Google Groups no longer supports new Usenet posts or subscriptions. Historical content remains viewable.
Dismiss

[gwr] Erich Muehsam: Der Revoluzzer

12 views
Skip to first unread message

Frank Ellert

unread,
Apr 21, 1999, 3:00:00 AM4/21/99
to
Erich Mühsam: Der Revoluzzer

Die Zeiten, in denen ein Spottlied auf die Sozialdemokratie "Der
Revoluzzer" heißen konnte, scheinen vorbei. Gegenwärtig müßte eine
Parodie auf diejenigen, die "einiges besser" machen wollen, eher "Der
Reformerich" heißen, sollte der Angriff nicht bereits an der Wahl
falscher Maßstäbe scheitern. Pragmatik, Effizienz und Steuerungskraft
wären gewiß auch eines Spottliedes würdig, doch daran arbeitet sich
bereits die bürgerliche Presse zur genüge ab. Die Revolution haben
die SozialdemokratInnen jedenfalls längst von der Tagesordnung
abgesetzt. Doch das war früher einmal anders.

Mühsam schrieb das Lied 1907 sicher unter dem Eindruck der russischen
Revolution von 1905 und der daraufhin von der Sozialdemokratie
geführten Massenstreikdebatte (1905/06), die mit der Ablehnung
spontaner außerparlamentarischer Aktionen endete. Eine
Auseinandersetzung, die den aktuellen Streikbewegungen zusetzte, von
denen Mühsam "Crimmitschau 1903, Bergarbeiter 1897 und 1905, Berliner
Metallarbeiter 1906 und so weiter" in Briefen erwähnte. An ihnen
kritisierte er das "...Vereinsmeiertum der zentralisierten
Gewerkschaften, denen jeder große Streik verloren geht". Die
Sozialdemokratie bejahte auf ihrem Parteitag in Jena die Massenstreiks
zunächst unter dem Eindruck der Ereignisse in Rußland, aber übernahm
ein Jahr später in Mannheim die ablehnende Haltung der
Zentralverbände. Sie begab sich damit in die Startlöcher für den
Reichstagswahlkampf im Januar und Februar 1907, den Mühsam zu
Agitationsreden in sozialdemokratischen Versammlungen nutzte.
Außerdem geben Mühsams Briefe Hinweise auf seine Auseinandersetzung
mit dem aktuellen Phänomen "Politischer Terror". Er war der Ansicht,
für anarchistische Gewaltakte ergebe sich die Rechtfertigung von
selbst, aufgrund einer psychologischen Begründung. Seine gefährliche
strategische Zielsetzung schlägt er Karl Kraus im April 1907 als
Artikelprojekt vor: "Wenn es irgend angeht, möchte ich die Sache in
eine natürlich psychologisch kaschierte Aufreizung an die preußischen
Polen ausklingen lassen mit Brandstiftungen, Abschreckungsmorden usw.
gegen die Verpreußungspolitik zu arbeiten" (Mühsam 1984, 95). Kraus
lehnte ab, ein Artikel erschien später, im September, unter anderem in
"Der freie Arbeiter".

Aufschlußreich an dem Revoluzzer ist, daß Mühsam all diese aktuellen
Bezüge im Lied nicht erwähnt, sondern die sozialdemokratische
Parteipraxis angreift, indem er die Geschichte des Lampenputzers
erzählt. Die Interpreten tragen den Revoluzzer meist als Moritat vor,
die sich bei den vorwärtsschreitenden Revoluzzern zu einem Marsch
beschleunigt. Ob es diesen Revoluzzer tatsächlich als Person gegeben
hatte, ist nicht überliefert. Für den Erfolg ist es unerheblich.
Wichtig ist, daß Mühsam ein stimmiges Bild vom sozialdemokratischen
Revolutionär und seinem Umgang mit den spontanen Massenerhebungen und
Revolutionen zeichnete, daß noch heute als durch die Ereignisse von
1918/19 als belegt gilt. Er konnte dabei auf die Ordnungsfunktion der
Lampenputzer wie auch die faszinierende aber zugleich disziplinierende
Wirkung der Straßenbeleuchtung anspielen. Im preußischen Deutschland
ist exemplarisch zu sehen, wie die Durchsetzung der Straßenbeleuchtung
ein umstrittener technisch-politischer Vorgang war. An dessen Beginn
weigerten sich StadtbürgerInnen Berlins Öllampen wegen der damit
verbundenen Kosten freiwillig aufzustellen. Der König mußte sie 1680
auf eigene Rechnung errichten lassen und durch "Lampenversorger" in
Betrieb halten. Deren Auftrag war sehr viel weiter gefaßt als nur
Lampen zu putzen, denn in Öllaternen mußte ständig das Öl genau
dosiert werden und ihre Dochte bedurften sorgfältiger Pflege. In
Preußen regelte die Aufgaben ein minuziöses königliches Reglement.
1803 erweiterte sich der bereits angelegte obrigkeitliche Charakter
zur hilfspolizeilichen Ordnungsfunktion, um die häufige Entwendung und
Beschädigung von Straßenlaternen zu verhindern. 1826 wurde als
Schutztruppe sogar eine Erleuchtungsinvaliden-Kompanie aus 60
Kriegsversehrten rekrutiert. Während dieser Zeit erhielt Berlin die
erste Gasbeleuchtung, die durch sehr viel mehr Helligkeit
beeindruckte, aber auch bedrohte. Das Licht brachte Helligkeit in die
Nächte der Großstädte. Es ermöglichte und erleichterte wirksame
Eingriffe der ordnenden Obrigkeit, was die Beleuchtung vielfach
umstritten machte. Die Gasbeleuchtung trat in Europa ihren Siegeszug
an, während sich mehrere Revolutionen 1830 und 1848 ereigneten. Die
Gaslaternen wurden dabei häufig zerstört, sicher, weil sie sich sehr
gut für den Bau von Barrikaden eigneten, wie es der Revoluzzer erfuhr.

Der "Revoluzzer" wurde eines von Mühsams erfolgreichen Liedern. Es
verbreitete sich unter KabarettistInnen und gehörte zum festen
Repertoire der Münchener "Elf Scharfrichter" oder des dadaistischen
Cabaret Voltaire von Hugo Ball. Es hinterläßt Spuren bei Ringelnatz
und Klabund oder wird von AnarchistInnen z.B. von Oskar Maria Graf
und in der Boheme aufgegriffen. Wirklich populär in der
Arbeiterbewegung wird es in der Interpretation von Ernst Busch sowie
durch die Aufnahme in die Liederbücher der Linken der zwanziger Jahre
(Kauffeldt 1983, 164ff.). Es diente dabei immer den "radikaleren" die
"zaghaften" zu kritisieren, was in der Novemberrevolution eine
wichtige Konfliktlinie in der sozialen Bewegung darstellte. Vor allem
in Phasen der sich bewegenden Massen scheint es das wichtigste Problem
zu sein. Aber gerade im Rückblick auf die "gelungenen" doch heute
durchweg gescheiterten Revolutionen ist zu fragen, ob andere Probleme
nicht wichtiger gewesen sein könnten?

Mühsam wußte nicht nur, was ein "Revoluzzer" ist, sondern auch was die
aktuellen Aufgaben eines wirklichen Revolutionärs waren. Mühsam
verstand sich, wie er in einem Brief des gleichen Jahres an den
liberalen Publizisten Maximilian Harden darlegte, seit reichlich sechs
Jahren als Anarchist und sei agitatorisch tätig. Er bechreibt seine
Zielsetzung und Aktivitäten folgendermaßen: "Mein Kampf richtet sich
also prinzipiell gegen den Staat und seine Ausdrucksformen
(Kapitalismus, Militarismus, Justiz). Die einzig mögliche Grundlage
zu anarchistischer Freiheit (das heißt: zur Durchsetzung der
Persönlichkeit gegenüber der Gesellschaft) erblicke ich in der
Wirtschaftsform Sozialismus. Hervorragend interessiert an der
grundsätzlichen Umgestaltung der bestehenden Verhältnisse erscheinen
mir Alle, deren Schaffen im Hinblick auf die gesellschaftliche und
kulturelle Nutzleistung nicht richtig bewertet wird, also besonders
Künstler und Arbeiter. Die natürliche Taktik zur Durchkämpfung meiner
revolutionären Ideen sehe ich im konsequenten Klassenkampf, also in
der bedingungslosen, in jeder Maßnahme betonten Gegnerschaft der
Besitzlosen gegen die Besitzenden. Daher glaube ich, daß jede von den
genannten Gruppen geübte Beteiligung an der Verwaltung der gültigen
Herrschaftsorgane im Widerspruch zur Methode des Klassenkampfes steht,
daß sie notgedrungen zu Konzessionen führt, daß sie reformierend (das
heißt: festigend) auf die bekämpften Zustände einwirkt. Ein wichtiges
Verwaltungsorgan des herrschenden Staates ist das Parlament; deshalb
dünkt mich die Beteiligung am parlamentarischen Leben unvereinbar mit
dem sozialistischen System des Klassenkampfes, dessen Machtmittel
allein in der Möglichkeit liegt dem Feind wirtschaftlich zu schwächen.
Das geschieht am wirksamsten durch den Streik: durch die direkte
Erzwingung wirtschaftlicher Förderung des Arbeiters.

Diese Ansicht, die hier nur im gröbsten Umriß angedeutet ist, vertrete
ich mit Vorliebe der Sozialdemokratie gegenüber, deren Geschichte ein
stetig vermehrtes Konzessionieren und Paktieren ist. Der geeignetste
Moment aber, meine Meinung öffentlich auszusprechen, scheint mir die
Zeit zu sein, wo die Sozialdemokratie zu bevorstehenden
Parlamentswahlen Stimmen ködert. In solchen Zeiten pflege ich in
Versammlungen unter den Arbeitern für den konzessionslosen
Klassenkampf Stimmung zu machen. So auch diesmal. Am Abend vor der
Hauptwahl zum Reichstag sprach ich in der Diskussion gegen ein Referat
des Ritters Georg von Vollmar, bisherigen Reichtstags- und
gegenwärtigen bayrischen Landtagsabgeordneten. Ich kritisierte
ausführlich das antirevolutionäre Verhalten der Sozialdemokratie,
begründete meine Kritik mit dem Hinweis darauf, daß die seit nahezu
vierzig Jahren ausgeübte Praxis des Wählens nach dem stets als Ideal
gepriesenen deutschen Reichtstagswahlrecht zur Förderung des
Sozialismus bisher nichts erreicht habe..." (Mühsam 1984, 90 ff.).
Der Anarchist Mühsam wurde während dieser Auftritte angegriffen und
als kriegstreibender "Hottentottenliberaler" verleumdet. Er konnte
jedoch seinen Spott auf die revolüzzende Sozialdemokratie durch die
Ereignisse 1919 bestätigt sehen. Der Dramatiker Tankred Dorst machte
in den 60er Jahren Mühsam zu einer Figur seines historischen Stücks
"Rotmord. I was a German" über die Räterepublik in München, und läßt
Mühsam den Revoluzzer selbst vortragen. Ein Arbeiter erwidert ihm:
"Du bist ja selbst ein Lampenputzer und wir müssens ausbaden."

Das Lied vom Lampenputzer ist, obwohl 1907 verfaßt, durch seine
wiederkehrende historische Aktualität bis in unsere Tage
vergleichsweise bekannt geblieben. Zum Teil, weil es aus den
sechziger und siebziger Jahren als einer der Protestsongs vertraut
ist, die eine politisierte Folkszene als Teil sozialer Bewegung wieder
entdeckt hatte. Schon damals wurde der "Revoluzzer" u.a. von Dieter
Süverkrüp interpretiert, der es aufgrund seiner Unterstützung der
westdeutschen Kommunisten in der DKP allerdings auch in einen
politisch zweifelhaften Zusammenhang brachte. Von Süverkrüp stammt
eine neuere heute erhältliche Interpretation auf der CD "Ich lade Euch
zum Requiem", die nur Lieder von Mühsam präsentiert, und in deren
Begleittext auf die Erich Mühsam Gesellschaft verwiesen wird. Der
"Revoluzzer" ist aber auch von einem ausgewiesen libertären
Interpreten erhältlich. Gregor Hause hat 1998 eine CD unter dem Titel
"Das Herz in der Hand" zusammen mit der FAU produziert. Er legt darin
etwa 20 Lieder nach Texten von Mühsam vor, die überwiegend andere
Lieder als bei Süverkrüp enthält. Das Lied des Reformerich hat meines
wissens noch keine/r geschrieben.

Literatur:
Kauffeldt, Rolf 1983, Erich Mühsam. München, Fink, 164-169
Mühsam, Erich 1984, In meiner Posaune muß ein Sandkorn sein. Briefe
1900-1934, Hg. Gerd W. Jungblut, Vaduz, Topos

Erich Mühsam: Der Revoluzzer
Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet

War einmal ein Revoluzzer,
Im Zivilstand Lampenputzer;
Ging im Revoluzzerschritt
Mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: 'Ich revolüzze!'
Und die Revoluzzermütze
Schob er auf das linke Ohr,
Kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
Mitten in der Straßen Mitten,
Wo er sonst unverdrutzt
Alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
Rupft man die Gaslaternen
Aus dem Straßenpflaster aus,
Zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer Schrie:
'Ich bin der Lampenputzer
Diesen guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn' das Licht ausdrehen,
Kann kein Bürger nichts mehr sehen,
Laßt die Lampen stehen, ich bitt!
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!'

Doch die Revoluzzer lachten,
Und die Gaslaternen krachten,
Und der Lampenputzer schlich
Fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
Und hat dort ein Buch geschrieben:
Nämlich wie man revoluzzt
Und dabei noch Lampen putzt.

Auf CD erhältlich: Gregor Hause: Das Herz in der Hand. Lieder nach
Texten von Erich Mühsam. Die CD kostet 15 DM zzgl. Porto bei Gregor
Hause, Schönebecker Straße 21, 39104 Magedeburg. Und: Erich Mühsam:
Ich lade Euch zum Requiem. Interpretiert von Dieter Süverkrüp und
Walter Andreas Schwarz. Conträr Musik 1996, z.B. erhältlich bei der
Büchergilde Gutenberg.


GWR
Gravelottestr. 6 -- 81667 München
Breul 43 -- 48143 Münster
gwr-re...@oln.comlink.apc.org
(neue e-mail-Adressen demnächst)

0 new messages