Die Arbeit nieder!
»DAS MANIFEST GEGEN DIE ARBEIT«
Je offensichtlicher es wird, daß die Tage der Vollbeschäftigung nie
wiederkehren werden und die "Arbeitsgesellschaft" an ihre absolute
historische Schranke stößt, desto schriller ertönt der Ruf nach ihrer
Rettung. Sozialdemokraten und Rechtsradikale, Unternehmerverbände und
Gewerkschafter, Neoliberale und auch nicht wenige Vertreter des "Dritten
Sektors" sind sich einig: die Arbeit darf nicht sterben. Jeder hält seine
einschlägigen Rezepte dafür bereit, die aber allesamt nur auf eine
autoritäre Krisenverwaltung und auf ein soziales Apartheidsregime
hinauslaufen (Billiglohn, Zwangsarbeit usw.) und die warenproduzierende
"Arbeitsgesellschaft" trotzdem nicht retten werden.
Demgegenüber regt sich in Teilen der Gesellschaft, trotz oder wegen des
neuerwachten Fundamentalismus der Arbeit, immerhin auch ein Impuls, den
Sinn der ganzen Veranstaltung in Frage zu stellen - und dies nicht nur in
Gestalt der schlichten Parole "Arbeit ist Scheiße" der "Anarchistischen
Pogo Partei Deutschlands". Seit Paul Lafargues "Recht auf Faulheit" gibt
es eine linke Randströmung von Arbeitskritik, die aber bis heute nicht
über eine Radikalisierung des bürgerlichen Hedonismus hinausgekommen ist
und an die Stelle der Religion der "Arbeit" bloß seitenverkehrt die
Religion des Warenkonsums gesetzt hat.
Es ist an der Zeit, über diese verkürzte Kritik hinauszugehen, um so den
unsäglichen offiziellen Diskurs zu konterkarieren und emanzipatorische
Bestrebungen wieder in die Offensive zu bringen. Als einen Schritt dazu
veröffentlichen der Förderverein und die Zeitschrift "Krisis" das
»Manifest gegen die Arbeit«. Ergänzend und als Fundierung der Arbeits-
kritik erscheint außerdem im September die ebenfalls von "Krisis"
AutorInnen verfaßte Aufsatzsammlung "Feierabend - Zwölf Attacken gegen die
Arbeit" (Konkret Literatur Verlag).
Das "Manifest gegen die Arbeit" erscheint Mitte Juni als Broschüre im
Eigenverlag.
Der Preis beträgt 5 DM.
Bezug (gegen Vorkasse): Krisis-Kreis-Köln, Düsseldorferstr.74, 51063 Köln
1 Exemplar: 6,60 DM in Briefmarken
2 Ex.: 10 DM als Geldschein
10 Ex.: 30 DM als Geldscheine oder Verrechnungsscheck
100 Ex.: 250 DM als Verrechnungscheck
Kontakt: Krisis-Redaktion: Tel./Fax 0911/705628
Bestellungen können schon getätigt werden.
Auszüge aus dem »Manifest gegen die Arbeit«
...
Neuer Arbeitsfanatismus und Dementi der Arbeitsreligion
Der neue Arbeitsfanatismus, mit dem diese Gesellschaft auf die Krise der
Arbeit reagiert, ist die logische Fortsetzung und Endstufe einer langen
historischen Entwicklung. Seit den Tagen der Reformation haben alle
tragenden Kräfte der westlichen Modernisierung die Heiligkeit der Arbeit
gepredigt. ... Ein gemeinsames Dogma ist entstanden: die Arbeit sei die
natürliche Bestimmung des Menschen.
Doch die arbeitsgesellschaftliche Wirklichkeit hat dieses Dogma längst in
doppelter Weise dementiert. Die Priester der Arbeitsreligion haben immer
gepredigt, der Mensch sei seiner Natur nach animal laborans. Er werde zum
Menschen, indem er, wie einst Prometheus, den Naturstoff seinem Willen
unterwerfe und umforme und sich in seinen Produkten verwirkliche. Dieser
Mythos des Welteroberers und des Demiurgen war zwar schon immer ein Hohn
auf den Stumpfsinn des realen Arbeitsprozesses. Mittlerweile aber ist er
vollends grotesk geworden. Denn wer heute noch nach Inhalt, Sinn und Zweck
seiner Arbeit fragt, wird verrückt - oder zum Störfaktor für das
selbstzweckhafte Funktionieren der gesellschaftlichen Maschine. Der
arbeitsstolze homo faber, der das, was er tat, auf seine bornierte Art
noch ernst nahm, ist so altmodisch wie die mechanische Schreibmaschine
geworden. Der Laden hat zu laufen und damit basta. Für die Sinnerfindung
sind die Werbeabteilung und ganze Heerscharen von Betriebsanimateuren und
Psychologen, Imageberatern und Drogendealern zuständig. Wo dauernd von
Motivation und Kreativität geredet wird, da ist garantiert nichts mehr
davon übrig. Es sei denn als Selbstbetrug. Deshalb zählen die Fähigkeiten
zur Autosuggestion, zur Selbstdarstellung und zur Kompetenzsimulation
heute zu den wichtigsten Primärtugenden von Managern und Facharbeitern,
Medienstars und Buchhaltern, Lehrern und Parkplatzwächter.
Auch die Behauptung, die Arbeit sei eine ewige, den Menschen von der Natur
aufgeherrschte Notwendigkeit, hat sich an der Krise der Arbeit gründlich
blamiert. Weil Bedürfnisse sich nun einmal nicht ohne menschliches Zutun
von selbst erfüllen, deshalb müsse auch immer gearbeitet werden - so wird
es seit Jahrhunderten gepredigt. Träfe das zu, eine Kritik der Arbeit wäre
so sinnvoll wie eine Kritik der Schwerkraft. Aber: wollen die Wortführer
des gesamtgesellschaftlichen Arbeitslagers, vom neoliberalen Kaviarfresser
bis zum gewerkschaftlichen Bierbauchträger, etwa behaupten, ein
"Naturgesetz" könne in die Krise geraten und verschwinden? Oder wie wollen
sie sonst erklären, daß heute Dreiviertel der Menschheit nur deshalb in
Not und Elend versinkt, weil ihre Arbeit nicht mehr benötigt wird, weil
das arbeitsgesellschaftliche System ihre Arbeitskraft nicht mehr brauchen
kann? Nicht mehr der alttestamentarische Fluch: "Im Schweiße deines
Angesichts sollst du dein Brot essen", lastet auf ihnen, sondern ein
neues, unerbittliches Diktum:"Du sollst nicht essen, denn dein Schweiß ist
überflüssig und unverkäuflich". Und das soll ein Naturgesetz sein? Es ist
nichts anderes, als ein gesellschaftliches Prinzip, das als Naturzwang
erscheint, weil es über Jahrhunderte hinweg alle anderen Formen sozialer
Beziehung zerstört oder unterworfen und sich selbst absolut gesetzt hat.
Es ist das "Naturgesetz" einer Gesellschaft, die sich für "vernünftig"
hält, aber bereit ist, dem von ihr selbst geschaffenen fetischistischen
Sachzwang Gott der Arbeit alles und jedes zu opfern.
...
h.wein...@link-k.de
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