ in
Verbindung zu bringen." Das Christentum sei zunächst ein
Angebot gewesen: "'Wer Ohren hat zu hören, der höre' -
darin liegt kein Machtanspruch.", stellt Spengler fest und
schließt unmittelbar eine Unterscheidung zwischen
Evangelium und Institution an: "So hat die abendländische
Kirche ihre Mission nicht aufgefaßt." ("Der Untergang des
Abendlandes", München: C.H. Beck 1990, S.438) Für die
negative Wende des Christentums wird von Spengler der hel
lenistisch geprägte Paulus verantwortlich gemacht, dessen
Wirken dazu geführt habe, daß das Urchristentum "in die
lärmende städtische demagogische Öffentlichkeit des
Imperium Romanum hineingezogen worden" sei (ebd., S.461).
Der hellenische Paulus befördert das Christentum aus der
Antike in die Moderne; erst dies macht dessen totalitäre
Züge möglich. Erster Repräsentant dieser Moderne im antiken
Hellas sei Sokrates gewesen, so die übereinstimmende
konservativ-revolutionäre Verurteilung spätestens seit
Georges Sorel.

27 Robert de Herte (d.i. Alain de Benoist) im Interview in
Eléments Nr.17/18, 1976, wiederaufgegriffen in dem
Sammelband: Pierre Vial (Hrsg.), Pour und renaissance
culturelle. Le G.R.E.C.E prend la parole, Paris: Copernic
1979, S.196 - 225 (hier: S.204).

28 Nachdem Gott die Welt geschaffen hatte und mit seinem
Werk zufrieden war, zog er sich aus der Welt zurück. Dieses
Trennung von Gott und Welt, von Diesseits und Jenseits,
veranlaßt die nach dem Heil strebenden, sich aus dieser
Welt zurückzuziehen. "Mein Reich ist nicht von dieser
Welt!" führt dazu, daß das weltliche Heil unmögliche ist,
der Mensch in seiner irdischen Existenz stets notwendig
unvollständig bleibt. Auch der Akt der Gnade durch den
Opfertod Jesu hebt diesen Dualismus nicht auf.
29 Es ist nebenbei kennzeichnend für den Zustand der
deutschen "Neuen" Rechten, daß dieser für die
Ideologieentwicklung der Nouvelle Droite grundlegende
Artikel von Faye erst 1998, mit knapp 18jähriger
Verspätung, vom Kasselaner Thule-Seminar aufgegriffen wurde
und in deutscher Übersetzung erschien (Elemente Nr.6, S.79
- 84). Man ist hierzulande nicht nur zu eigenständiger
Ideologiebildung nicht in der Lage, sondern hinkt sogar in
der Kenntnisnahme und Verarbeitung der Vorlagen meilenweit
hinterher.

30 Damals wußte die französische "Neue" Rechte diese
Kampagne und den damit verbundenen Bekanntheitsschub noch
für einen Feldzug zur Eigenwerbung zu nutzen. Als sich dies
ab dem Sommer 1993 als Folge des rot-braunen
Techtelmechtels in erheblich kleinerem Maßstab wiederholte,
reagierte man lediglich fast weinerlich mit einer
Buchveröffentlichung: "La nouvelle Inquisition. Essai sur
le terrorisme intellectuel et la police de pensée" (Paris:
Labyrinthe 1994). Nichts veranschaulicht die
Charakteränderung dieser Strömung deutlicher. Anstatt die
Herausforderung kämpferisch anzunehmen und für sich selbst
zu nutzen, beklagte man sich darüber, nicht dazugehören zu
dürfen. Man wollte aus der Schmuddelecke heraus, wurde aber
darin festgehalten.

31 Während wir in Deutschland in allen Bereichen des
künstlerischen Schaffens auf der extremen Rechten
vorwiegend Nachfahren der Blut-und-Boden-Kunst der NS-Zeit
in Gesinnung und Stil vorfinden, steht Carré in der
Tradition der Avantgarde. Sein malerisches Werk wurzelt
deutlich im Vorbild des italienischen Futurismus, versucht,
Marinettis Vorgaben entsprechend, den Betrachter mitten in
das Bild hineinzustellen. Anstelle des ständigen Appells an
das Gefühl der NS-Kunst finden wir bei Carré die typische
Kälte des faschistischen Stils. Ein Anknüpfen an den
musikalischen Futurismus finden wir bei dem "neu"rechten
Aktivisten Jean-Marc Vivenza.

32 Der 1923 geborene promovierte Jurist Locchi war in Paris
als Journalist tätig. Als Bekannter von Benoist seit 1965
schrieb er bereits für die Organe der
Vorläuferorganisationen des GRECE, wurde Mitglied der
ersten Redaktion der Nouvelle Ecole und profilierte sich
innerhalb des Lagers besonders als Nietzsche- und Wagner-
Experte. Über die Grenzen der "Neuen" Rechten hinaus
Bekanntheit erreichte sein unter dem Pseudonym Hans-Jürgen
Nigra gemeinsam mit Alain de Benoist verfaßter Band über
die USA, der auch in deutscher Übersetzung erschien. 1979
trennte es sich vom GRECE, dem er Annäherung an den
Liberalismus vorwarf. In der Folgezeit publizierte er noch
für die italienische "neu"rechte Zeitschrift mit
geschichtsrevisionistischen Tendenzen L'Uomo libero. Am 25.
Oktober 1992 verstorben.

33 siehe dazu modellhaft den Aufsatz des Protagonisten der
italienischen Nuova Destra der ersten Stunde, Claudio
Finzi, in Vouloir 1/94, S.32f.: "'Europe' et 'Occident':
deux concepts antagonistes".

34 Diese Ideologeme, die in den Ausformungen der "Neuen"
Rechten in anderen europäischen - und später auch
südamerikanischen - Ländern ebenso vorzufinden sind,
verdeutlichen, daß das Häuflein von (Möchtegern-
)Intellektuellen in Deutschland, das in der
Sekundärliteratur als "Neue" Rechte beschrieben wird, bis
auf wenige Ausnahmen in Wirklichkeit nichts damit zu
schaffen hat. Da nach wissenschaftlichem Usus nur Gleiches
gleich bezeichnet werden darf, ist die Begriffszuweisung
folglich unzulässig. Bei den Ideologen der angeblichen
"Neuen" Rechten in Deutschland handelt es sich vielmehr
vorwiegend um Vertreter eines radikalisierten,
antidemokratischen Konservatismus, dessen Dreh- und
Angelpunkt der Nationalismus ist. Gerade dieser
Staatsnationalismus war durch die tatsächliche "Neue"
Rechte weitgehend aufgegeben worden.

35 Hier finden wir eine Reihe von Formulierungen vor, die
Henning Eichberg bereits in seinem Aufsatz
"Entkolonialisierung der Deutschen" (Wir selbst, Januar
1984) in Ansätzen erarbeitet hatte und 1987 in seinem Band
"Abkoppelung" (Koblenz: Siegfried Bublies 1987) im Kapitel
"Der islamische Schleier kommt wieder. Liegt Deutschland in
der Dritten Welt?" näher ausführte. Wegen der umfangreichen
ideologischen Konvergenzen (Heidentum, Föderalismus,
Europagedanken, Kapitalismuskritik von rechts) kann
Eichberg als einer der wenigen tatsächlichen deutschen
Vertreter der "Neuen" Rechten angesehen werden.

36 a.a.o., S.2; erneut abgedruckt in: Alain de Benoist, Le
Grain de Sable. Jalons pour un fin de siècle; Paris: Le
Labyrinthe 1994, S.65ff.

37 Guillaume Faye, L'Archéofuturisme; Paris: L'Æncre 1998,
S.33f.

38 z.B. "Wollte Hitler den Krieg? Generalprobe der Gewalt",
Preuß. Oldendorf: Schütz 1971; "Ernte 1940 - Erbfeindschaft
und Völkerfreundschaft: Deutsche Politik im besetzten Frank
reich", Kiel: Arndt 1983

39 Zur Parteimitgliedschaft Benoist-Méchins gibt es
widersprüchliche Angaben. Der Münchner Historiker Franz W.
Seidler schreibt in seinem "Nazischinken", so das Urteil
von Klaus Theweleit in seiner Rezension in der TAZ v.
30.3.96, "Die Kollaboration. 1939 - 1945" (München: Herbig
1995), der "überzeugte Deutschenfreund" Benoist-Méchin sei
1927 "zusammen mit Drieu la Rochelle" dem PPF beigetreten
(S.75). Nicht nur daß das Datum unmöglich ist - der PPF
wurde erst 1936 gegründet -, auch der Beitritt an sich,
erst recht "zusammen" mit Drieu, ist zweifelhaft. Jean-Paul
Brunet jedenfalls schreibt in seiner Monographie "Jacques
Doriot. Du communisme au fascisme" (Paris: Balland 1986),
Benoist-Méchin habe dem PPF lediglich "sehr nahe" gestanden
(S.333).

40 Seidler a.a.o., S.77 nennt fälschlich die Zahl 1953.

41 "Le loup et le léopard"; Paris: Albin Michel 1959

42 "Un printemps arabe"; Paris: Albin Michel 1967

43 Le Bons 1985 erstmals veröffentlichte "Psychologie der
Massen" war grundlegend sowohl für die Arbeiten der
Elitetheoretiker (Mosca, Pareto, Michels) als auch prägend
für das konservativ-revolutionäre Leitmotiv der Dekadenz
(vgl. Kurt Lenk, Deutscher Konservatismus; Frankfurt/Main
u.a.: Campus 1989, S.195ff.; zur Biographie siehe den
Artikel im "Lexikon des Konservatismus", Graz: Stocker
1996, S.347ff.).

44 Zit. n. Eléments Nr.53, 1985, S.21.

45 Zu Hunkes politischer Biographie siehe u.a. Eduard
Gugenberger/Roman Schweidlenka, Die Fäden der Nornen. Zur
Macht der Mythen in politischen Bewegungen; Wien: Verlag
für Gesellschaftskritik 1993, S.187f. Zur Verteidigung von
Clauß durch die "Neue" Rechte vgl. u.a. Robert Steuckers,
L'affaire du national-communisme ou quand les galopins du
journalisme parisien ratent l'occasion de se taire; in:
Vouloir Nr.105 - 108, 1993, S.3 - 12, hier: S.7f.

46 Überhaupt achtet der GRECE geradezu peinlich darauf, sich
in seinem Islam-Diskurs durch die Auswahl der Gewährsleute
möglichst unangreifbar zu machen. So wurde für das Themen
heft "L'Avenir?" der Krisis (Nr.20/21, 1997) zum Thema "Les
défis de l'islamisme" François Burgat für ein Interview
gewonnen (S.118 - 138). Der Politologe am renommierten CNRS
hat ein Dutzend Jahre in Algerien und Ägypten verbracht und
ist ausgewiesener Fachmann durch gleich eine ganze Reihe
von Buchveröffentlichungen zum Thema.

47 Diese Phase der Annäherung und Zusammenarbeit dauerte in
Frankreich bis ca. 1988 und wurde in Frankreich vor allem
von der nationalrevolutionären Fraktion um Jean-Gilles
Malliarakis, der größten Gruppierung dieser Strömung,
betrieben. Unter der Losung "Weder Kreml, noch Wallstreet"
strebte man ebenso wie die "Neue" Rechte eine europäische
Äquidistanz zu den Supermächten an. Die französischen
Solidaristen hingegen gewannen zu jener Zeit unter der
Führung von Jean-Pierre Stirbois erheblichen Einfluß im
Front National.

48 Zuständig für die publizistische Umsetzung dieses
Konzeptes war vor allem der Journalist Otto Karl Düpow,
zeitweilig Mitglied der DSU Otto Strassers. Dieser war u.a.
Leiter der deutschen Sektion des im Herbst 1956 gegründeten
Centre Eurafricain d'Études et des Réalisations. Nach dem
Bruch mit Strasser gründete er ein Unabhängiges Afrika-
Orient-Bureau. 1963 erklärte er nach einem Besuch in
Algerien, nur ein "sozial-nationales" Deutschland könne ver
hindern, daß die afrikanische Revolution in den Kommunismus
"hinübergleite". Zeitweilig war er zweiter Vorsitzender
einer Deutsch-Arabischen Gesellschaft in Weinheim. 1963
gründete er die Zeitschrift Das Imperium. Nation Europa -
Nation Arabien. Im Mai dieses Jahres wurde ein Treffen in
Rom verhindert, bei dem Düpow, die NS-Gallionsfigur Otto
Skorzeny und der ehemalige argentinische Präsident Péron
reden sollten. Es folgte eine Verurteilung wegen Belei
digung des SPD-Politikers Erich Ollenhauer, über den er
antisemitisch motivierte Lügen verbreitet hatte (Kurt P.
Tauber, Beyond Eagle and Swastika; Middlesborough 1967,
passim). Bis 1970 war er Mitglied der ludendorff'schen
Gesamtdeutschen Arbeitsgemeinschaft, für die er die Zeitung
Der Aufmarsch - Reich und Revolution herausgegeben hatte
(Neumann/Maes, Der geplante Putsch; Hamburg 1971, S.55).
Selbstverständlich ging es in diesem Fall weder um ein
gleichberechtigtes Bündnis, noch gar um Sympathien mit dem
Islam, sondern vielmehr um eine Melange aus Sehnsucht nach
der Wiedergewinnung ehemaliger nationaler Stärke, NS-
Nostalgie und Antikommunismus.

49 Zumindest eine Nebenrolle spielte die unterschiedliche
Beurteilung des Islam auch bei dem Zerwürfnis der beiden
Hauptrepräsentanten der zeitweiligen russischen
Mitgliedsorganisation der FEL, der
Nationalbolschewistischen Front. Der eine von ihnen, der
Journalist und Übersetzer Alexander Dugin, bestätigte das
Urteil des GRECE-Nachwuchsstars Charles Champetier, es
handele sich bei ihm um ein "pathologisches Individuum".
Der zweite der Protagonisten, der Romancier Eduard Limonov,
hatte seiner Ansicht nach die Sünde auf sich geladen, die
Machtpolitik höher zu schätzen als die "reine Lehre" des
Nationalbolschewismus. Die Ignoranz der einschlägigen
Theoretiker von Niekisch bis Thiriart durch seinen
Mitstreiter hätte der verschwörungsmythisch orientierte
Dugin eventuell noch verschmerzt, doch Limonows enge
Zusammenarbeit mit Gaidar Djemal, dem Aushängeschild der
Partei der islamischen Wiedergeburt, ging ihm zu weit. In
einem Thesenpapier zur Trennung hält Dugin Limonow vor,
sowohl die christliche Orthodoxie als auch den Integralen
Traditionalismus zu verwerfen, die er selbst jedoch als die
Basis eines vollständigen Nationalbolschewismus betrachtet.
Auch die Ersetzung der Tradition durch den Islam, so die
Schelte Dugins, sei für Limonow lediglich eine "taktische
Frage". Siehe http://www.arctogaia.com/public/engl-
thesis.htm.

50 Imatz, a.a.o., S.206.

51 Orion betreibt vor allem massive Propaganda für die
Islamische Revolution im Iran. Neben lobenden Artikeln
finden sich immer wieder Interviews mit offiziellen
Repräsentanten (so dem iranischen Botschafter beim Vatikan)
und Berichte über Delegationsreisen in den Iran. Dies
findet seine Ergänzung in einem vehement antisemitischen
Kurs, bei dem auch vor dem Abdruck von Artikeln von
Holocaust-Leugnern wie Carlo Mattogno oder Robert Faurisson
nicht zurückgeschreckt wird. Dies, in Verbindung mit
weiteren Indizien, führte mehrfach zu der Vermutung, daß
eine finanzielle Unterstützung für die Zeitschrift und den
mit ihr verbundenen Verlag Barbarossa aus dem Iran erfolge
oder erfolgt sei.

52 Die spärlichen Aktivitäten der Reste des Netzwerkes FEL
werden regelmäßig unter
http://www.nationalbolshevik.com/index.html berichtet. Dort
finden sich ebenfalls etliche Aufsätze, darunter auch pro-
islamische, sowie zahlreiche Links zu gleichgerichteten
Gruppen. Es muß an dieser Stelle allerdings erwähnt werden,
daß die Nutzung des Namens FEL umstritten ist. Bouchet
hatte 1996 versucht, seine eigene Gruppe Nouvelle
Résistance (NR), die wie die FEL den
nationalbolschewistischen Adler der "Widerstands"-Gruppe
von Ernst Niekisch als Logo nutzt, geschlossen in den Front
National zu überführen, den er nach einer Phase der
strikten Ablehnung nunmehr in einem positiven Licht sah.
Seiner eigenen Version nach hatte er Erfolg damit. Da
gegenwärtig ein Bruno Gayot als Präsident der NR auftritt,
ist Bouchets Aussage recht zweifelhaft. Folgt man den
Behauptungen von Gayot, dann ist Bouchet bereits im
September 1996 aus der NR ausgeschlossen worden, den von
ihm beanspruchten Posten eines Generalsekretärs habe es in
der Satzung nie gegeben. Die Aussage Gayots wird gestützt
durch die Ausführungen von Fabrice Beaur, der als Präsident
des FEL auftritt. Dieser erläutert, daß im September 1996
der Vorstand der FEL geschlossen dem PCN beigetreten sei
und Bouchet gleichzeitig aus dem FEL ausgeschlossen wurde.
Interessant ist auch die Ergänzung Beaurs, daß der FEL dem
Mouvement des comités révolutionnaires beigetreten sei,
einer "internationalen antiimperialistischen Vereinigung"
mit Sitz ausgerechnet in der libyschen Hauptstadt Tripolis.
Siehe RésistanceS Nr.6, Frühjahr 1999, S.13f.

53 Vgl. den leider nicht sonderlich tiefschürfenden Band von
Hans Hielscher, "Gott ist zornig, Amerika", Bonn: Dietz
Nachf. 1996.

54 Del Valle gehörte bislang nicht unbedingt zur ersten
Garde der Publizisten der französischen extremen Rechten.
Georges Feltin-Tracol charakterisiert ihn (Cartouches Nr.5,
1998, S.12) als Anhänger des Nationalstaatsprinzips, was
bei den sich als "Europäisten" verstehenden "Neuen" Rechten
einer Disqualifikation gleichkommt, und ordnet ihn in das
Umfeld von Charles Saint-Prot ein, damit also in das Lager
der pro-palästinensischen und pro-irakischen Fraktion der
Nationalrevolutionäre. Die möglicherweise etwas pingelig
erscheinende Positionsbeschreibung ist an dieser Stelle
notwendig, da französische Nationalrevolutionäre sowohl auf
Seiten der christlichen Falange im Libanon kämpften als
auch in den Reihen der Palästinenser gegen Israel, während
des Krieges zwischen dem Iran und dem Irak ein Teil der
Nationalrevolutionäre die eine Seite unterstützte, ein
anderer die gegnerische.

55 Siehe La Grosse Bertha Nr.1, Mai 1999, S.8.

56 Gallois gehört zu denjenigen Weggefährten der "Neuen"
Rechten, die auch außerhalb dieses Lagers und der extremen
Rechten insgesamt über einen beträchtlichen
Bekanntheitsgrad verfügen. Der mit dem Kriegsverdienstkreuz
ausgezeichnete Gallois ist ehemaliger Luftwaffengeneral und
war französischer Vertreter bei der NATO. Ursprünglich auf
gaullistischen Positionen stehend, wechselte er während des
neuerlichen Kalten Krieges in der Reagan-Ära zu
atlantistischen Positionen und befürwortete u.a. die
Stationierung der Euro-Missiles sowie das Star-Wars-
Programm der USA (vgl. das Interview in Eléments Nr.54/55,
1985, S.29ff.). Die deutsche "Wiedervereinigung" 1989/90
stellte für ihn ein geradezu traumatisches Ereignis dar,
denn sogar seine Freunde vom GRECE bescheinigen ihm eine
"germanophobie parfois excessive" (Cartouches Nr.5, 1998,
S.41) bzw. verweisen darauf, daß er beharrlich vor einer
Achse Washington - Berlin warne und sich als Anti-Europäer
präsentiere, denn für ihn erscheine "jeder Europäismus als
Germanismus" (Nouvelles de Synergies Européennes Nr.32,
1998, S.30). Zu Biographie und Positionen vgl. auch Vouloir
Nr.137 - 141, 1997, S.34f. Er ist Anti-Deutscher im
Wortsinne, was einige Verbindungen zu antideutschen
Deutschen nachvollziehbar macht. Dieser außenpolitischen
Orientierung des Generals a.D., die ihn in das Umfeld des
nationalistischen Sozialdemokraten Chevènement führte, mag
es geschuldet sein, daß sein ursprünglich geplanter Vortrag
"De Bagdad à Sarajevo. Réflexions sur deux conflits
récents" beim GRECE-Kolloquium Ende November 1998 nicht
zustandekam. Verbindungen zur "Neuen" Rechten pflegt
Gallois mindestens seit Ende der siebziger Jahre (1979 Co-
Autor des Sammelbandes "Maistra"). Aufschlußreich ist aber
vor allem der Umstand, daß er 1982 zu den
Gründungsmitgliedern des Institut International de
Géopolitique gehörte, einem Who-is-who ranghoher Politiker,
einflußreicher Publizisten, Wirtschaftsführer sowie Militär-
und Geheimdienstoffizieren aus westeuropäischen Ländern und
den USA. Aus Deutschland waren in diesem illustren Kreis
nur zwei Personen zu finden: der General a.D. und Prof. em.
Freiherr August von der Heydte aus dem Umfeld der
"Abendländler" von Otto Habsburg sowie der ehemalige
Staatssekretär und Botschafter Günter Diehl, die beide
inzwischen verstorben sind. Es ist bezeichnend, daß auch
Samuel Huntington zu den Mitbegründern dieses Instituts
zählt. Wenn es einen politischen Ansatz gibt, den Gallois
ebenso intensiv vertritt wie seine anti-deutsche
Ausrichtung, dann ist es sein Anti-Islamismus. Sein Band
"Le Soleil d'Allah aveugle l'Occident" ("Die Sonne Allahs
verdunkelt das Abendland"; Lausanne: L'Age d'Homme 1995)
bezeugt diese Behauptung und präsentiert sich bereits durch
den Titel als Kampfansage an Sigrid Hunke, deren Band
"Allahs Sonne über dem Abendland" (1960) in Frankreich
unter dem Titel "Le soleil d'Allah brille sur l'Occident"
(Paris: Albin Michel 1963/1984) erschienen war. Diese
Ausrichtung des Generals verdeutlicht zugleich, daß
scheinbar gegensätzliche Positionen im Rahmen der Nouvelle
Droite durchaus zusammenwirken (können), wenn der anti-
egalitäre Grundkonsens gewährleistet ist.

57 Nr.6, 1999, S.8ff. Bis zur Ausgabe davor trug das Blatt
noch den Untertitel Offensive pour une nouvelle université
und erschien als offizielles Organ des Renouveau Étudiant.
Die Zielsetzung ist offenkundig deutlich anspruchsvoller
und umfassender geworden. Die Nr.5 erschien als eine Art
Sonderausgabe mit geringerem Umfang und begründete die
Parteinahme für Bruno Mégret.

58 "Kampf der Kulturen: Die Vorstellung wird abgesagt"; in:
Wir selbst 3-4/98, S.56 - 63, hier: S.57f. Der Autor gehört
zu den Initiatoren der Freien Deutschen Sommeruniversität,
einem Intellektualisierungsversuch der extremen Rechten aus
Burschenschafterkreisen heraus.

59 z.B. den Aufmacher-Artikel "America and Europa: Clash of
the Titans?" von C. Fred Bergsten, den Direktor des
Institute for International Economics und ehemaligen
Berater des National Security Councils der USA, in der
März/April-Ausgabe der Foreign Affairs, S.20 - 34, der an
gleicher Stelle durch weitere Beiträge, so die Reportage
"The Colonel in His Labyrinth" über Ghaddafi, gestützt
wird.

60 So beginnt Carl Schmitt seinen kleinen Aufsatz "Das Meer
gegen das Land" mit den Sätzen: "Es gehört zum ältesten
Bestand menschlicher Geschichtsdeutung, in dem Gegensatz
von See- und Landmächten einen Motor und Hauptinhalt der
Weltgeschichte zu sehen. (...) Populäre Vergleiche sprechen
vom Kampf des Walfisches mit dem Bären, mythische Bilder
von dem großen Fisch, dem Leviathan, der mit dem großen
Landtier, dem Behemoth, einem Stier oder Elefanten kämpft."
Dieser Ausflug in die mythische Bildersprache erfolgt nicht
grundlos, denn - wir schreiben das Jahr 1941! - Schmitt
nutzt diesen Schlenker, um sofort die obligatorische
Portion Antisemitismus anzufügen: "Jüdische Kabbalisten des
Mittelalters... haben diesen Schilderungen einen wichtigen
Zusatz gegeben, indem sie bemerkten, daß die beiden großen
Tiere sich gegenseitig töten, die Juden aber dem Kampfe
zusehen und das Fleisch der getöteten Tiere essen." In:
Carl Schmitt, Staat, Großraum, Nomos. Arbeiten aus den
Jahren 1916 - 1969, hrsg. v. Günter Maschke; Berlin:
Duncker & Humblot 1995, S.395 - 400, hier: S.395.

61 Dies schildert bereits der deutsche Geopolitiker Karl
Haushofer als feststehende Tatsache und führt als Beispiel
an: "Ganz unbefangen spricht man in England davon, daß man
die britische Grenze an der belgischen und niederländischen
verteidigen müsse, in Japan, dass lebenswichtige Interessen
bereits durch unfreundliche Handlungen verletzt sind, wenn
das japanische Eisenbahnnetz tief in der chinesischen
Mandschurei, die Flusschiffahrtsrechte auf Amur und Sungari
berührt werden." Karl Haushofer, Zur Geopolitik (1931); in:
Hans-Adolf Jacobsen, Karl Haushofer. Leben und Werk, Bd.1,
Boppard: Boldt 1979, S.542 - 557, hier: S.550. Man könnte
leicht der Vermutung verfallen, daß auch die neue NATO-
Strategie durch solche geopolitischen Theoreme geleitet
ist.

62 Wird - wie zu erwarten - der britische Labour-"Falke"
Robertson zum Generalsekretär der NATO ernannt, wird dies
zweifellos als weiterer Beleg für diese Sichtweise gewertet
werden.

63 Für diese Befürchtung kann Gallois wiederum Haushofer als
historischer Gewährsmann dienen. 1940 rechtfertigte dieser
die Zerschlagung Polens mit geopolitischen Notwendigkeiten,
um anschließend zu der Schlußfolgerung zu gelangen: "Daß
man Eurasien nicht 'einkreisen' kann, wenn sich seine zwei
größten zusammen raumstärksten Völker nicht...
gegeneinander ausspielen lassen, und daß keine Vernebelung
diese Tatsache zu verschleiern vermag: das ist ein... Axiom
europäischer Politik von der Geopolitik her." (Der
Kontinentalblock. Mitteleuropa - Eurasien - Japan; in:
Jacobsen a.a.o., S.606 - 634, hier: S.622) Heute steht
einer solchen Blockbildung nicht mehr der hinderliche
antislawische Rassismus der Nazis entgegen, deshalb kann
Gallois in einfacher historischer Analogiebildung zu dem
Schluß gelangen, daß damals wie heute der Hauptbetroffene
solcher Tendenzen Frankreich wäre.

64 Vgl. z.B. das Interview mit dem russischen,
panslawistisch ausgerichteten Historiker und Herausgeber
der Zeitschrift Ahnenerbe Pawel Tulajew in DESG-inform
6/99, S.5ff. Tulajew, der in der russischen Sektion des
"neu"rechten Netzwerkes Synergies Européennes aktiv ist,
verficht ein "russisch-deutsches Schicksalsbündnis" und ist
dafür auch zu einer Neubewertung des Nationalsozialismus
bereit. Siehe dazu seinen Aufsatz "Deutsche und Russen -
Partner mit Zukunft?", in: Nation + Europa 11-12/98, S.46 -
51.

65 Nr.91, März 1998, dt. u.d.T. "Multikulturalismus: Die
Macht des Unterschieds" in Wir selbst 3-4/98, S.32 - 44.

66 Am deutlichsten im Themenheft "Communauté?" der Krisis,
Nr.16, 1994. Das Mißtrauen ist verständlich, denn neben dem
explizit rechten Ansatz eines Amitai Etzioni findet sich
mit mindestens dem gleichen Einfluß das eher
sozialdemokratische Konzept eines Michael Walzer.
Erschwerend kommt hinzu, daß die Überlegungen Etzionis
durchaus kompatibel mit neoliberalen Theoremen zu sein
scheinen.

67 Seit einigen Jahren werden in Telos regelmäßig Aufsätze
von Benoist in englischsprachiger Übersetzung
veröffentlicht. Dies ist eine Art Durchbruch, denn im anglo-
amerikanischen Raum hatte es der Nouvelle Droite stets an
einem publizistischen Sprachrohr gemangelt. Die einzige
Zeitschrift der eigenen Strömung, der britische Scorpion,
erscheint nicht nur selten, sondern auch weitgehend unter
Ausschluß der Öffentlichkeit. Bei Telos dagegen handelt es
sich nicht nur um ein einflußreiches, sondern vor allem
politisch unverdächtiges Projekt. Im Gegenzug steht der
paläokonservative Telos-Mitherausgeber Paul Gottfried als
USA-Korrespondent der Nouvelle Ecole zur Verfügung. Die
beiden intellektuellen Motoren der Telos-Gruppe, Paul Pic
cone und G. L. Ulmen, wiederum tauchen immer häufiger als
Autoren in Zeitschriften besonders der französischen und
italienischen "Neuen" Rechten auf. Der Links-Rechts-
Crossover ist also keineswegs eine deutsche Besonderheit.

68 Volltextversionen jüngerer Ausgaben des informativen
Blattes finden sich unter der url
www.geocities.com/Athens/Agora/3973/

69 Selbst Alain de Benoist spielt heute diesen
"französischen Exportschlager" - so die Zwischenüberschrift
in einem Interview-Bändchen der Jungen Freiheit - herunter.
Auf Dieter Steins - mehr als nur etwas dämliche - Frage:
"Läßt sich das Konzept eines Gramscismus von rechts, das in
Frankreich bereits funktioniert hat, auf Deutschland
übertragen?" antwortet er: "Ich war immer erstaunt über den
Erfolg dieses Konzeptes, dem die NR nur etwa zwei bis drei
Aufsätze gewidmet hat. Da im Allgemeinen den politischen
Umwälzungen eine Transformation der Geister vorausgeht, hat
Gramsci den Intellektuellen die Aufgabe gestellt, auf dem
Niveau der jeweils meinungsbestimmenden Werte anzusetzen.
Ich sehe nicht ein, weshalb dieses Schema nicht auch in
Deutschland wie anderswo funktionieren sollte.". Einmal
davon abgesehen, daß das Konzept in Frankreich
selbstverständlich nicht "funktioniert" hat, da weder die
kulturelle Hegemonie im gewünschten Sinne errungen worden
ist oder bemerkenswerte Schritte in diese Richtung gemacht
wurden, einmal davon abgesehen, daß die Nouvelle Droite
diesen Thema keineswegs lediglich "zwei bis drei Aufsätze
gewidmet" hat, denn immerhin stand das 16. nationale
Kolloquium des GRECE am 29. November 1981 unter dem
Rahmenthema "Pour un 'Gramscisme de droite'", einmal davon
abgesehen, daß Gramscis strategischer Ansatz hier durch
Benoist brutal verkürzt und verfälscht wird, einmal davon
abgesehen, daß sich der Vordenker der Nouvelle Droite auch
an dieser Stelle jeglicher Konkretheit verweigert,
verschweigt Benoist nicht nur gegenüber dem andächtig
lauschenden und unwissenden Dieter Stein vor allem den
entscheidenden Umstand, daß der "Gramscismus von rechts"
der Nouvelle Droite gar nicht auf den italienischen
Kommunisten Gramsci zurückzuführen ist, sondern vielmehr
auf die mechanische Übertragung der der Aufklärung
verpflichteten Denkzirkel ("sociétés de pensée") der Zeit
unmittelbar vor der Französischen Revolution als
Handlungskonzept für die Gegenwart. Diese Zirkel werden in
der französischen Rechten traditionell in der Regel als
eigentliche Verantwortliche für den Ausbruch der Revolution
ausgemacht. Dieser altbackene Ansatz, mit dem Etikett
"Gramsci" versehen, leistete die gewünschten Dienste. Für
den Wahrheitsgehalt von Fayes heutiger Behauptung, die
Nouvelle Droite habe Gramsci gar nicht gekannt, spricht
auch das Indiz, daß Benoist in seinem Vortrag "Die
kulturellen Ursachen der politischen Veränderung" beim
nationalen Kolloquium des Jahres 1981 zwar Hinz und Kunz
wortwörtlich und ausführlich zitiert, die angebliche
Hauptperson Gramsci aber nur an sehr wenigen Stellen
erwähnt und dann lediglich - entgegen seinen Gewohnheiten -
indirekt wiedergibt.

70 Die Europawahlen belegen diese Annahme. Der FN von Le Pen
überwand zwar im Gegensatz zum MN von Mégret die
Sperrklausel knapp, doch gelangte weder Le Pens Formation
an einstige Größe heran noch das zusammengerechnete beider
Gruppen an das von 1994. Wenn Aderlaß und Rückschlag
überhaupt zu überwinden sind, wird dies auf jeden Fall
längere Zeit dauern. Wenn jetzt Entrismus praktiziert
werden soll, muß man wissen auf welches Pferd gesetzt
werden kann. Zur Spaltungsgeschichte des FN vgl. den
informativen Band von Renaud Dély, Histoire secrète du
Front National; Paris: Grasset & Fasquelle 1999.

71 Inzwischen werden solche Vorsichtsmaßnahmen offenbar für
überflüssig gehalten. In einer Besprechung von Del Valles
Buch weist der GRECE-Kader Arnaud Guyot-Jeannin vielmehr
auf wichtige Übereinstimmungen zwischen der "heidnisch-
christlichen traditionellen Weltanschauung Europas" und dem
Islam hin, denn "ihre gemeinsamen spirituellen Grundlagen
weihen sich einer ritterlichen Virilität, einer absoluten
Kühnheit, einer Selbstüberwindung und einer totalen
Hingabe, die sie, trotzt offenkundiger Unterschiede, eher
vereint als trennt." ("Cartouches" Nr.5, 1998, S.10) Das,
was der "neu"rechte Autor hier präsentiert, hat weniger
etwas mit dem konkreten Heidentum oder dem konkreten
Christentum zu tun, noch gar mit einer angeblichen
gemeinsamen geistigen Tradition beider, sondern eher mit
einer eingebildeten Ideologie des Mittelalters.

72 siehe Marco Tarchi, Cinquant'anni di nostalgia. La destra
italiana dopo il fascismo; Milano: Rizzoli 1999, S.75ff. u.
111ff.

73 ebd., S.113. Die wohl zuverlässigste Darstellung der
damaligen "Strategie der Spannung" ist Franco Ferraresi,
Threats to Democracy. The Radical Right in Italy after the
War; Princeton: Princeton University Press 1996.

74 Jean-Yves Camus/René Monzat, Les Droites nationales et
radicales en France; Lyon: PUL 1992, S.50)
75 zit. n. René Monzat, Enquêtes sur la droite extrême;
Paris: Le Monde Editions 1992, S.76.

76 siehe dazu umfassend Franco Ferraresi, J. Evola et la
droite radicale de l'après-guerre; in: Politica Hermetica
Nr.1, 1987, S.95 - 117; mit entgegengesetzter, Evola von
jeglicher Verantwortung für den nationalrevolutionären
Terror freisprechender Tendenz Gianfranco De Turris, Elogio
e difesa di Julius Evola. Il Barone e i terroristi; Roma:
Edizioni Mediterranee 1997. Es fällt beim letztgenannten
Werk auf, daß der Name Muttis im umfangreichen
Personenregister völlig fehlt. De Turris ist seit 1993
Präsident der Fondazione Julius Evola (Rom).

77 Zu dieser politisch-ideologischen Entwicklungsgeschichte
siehe Philippe Baillet, Considérations sur l'ouvre d'Evola
en France et l'action traditionelle; Totalité Nr.21/22,
1985, S.175 - 197.

78 Ab Nr.41, Herbst 1984, bis einschließlich Nr.46, Herbst
1990. Danach wurde keine Redaktion mehr namentlich
aufgeführt. Es muß allerdings davon ausgegangen werden, daß
die reale Mitarbeit Baillets bereits vor dem letztgenannten
Termin endete. Es scheint sich jedoch um keine Trennung im
Streit, sondern eher um eine Schwerpunktverlagerung
gehandelt zu haben, denn Baillet erstellt noch immer
Übersetzungen aus dem Italienischen für die Publikationen
der Nouvelle Droite, so zuletzt für Krisis Nr.22, März
1999.

79 Ein Ausnahmestellung bei der grundsätzlich negativen
Beurteilung des Christentums hat für Evola in gewisser
Hinsicht lediglich die katholische Kirche des Mittelalters,
da es ihr zumindest in Ansätzen gelang, die weltliche Macht
auf eine spirituelle Legitimität zu gründen. Zu diesem
Verhältnis, dem im Denken des Integralen Traditionalismus
zentrale Bedeutung zukommt, siehe v.a. René Guénon,
Autorité spirituelle et pouvoir temporel; Paris: Guy
Trédaniel 1994

80 Als Übersetzer wirkt dabei der Wiener Martin Schwarz,
Betreiber der Evola-Website "kshatriya" und Herausgeber
eines gleichnamiges Rundbriefes. Schwarz, der auch bereits
für einschlägige Zeitschriften wie Nation + Europa, Europa
vorn (heute: Signal) und Sigill geschrieben hat, soll lt.
der österreichischen antifaschistischen Zeitschrift "Lotta
Dura" ein Pseudonym des Studenten und FPÖ-Mitglieds Robert
Schwarzbauer sein.

81 Allerdings muß hinzugefügt werden, daß solche Artikel
noch vor wenigen Jahren gar keine Chance gehabt hätten, in
der Deutschen Stimme abgedruckt zu werden. Die Gefahr
mißbilligend in Kauf nehmend, werbend zu wirken, muß
eingeräumt werden, daß in diesem Parteiorgan ein
Charakterwandel stattgefunden hat. Handelte es sich früher
um ein dröges und nur für Spezialisten interessantes
Mitteilungsblättchens über die spärlichen Aktivitäten der
Partei, versucht die Redaktion inzwischen auch, den
Anspruch der Theoriebildung einzulösen. So waren in der
Vergangenheit Artikel über Mircea Eliade, Julius Evola oder
Corneliu Codreanu höchstens in der Vordersten Front des
unbedeutenden Nationaldemokratischen Hochschulbundes zu
finden. Heute dagegen wird in der NPD-Zeitung sogar in
mehreren Folgen der französische eurofaschistische
Schriftsteller Pierre Drieu La Rochelle in einem
mehrteiligen Artikel (7 + 8/99) durch einen Pseudonymus
porträtiert, die sich mit dem Namen Richard Schapke tarnt.
Der historische Schapke war zeitweilig Funktionär der
Strasser-Bewegung und wichtiger Exponent der bündisch-
nationalrevolutionären Strömung der Konservativen
Revolution.

82 Konkret 7/99, S.3. Es mag dahingestellt sein, ob die
Erkenntnisse des Mossad wirklich auf Fakten beruhen oder,
was eher zu vermuten ist, Befürchtungen in Bezug auf die
Zukunft in die Gegenwart projezieren. Denn selbst wenn die
israelische Haltung sich lediglich auf irreale Ängste
stützen kann, würden diese doch wirksam die von Mutti
behauptete Unterstützung der UCK durch Israel verhindern.
Die einzige andere Möglichkeit bestünde darin, daß Schmidt-
Eenboom gezielte Desinformation betreibt, um die
tatsächliche israelische Politik zu verschleiern. Eine
solche Annahme bedeutete jedoch, sich ebenfalls auf
Verschwörungstheorien einzulassen.

83 Der zur Stützung der eigenen Argumentationslinie von
Mutti herangezogene Hinweis, daß Schmitt mit einer Serbin
verheiratet gewesen sei, entbehrt nicht einer gewissen
Pikanterie. Denn erstens sprach Schmitt selbst von seiner
ersten Ehe später nicht mehr und wurde diese "auch von
Freunden mehr oder weniger pietätvoll übergangen", und
zweitens soll diese ihren Adelstitel zu Unrecht geführt
haben, also eine Hochstaplerin gewesen sein. Schmitts erste
Ehefrau, so die SS in einem Dossier aus dem Jahr 1936, sei
in Wirklichkeit keine Serbin, sondern "in Wirklichkeit eine
Schneiderstochter aus Wien" gewesen. Zit. n. Paul Noack,
Carl Schmitt. Eine Biographie; Berlin u.a.: Propyläen 1993,
S.42f.

84 zit. n. Opposition 3/99, S.20.

85 DESG-inform 2-4/99, S.1. Es fällt auf, daß die Erklärung
zwar in einem der deutschen Sektion nahestehenden Blatt
veröffentlicht worden ist, niemand von dieser, Synergon,
sie jedoch unterzeichnet hat.

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