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[A-Infos] (de) Interview mit Marlon C./pulsar

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Nico MYOWNA

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Jan 26, 2000, 3:00:00 AM1/26/00
to
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A - I N F O S N E W S S E R V I C E
http://www.ainfos.ca/
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Das folgende ist ein e-mail-Interview mit Marlon Carrion C, der bei einer
alternativen Nachrichtenagentur in Ecuador arbeitet
see: www.amarc.org/pulsar
(translated from Spanish)
mar...@pulsar.org.ec (Marlon Carrion)

Hallo Luciano,

tut mir leid, daß ich nicht früher geantwortet habe. Die Lage ist hier
sehr gespannt und die Indigenas rufen zur Solidarität auf, da ihre
Lebensmittelvorräte fast aufgebraucht sind. Sie haben nur noch für morgen,
Donnerstag, genug Vorräte. Ich habe versucht, etwas Obst, Kartoffeln und
andere Sachen auf den Märkten zu bekommen, wo ich Beziehungen habe, aber
die Blockaden der Autobahnen haben verhindert, daß Ware zu den Märkten
kommt. Die Bürger haben sich Gehör verschafft und einiges ist gelöst
worden, aber es bleibt noch viel zu tun.

Frage:
Ich habe die Nachrichten zusammengestellt und veröffentlicht, die du mir
gestern geschickt hast. Ich war etwas überrascht von den Resolutionen des
Nationalen Volksparlaments. Die Forderungen sind sehr unterschiedlich von
dem, was wir hier hören, zB von den Zapatistas. Es hört sich sogar
widersprüchlich an: Zurückweisung der gegenwärtigen Staatsform, die von
einer neuen Regierung ersetzt werden soll, die mehr vom Volk ausgeht. Aber
sie wollen einen starken und wirkungsvollen Staat (das hört sich nach
Neoliberalismus an). Die Frage ist: wie will die neue Form der Regierung,
wie sie das Volksparlament vorschlägt, das neoliberale Modell abschaffen?

Marlon:
Sicherlich muß man die Beziehungen zwischen den internen Kräften, des
Landes im allgemeinen und der Bewegung der indigenen und ländlichen
Bevölkerung sowie der Bevölkerung allgemein in Betracht ziehen.

Nicht alle Indigenas sind für einen Regierungswechsel, die großen
Kapitalisten unter ihnen zB, die in großen Stil Kunsthandwerk exportieren
Die sind ganz zufrieden mit der Dollarisierung und dem Neoliberalismus.
Daher gibt es in der organisierten indigenen Bewegungen verschiedene
Fraktionen:

a) Eine Fraktion, die indigene Positionen vertritt, schließt alle aus, die
nicht indigen sind. Sie sind Puristen und fordern die Rückkehr von
Tahuantinsuyo, also die Rückkehr des Inkareiches. Sie akzeptieren keine
andere Position. Dieser Teil zeigt bisher nicht viel politische
Aktivitäten; sie sind missionarisch.

b) Die am meisten politisch strukturierte Fraktion, die auch eine große
Mehrheit hat, ist die demokratische Fraktion für ein Neues Ecuador. Die
verschiedenen Aufstände und Besetzungen von großen Kirchen war ihr Werk
Von ihnen kommt der Entwurf für das Parlament und die Vorschläge für
politische Reformen. Das schlechte dabei ist, daß diese Fraktion ca 40%
von dem verlor, was sie vorher gewonnen hatten, als sie sich mit der Linie
der demokratischen Partei verbanden. Sie haben die Pachakutik-Bewegung
gebildet und sich von den Sirenengesängen der "Demokratie" verführen
lassen, obwohl es glücklicherweise so aussieht, daß sie anfangen,
Widerstand zu leisten. Heute sagen sie, daß es bewiesen ist, daß mit der
gegenwärtigen Demokratie die Leute keine Alternative haben, so daß eine
Machtübernahme die einzige Lösung ist.

c) Die utilitaristische Position umfaßt die, die die indigene Bewegung als
Bettelbewegung verkaufen, die, die andauernd Geld wollen, selbst für die
Luft, die sie atmen. Die amerikanischen Kontinente sind ausgeplündert
worden, und es wird höchste Zeit, daß das Geld zurückkommt, aber die Hilfe
muß im richtigen Geist und mit Würde gegeben werden, nicht wie einem
Bettler hingeworfen, nicht aus Mitleid. Diese Fraktion arbeitet mit dem
Kosmos der NGOs zusammen.

Sie sprechen von einem neuen plurinationalen und demokratischen Staat, um
Platz für alle anti-neoliberalen Fraktionen zu bieten, die nicht als
orthodoxe Linke eingruppiert werden wollen. Die Vorstellung ist, die
kleinen und mittleren Unternehmer anzuziehen, die schwer in
Mitleidenschaft gezogen worden sind und die bis vor kurzem eine bedeutende
Rolle bei der Entwicklung der nationalen Wirtschaft spielten. Mit dem Big
Business gibt es nichts zu diskutieren.

Wir denken nicht an Autarkie oder eine völlige Zerstörung dessen, was es
im Land gibt, um nochmal ganz von vorne anzufangen, diese Vorstellung ist
nicht akzeptabel. Es wird angenommen, daß die Mittel- und die untere
Klasse der Gesellschaft ein neues Ecuador zustandebringen können.

Eine Politik der Allianzen sollte so vorgehen. Bedenke, daß die Bewegung
der Indigenas und Bauern nicht die eines bewaffneten Konflikts ist,
sondern politisch und das heißt in der Welt der Ideen. Aus diesem Grund
werden Vorschläge von Protesten begleitet.

Frage:
Wenn das Volksparlament so demokratisch ist und seine Basis in
verschiedenen Regionalversammlungen hat, warum hat es einen Präsidenten
und einen Minister? Das schafft in den libertären Gruppen hier viel
Skeptizismus, die sagen, daß so nur ein Präsident von einem anderen
ersetzt wird ... Werden sie am Machtgleichgewicht etwas ändern? Was meinst
Du?

M.:
Selbst wenn ein breites Spektrum der Bevölkerung beteiligt ist und es
demokratisch ist, kann nicht jeder dieselben Verantwortlichkeiten haben.
Gäbe es keinen Direktor/Verantwortlichen, wer könnte der Sprecher für die
Bewegung sein? Vielleicht sollte man nicht Präsident oder Minister sagen,
aber die Vorstellung dabei ist, jemand an der Spitze zu haben; nenn diese
Person Generalsekretär oder Häuptling, wie auch immer. Das ist die
Vorstellung. Nun mußt du noch dabei bedenken, daß die Indigenas in ihren
Gemeinden in Kommunalen Räten zusammenarbeiten, die von einem Präsidenten
geführt werden. Sie akzeptieren diesen Titel.

[Das englische Wort "president" kann nicht nur mit Präsident übersetzt
werden, sondern bedeutet auch soviel wie "Vorsitzender". Die englischen
Übersetzungen sind alle von spanischen Originalen vorgenommen, und
zumindest im Lateinischen bedeutet "prä-sedere" ebenfalls u.a.
"vorsitzen". I]

Wenn Jamil Mahuad stürzt, wird nicht ein Präsident durch den anderen
ersetzt werden. Der Plan ist, einen zivil-militärischen Rat zur Nationalen
Rettung zu etablieren. Warum das Militär? Sie haben die Waffen, d.h. die
Macht zum bewaffneten Kampf. Abgesehen davon hat die Rechte ihre
paramilitärischen Gruppen und wenn wir nicht auf die progressiven Militärs
zählen können, dann wird diese kleine Revolution unmöglich. Bedenke, daß
wir ein unbewaffnetes Volk sind.
Wie ich dir bereits sagte, unterscheidet sich das Militär in Ecuador von
dem in Peru, Chile oder Kolumbien. Unseres ist nationalistischer. Es gibt
eine Fraktion, die gegen die Privatisierung der Ölindustrie und der
staatseigenen Unternehmen ist, da dies als Volkseigentum betrachtet wird
und nicht als Privatbesitz.
Geh nun bitte nicht davon aus, daß ich das Militär heiß und innig liebe;
das ist nicht so. Das Militär hält sich für eine besondere Kaste aber an
diesem Punkt der politischen Entwicklung ist ihnen klar, daß gewisse
Bündnisse nötig sind.

Frage:
Wenn du die indigene Bewegung mit der Zapatista-Bewegung vergleichst, wo
siehst du Ähnlichkeiten bzw Unterschiede?

Marlon:
Zunächstmal sind die Zapatistas eine bewaffnete Gruppe, die bis jetzt in
ihre Reihen keine Mestizen, Schwarze oder Stadtbewohner aufnehmen. Als
Militante, meine ich. Natürlich, soweit es um Unterstützung und
Solidarität geht, sind sie offen. Weißt du, daß bevor sie auf der Szene
erschienen, die Zapatistas die indigene Bewegung in Ecuador studiert
haben? Diese Bewegung hat ihre Anfänge in den 60er Jahren, während sie in
den 90er Jahren entstanden.
Ich meine, das Ziel der Zapatistas ist nicht die Übernahme der
Regierungsmacht, sondern daß ihr Erbe, ihre Gebräuche und Kultur anerkannt
werden soll und daß sie ein gewisses Maß an Autonomie in ihrer
geographischen Region haben wollen.

Auf der anderen Seite sehen die Indigenas in Ecuador die Übernahme der
Macht durch Bündnisse, zusammen mit aktiver und starker Beteiligung
anderer Teile der ecuadorianischen Bewegung, als dauerhaftes Ziel. Ich
hoffe, alle deine Fragen beantwortet zu haben. Wenn du möchtest, kann ich
ein methodischeres und detaillierteres Statement für dich vorbereiten, daß
die Organisation dieser Bewegung darstellt. Ich bleibe in Kontakt,
brüderlich,

Marlon Carrion C.

Translation; As...@anarch.free.de
I-A...@anarch.free.de


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