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5-Minuten zu Faschismus

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junge linke e.V.

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Jan 29, 1999, 3:00:00 AM1/29/99
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>> /Die 5-Minuten-Analyse/
>> /von Junge Linke, 'ne tolle Idee!/

Am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

Wie Deutschland sich von Auschwitz befreit:

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Vernichtungslager
Auschwitz-Birkenau. Hier, in den anderen Vernichtungslagern und durch
die massenhaften Erschießungen hatte Nazi-Deutschland versucht, alle
Menschen, die als Juden sortiert wurden, umzubringen. Dies war ein
gleichberechtigtes Kriegsziel neben der Eroberung anderer Länder und der
Zerschlagung der Sowjetunion, zum Schluß sogar das Wesentliche.
Angekündigt hatte Hitler bereits 1939: "Wenn es dem internationalen
Finanzjudentum ... gelingen sollte, die Völker Europas noch einmal in
einen Weltkrieg zu stürzen, dann würde das Ergebnis nicht die
Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern
die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa"(1). Dafür setzte der
deutsche Staat alles in Bewegung, von A wie Arbeitsamt bis Z wie
Zulassungsstelle. Solange deutsche Soldaten kämpften, ging der Mord an
den Jüdinnen und Juden, den Roma und Sinti, und die brutalen, oft
tödliche Über-Ausbeutung der "Fremdarbeiter" weiter. Zum einen waren
alle Teile der Gesellschaft in das Kriegsprogramm der Nazis integriert,
zum anderen haben Hitler & Co weder die Vernichtungslager, noch einen
Vernichtungskrieg (Massenerschießungen, tödliche Deportationen und
Zwangsarbeit) alleine machen können. Es war ein deutsches Projekt.

"Wir haben nichts davon gewußt!", hat es nach 1945 geheißen. Das ist
eine doppelte Schutzbehauptung: Die ganz normalen Deutschen hätten
durchaus wissen können und wußten oft auch, was da passierte. Vor allem
aber wäre ohne ihr Mitmachen ein solches Vernichtungsprogramm gar nicht
möglich gewesen. Das heißt nicht, daß alle Deutschen fanatische
Antisemiten oder begeisterte Nationalsozialisten gewesen wären. Das ist
augenscheinlich auch gar nicht nötig. Ein Haufen ordentlicher
StaatsbürgerInnen, die für ihren Staat sind, egal was der macht plus
eine große Anzahl von Antisemiten plus die entsprechende Führung sind
ausreichend. "Die Verfassung der Massen [im NS - Anm. v.m.] besteht eher
in der Indifferenz [Gleichgültigkeit - Anm. v.m.] von kalkulierenden
Warenbesitzern, die weder der Todesmaschinerie in den Arm fallen, noch
allzu sehr auffallen wollen" (Detlev Claussen: Grenzen der Aufklärung,
S.23). Soweit die Fakten.

Es geht nie um Auschwitz, es geht immer um Deutschland
Das alles ist schrecklich, und wirft einige Fragen auf. Wie kamen die
Nazis darauf, eine jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung gegen
Deutschland zu halluzinieren? Wie kamen die Deutschen darauf, diese
Partei an die Regierung zu wählen? Wie konnten all die netten Opis und
Omis einfach mitmachen? Warum gab es in Deutschland keine Partisanen
oder keine handfesten militärischen Widerstand wie anderswo, sondern
nur ein Attentatsversuch von Offizieren, die den Krieg gewinnen und
darum (und nur darum!) Hitler stürzen wollten ("20.Juli"). Warum wollten
so wenige etwas gegen das Vernichtungsprogramm der Nazis tun, und warum
haben noch weniger es getan (z.B. Sabotage wie die Edelweißpiraten, oder
Spionage wie die Rote Kapelle). Aber das sind gar nicht die Fragen, die
in Deutschland diskutiert werden. Statt Auschwitz zu erklären, wird es
dem deutschen Nationalismus dienstbar gemacht.

"Das Gedenken an Auschwitz wird instrumentalisiert" hat auch Martin Walser
in seiner Rede zum Friedenspreis des Deutschen
Buchhandels erklärt, neben viel anderem dummen Zeug. Aber er meint das
anders: Angeblich wird Auschwitz von Leuten, die den Deutschen ein
schlechtes Gewissen einreden wollen, instrumentalisiert. Walser sagt das
nicht mal eben so. Nachdem in den 80er Jahren Historiker bereits behauptet
haben, die Nazis hätten bei Stalin abgekupfert, nach den antisemitischen
Reaktionen auf die Thesen von Goldhagen, nach den schwarzbraunen
Protestdemonstrationen gegen die Wehrmachtsausstellung, nach dem Einzug
der faschistischen DVU in den Landtag von Sachsen-Anhalt und der
Ausbreitung "national befreiter Zonen" in Ostdeutschland fällt Walser nur
eins ein: Auschwitz wird instrumentalisiert. Stimmt. Von ihm und anderen.

Deutschland befreit sich von Auschwitz I:
Ableugnen und Relativieren
Neben der ganz schlichten Methode, einfach zu behaupten, das alles sei
eine Erfindung, gibt es viele Methoden, Deutschland reinzuwaschen.
Beliebt sind da Methoden wie: "auch andere Völker haben Dreck am
stecken", was der Kindergartenlogik folgt, daß wenn zwei etwas machen,
es nur noch halb so schlimm sei. Jenseits dessen, daß die Vergleiche
zumeist nicht hinhauen. Wieder zu Ehren gekommen ist der Vergleich zum
Staatssozialismus: Das "Schwarzbuch des Kommunismus" hat die Toten aus
Bürgerkriegen, Hungersnöten und Erschießungen zusammengerechnet, ist auf
100 Millionen Tote gekommen, und findet den Kommunismus darum viermal
schlimmer als den Nationalsozialismus. Und der Hinweis auf die zwei
"Unrechtsregime" (gemeint sind das 'Dritte Reich' und die DDR) ist ein
fester Bestandteil, um die ostdeutsche PDS in die Nähe der Nazis zu
rücken. Immer wieder errechnet dann auch jemand, daß es "nur" vier oder
drei oder zwei Millionen gewesen sind, die umgebracht wurden. Auch
beliebt ist der Verweis darauf, wie schlecht Israel die Palästinenser
behandelt und wenn die Opfer keine besseren Menschen sind, dann ist
die Tat in den Augen mancher wohl auch nicht mehr so schlimm.

Deutschland befreit sich von Auschwitz II:
Verdrängen durch Gedenken
In den letzten Jahren ist neben dem, Relativieren auch das Gedenken mehr
in Mode gekommen. mit dem Hinweis, man gedenke ja nun, weist man
gleichzeitig alle Kritik von sich und verbittet sich jede Einmischung
des Auslands und besonders der Juden. Schon gar nicht will man sich
reinreden lassen, wie nun zu gedenken sei: Am Ende wird noch ein Stück
besten Berliner Baugrunds nur für eine Gedenkstätte geopfert. Mit dem
Hinwies auf das Gedenken, mit dem Stolz auf die Scham, die man empfindet
weist man zugleich jede Konsequenz aus der Nazi-Zeit zurück: Während
alle Anne Franks Tagebuch lesen, werden Menschen jeden Tag in Folter,
Hunger und Bürgerkrieg abgeschoben. Während der Bundespräsident Yad
Vashem besucht, wehrt sich das ostdeutsche Dorf Gollwitz gegen jüdische
Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. Und der Hinweis, man habe nun
aber genug...., den kriegen auch Leute zu hören, die Entschädigung für
Zwangsarbeit verlangen, oder Schadensersatz für Versicherungspolicen und
Konten, die die Banken damals einkassiert haben.

Deutschland befreit sich von Auschwitz III:
Auschwitz als Auftrag
Und das geht so: Gerade weil die Deutschen vom Faschismus befreit wurden
und Auschwitz nicht selber beendet haben, können sie nicht
zurückstecken, wenn es gilt, anderen Völkern zu helfen. Der 'Völkermord'
an den europäischen Juden muß als Grund dafür herhalten, daß der
Rechtsnachfolger des Deutschen Reichs seine von Wehrmachts-Generälen
aufgebaute Bundeswehr in Bewegung setzt, um Wiederholungen zu
verhindern. Brillant. Wer möchte sich schon nachsagen lassen, aus der
deutschen Geschichte nichts gelernt zu haben?
Die Grünen und die linken Sozis haben Deutschland 1968 ff. zivilisiert,
denken sie. Das ist das einzige, woran diese ehemaligen Linken, die
heute so gerne mit SPD, FDP und CDU kuscheln, vergangenheitsmäßig
erinnert werden möchten. Weil andere Weltgegenden keine 68er gehabt
haben, muß die so verwandelte BRD Frieden und Menschenrechte überall
durchsetzen. so nützt die faschistische Vergangenheit ganz aktuellen
Interesse und Zielsetzungen: gegen den Irren von Bagdad, den Wahnsinnige
in Belgrad und so andere angebliche Wiedergänger Hitlers.

Gedenken als Nationalfeier
Die ganze Erinnerungskultur soll ein Kompliment für Deutschland sein.
Genau für jenen Staat, der bis 1989 die Ergebnisse des II. Weltkriegs in
Frage gestellt hat. Genau für jenen Staat, dessen Zentralbank die
Gewinne aus dem Verkauf des Zahngolds der vergasten Juden in DM
umgewechselt hat. Genau für jenen Staat, dessen Oberstes Gericht
geurteilt hat: "(...) die Bundesrepublik ist also nicht
'Rechtsnachfolger' des Deutschen Reichs, sondern als Staat identisch mit
dem Staat 'Deutsches Reich'"(2). Die BRD wollte immer beides sein:
Deutschland und die einzig zulässige und erfolgreiche Lehre aus der
deutschen Geschichte. Mit der antifaschistischen Erziehung, Abteilung
West soll immer eins erreicht werden: Identifikation mit der BRD. Worauf
dabei jeweils Wert gelegt wird, ist davon abhängig, was jeweils
für das hervorstechendste Argument für die Bundesrepublik Deutschland
gehalten wird. Wer vor allem ihr politisches System für das besondere
Gütezeichen hält, betont die Differenzen zwischen Deutschem Reich und
BRD, und kann im Vergleich von faschistischer und demokratischer
Politik nur eins entdecken: Lauter Gegensätze!.
Wer dagegen der BRD primär zu Gute hält, daß sie ein deutscher
Nationalstaat ist, wird in Angriffen auf Institutionen, die es auch in
der BRD gibt, den Angriff auf den deutschen Staat und dem ihm
zustehenden Gehorsam seiner BürgerInnen vermuten Bei all den
Kontinuitäten von BRD und Deutschem Reich, kann an letzterem nicht alles
schlecht gewesen sein. Und weit und breit vermögen die Vertreter dieses
Ansatzes keinen Grund zu sehen, warum dem Deutschen Reich nun
angekreidet werden sollte, was bei anderen Staaten angeblich oder
wirklich Gang und Gäbe war und ist. Wer "die Deutschen" in erster
Linie als "Schicksalsgemeinschaft" (Schäuble) betrachtet, statt sie in
eine Gemeinschaft freiwilliger VertragspartnerInnen umzulügen, wird von
ihren Angehörigen Unterordnung und Begeisterung ganz abstrahiert vom
jeweiligen politischen System oder der jeweiligen Regierungsmannschaft
erwarten.
Natürlich ist Deutschland heute kein faschistischer Staat. Das ist
augenscheinlich für viele Schweinereien auch gar nicht nötig. Weder sind
Demokratie und Faschismus - und der Nationalsozialismus ist die
radikale, deutsche Variante des Faschismus - das gleiche, noch heißt
das, daß bürgerliche Demokratie deswegen harmlos wäre

Die einzig richtige Lehre aus Auschwitz: Deutschland abschaffen
und alle anderen Nationen auch.

"Der Mangel an Rücksicht aufs Subjekt macht es der Verwaltung leicht.
Man versetzt Volksgruppen in andere Breiten, schickt Individuen mit dem
Stempel Jude in die Gaskammer"(3)
Solange es Herrschaft gibt, solange es Kapitalismus gibt, solange ist
nicht nur Auschwitz weiterhin möglich, sondern finden auch andere Formen
der Brutalität und des Terrors weiterhin statt. Solange es Staaten gibt,
die um den Reichtum der Welt konkurrieren, solange wird es auch Leute
geben, die alle - wirklichen oder eingebildeten - Feinde ihres Staates
bekämpfen oder umbringen wollen. solange Leute sich als Volk fühlen,
werden sie immer mit Begeisterung gegen "Volksfeinde", gegen die, die
nicht mitmachen wollen, zusammenrotten. solange es einen Staat gibt, der
über Leib und Leben seiner BürgerInnen verfügt - bis hin dazu, daß er
sie zum Ausländer umbringen in den Krieg schicken kann - solange ist der
Gewaltapparat da, mit dem Vernichtungslager und Abschiebeknäste
eingerichtet werden. Solange Menschen nichts zählen, außer als
Arbeitskraftbehälter und Menschenmaterial für Staatszwecke, solange
sind die Voraussetzungen von Auschwitz da. Wer es ernst meint mit der
Erinnerung, der darf nicht bei ihr stehen bleiben.

(1) Rede Hitlers vor dem Reichstag am 30.1.1939
(2) Entscheidung des BVerfG vom 31.7.1973. Abgedruckt in:
Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts. (BVerfG), Bd. 36, S. 16/17
(3) Adorno/Horkheimer: Dialektik der Aufklärung. FaM: Fischer 1988,
S.212.

>>> Junge Linke / JungdemokratInnen Bremen
Kontakt über JungeLin...@topmail.de

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