Interview mit Tommi Krippner
Von zahmen und wilden Voegeln
In dem Buch "hoch die kampf dem" ist u.a. das
Plakat "Zahme Voegel singen von Freiheit wilde
Voegel fliegen" abgebildet. Das Original von 1980
war mit einem Copyrightzeichen versehen und hatte
eigentlich den Untertitel "Zahme Voegel singen von
Freiheit die wilden fliegen". Es gilt als eines der
meist reproduziertesten Motiven in der linken Szene,
obwohl KritikerInnen es auch als kitschig bezeichnen.
Der Urheber dieses Plakates Tommi Krippner lebt in
Berlin. Das kurze Gespraech mit ihm wurde im
November 1999 gefuehrt.
J.K.
Knobi: Wie ist damals das Plakat entstanden, bzw.
wie bist Du auf die Idee gekommen dieses Plakat zu
machen?
Tommi: Ende 1979, Anfang 1980 waren wir auf Jamaika, 12
Langhaarige auf Reggae-Tour. Damals waren
Poster schwer angesagt, die Kneipen und Wohnungen waren voll
damit, und auf einem Tisch im "Schwarzen Café" las ich den
Spruch: "Zahme Voegel singen von Freiheit, wilde Voegel
fliegen". Ich habe zu der Zeit viel gemalt
und so kam mir die Idee auch mal ein Plakat zu machen.
Mit Hilfe eines Bildbandes ueber Greifvoegel aus der
Charlottenburger Stadtbuecherei und dem noch anhaltenden
tropischen Gefuehl von Jamaika in den Knochen entstand
das Motiv und wurde direkt umgesetzt.
Also nichts mit Plattencover aus den USA usw., so wie
es in dem Buch "hoch die kampf dem" vermutet wird.
Die erste Auflage wurde in Essen gedruckt und damals
ueber den Regenbogen-Buchvertrieb unter die Leute gebracht.
Eine Mark habe ich pro Plakat verdient.
Knobi: Hast Du das als politisches Plakat gesehen?
Tommi: Ich weiss nicht, was ist nicht politisch? Man wollte
und
will sein Lebensgefuehl ausdruecken. Ich hatte Lust das Plakat
so zu malen, und viele Leute damals wie heute hatten
und haben Lust sich das Plakat an die Wand zu haengen.
Ist doch toll.
Knobi: Hast Du Dich denn politisch betaetigt?
Tommi: Wir haben demonstriert fuer die besetzten Haeuser und
gegen die Atomkraftwerke. Wir haben uns doch eigentlich ueber
alles aufgeregt. Wir hassten fremd bestimmte Arbeit und
machten was wir wollten. In einer Partei war ich
nie, aber auf so mancher Demo.
Knobi: Was haeltst Du davon, dass Dein Plakat kitschig sein
soll? In dem Buch "hoch die kampf dem" schreibt die
Autorin Asea Eckenreich, dass Dein Plakat wohl das bekannteste
ist, und gleichzeitig findet sie es kitschig.
Tommi: Ist doch wohl klar. Es ist das bekannteste Plakat
geworden, weil es kitschig ist. In meinem Wohnzimmer haengt
ein Oelbild mit Herbstlandschaft ich hoere gerne
Hardcore-Country. Aus dem Gefuehl heraus entsteht kreatives,
wer
will sagen was Kitsch ist?
"Zahme Voegel..." ist Kitsch-Kunst, welche vielen Leuten
Freude gemacht hat und vielleicht immer noch
macht. Wie ihr es nennt ist doch egal!
Und anscheinend ist es auch weit rumgekommen. Ein
Freund hat es selbst in Nepal gesehen. Das Motiv wurde
auch auf eine Toreinfahrt eines besetzten Hauses gemalt
usw. Und natuerlich sehr oft nachgedruckt.
Knobi: Was geht Dir durch den Kopf ,wenn Du heute junge
Leute siehst, die das Motiv als Aufkleber haben, oder
als T-Shirt?
Tommi: Dann denke ich, die muessen ja irgendwie so drauf sein
wie ich damals. Bei all den Konsum-Kids laesst das hoffen.
Knobi: Damals wolltest Du ja mit Deinem Plakaten Geld
verdienen, was ja nun nicht so hingehauen hat. Heute
ist Dein Motiv von den "zahmen und den wilden Voegeln" quasi
ein Gemeingut. Wie findest Du das?
Tommi: Damals habe ich mich geaergert, wenn wieder mal so
ein Schwarzdruck auftauchte, und meine eine Mark pro
Plakat floeten war. Heute finde ich es gut, dass es noch immer
im Umlauf ist. Man freut sich doch darueber, wenn
man was gemacht hat, und nach 20 Jahren finden die
Leute es immer noch gut.
Knobi: Es war ja nicht Dein einziges Plakat in dem Buch
ist noch das "Bakery-Plakat" (auf 5.194). Und dann
gab es da noch das Poster "Nur wer den Mut zum
Traeumen hat, hat die Kraft zu Kaempfen"? >2<(1)
Tommi: Ja, ich habe dann noch ein paar mal Motive von mir
drucken lassen, die waren aber nicht so erfolgreich wie
"Zahme Voegel..."
Knobi: Du hast zu der Zeit ja auch viel gemalt, z.B. ein
Bild ueber Brockdorf oder eins mit dem Titel "Deutschland muss
sterben, damit wir leben koennen"?
Tommi: Ja, ich habe einige Bilder auch mit Wut im Bauch
gemalt. Wuerde ich heute noch viel malen bei dieser
Schroeder-Bande gaebe es sicherlich wieder kreative
Wutausbrueche.
Knobi: Wenn Du jetzt so eine Interpretation ueber Dein Plakat
liest, wie das in dem Plakate-Buch "hoch die
kampf dem" geschrieben worden ist, hast Du das Gefuehl, dass es
zerredet wird oder interessiert es Dich
schon was darueber geschrieben wird?
Tommi: Es interessiert mich natuerlich wen jemand meine
Bilder, in diesem Fall das Plakat, kritisiert. Allerdings
finde
ich viele Passagen der Interpretation als bla-bla - in
Anfuehrungszeichen. Das Poster ist aus meinen individuellen
Gefuehlen entstanden, und dient "einzelnen Subjekten" - Zitat
- zu traeumen. Davon haben in 20 Jahren viele Leute Gebrauch
gemacht, that's it! Ich wollte niemand
verhoehnen mit der Aufforderung zu Fliegen. Im Grossen
und Ganzen ist mir der Beitrag von Frau Asea Eckenreich
viel zu kopflastig. Ein bischen Erbauung fuer alle Voegel,
na und! Die Freiheit sollte suesslich sein.
Knobi: Danke fuer das Gespraech.
(1) Dieses Plakat, sowie das "Zahme Voegel"-Plakat
gibt es u.a. noch in der Buchhandlung Schwarze
Risse in Berlin.
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