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Kommune-Treffen: Los geht's!

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CONTRASTE e.V.

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Jun 27, 1999, 3:00:00 AM6/27/99
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Aus CONTRASTE Nr. 177:

KOMMUNE NIEDERKAUFUNGEN: PROJEKTEFINDUNGSCAMP PFINGSTEN 1999

Los geht's!

Los geht's! Der Titel klingt nach Stunde Null. Uwe,
ein Altkommunarde vom Olgashof bei Wismar,
beschwerte sich auch promt in einem Brief an die
VorbereiterInnen: Was denn los gehen solle? Die
Kommunebewegung gaebe es doch schon, da muessten
die NiederkaufungerInnen gar keine Geburtshilfe
leisten!


*****************************************************

von Kirsten Alers, Kaufungen - Nun, vielleicht gehoert ja ein
gewisses avantgardistisches Denken dazu, wenn man/frau ein
Camp fuer 250 Leute organisieren will, mit dem
Ziel, den Rahmen zu bieten, damit neue
Gemeinschaftsprojekte/Kommunen sich gruenden, (zu) kleine
Projekte
neue Leute werben und Erfahrungen der AltkommunardInnen
gehoert werden koennen. Dass die KommunardInnen aus Kaufungen
nicht nur im Organisieren ihres eigenen Alltags gut sind
(BesucherInnen in Niederkaufungen sind davon immer
beindruckt), sondern auch von
Grossveranstaltungen, davon zeugten z.B. Pendelautos
und -Fahrraeder von der Endhaltestelle der Strassenbahn
zum Bauernhof der Kommune oder der
"Ich-will-nicht-mehr-reden-Plan" im Infozelt, der taeglich
Koch-, Spuelund Aufraeumdienste regelte. Und eine sehr
engagierte
Kinderbetreuung fuer die 20 kleinen Camp-TeilnehmerInnen.

Aber nicht nur das Organisatorische hat ueberzeugt
beim Gruppengruendungscamp an Pfingsten 1999. "Es
war eine total gute Stimmung die ganze Zeit", so Regine,
Sozialarbeiterin aus Stuttgart. Und das lag bestimmt an
mehr als am fuenf Tage lang heiteren Himmel ueber Nordhessen.

Regine und Thomas, Student aus Freiburg, sind zwei
TeilnehmerInnen, die an Pfingsten das gefunden haben,
was die NiederkaufungerInnen sich gewuenscht hatten:
Sie und noch 35 weitere Menschen aus dem Freiburger
Raum wollen sich schon bald im Suedwesten der Republik
wiedertreffen, um ein oder gar mehrere Kommunen zu
gruenden. Regine hatte mit der Teilnahme am "Los
geht's" ihren ersten konkreten Vorstoss in Richtung
Gemeinschaftsprojekte gewagt. Deshalb scheint ihr fuer die
naechste Zeit wichtig "sich erst einmal kennen zu lernen,
voneinander zu hoeren, was die Einzelnen sich denn
ertraeumen".
Thomas war 1994 schon fuer kurze Zeit Kommunarde in
Niederkaufungen und hat sich danach noch
in mehreren Projekten umgeschaut, ohne das zu ihm
passende zu finden. Aber die Hoffnung , dass es ein fuer ihn
passendes gibt, hat er noch nicht aufgegeben: "Vielleicht
muss ich von Anfang an dabei sein." Und dann wird es
die "Spaetzle-" oder die "Knoepfle-Kommune", je nachdem, ob
die
SchwaebInnen oder die BadenserInnen die
Mehrheit stellen...


Die Kommune Niederkaufungen ist eine der groessten
links-alternativen Kommunen in Deutschland. Hier leben
derzeit 54 Erwachsene und 19 Kinder/Jugendliche
nach sechs Grundsaetzen: 1. gemeinsame Oekonomie, 2.
Entscheidungsfindung im Konsens, 3. gemeinsam Leben
und kollektiv Arbeiten, 4. Abbau kleinfamiliaerer Strukturen,
5. Abbau geschlechtshierarchischer Strukturen und
6. linkes Politikverstaendnis. Die meisten der Erwachsenen
arbeiten in den kommuneeigenen Kollektivbetrieben:
Gemueseanbau, Viehbereich, Kueche, Tagungshaus,
Kindertagesstaette, Verwaltung, Schreinerei, Schlosserei,
Baubetrieb und Naehwerkstatt. Die Kommune besteht seit
12 Jahren im alten Dorfkern von Niederkaufungen und
ist mittlerweile in der BRD recht bekannt.


Bekannter als viele andere der weit ueber 20 Kommunen in
Deutschland, die nach aehnlichen Prinzipien leben wie die
KaufungerInnen. Viele dieser kleineren Projekte nutzen das
"Los geht's", um sich vorzustellen und
neue Mitglieder anzuwerben: z.B. die Finkenburg bei Verden,
die Bremer Stadtkommune Alla Hopp, das Oekodorf
bei Salzwedel, die Gruppe Meuchefitz aus dem Wendland, die
Kommune in der Renchener Muehle, der Wagenplatz Hotzenplotz
aus Kassel und andere mehr.


Alles Gruppen, die im Sinne der OrganisatorInnen "gepraegt
sind von Qualitaeten wie Abbau patriarchaler und
kapitalistischer Machtstrukturen, nachhaltiges und an
Subsistenz orientiertes, kollektives Wirtschaften,
gemeinsames Eigentum an Grund, Gebaeuden und
Produktionsmitteln sowie intensive Beschaeftigung mit
sozialen
und
zwischenmenschlichen Themen. Solche Gemeinschaften sind heute
fuer viele Menschen eine verlaesslichere und
zukunftstraechtigere soziale Bezugsgruppe als die Familie.
Sie
koennen viele Lebensbereiche abdecken und flexibler auf die
Beduerfnisse der Menschen eingehen." (Infoblatt zum Camp)
Kommunen oder andere Gemeinschaftsprojekte wollen den
Prinzipien, mit denen unsere
Gesellschaft funktioniert, anderes entgegensetzen:
Solidaritaet statt Elenbogenmentalitaet, Atomisierung der
Einzelnen und Ausgrenzung; regionales und oekologisches
Wirtschaften statt unbeschraenktem Wachstum, Konsum und
Ausbeutung armer Laender.


Und das wollen nicht nur die ganz Jungen, die, die
ihre Jugendflausen noch nicht abgeschliffen haben. Die
wenigsten der Camp-TeilnehmerInnen waren unter 25
Jahre alt, viele um die 30, aber auch Menschen ueber 50.
In AGs zu den klassischen Themen Oekonomie,
Entscheidungsfindung, Konfliktloesung und Gruppendynamik,
aber auch zu Behinderung, Gruppe versus Individuum
und Subsistenzwirtschaft konnten sie sich mit den zahlreichen
anwesenden ExpertInnen aus bereits existierenden Kommunen
austauschen, moeglicherweise wertvolle
Tips fuer die schwierige Gruendungsphase bekommen.


Im Suedwesten wird es nun vielleicht zu Kommunegruendungen
kommen. Weitere Ergebnisse des Camps
sind: einige neue Mitglieder fuer die Kommune Feuerland
in der Uckermark, eine Vernetzung bereits existierender
Alternativprojekte in Nordrhein-Westfalen sowie neuer
Schwung fuer die aus der nahegelegenen nordhessischen
Metropole Kassel angereiste Gruppe von 15 Menschen.
Diana, Politik- und Soziologiestudentin kurz vor ihrer
Magisterarbeit, kennt die Kommune Niederkaufungen
schon lange und arbeitet mit einigen KommunardInnen
beim Freien Radio Kassel zusammen. Sie gehoerte zu den
BesetzerInnen des Messinghofes, einer leerstehenden Fabrik im
Osten Kassels, sowie des Wagenplatzes K 18 auf
dem Gelaende der Kasseler Gesamthochschule, die mittlerweile
beide durch Raeumung zu historischen Projekten geworden sind.
Diana will sich, angeregt durch das "Los
geht's" mehrere Kommunen angucken, parallel dazu
aber mit den anderen KasselerInnen Visionen entwickeln.
"Einige aus der Gruppe koennen sich jetzt nach dem
Pfingst-Camp auch eine gemeinsame Oekonomie besser
vorstellen", freut sie sich. Worueber sie sich beklagt, ist
die
mangelnde Einbettung des "Los geht's" in gesellschaftliche
Verhaeltnisse. Alle Kommunen haben die Veraenderung der Welt
mit unterschiedlichen Worten auf ihre Fahnen geschrieben.
"Sie sind aber so sehr mit den Muehen
des Aufbaus oder der zwischenmenschlichen Beziehungen
beschaeftigt, dass das, was um sie herum passiert, in
den KommmunardInnen kaum noch Platz findet." Wie
sollen die KommunardInnen in Nord, Sued, Ost und West
dann "Positives zur gesellschaftlichen Entwicklung
beitragen", wie das Los-geht's-Ankuendigungsplakat vielleicht
etwas kommunebewegungsunkritisch verspricht?


Maria Mies (68), emeritierte Professorin aus Koeln, Autorin
mehrere Buecher zur Subsistenzwirtschaft und einzige
beruehmte
anwesende Expertin, hat in ihrer Veranstaltung zur
Subsistenzperspektive den Bogen zur sogenannten Dritten Welt
und zum Krieg im Kosovo allerdings geschlagen. Die
Subsistenzperspektive - urspruenglich in
den aermsten Laendern der Erde angesiedelt - bedeutet
laut Maria Mies fuer uns, "das wir zunaechst vom Glauben
abfallen muessen, vom Glauben an das kapitalistische,
patriarchale, koloniale System, dass wir DissidentInnen
werden
muessen, nicht mehr mitmachen". Der naechste
Schritt hiesse, die biologische und kulturelle Vielfalt
wieder
herzustellen, sodann die Wirtschaft selbst zu organisieren
und zu kontrollieren, sich vom internationalen Kapital
unabhaengig zu machen. Es geht um die Absage an
eine aussengesteuerte Wirtschaft, an die Warenproduktion fuer
den Weltmarkt. Es geht um die Produktion fuer
sich selbst und damit verbunden um eine neue Qualitaet
von Beziehungen der Menschen untereinander. Ja, um
ein glueckliches Leben.


Sie freute sich, gerade zu dieser Veranstaltung eingeladen
geworden zu sein, so viele Menschen zu treffen, die
"Halt" sagen, nicht mehr mitmachen wollen und zusammen nach
einem anderen Leben suchen. Die mit ihr einer Meinung seien:
"Das glueckliche Leben ist moeglich
auch ohne diesen ganzen Quatsch!" Der ganze Quatsch
heisst soviel wie: moeglichst viel Geld verdienen,
Fitnesstudio, Flugreisen, steigende Aktiengewinne... -
neoliberale
Vorstellungen vom gluecklichen Leben, fuer die sogar Kriege
gefuehrt werden: der Krieg als Folge des neoliberalen
Wirtschaftssystems und zum Zwecke der Destabilisierung
einer sodann um so besser zu kontrollierenden Region.
"Es lohnt sich, Dissident, Dissidentin zu sein!"
Erleichtertes Lachen und viel Beifall zum Schluss.


Leider aber bei der von einigen VorarbeiterInnen und
TeilnehmerInnen vorgeschlagenen Aktion beim Kasseler
Stadtfest nicht massenhaft in Taten umgesetzt. Nur etwa
20 Los-geht's-AktivistInnen konnten sich zur Mahnwache gegen
den NATO-Krieg im Kosovo auf dem Koenigsplatz in Kassels
Innenstadt aufraffen.


Und die OrganisatorInnen? Waren sie zufrieden? "Fuer
mich persoenlich ein klares, entschiedenes Ja!" sagt Petra.
Und Jona war vor allem davon begeistert, dass er zwar
vorbereitet, jetzt Schlafmangel und Sonnenbrand hat, dass
aber auf dem Camp die Arbeitsverteilung und Gruppenfindung,
eben die Selbstorganisation der TeilnehmerInnen wunderbar
geklappt hat, er keinerlei Konsumhaltung feststellen konnte,
bis alle Zelte abgebaut und aller
Muell eingesammelt war - ein gutes Ruestzeug fuer den
Gemeinschaftsaufbau.

Ueber das "Los geht's" wird ein Reader sowie eine
VideoDokumentation erstellt, die bei der Kommune
Niederkaufungen erworben werden koennen. Und auch andere
Informationen schriftlich anfordern bei: Kommune
Niederkaufungen, Kirchweg 1, D-34260 Kaufungen
Fax: (0 56 05) 80 07 40
e-mail: kom...@t-online.de


Kirsten Alers (Jg. 1960) ist freie Journalistin, Autorin
und Diplompaedagogin in Kaufungen. Sie war fuenf
Jahre selbst Kommunardin in Niederkaufungen.

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CONTRASTE ist die einzige ueberregionale Monatszeitung
fuer Selbstorganisation. CONTRASTE dient den Bewegungen als
monatliches Sprachrohr und Diskussionsforum.

Entgegen dem herrschenden Zeitgeist, der sich in allen
Lebensbereichen breitmacht, wird hier regelmaessig aus dem
Land der gelebten Utopien berichtet: ueber Arbeiten ohne
ChefIn fuer ein selbstbestimmtes Leben, alternatives
Wirtschaften gegen Ausbeutung von Menschen und Natur,
Neugruendungen von Projekten, Kultur von "unten" und viele
andere selbstorganisierte und selbstverwaltete
Zusammenhaenge.

Desweiteren gibt es einen Projekte- und Stellenmarkt,
nuetzliche Infos ueber Seminare, Veranstaltungen und
Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt.

CONTRASTE ist so buntgemischt wie die Bewegungen selbst und
ein Spiegel dieser Vielfalt. Die Auswahl der monatlichen
Berichte, Diskussionen und Dokumentationen erfolgt
undogmatisch und unabhaengig. Die RedakteurInnen sind selbst
in den unterschiedlichsten Bewegungen aktiv und arbeiten
ehrenamtlich und aus Engagement.

Die Printausgabe der CONTRASTE erscheint 11mal im Jahr und
kostet im Abonnement 80 DM. Wer CONTRASTE erstmal
kennenlernen will, kann gegen Voreinsendung von 10 DM in
Briefmarken oder als Schein, ein dreimonatiges Schnupperabo
bestellen. Dieses laeuft ohne gesonderte Kuendigung
automatisch aus.
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Zusaetzlich gibt der CONTRASTE e.V. einmal im Jahr die BUNTEN
SEITEN heraus. In diesem nun schon im 15. Jahrgang
erscheinenden Adressenverzeichnis mit ca. 12.500 Anschriften
will CONTRASTE einen Ueberblick ueber die viefaeltige
Projektelandschaft in der BRD,
Schweiz und Oesterreich geben. Ergaenzt wird das Verzeichnis
mit einem Ueberblick ueber wichtige Projekte aus dem
nichtdeutschsprachigen Ausland und dem "Reader der
AlternativMedien". In diesem werden 900 deutschsprachige
Titel und ca. 400 internationale Titel vorgestellt. Diese
sind zum Teil mit Zusatzinformationen ueber
Erscheinungsweise, Verbreitung, Preise, Themenschwerpunkten
oder Selbstdarstellungen versehen worden.
Die BUNTEN SEITEN 1999 koennen fuer 30 DM zzgl. 4 DM
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bei u.a. Anschrift bestellt werden und werden ab Mitte
Januar 1999 ausgeliefert.

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(0 62 21) 16 24 67, Fax 16 44 89 EMail:
CONT...@link-n.cl.sub.de oder CONT...@t-online.de
Internet: http://www.nadir.org/nadir/periodika/contraste
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