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[A-Infos] (de) Abstimmung mit Steinen in Seattle

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Dec 10, 1999, 3:00:00 AM12/10/99
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A - I N F O S N E W S S E R V I C E
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Auf zum Riot!
Abstimmung mit Ziegelsteinen im Seattle der Konzerne - the World's Still
Watching!
von Lady Swoosh und Captain Coffee


[ 07.12.99 ]

Es fing an mit dem Knall, daß die Polizei mit Tränengas schoß. Als die
ersten Kanister um uns herum explodierten und uns der beißende Qualm in
Augen und Kehle kam, sagte ein Freund: "Auf gehts." Innerhalb einer Stunde
waren die Geräusche des Polizeiangriffs unterlegt mit dem fröhlichen
Klirren zerbrechender Scheiben und dem Zischen geplätteter Polizeireifen.

Es schien, daß unsere Seite so gut sie konnte zurückschlug: Bei Konzernen
wurden Scheiben eingeschlagen und Bullenautos wurden zerstört.
Schließlich, als Teil unseres Sieges, brachten wir eine Rechnung von US$
10 Millionen zusammen und hinterließen die Innenstadt von Seattle mit
Graffiti dekoriert und etwas demoliert. Das war das Wenigste, was wir tun
konnten: die Bullen hatten einen Riot angefangen, und die Kräfte des
globalen Kapitalismus - sicher hinter den WTO-Mauern - bereitete sich
gerade darauf vor, dasselbe zu tun.

Es war jedoch nicht alles gut und schön bei den Siegern....

"Hier müssen wir Nike, McDonalds, The Gap und so beschützen, und die ganze
Zeit frage ich mich 'Wo ist die Polizei? Diese Anarchisten sollten
festgenommen werden'". So sprach Medea Benjamin, Kreuzzüglerin gegen
Konzerntyrannei und allgegenwärtige Sprecherin für einen nicht
gewinnorientierten globalen Austausch.

Am Donnerstag letzter Woche sah es so aus, als hätte ein neuer "Anti-
Gewalt"-McCarthyism viele unserer GenossInnen gepackt. Die Hysterie nahm
mehr Sendezeit und Druckseiten ein als eine radikale Analyse der
wirklichen Themen. Tatsächlich schien die mainstream-Linke von den
Sachschäden schockierter zu sein als der Bürgermeister von Seattle oder
Präsident Clinton.

Juan Gonzalez, von der Sendung "Democracy NOW!" beim liberalen Pacifica
Radio, hieb munter auf die "Minderheit" der Anarchisten ein, die sich
danebenbenommen hätte, wie auch John Sellers von der Ruckus Society aus
Berkeley, der zitiert wurde mit: "Es war wirklich unentschuldbar... Die
Leute von Seattle wurden bestraft."

Und solltet ihr meinen, daß der obige Kommentar von Benjamin ein
vereinzelter Fauxpas war, dann lest dies: "... Die Leute, die Schäden
angerichtet haben, sind einfach so davongekommen ... Wir haben uns so
lange vorbereitet, und wir dachten wir würden in Massen verhaftet. Wenn
die Polizei das getan hätte, wär all dies nicht passiert." Mensch fragt
sich, welches Urteil die Richterin Benjamin denn über die Missetäter
verhängt hätte: sechs Monate, ein Jahr? Oder vielleicht was
"Progressiveres" wie zwei Wochen?

Am Dienstag, als die DeonstrantInnen die Eröffnungsfeier der WTO
verhinderten, bildeten Benjamin und andere "gute" Demonstranten eine
Menschenkette - nicht um den Ort der WTO-Konferenz, sondern vielmehr um
den NikeTown-Laden in der Innenstadt, um andere DemonstrantInnen davon
abzuhalten, sich mit einem Ersatzpaar Turnschuhe Marke "Air Jordan" zu
versorgen.

Am Mittwoch dann zogen Benjamin und ihre Kader los auf die Straßen der
Innenstadt, diesmal, um die Glasscherben aufzufegen und um Graffiti
wegzuschrubben wie "We Win" und "The Writing is on the Wall".

Warum dieses Verlangen, dem mainstream um den Bart zu gehen? Warum diese
Verehrung von Konzerneigentum? Und vor allem, warum das gemeine und
prinzipienlose Verleumnden von "Anarchisten" und anderen unerwünschten
Elementen?

Eindeutig ist bei Benjamin und anderen ein sehnsüchtiges Streben nach
Legimität zu beobachten.

Als sei dies nicht schlimm genug, waren auch die Anklagen und Vorwürfe von
Grassroots-Wächtern der Ordnung voller unfairer und prinzipienloser
falscher Darstellungen. Zum Beispiel behauptete Benjamin, die Rowdies,
"die diejenigen waren, die die Gewalt hineinbrachten, waren nicht Teil
unserer Bewegung".

Dies ist nicht zutreffend. Viele von denen, die sich an den riots
beteiligten, sind genauso ernsthaft bei der Sache und widmen dem Anliegen
der Gerechtigkeit mehr Zeit als die NGO-Leute. Für die, die es nicht
wissen: die Steinewerfer sind auch die, die sich in die Bäume setzen und
Kollektive organisieren, einige sind seit Jahren dabei, im Schlamm zu
kampieren und ketten sich häufig an Bäume. Tatsächlich existieren die
wohlerzogenen NGO-Leute und die Steinewerfer im selben Kontinuum und sind
Teil einer einzigen Bewegung.

Eine weitere grobe Falschdarstellung war der leichtfertige Gebrauch des
Begriffs "Gewalt". Zerstörung von Fensterscheiben, das Aufstechen von
Reifen und Graffiti (ob mensch sie nun mag oder nicht) sind keine Gewalt;
solche Handlungen werden Vandalismus genannt.

Gewalt dagegen ist die Kinderarbeit, die die WTO fördert, die Vernichtung
von Seeschildkröten, und das Verbot für die Dritte Welt, preiswerte AIDS-
Medikamente herzustellen. Gewalt ist Tränengas und Gummigeschosse auf
kürzeste Entfernung (auf Armeslänge). Und es ist Gewalt, wenn "friedliche
DemonstrantInnen" diejenigen physisch angreifen, die Konzerneigentum
angreifen (das ACME-Kollektiv berichtet von sechs entsprechenden
Vorfällen).

Darüber hinaus verweigerten die Grassroots-Wächter der Ordnung
anzuerkennen, daß er Vandalismus erst anfing, nachdem die Polizei mit
chemischen Stoffen und Gummigeschossen das Feuer eröffnet hatte.

Und sie haben nicht bemerkt, daß der riot in Seattle unglaublich
diszipliniert war: Während bei Arnold Schwarzeneggers Planet Hollywood,
bei NikeTown und der Bank of Amerika was zu Bruch ging, wurden kleine
Geschäfte von ortsansässigen Personen nicht beschädigt. Einige von diesen
kleinen Läden blieben sogar die ganze Zeit geöffnet. Ein kleines Café
versorgte die DemonstrantInnen mit Kaffeedröhnungen, und eine Tante-Emma-
Drogerie verkaufte uns Filme, um den "Protest des Jahrhunderts" für unsere
Enkelkinder festzuhalten.

Was wir brauchen ist die Toleranz für unterschiedliche Stile und
Einigkeit, keine spaltendes "Anti-Gewalt"-Eindreschen auf AnarchistInnen.
Kurz gesagt, der neue "Anti-Gewalt".McCarthyismus ist derselbe schöne alte
politische Kannibalismus, mit dem die Liberalen den Feinden die
Schmutzarbeit abnehmen.

Während Benjamin es nicht nötig hatte, einen Stein in die Hand zu nehmen
(wer nicht für Abtreibung ist, braucht keine machen lassen), sollte sie
zumindest diejenigen respektieren, die die Slogans "Battle in Seattle" und
"Eine Ende mit der WTO" wörtlich nahmen. Sie sollte wenigstens die Rolle
anerkennen, die die Jugendlichen bei dem großen Sieg der Demonstrationen
in Seattle hatten.

Und schließlich, warum haben wir den riot veranstaltet? Weil das wirkt.
Der riot in Seattle war ein ehrliches barometer der Wut, die die Menschen
angesichts der habgierigen Verheerungen des globalen Kapitalismus
empfinden. Riots mögen nicht immer angebracht sein, es steht jedoch außer
Zweifel, daß die gutgezielten Zerstörungen von Konzerneigentum in der
letzten Woche eine bedeutende Rolle dabei spielten, die fundamentalen
Anliegen im Zusammenhang mit der WTO der Öffentlichkeit nahezubringen.
Hätten diese Anliegen mehr Raum in den Medien erhalten, wäre die WTO allen
bekannt, wenn keine Scheiben eingeworfen worden wären? Natürlich nicht.

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