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Kooperativen in Portugal

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CONTRASTE e.V.

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Aug 10, 1999, 3:00:00 AM8/10/99
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Aus CONTRASTE Nr. 177

KOOPERATIVEN IN PORTUGAL

Aufbruch mit der Nelkenrevolution

Die Nelkenrevolution vom 25. April 1974 war die
Stunde null des heutigen Portugal. Mit ihr entstanden
550 Kooperativen, von denen bis heute
40 ueberlebten. Die meisten sind durch die Politik der
Sozialisten zur Aufloesung gezwungen worden. Sie
gaben das Land an die ineffizient arbeitenden
Latifundistas zurueck.

Martin Dahms, Red. Genossenschaften - Fast 50 Jahre lang
hatten die Diktatoren António de Oliveira Salazar und, ab
1968, Marcelo Caetano jeglichen sozialen und politischen
Fortschritt in Portugal verhindert. Zu Beginn der
Siebzigerjahre war das Land voellig unterentwickelt, spielte
aber weiterhin Kolonialmacht. In Angola, Moçambique,
Guinea-Bissau kaempften nationale Befreiungsbewegungen gegen
die weissen Herren. Portugal steckte bis zu 40 Prozent seines
Staatshaushaltes in den Krieg gegen die eigenen Kolonien;
die jungen Portugiesen mussten vier Jahre Wehrdienst leisten.

Marktwirtschaft statt Diktatur

Als die in Afrika eingesetzten Militaers die
Aussichtslosigkeit
der Lage erkannten, doch von den Machthabern in Lissabon
nicht gehoert wurden, organisierte sich eine Gruppe von
Hauptmaennern in der "Bewegung der Streitkraefte". Ziel der
linken Offiziere: Sturz der Diktatur und Aufbau einer
Demokratie. Ein am fruehen Morgen des 25. April 1974 im Radio
ausgestrahltes Lied des oppositionellen Saengers José Afonso
war Startsignal zum Handeln. Die Menschen stroemten in
Massen auf die Strassen - obwohl sie instaendig aufgefordert
wurden, zu Hause zu bleiben. Aus dem Putsch wurde eine
Revolution.

Eine Blumenverkaeuferin, die an jenem Tag von einem
jungen Soldaten um eine Zigarette gebeten wurde, drueckte
ihm statt dessen eine Nelke in die Hand. Er steckte sie in
den
Lauf seines Gewehrs. Bald waren ueberall Menschen mit Nelken
zu sehen - das Symbol der Revolution war geboren.

Viele Menschen hofften, viele fuerchteten damals, dass
sich Portugal eine kommunistische Gesellschaftsordnung
geben wuerde. Doch bei allen Wahlen siegten die buergerlichen
Kraefte. Zu diesen gehoerten auch die Sozialisten unter
ihrem Fuehrer Mario Soares. Er wollte ein demokratisches,
marktwirtschaftliches System nach westlichem Muster in
Portugal etablieren. Genau das ist schliesslich geschehen.

Landwirtschaftliche Kooperative

Evora ist eine dieser Staedte des Suedens, die dem Besucher
aus dem Norden lauter Rufe des Entzueckens entlocken. Zu
arm fuer Bausuenden, statt dessen allerorts Architektur
gewordene Geschichte: Reste eines roemischen Tempels, gotische
Kathedrale, Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert,
Renaissance-Marktplatz, barocke Universitaet - alles inmitten
eines Gewirrs kopfsteingepflasterter Gassen und weiss
getuenchter Haeuser. Weltkulturerbe.

Die Stadt ist eine steinerne Insel in der Weite des Alentejo
in Suedportugal. Knapp eine halbe Million Menschen leben
hier verstreut auf einem Gebiet, das etwas kleiner ist als
Belgien. Der Alentejo ist arm. Nach dem Pro-Kopf-Einkommen
die aermste Region der Europaeischen Union. Anders als im
Norden Portugals und rund um Lissabon gibt es hier so gut
wie keine Industrie. Die Leute leben von der Landwirtschaft.
Sie leben schlecht davon.

Zwei, drei Kilometer hinter Evora liegt ein einfaches
Anwesen: der Sitz der landwirtschaftlichen Kooperative Margem
Forte. Die einzige Zier des Gebaeudes sind schmale Streifen
himmelblauer Farbe rund um Fenster und Tueren.
Durch einen Perlenkettenvorhang geht es ins Buero. Vor
dem Schreibtisch stehend wartet Francisco Cascabulho: ein
jung gebliebener Sechzigjaehriger mit ruhigen freundlichen
Augen, den die 30 Genossen von Margem Forte zu ihrem
Chef gewaehlt haben.

Vom Landbesetzer zum Genossenschaftler

Die Kooperative ist ein Relikt, eine hartnaeckige Erinnerung
an revolutionaere Tage. Als die Soldaten in Lissabon im April
1974 die alte Herrscherclique zum Teufel jagten, wurden
die Menschen im Alentejo praktisch: Sie besetzten das Land
der Grossgrundbesitzer und machten es zu ihrem. 550
Genossenschaften entstanden in den folgenden Monaten aus
den okkupierten Laendereien. Nur 40 haben bis zum heutigen Tag
ueberlebt.

Francisco Cascabulho haette allen Grund, stolz auf sich
zu sein. Als Landbesetzer hat er vor 25 Jahren die Geschichte
der Revolution mitgeschrieben. Und er hat seinen Teil dazu
beigetragen, dass seine Kooperative ueberlebte. Doch wenn er
erzaehlt, gibt er seinen Worten einen Ton, als wenn das alles
keine grosse Sache waere. "Wir waren Tageloehner. Wir verdienten
elendiglich. Wir bekamen nichts als den Lohn fuer einen
gearbeiteten Tag. Es gab keine Ferien, keine Unterstuetzung,
wenn wir krank waren oder keine Arbeit fanden. Die
Laendereien waren sowieso verlassen, da haben wir sie eben
besetzt. Fuer uns war das legal, die Misere war so gross. Wir
waren unterdrueckt. Wir mussten kaempfen."

Begraebnis durch die Sozialisten

Der Alentejo war und ist eine Region von Latifundien,
Laendereien von 5.000 Hektar Groesse oder mehr. Die Besitzer
waren Feudalherren, einer anderen Kaste zugehoerig als ihre
Landarbeiter. Ihnen fehlte - und fehlt zumeist noch - jeder
Unternehmergeist. Das Land, das ihnen gehoert, ist so gross,
dass es ohne Muehe immer etwas fuer sie abwirft - auch wenn
es noch so ineffizient bewirtschaftet wird. Bis heute muss
Portugal wegen seiner rueckstaendigen Landwirtschaft
Lebensmittel importieren. Die Besetzung des schlecht oder gar
nicht bewirtschafteten Landes vor 25 Jahren war ein Akt der
Befreiung der kleingehaltenen Landarbeiter gegen die Arroganz
der Latifundistas.

Die ersten Revolutionsregierungen unterstuetzten die
frisch entstandenen Genossenschaften. Sie legalisierten die
Landbesetzungen und gewaehrten den Neubauern grosszuegige
Kredite fuer die schwierige Anlaufphase ihrer Betriebe.
Das Glueck waehrte nicht lang. "Die Sozialisten in Lissabon
wollten Schluss mit den Kooperativen machen", sagt Francisco
Cascabulho. "Stueck fuer Stueck wurden wir von unserem Land
vertrieben. Wir hatten 3.000 Hektar besetzt
1980 war das alles wieder in Haenden der Latifundistas."
- Als haette die Revolution nie stattgefunden.

Die Genossen von Margem Forte gaben nicht einfach
klein bei. Sie verhandelten mit dem Grossgrundbesitzer, von
dessen 16 000 Hektar grossen Laendereien sie sich einen kleinen
Teil zu eigen gemacht hatten, und einigten sich schliesslich
auf einen Pachtvertrag fuer 2000 Hektar Land. Im naechsten Jahr
laeuft der Vertrag aus, und noch wissen die Genossen nicht, ob
ihr Betrieb weiterarbeiten kann.

Revolution als Wegbereiter

Hat sich die Revolution gelohnt? Haben sich die Traeume der
Land-Revolutionaere von damals erfuellt? Natuerlich hat es
Frustrationen gegeben, meint Cascabulho, auf dem Wege
seien viele Ziele verloren gegangen. "Dennoch: Alles hat
sich geaendert", sagt er mit einem Mal energisch. "Die ganze
Gesellschaft. Heute haben wir Rechte, die Situation ist
viel besser." Francisco Caramujo meldet sich zu Wort, der
Direktor des regionalen Genossenschaftsbundes. "Wir sind
mit der Revolution aus dem Mittelalter in die Gegenwart
eingetreten", erklaert er. Gewiss, nicht alle Traeume von einer
gerechteren Gesellschaft seien Realitaet geworden. Doch fuer
eine Revolution muessten die Lebensverhaeltnisse in einem
bestimmten historischen Moment unertraeglich sein. "Damals
waren sie es. Heute sind sie es nicht mehr."

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Land der gelebten Utopien berichtet: ueber Arbeiten ohne
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Wirtschaften gegen Ausbeutung von Menschen und Natur,
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