SPASSGUERILLA
Clowns sammeln Unterschriften
"Kann ich hier gegen die vielen Auslaender
unterschreiben?" fragte eine sichtlich aufgebrachte
Frau. "Nein, hier koennen Sie gegen die doppelte
Staatshoerigkeit und fuer die Integration der CDU
unterschreiben", entgegneten die alternativen
Standbetreiber in der Freiburger Fussgaengerzone.
"Gut, wo ist ein Stift?", sprach die Frau und machte
sich sogleich ans Werk.
Benno Herzog, Freiburg - Andere werden gebeten, sich
doch erst einmal durchzulesen, worunter sie ihre Unterschrift
setzen. "Nein, ich weiss Bescheid!" wird ein junger
Mann am Stand der Initiative bruesk zurechtgewiesen.
Inzwischen tauchen Anhaenger der CDU auf und versuchen
die Unterschriftswilligen zu verunsichern: "Des send net
die Rechten. Unterschreibet Se do net." Vom Stand
schallt es zurueck: "Stimmt, wir sind nicht die Rechten,
aber die Richtigen." Das Geplaenkel irritiert den
Unterschriftswilligen nur kurz. Er erwidert gegenueber dem
CDU-Anhaenger: Doch da unterschreib' I jetzt!" Gesagt,
getan.
Nicht nur in Freiburg, sondern in ganz Sueddeutschland, machte
Anfang des Jahres eine Gruppe mit dem Namen C.S.U. "Clowns
sammeln Unterschriften" auf sich
aufmerksam. Tausende Menschen fielen auf ihre Listen
rein und unterschrieben, in dem Glauben, ihre Unterschrift
unter die CDU-Kampagne gegen die doppelte
Staatsangehoerigkeit geleistet zu haben. Der Effekt war
gewollt. Man machte der Oeffentlichkeit klar, dass mitnichten
nur gut informierte Buerger in voller Kenntnis des
CDU-Konzeptes unterschreiben.
Auch die reingelegten Buerger haben vielleicht daraus
gelernt, dass sie sich in Zukunft durchlesen, was sie
unterschreiben. Die Initiative "Clowns sammeln
Unterschriften", musste sich uebrigens nach einer Drohung der
CSU
umbenennen und machte als C.D.U. "Clowns danken
UnterstuetzerInnen" weiter.
Versteckte Aktion
Spassguerilla nennt man solche Aktionen, da sie wie Guerilla
nicht offen agiert, sondern aus dem Hintergrund.
Guerilleros tauchen immer dort auf, wo man es gerade
nicht vermutet und tauchen unter, bevor man sie erwischen
kann. Meist sind es nicht viele, die an solchen Aktionen
beteiligt sind, auch wenn sie auf eine breite Akzeptanz
angewiesen sind. Und der Spass kommt dann, wenn
man eben nicht mit Gewehren kaempft, sondern mit Sprache,
Zeichen, Symbolen und Bildern.
Spassguerilla arbeitet mit gefaelschten Plakaten,
Behoerdenschreiben, oder wie eben beschrieben, mit falschen
Unterschriftenlisten. Das Prinzip ist fast immer dasselbe.
Es wird etwas Bekanntes genommen, leicht umgewandelt, so dass
es auf den ersten Blick nicht als Faelschung zu
erkennen ist, doch nach einiger Zeit entlarvt wird. Denn
auch das Entlarven gehoert zum Erkenntnisprozess. Kritisiert
wird an Spassguerilla, dass dabei oft Menschen reingelegt und
deren Gefuehle verletzt werden. So beispielsweise bei einer
Aktion im Schwarzwald-Baar Kreis, bei der
Schreiben von der "Deutschen Gesellschaft fuer Zivilschutz" in
den Briefkaesten auftauchten. Darin wurde mit
Hinweis auf den Krieg im Balkan unter anderem vor einem
Angriff der jugoslawischen oder russischen Armee
gewarnt und Verhaltensregeln fuer diesen Fall gegeben.
Das Schreiben riet zum Beispiel, den Keller auszumessen
und "einige wichtige Saetze in serbischer und russischer
Sprache" zu erlernen, sowie beim Einmarsch von Bodentruppen
aus den beiden Staaten weisse Bettlaken aus dem
Fenster zu haengen. Doch genau darin liegt die Wirksamkeit von
Spassguerilla. "Wer bei einem solchen Schreiben
Angst empfindet, versetzt sich automatisch in die Situation
von Menschen in Belgrad, fuer die die Angst vor Bomben zum
Alltag gehoeren", erklaert Sonja Bruenzels, die
massgeblich an der Aktion beteiligt war. "Wir haben in
dem Anschreiben auch auf den voelkerrechtlichen Aspekt
des Krieges aufmerksam gemacht. Es waere naemlich voellig legal,
haetten die Russen den Serben beigestanden und
die Natolaender angegriffen."
Etwas moderater verlief dagegen die Aktion von einigen jungen
Herren in der Freiburger Fussgaengerzone. Sie
verteilten serioes wirkende Schreiben, die zum Kauf von
Kriegsanleihen zur Finanzierung des Kampfeinsatzes aufriefen.
Ein fiktiver "Verein zur Foerderung der Bundesregierung e.V"
informierte darin die Bevoelkerung, dass die
Bundesregierung taeglich 5 Mio. DM fuer den Krieg ausgibt. Mit
einem Schmunzeln wurden so Informationen
an Bevoelkerungskreise herangetragen, die sonst vielleicht nie
ein Flugblatt entgegengenommen haetten.
Ueberhaupt ist Spassguerilla immer dann besonders
wirkungsvoll, wenn man mit konventionellen Mitteln,
wie Infostaenden, Flugblaettern und Informationsveranstaltungen
nicht weiter kommt. Das ist in Regionen wie
dem Schwarzwald-Baar Kreis der Fall, wo man z.B. mit
Ueberfaellen von rechten Schlaegergruppen rechnen muss,
wenn man offen auftritt. Das kann aber auch in anderen
Regionen der Fall sein, um ueber das kleine informierte
Klientel hinaus noch Menschen anzusprechen, die sonst
mit Politik nicht viel am Hut haben wollen.
Eine Form der Spassguerilla, die regelmaessig zu Wahlen
auftritt, ist auch das Veraendern von Waehlplakaten.
Mit zusaetzlich eingefuegten Kommentaren soll eine andere
Lesart der Plakate ermoeglicht und die Kandidaten
samt ihrer Sprueche entzaubert werden. Mit Vandalismus
hat das nichts zu tun, aber auch Kuenstler wollen die
"Billboard Bandits" nicht sein. Denn damit wuerde ihr Schaffen
als eine unpolitische Spielwiese abgetan, wie es zum
Beispiel dem legendaeren "Sprayer von Zuerich" passiert
ist: Ende der 70erjahre tauchten nicht nur in Zuerich, sondern
auch in einigen bundesdeutschen Grossstaedten seltsam
geschwungene Strichmaennchen und Fabeltiere auf.
1979 wurde der "Sprayer von Zuerich" verhaftet tauchte
aber vor dem endgueltigen Urteil nach Deutschland ab. In
seiner Urteilsverkuendung erkannte das Gericht die Tat
als eine politische Aktion an, weil er es geschafft hatte,
den "Glauben an die Unverletzlichkeit des Eigentums zu
erschuettern" und verurteilte den Sprayer zu neun Monaten Haft
ohne Bewaehrung. Nach seiner Verurteilung, wurden die noch
verbliebenen Graffiti zur Kunst erklaert und
unter Denkmalschutz gestellt. Uebrigens sind nicht alle
Aktionen der Spassguerilla legal!
Aus "freizeit & kultur", Freiburg, Sept. 1999
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