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Reisen nach Utopia '99

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CONTRASTE e.V.

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Aug 19, 1999, 3:00:00 AM8/19/99
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Aus CONTRASTE Nr. 178/179

REISEN NACH UTOPIA '99

Sozial? Oekologisch?
Klar, und die Erde ist eine Scheibe...

Die Gruene Liga Berlin warb in einem Rundfax Mitte
April fuer drei 6-taegige Reisen unter dem Motto:
"Reisen nach Utopia 99. Besuch von oekologischen
und sozialen Zukunftsprojekten".

von Andreas Hechler (JungdemokratInnen/Junge Linke) - Die
erste Reise Mitte April fuehrt zu so illustren Orten wie der
Obstbausiedlung Eden in Oranienburg und Wulkow bei
Frankfurt/Oder. Die Lebensgemeinschaft Oranienburg-Eden wurde
1893 gegruendet und steht in einer voelkischen Tradition. 1916
wurde anlaesslich der ersten Feier
des Freiland-Tages in Eden verkuendet: "Zu solchem Siedeln ist
die deutsch-voelkische Gesinnung Voraussetzung.
Und dazu befaehigt nur deutsches Ariertum." Die Siedlung Eden
war bedeutend fuer den voelkischen Strang zum
Nationalsozialismus. Von dort gingen die Gruendungen
anderer Siedlungen aus, die den "geistigen Adel deutschen
Bluts" foerdern sollten. Zudem verbrachte Silvio Gesell,
Verfechter rassistischer Theorien und der neoliberalen
Freiwirtschaftslehre, in Eden seinen Lebensabend.

1992 war Wulkow "Modellgemeinde fuer oekologische
Dorfentwicklung" des Landes Brandenburg, und nicht
nur das: Wulkow ist auch Expo 2000 Projekt in Brandenburg!
Oekologische Dorfentwicklung und Expo-Projekt,
beworben von der Gruenen Liga, das harmoniert!

Zum Abschluss der Reise geht es noch zum LebensGut
Pommritz in Sachsen, ebenfalls ein Projekt der EXPO
2000. Gegruendet wurde das LebensGut Pommritz mit
Unterstuetzung vom saechsischen Ministerpraesidenten Kurt
Biedenkopf (CDU) und Rudolf Bahro 1993. Letzterer
wuenschte sich nichts sehnlicher als einen "gruenen
Adolf" und trug zu Lebzeiten massiv dazu bei, die Ursachen
von Umweltzerstoerung zu verklaeren und Menschen
zu verbloeden, indem er als Antwort auf Umweltzerstoerung nicht
etwa auf Demokratisierung gesellschaftlicher
Verhaeltnisse und Vergesellschaftung von Produktionsmitteln
gesetzt hat, sondern - wie das LebensGut Pommritz
- auf eine "geistig-spirituelle Grundhaltung" (Das Werk
Bahros setzt jetzt Marko Ferst erfolgreich bei der
Oekologischen Plattform der PDS fort.). Die "kommunitaere
Lebens- und
Arbeitsweise" des LebensGut Pommritz ist
das Resultat des Versuches, gesellschaftliche Verhaeltnisse
zu ignorieren und die daraus entstehenden Probleme
abzufedern. Es wird sich nicht gegen den Abbau des
Sozialstaats gewehrt, sondern die daraus entstehende Armut
soll durch ein mehr an Solidaritaet untereinander abgeschwaecht
werden. Die Kommunitarismusdebatte, die
sich in der BRD durchgesetzt hat, ist nicht an
Demokratisierung gekoppelt. Inhaltlich sagt die NPD das
gleiche,
wenn es bei ihr heisst: "Soziale Gerechtigkeit braucht
nationale Solidaritaet".

Die zweite Reise Mitte Mai ist noch besser: Es geht unter
anderem wieder mal nach Eden, aber auch zum
ZEGG in Belzig und zur Lebensgemeinschaft Seewalde.
Letztere arbeitet "auf der Grundlage der anthroposophischen
Heilpaedagogik und der Sozialtherapie" des
(Wurzel)Rassentheoretikers Rudolf Steiner. Dass dort
"behinderte" und "nichtbehinderte" Menschen zusammen leben
und arbeiten ist grundsaetzlich zu begruessen, aber wieso dieser
positive Bezug auf die Anthroposophie und dessen Begruender
Steiner?

Dass das Zentrum fuer experimentelle Gesellschaftsgestaltung
(ZEGG) im Programm der Anders-Leben-TraeumerInnen nicht fehlen
darf, war klar. Der mittlerweile riesige und in der
Umweltbewegung sehr einflussreiche
"Konzern" stilisiert die sexuelle Verklemmung - vor allem von
Frauen - zur Ursache allen gesellschaftlichen
Uebels. Tatsaechlich findet sich im ZEGG eine stark
maennerdominierte Sexualitaet, die Frauen zum allzeit bereiten
Sexualobjekt degradiert. Geleitet wird diese und auch
die dritte Reise von Thomas Beutler aus dem ZEGG.


Die dritte Reise Anfang September fuehrt u.a. zum
Oekodorfprojektzentrum in Gross Chueden, der oekumenischen
Aktions- und Lebensgemeinschaft in Guestritz
und der "anthroposophischen Bildungseinrichtung
Freie Akademie" in Sammatz.

In Gross Chueden - InitiatorInnen der ZEGG-Solierklaerung vor
einigen Jahren und Beispielprojekt einer EXPO-Praesentation -
soll ein "Beitrag auf der Suche nach einer
nachhaltigen Lebensweise" geleistet werden (viel Spass
beim Suchen!) - als Agenda-21-Modellprojekt der rotgruenen
Regierung Sachsen-Anhalts bleibt so etwas wohl
nicht aus. In Guestritz sollen "Spiritualitaet und politisches
Engagement auf dem Hintergrund eines einfachen
Lebensstils" zusammengebracht werden. Bisher sind
emanzipatorische spirituelle Projekte nicht bekannt,
und wenn es dann weiter heisst, dass als Ziel das "Leben in
Einklang mit allem Lebendigen" gebracht werden soll,
so schimmert hier nicht nur ein Biologismus durch, sondern
auch ein Leben in Armut.

Veranstalter dieser Reisen ist der Verein Industrielles
Gartenreich e.V. mit Sitz in Lutherstadt Wittenberg. Dieser
will in voelkischer Tradition "regionale Identitaet" foerdern
und setzt auf eine "eigenstaendige Regionalentwicklung".
Regionalisierungsbestrebungen werden so rassistisch
modernisiert - nachhaltig, versteht sich. Bei den
angebotenen Reisen duerften die Ziele des Vereins in Erfuellung
gehen.

Nachtrag: Der Macher des Vereins Industrielles Gartenreich
e.V. Falk (Digde...@aol.com) hat in einer widerwaertigen Art
eine Umweltschuetzerin aus Berlin, die sein
Programm kritisiert hat, angegriffen. Das ganze gipfelt
in dem Vorschlag, sie solle doch mal im ZEGG anrufen,
"aber Vorsicht, sie ficken auch durchs Telefon!".

Diskussion zu Perspektiven emanzipatorischer
Umweltschutzarbeit unter: www.thur.de/philo/uvu.html

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monatliches Sprachrohr und Diskussionsforum.

Entgegen dem herrschenden Zeitgeist, der sich in allen
Lebensbereichen breitmacht, wird hier regelmaessig aus dem
Land der gelebten Utopien berichtet: ueber Arbeiten ohne
ChefIn fuer ein selbstbestimmtes Leben, alternatives
Wirtschaften gegen Ausbeutung von Menschen und Natur,
Neugruendungen von Projekten, Kultur von "unten" und viele
andere selbstorganisierte und selbstverwaltete
Zusammenhaenge.

Desweiteren gibt es einen Projekte- und Stellenmarkt,
nuetzliche Infos ueber Seminare, Veranstaltungen und
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CONTRASTE ist so buntgemischt wie die Bewegungen selbst und
ein Spiegel dieser Vielfalt. Die Auswahl der monatlichen
Berichte, Diskussionen und Dokumentationen erfolgt
undogmatisch und unabhaengig. Die RedakteurInnen sind selbst
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