Google Groups no longer supports new Usenet posts or subscriptions. Historical content remains viewable.
Dismiss

Antisemitismus

0 views
Skip to first unread message

junge linke e.V.

unread,
Mar 21, 1999, 3:00:00 AM3/21/99
to

>> Was Fakt ist, bestimmt die Theorie
>> Einige Überlegungen zur sogenannten "Ökonomie der Endlösung",
vorgetragen auf der Antinationalen Konferenz der Jungen Linken vom 4.
Oktober 1998

Beginnen möchte ich mit der Frage, ob die im Titel dieser Diskussion
angelegte Gegenüberstellung die ist, auf die die Kontroverse
hinauslaufen wird. Lassen wir das "bevölkerungspolitisch" und das
"national" weg - da steckt ja allemal kein Widerspruch drin - so heißt
es "Kalkül" kontra "Wahn", und das klingt schon wie eine jener Debatten,
in denen jede gegen jeden endlos Recht behalten kann. Bei Handlungen von
Menschen den kalkulierenden Anteil und den wahnhaften
auseinanderzudividieren, gerade in einem alltagsverständlichen Sinne von
nachvollziehbar oder unnachvollziehbar, ist ein ziemlich frustrierendes
Unterfangen. Nehmen wir nur verschiedene Praktiken, die für die
Naziherrschaft, um zum Gegenstand zu kommen, kennzeichnend sind, und wir
können sie problemlos immer wieder einem der Pole rational - irrational
neu zuschlagen. Beispielsweise der Terror in den KZ's: Maßnahmen wie die
willkürliche Auswahl von zu Folternden oder zu Tötenden, aber auch
Regeln wie die Androhung der Todesstrafe für die, die nicht rasiert
sind, aber auch für die, in deren Besitz ein Rasiermesser gefunden wird,
bleiben für Opfer wie auch für uns Außenstehende, die die Berichte
vernehmen, absolut unnachvollziehbar: Welchen Sinn macht das?; oder
auch: Was für Chancen habe ich, mich so weit es geht zu schützen. Aus
der Perspektive der Täter bekommen alle diese Maßnahmen wiederum einen
funktionalen Sinn (ob er ihnen bewußt war, ist dabei noch eine zweite
Frage): Gerade ihre Irrationalität erleichtert das Geschäft des Mordens
ungemein - es demoralisiert die prospektiven Opfer, und sie schicken
sich mangels Perspektive in das Schicksals eines Toten auf Abruf, dessen
tatsächliche Tötung bloß noch zur formalen Bestätigung wird, die
auszuführen die Henker auch psychologisch nicht mehr arg ankommt. Haben
wir allerdings festgestellt, das das Ensemble irrationaler Quälereien
den Zweck verfolgt, eine ganze Gruppe von Menschen zu
entsubjektivierten, lebenden Leichen zu stempeln, wissen wir zwar, daß
es zu diesem Zwecke tatsächlich getaugt hat, aber immer noch nicht
recht, was an diesem Ergebnis nun wiederum zweckmäßig, rational sein
soll - womit wir allerdings, um keinen Deut weiter, wieder bei der
Ausgangsfrage wären.
Mit der auf den ersten Blick eleganten Unterscheidung zwischen
rationalem Mitteleinsatz (im eben skizzierten Sinne der Zweckgemäßheit)
und irrationalem Zweck kommt man im übrigen auch so weit nicht. Dazu muß
man gar nicht, wie Götz Aly und Susanne Heim oder auch die
marxistisch-leninistische Geschichtsforschung, die Irrationalität des
Zwecks, verglichen mit anderen kapitalistischen Praktiken, in Frage
stellen. Es reicht schon die Überlegung, daß , schon beim einfachen
Paranoiker die gnadenlose Konsequenz, mit der er seinen bestimmten Zweck
mit dem je adäquatesten Mittel verfolgt, eben jenen Zweck als wahnhaften
erst von den harmlosen Spleens, die eine jede so pflegt, unterscheidbar
macht. Gerade das totale instrumentelle Sich-Gefügig-Machen der
Wirklichkeit zum Rassewahn dichtet diesen als Wahn ab - und führt im
übrigen dazu, daß auch immanent die Dichotomie rational - irrational
keinesfalls sauber aufgelöst wird, sondern beide Kategorien immer wieder
ineinander übergehen. Nehmen wir die Kommentierung der Nürnberger
Rassegesetze, ein Meisterstück des, Zitat Hitler, "wissenschaftlichen
Antisemitismus": Wer Jude ist, ist eindeutig, kein Gefühl kann mehr
entscheiden, allerdings mit zum Teil höchst obskurantistischen Folgen,
nimmt man die Nazi-Vererbungslehre für bare Münze. So waren die Enkel
einer Frau, die in ihrer Jugend zum Judentum konvertierte, auch dann
zumindest Vierteljuden, selbst wenn diese Frau noch vor Heirat und
Geburt ihrer Kinder zum Christentum zurückfand. Entsprechend barsch
waren die Anweisungen, hier "keinen Widerspruch" zuzulassen. So kehrt
die Willkür, die doch durch das Gesetz verdrängt werden sollte, wieder,
als kennzeichnend für das ganze Projekt.
Aber kann es nicht auch - wenn auch verwerflichen - Sinn machen, eine
bestimmte Personengruppe, wie willkürlich auch immer zusammengestellt,
zur Vernichtung freizugeben? So fragen, durchaus notwendigerweise, alle,
die geschichtlich, gesellschaftswissenschaftlich oder wie auch immer,
den Nationalsozialismus auf den Begriff zu bringen trachten. Der
bevölkerungspolitische Ansatz, für den neben den Namen Aly und Heim auch
die Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte und wohl auch die alte
'Autonomie - Neue Folge' stehen, auch, und das ist, entgegen vieler
Behauptungen, nun sicherlich nicht das genuine oder auch problematische.
Problematisch ist vielmehr die Behauptung, das Gegeneinander von
rational und irrational aufgelöst zu haben. Die Judenvernichtung
entstamme nicht dem völkischen Rassewahn der Nazis, denn dieser wäre, so
heißt es, aus sich heraus nur zu Diskriminierung und Pogromen fähig
gewesen. Auschwitz hingegen sei nur der Bestandteil einer weit größer
angelegten Tötungsaktion gewesen, die von einem Stab junger, nüchtern
kalkulierender und jedem Radauantisemitsimus abholder
Bevölkerungswissenschaftler und -strategen ersonnen worden wäre. Ziel
dieser Aktion sei es gewesen, unmittelbare und mittelbar anstehende
sozialpolitische Probleme möglichst effektiv zu lösen: Um die Ernährung
im Reich sicherzustellen, sollten einige -zig Millionen Sowjets sterben;
um die Ökonomie Ost- und Südosteuropas auf einen zeitgemäßen und den
deutschen nützlichen Standard zu heben, sollte einerseits der
kostenfressende Klein- und Mittelhandel, andererseits die weitgehend auf
Subsistenz basierende vormoderne Landwirtschaft zerschlagen werden,
wodurch aber große Teile der Bevölkerung außer Lohn bzw. Brot gesetzt
worden wären. Auch hier sollten entweder, basierend auf den Berechnungen
der Planer, die überflüssigen Esser entweder direkt vernichtet oder
deren zu erwartende Landflucht prophylaktisch durch Ermordung
städtischer Bevölkerung ermöglicht werden. Um schließlich die
ökonomischen Probleme, die sich in der Verwaltung der Ghettos dadurch
ergaben, daß diese sich aus dem Verkauf der Arbeitskraft ihrer
BewohnerInnen nicht zu erhalten vermochten, effektiv anzugehen, gaben
auch hier die "Vordenker der Vernichtung" den entscheidenden Anstoß zur
Liquidierung. Untermauert werden diese Thesen durch eine Vielzahl von
Dokumenten - Expertisen, Beschlußvorlagen etc. -, die es den
ProtagonistInnen erlaubten, von einer "Ökonomie der Endlösung" zu
sprechen, den ewigen Streit zwischen Kalkül und Wahn also auch im Zwecke
selbst zugunsten ersterem aufzulösen.
Dem ist damals, als solche Debatten noch in größerem Maßstab Interesse
erweckten, einiges entgegengehalten worden, und allzusehr möchte ich
hier auch gar nicht in die historischen Details gehen. Gerade diese sind
für das Problem der Rationalität der Vernichtung, so denke ich, nicht
besonders relevant. Daß es nicht erledigt ist, mag man schon daran
ablesen, daß auch die AutorInnen Aly / Heim immer wieder konzedieren
müssen, daß die sozialpolitischen Problem der Ghettos und seiner
Sachzwänge hergestellte sind, dessen Lösungen also, alles andere als
bloß nüchtern, Binnenstrategien in einem eminent, im Sinne der
AutorInnen, ideologischen Gesamtzusammenhang sind, und, wenn man
weiterdenkt, so verschieden von der pragmatischen Entscheidung, von den
Erschießungen zu den Vergasungen überzugehen, nicht sind - und letzteres
wird schließlich auch niemand für das an sich Erklärungsbedürftige am
Nationalssozialismus halten. Daß es auch nicht zu erledigen sein wird,
jedenfalls nicht so, ist vielmehr schon mit der einfachen Überlegung Jan
Philipp Reemtsmas ausgemacht, ob es wirklich weniger mythisch ist, statt
in Kategorien des Tausendjährigen Reiches und der Erlösung der arischen
Rasse in Kategorien des Großraums und des Bevölkerungsüberhanges zu
denken. Um das zu klären, hätte es in der damaligen Debatte, wie sie in
der 'konkret' in den Jahren '91 / '92 geführt wurde, zumindest einige
Reflexionen über Ökonomie geben müssen, zumindest über den Begriff des
ökonomischen Erfolges; die aber unterblieben auf beiden Seiten. Den
linksliberalen Kontrahenten um Dan Diner & co. war überhaupt jeder
Zusammenhang von Ökonomie und Auschwitz ein Greuel; daß aber bei Aly /
Heim hier selbst die historische Fährtensuche aufhört, überrascht. Denn
wer tausende von Quellen auswertet, um zu belegen, daß die Vernichtung
einem ökonomischen Plan enstpringt, sollte zumindest, so wäre es zu
erwarten, überprüfen, in welchem Verhältnis die Tötung zum anvisierten
Ziel dann praktisch auch stand: Ob die nüchtern kalkulierende Elite
beispielsweise auch überprüft hat, ob ihre Vorhersagen eintrafen; ob im
Generalgouvernement, auf das jene Planer besondere Energie legten,
tatsächlich (und nicht bloß auf dem Reißbrett) wirtschaftlich sich noch
anderes tat als die bekannte wahllose Ausplünderung des Landes durch
Frank und seine Camarilla; ob es Anzeichen gab, daß die
Vernichtungsmaschinerie wirklich zum Stillstand gekommen wäre, wenn die
Mordvorgaben der Planungsbehörden erfüllt worden wären. Aly / Heim aber
glauben einfach den Vordenkern der Vernichtung, daß sie wußten, was sie
taten; ein für Positivisten wie Marxisten ungewöhnliches Vorgehen.
Überraschend also, wenn Leute, die, wie Aly / Heim es taten, ihre
Kontrahenten wütend attackieren, sie nähmen Fakten nicht zur Kenntnis
und wollten Geschichtsschreibung ohne Empirie betreiben, über ihren
Dreh- und Angelpunkt, den ökonomischen Zweck, weder einen Gedanken
entwickeln noch eine Quelle präsentieren, um sich abzusichern. Das aber,
so meine These, liegt nicht an deren Schludrigkeit, sondern, und deshalb
mögen ihre Fehler exemplarisch sein, an der Sache. Was ein Fakt ist,
entscheidet die Theorie, und gerade am Nationalsozialismus wird
offensichtlich, daß der Frage nach seiner Rationalität empirisch nicht
beizukommen ist. Um noch einmal die Kategorie des ökonomischen Erfolges
aufzugreifen: Ob dieser eintritt oder nicht, scheint relativ handfest zu
sein, ist aber alles andere als das. Will man die Tatsache, daß geraubte
Kunstwerke von Millionenwert in Görings Keller verstaubten, als Erfolg
verbuchen, oder eher, daß alle Volksgenossen irgendeiner Arbeit
nachgehen konnten - oder vielleicht doch den Aufbau einer langfristig
reproduktionsfähigen Nationalökonomie zum Erfolgskriterium machen, von
dem die Nazis mit ihrer Taktik, sich in fremden Ländern zu verschulden,
um sie dann zu überfallen, recht weit noch entfernt waren? Wer hier mit
den Fakten argumentiert, landet nolens volens doch irgendwann bei der
Theorie.
Theoretisch bestimmt, könnte der Begriff des ökonomischen Erfolges nun
durchaus eine Grundlage abgeben, auf der über die Rationalität des
Nationalsozialismus zu richten wäre. Ökonomie ist die Form, in der in
der bürgerlichen Gesellschaft der Stoffwechsel mit der Natur organisiert
wird. Zwar ist diese Form eine falsche und jedes ökonomische Handeln
praktische Ideologie; jedoch bewahrt sie mit der Notwendigkeit, den
Stoffwechsel mit der Natur zu vollziehen, die Grundlage jeder
Objektivität. Statthalter der objektiven Vernunft im ökonomischen Prozeß
ist, so unvernünftig das auch wieder sein mag, die Pleite - sie
verhindert die totale Abkoppelung der Produktion von Willen und
natürlichem Bedürfnis ihrer Mitglieder, in dessen Verlauf bloß objektiv
nutzloser Schrott hergestellt würde. Gerade dieser Statthalter ist im
Faschismus getilgt.
Um dies zu veranschaulichen, sei ein letztes Mal ein Gedanke von Aly /
Heim zitiert. In 'Vordenker der Vernichtung' heißt es, daß der
Kapitaleinsatz bei jüdischen Zwangsarbeiter sich ob ihr Unproduktivität
nicht amortisiert hätte, deren Vernichtung zur indirekten Amortisierung
des Kapitals beigetragen hätte. Was 'indirekte Amortisierung des
Kapitals' ist, weiß ich nicht; aber auch der Ausgangspunkt des Gedankens
ist nicht zu halten. Anwender von Zwangsarbeit ist der Staat, und der
akkumuliert per definitionem kein Kapital. Seine Verwendung des
zwangsweise angeeigneten gesellschaftlichen Mehrprodukts muß sich nicht
ökonomisch, sondern politisch ausweisen, weil er außerhalb jeder
Konkurrenz steht; und gerade deswegen kann es sich, allem neoliberalen
Gerede zum Trotz, auch nicht ökonomisch ausweisen, weil Begriffe wie
gesellschaftlich durschschnittlich notwendige Arbeitszeit, Mehrwert.
Profit hier keine Anwendung finden können. Insofern mochte es dem
NS-Staat zu teuer erschienen sein, jüdische Zwangsarbeit anzuwenden,
aber diese Beurteilung nach angeblich ökonomischen Kriterien blieb seine
willkürliche Entscheidung, nicht wie für den Kapitalisten ehernes
Gesetz.
Nun läßt sich aber die gesamte deutsche Gesellschaft der Zeit als
System verschieden organisierter Zwangsarbeit begreifen, zumindest aber
als treuhänderische Verwaltung der Arbeit durch den Staat, die er in
verschiedenen Fällen an - wiederum hochgradig monopolisierte und damit
konkurrenzlose - Privatunternehmen delegierte; man denke nur an das
System von Kündigungs- und Entlassungsverboten, Arbeitsdienst wie
Arbeitsfront und IG-Farben-KZ-Außenstellen. Unter diesen Bedingungen ist
die Konkurrenz sistiert und damit auch der Garant der Vernunft in der
Ökonomie. Mehr noch: Die Bestimmbarkeit des Nationalsozialismus als
kapitalistische Produktionsweise selbst ist in Frage gestellt. Die
Kritik der politischen Ökonomie ist eben wesentlich eine Kritik, die
angewiesen ist auf die Differenz von Erscheinung und Wesen, die
Darlegung, es gehe in bürgerlichen Gesellschaften um den verrückten
Zweck der Verwertung des Werts, ist eben nicht bloß die Wahrheit,
sondern die Wahrheit in Form des Einwandes gegen das Bestehende, der
Polemik. Was bleibt von ihr, wenn der Staat sie nicht bloß affirmativ
verkündet, sondern die Gesetze der Produktion, die doch in der Kritik,
in Spekulation auf das Wesen der Gesellschaft gewonnen werden, in freier
Willkür positiv setzt und exekutiert? Nicht nur die Bedingung der
Möglichkeit, sondern auch der Gegenstand der Kritik verändert sich dann
qualitativ. So ist der NS-Staat nämlich gezwungen, eben weil er die
Konkurrenz sistiert hat, aus eigener, terroristischer Macht dafür zu
sorgen, daß die naturwüchsigen Folgen des Wertgesetzes jetzt geplant
eintreten - er muß die kleineren und mittleren Betriebe
wegrationalisieren, weil kein Markt dafür sorgt, er setzt die Individuen
offen als disponible Variablen der politökonomischen Anwendung, zu der
kein stummer, bewußtloser Zwang der Verhältnisse, der über diese
Feststellung bewußt einseh- und kritisierbar würde, sie mehr stempelt.
Und wer nicht verwertbar ist, verhungert nicht, denn Verwertbarkeit
selbst wird staatlich gesetzt und in der Vernichtung oder im
Weiterlebenlassen exekutiert.
Das macht, so denke ich, die Motivation aus, gerade beim
Nationalsozialismus immer wieder auf 'Fakten' zu beharren: daß nämlich
die Analytikerin vom Gegenstand sowieso immer schon in den Stand der
Positivistin gesetzt wird, die bloß noch nacherzählen kann, was sowieso
als Praxis offen vor aller Augen liegt. Und genau deswegen kommt man mit
Fakten so herzlich wenig weit. Denn, so kann man wissen, wenn der
nationalsozialistische Staat aus eigener souveräner Willkür die
barbarischsten Konsequenzen des Kapitalismus zieht und Praxis werden
läßt, so heißt es auch, daß er es nicht hätte machen müssen, daß keine
Not, keine mangelnden Produktivkräfte oder ähnliches die Gesellschaft
dazu zwang, ihren Stoffwechsel mit der Natur in jener Form zu
organisieren. Der Nationalsozialismus war, so Pohrt, die erste
verwirklichte Freiheit der Menschheit, in der kein Gran
Naturnotwendigkeit mehr auftaucht. Genau diese Freiheit, der freie
Entschluß, die Individuen als jene disponiblen, potentiell überflüssigen
Anhängsel der Produktion zu behandeln, der Entschluß also, sich aus
freien Stücken jeder Freiheit zu entäußern, um sich den Gesetzen der
zweiten Natur, des Kapitals, zu unterwerfen, hebt eben dieses auf seiner
eigenen Grundlage auf. Im Triumph der Gesetze des Kapitals, in dem
dessen Begriff und die Sache mit sich identisch werden, zerfallen beide:
Ökonomie und Terror, Ausbeutung und Vernichtung lassen sich begrifflich
nicht mehr unterscheiden. Die total verwirklichte Verwertung des Wert um
seiner selbst willen geht als zum Zweck gesetze totale Zwecklosigkeit in
Vernichtung um ihrer selbst willen über, ebenso grenzenlos wie die
Verwertung selbst, weil zwischen Verwertung und Vernichtung bloß die
Willkür steht und die Launen der Machthaber, die keine nachvollziehbare
Grenze mehr kennen können.
Um zum Ende zu kommen: Genau deswegen ist die These von der
Rationalität der Vernichtung nicht zu halten - nicht weil Ökonomie und
Endlösung nichts, sondern weil sie allzuviel miteinander gemein haben.
Als Kritikerin der Gesellschaft ist man darauf angewiesen, daß zum
Gegenstand der Kritik, am geschichtlichen Ereignis ein Rest von Vernunft
ist, der es erlaubt, es als Vorbedingung einer vernünftigen Gesellschaft
zu begreifen. Am Nationalsozialismus ist nichts davon. In der Tilgung
des Naturzwangs, der Objektivität in Form der Pleite verbürgt, ist
Freiheit verwirklicht, bloß um sich naturgleich in einen Ameisenhaufen
mit Zyklon-B-Reservoir zu verwandeln. Daran muß jede
Geschichtsphilosophie, die die Emanzipation des Menschen als
geschichtliches Ziel setzt, um hier und jetzt trotz aller Unvernunft
vernünftig denken zu können, zuschanden gehen. Die Deutschen haben
Geschichte geschrieben in der Weigerung, genau das zu tun. Und dazu
paßt, daß es von ihrer Seite nie den Versuch gab, Auschwitz als
geschichtliche Tat zu setzen. Der fehlende Führerbefehl, die Rede von
'Deportationen' und 'Arbeitseinsätzen' für die Vernichtungstransporte,
das "nie zu schreibende Ruhmesblatt der Geschichte", von dem Himmler
sprach - die Weigerung also, Auschwitz zu symbolisieren, dokumentierte
auch die Weigerung, auch bloß den Anhängern die Vernichtung als
begrifflich gefaßte Sache nachvollziehbar und zustimmungsfähig zu
machen. Die Zustimmung zu Auschwitz beinhaltete integral die Ablehnung
jeder klassischen Tradition von Vernunft (und damit auch, am Rande sei's
bemerkt, jedes Konzepts von Zurechenbarkeit und Verantwortung).
Vielleicht ist so die angemessenste Analyse der deutschen
Vernichtungspraxis wirklich die von Freud, die er nach seiner Ausweisung
aus Wien an Arnold Zweig schrieb: "Alles, was man über die 'boches'
sagt, ist wahr." Jedes vernüntigere Verstehen steht unter
Ideologieverdacht.


>>> Gruppe Ratio Rausch Revolution Hamburg
und Junge Linke Hannover
Borriesstr.28, 30519 Hannover, Tel.: 0511/838-6226, Fax: -6011
email: junge...@oln.comlink.apc.org
>>> see: www.comlink.apc.org/junge-linke


0 new messages