NEUBEGINN AUF DER FINKENBURG
Wieder Alles moeglich...?
Im Januar 1990 wurde nicht nur das Projekt
Finkenburg geboren, sondern das Leben dort begann
tatsaechlich mit der Geburt eines Kindes. "Die Raeume
waren zunaechst nur notduerftig renoviert, und fuer die
Hausgeburt mussten wir kuebelweise heisses Wasser
nach oben in die Badewanne tragen. Denn nach
7 Jahren Leerstand gab es noch nicht in allen
Badezimmern wieder heisses Wasser" erinnert sich
Andreas, der als Einziger von den PionierInnen
der ersten Stunde noch hier wohnen bleibt.
von Anna Hubach (Finkenburg) - Damals gab es viel Spass und
wenig Anspruch auf der Finkenburg: Eine kleine Gruppe
hatte sich an der Bremer Uni im Rahmen einer
Patriarchatskritik-Veranstaltung kennengelernt und
beschlossen,
zusammen zu ziehen. Der Traum von Kommune schwelte
zwar schon in den Koepfen - es gab auch gemeinsame Kassen
zwischen Einzelnen - teilweise sogar uebergreifend zu
einem befreundeten Projekt. Dank eines gluecklichen Zufalls
konnte die Finkenburg bei einer Zwangsversteigerung
gekauft werden.
Alleinlage vor dem Deich auf einer Warft, weit und breit
kein anderes Haus, und 600 qm Wohnflaeche - relativ gut
in Schuss. Der alte Niedersachsenhof war komplett zum
Bordell umgebaut worden, als der alte Besitzer starb. Seine
Frau sass auf den Schulden und eroeffnete das geplante
Etablissement gar nicht erst. So kommt es, dass in der
Finkenburg ein Luxusartikel im Ueberfluss vorhanden ist, von
dem
andere Projekte nur traeumen: Es gab am Anfang hier 10
Badezimmer. Fuer die Urgruppe war das Haus zu gross, und so
beschloss sie, noch eine zweite Combo zu suchen...
Gesagt getan. So gab es zwei Gruppen auf der Finkenburg. Die
im vorderen Teil hatte eine Menge Spass, die Leute im hinteren
Teil hatten Ansprueche. So getrennt blieben
die WG`s aber nicht lange. Denn durch gemeinsame
Renovierungsaktionen durch regelmaessige Kinderbetreuung
(Aufhebung der Elternschaft war damals das Schlagwort)
und "Techtels" von einer Seite zur anderen, weichten die
Grenzen langsam auf.
Gemeinsam gruendeten dann 6 Leute die Mosterei. 1991
gab es dann den ersten Probelauf. Zunaechst brachten nur
wenige Menschen aus der Umgebung ihre Aepfel zum Entsaften. Am
Anfang gab es eine Menge Pannen, aber die meisten KundInnen
hatten damals Verstaendnis und warteten
oft geduldig, bis der Schaden behoben war. Von Jahr zu
Jahr verbessert und perfektioniert, arbeitet die Mosterei
heute noch in der Apfelsaison und ist mittlerweile sogar von
anderen Gruppen kopiert worden.
Nun kommt der Teil, ueber den die Ansichten der verschiedenen
Leute z.T. weit auseinandergehen. Vor vier Jahren zog eine
von den beiden WG`s komplett aus, nachdem
sich einige Zeit vorher die Gruppen nach Sympathie neu
formiert hatten. Der Grund fuer den Auszug wird
uebereinstimmend von Leuten aus beiden Lagern als Ausloeser
eines
laenger schwelenden Konfliktes beschrieben. Der Streit
entzuendete sich an einer Einzugsfrage, war aber nur
vordergruendig. Fuer einige Leute war es vielleicht einfach der
richtige Zeitpunkt zu gehen. Entscheidend war aber sicherlich
auch die Tendenz von einigen der Zurueckgebliebenen, die
Menschen den Anspruechen anzupassen.
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"Strukturen schaffen ..."
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...wurde das genannt. Auch in vielen anderen sogenannten
Politischen Projekten ist mir die Tendenz aufgefallen, dass
einige "Vorreiter?" einen starken moralischen Druck aufbauen,
um Strukturen zu schaffen, die dem Anspruch p.c.
zu sein genuegen. Besonders die Frauen die das Projekt
verliessen, hatten zuvor lange gegen den Hauptvertreter dieser
Ansprueche rebelliert. Die Zurueckgebliebenen forcierten
jetzt mit doppelter Energie die Schaffung von kommunitaeren
Strukturen.
Als ich im Sommer 1996 einzog, war gerade die
Einkommensgemeinschaft beschlossen worden an der allerdings
zwei Menschen nicht teilnehmen wollten. Alle Einkuenfte
in einen Topf, Ausgaben bis zweihundert DM nach Ermessen,
darueber hinaus nach Absprache. Vermoegensgemeinschaft war zu
diesem Zeitpunkt noch nicht angedacht
- waere auch nicht machbar gewesen.
Denn ein halbes Jahr vorher war die "Biber GmbH", der
biologische Baustoffhandel, eroeffnet worden. 3 Leute aus
der Finkenburg und einer von ausserhalb hatten eine
GmbH gegruendet, und waren mit Hilfe von Einlagen aus ihrem
Privatvermoegen oder Krediten gleichberechtigte
GesellschafterInnen. Der Laden ist im 18km entfernten Verden,
und als ich einzog, sah ich die drei allenfalls ab 19
Uhr abends. Da der Aufbau des Ladens von den "Bibers"
alle Energie beanspruchte, waren sie in der Finkenburg
nur noch zum Essen, zu Plena und m.E. bei Grossbauaktionen.
Von den andern wurde die Roedelei mit Skepsis betrachtet,
zumal keineR mitreden konnte, wenn die drei zusammen waren
und sich alle Gespraeche nur um ihre Arbeit
drehten. Ich glaube, auch das ist in Projekten ein
verbreitetes Phaenomen, zumindest da, wo die Arbeitsplaetze
spezialisiert und /oder ausserhalb sind.
Fuer mich war diese erste Zeit trotzdem schoen und spannend.
Eine Frau hatte meinen Einzug unbedingt gewollt,
vor allem, da ihr Kind zu dem Zeitpunkt das Einzige in der
Finkenburg war, und sie ausserdem ein Pferd hatte. Da ich
zwei Kinder im aehnlichen Alter hatte und zwei Pferde, deckten
sich viele unserer Interessen, und zum grossen Teil unser
Tagesablauf.
Wie in vielen Projekten war abends, wenn die Leute
muede von der Arbeit kamen nach dem Essen in den
Gemeinschaftsraeumen Totentanz. Richtiges Gemeinschaftsgefuehl
kam dagegen waehrend der Mosterei-Saison auf. Zumindest in
meinem ersten Mosten war ein Super Apfel-Jahr. 10 Leute
arbeiteten in Teams von jeweils 3 Leuten in
der Presse. Es waren lange koerperlich anstrengende Tage,
aber es kamen viele Leute auf den Hof, immer war Zeit fuer
ein Schwaetzchen, es war (und ist bis heute) ein Kollektiv,
wie ich es mir vorstelle. Ohne verdeckte Hierarchien, und
ohne Profilneurosesucht Einzelner. Zusammenfassend
kann ich aber sagen, dass in der Finkenburg zu dieser Zeit
nach meiner Ansicht der Wert eines Menschen ueber die
Menge und Effektivitaet seiner Produktivarbeit gemessen
wurde.
Es gab zwar immer wieder Kritik daran, aber wirkliche
Diskussionen darueber kamen nie zustande. Gefuehle wurden
aufgespart bis zu den einmal im Monat stattfindenden
Supervisionsterminen oder zu unpersoenlichen Sachfragen
umgemuenzt. So wurden immer mehr Regeln aufgestellt,
um dem Anspruch "Kommune" zu genuegen und die Illusion von
Gemeinsamkeit aufzubauen - z.B. Frau darf
nicht viel und schon gar nicht gerne Auto fahren, das ist
unoekologisch. Darum wurde der Preis/km immer weiter rauf
gesetzt. Niemand traute sich dagegen zu sein, denn es drohte
der Moralhammer. Die Gruende, warum eine staendig den
Hof verliess, spielten keine Rolle. Streit zwischen Paerchen
war ebenfalls ein Tabuthema, es wurde nur gemahnt, dass
es nicht laut werden durfte.
Ja ich weiss, dass ist bei vielen andern Projekten genauso.
Aber nicht umsonst leeren sich die "politischen" Projekte
zusehens. Ich glaube, in vielen Kommunen ist es so, dass
die (Arbeits)Kraft, die Kreativitaet, der Spass kurz alle
positiven Eigenschaften, die ein Mensch so hat, dem Kollektiv
dienen sollen, Aengste, Einsamkeit, Gebrechlichkeit
Abhaengigkeiten gefaelligst individuell abgehandelt werden
sollen.
Besser waere natuerlich noch, diese Gefuehle waeren gar nicht
vorhanden. So blieb es nicht aus, dass es wieder zu einer
Spaltung kam.
Zunaechst hatten wir noch Suendenboecke: Zwei Maenner
wurden nach langen Disskussionen ausgeschlossen - sie
genuegten nicht den gesteckten Kommuneanspruechen. Ich
war dabei, ich habe die Ausschluesse mitgetragen. Damals
wie heute, finde ich die Ideale
* hierarchiefreies Leben und Arbeiten;
* gemeinsame Oekonomie, um soziale Ungerechtigkeiten
auszugleichen;
* oekologische Lebensweise,
erstrebenswert. Aber es ist ein Fehler zu glauben, eineR
kann Ideale mittragen, weil die Moral oder die
MitkommunardInnen oder der Kommunechef (ach ja, gibt`s ja
nicht)
ihr sagt: "Sei jetzt so wie die Ideale es verlangen.
Verleugne
deine Herkunft, dein Wertesystem und deine Gefuehle."
Nachdem die Suendenboecke aus dem Weg geraeumt waren,
zerfleischten wir uns schliesslich gegenseitig. Im Januar 98
kam es zur klarsten und striktesten Trennung der beiden
Haushaelften, die es je zuvor gab. Zwei Kassen, jede
Gruppe hatte zwei Autos; kein Mitspracherecht mehr bei
Einzugsfragen der jeweils anderen Gruppe. Zunaechst war
die Gruppe in der ich lebte (auf beiden Seiten blieben nur
vier Erwachsene uebrig) der Teilung gegenueber sehr skeptisch
gewesen. Schnell stellten wir aber uebereinstimmend
fest, dass wir sehr viel stressfreier zusammenlebten als
vorher. Leider aber auch immer noch meilenweit von "Kommune"
entfernt. Wir haben eine Einkommensgemeinschaft, es fliesst
auch manchmal Privatvermoegen in groessere Anschaffungen, die
dann gemeinsam genutzt werden
und Hierarchien haben wir auch keine.
Aber als ich damals auszog mit meinen Kindern, um
mit Menschen zu leben, dachte ich dabei an viele Grosse
und Kleine, an gemeinsam arbeiten, Spiele spielen und
Weiterentwicklung. Bei vier Leuten braucht nur einer nicht
da zu sein oder keine Lust zu haben, und schon kannst du
die meisten Spiele knicken. Eine groessere Bauaktion, wie
sie jetzt ansteht, naemlich eine einstuerzende Schuppenwand neu
aufzubauen, oder ein Dach zu decken, mit kleinen Kindern
ebenfalls. Wir hatten auf unserer Seite bisher
nur noch ein groesseres und ein sehr kleines Zimmer frei,
darum waren die Erweiterungsmoeglichkeiten bisher sehr
begrenzt.
Doch die Geschichte wiederholt sich im Sommer 1999,
und die vordere Gruppe zieht aus. Doch diesmal - Ironie
des Schicksals - sind die dabei, die sonst immer geblieben
sind. Wir werden also ab Juli leere Zimmer haben.
Vielleicht gelingt es uns jetzt hierarchiefrei und..... mit
vielen zusammen zu leben und eine Menge Spass zu haben!?! Das
Haus jedenfalls hat es verdammt noetig, dass hier
wieder mehr Leute wohnen, die nicht nur ans Geldverdienen
denken, sondern auch ans Erhalten. Und ich hab es
verdammt noetig, wieder mehr Leute um mich zu haben,
mit denen ich mir die Kinderbetreuung teilen kann, mit denen
ich zusammen quatschen, essen, streiten,lachen,
schmollen, reiten und - wer weiss -, vielleicht sogar mal
zusammen arbeiten kann. Wenn Ihr Interesse habt, meldet
Euch doch bei uns : Finkenburg-Nord, D-27321 Thedinghausen,
Tel. (0 42 04) 14 97
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ChefIn fuer ein selbstbestimmtes Leben, alternatives
Wirtschaften gegen Ausbeutung von Menschen und Natur,
Neugruendungen von Projekten, Kultur von "unten" und viele
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