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Kritik Wehrmachtsausstellung

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junge linke e.V.

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Feb 3, 1999, 3:00:00 AM2/3/99
to
>> Verbrechen lohnt sich nicht!

>> Wie die Wehrmachtsausstellung sich um die Kritik an
>> Krieg und Faschismus drückt

Die WMA hat sowohl Betroffenheit hervorgerufen als auch eine breite
Auseinandersetzung mit Krieg und Faschismus angeregt, indem sie den von
der Wehrmacht 1941 bis 1944 verübten Terror und Massenmord dokumentiert.
Die Debatte macht sich in erster Linie an der Ausstellung selbst, ihrem
programmatischen Titel: Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941
bis 1944 und den Ausstellungsstücken fest. Der Streit zwischen den
Verteidigern der Ausstellung und ihren Gegnern wird darum geführt, ob
die gezeigten Dokumente die Taten als Taten der Wehrmacht erkennen
lassen und, wenn dies zugestanden wird, ob es sich dabei um Verbrechen
handelte. Die Kontrahenten der Ausstellung beharren darauf, daß das, was
die Ausstellung als die Legende von der sauberen Wehrmacht widerlegen
will, gar keine Legende sei, sondern die Wahrheit. Die Ausstellung
stellt dementgegen dar, daß die Taten der Wehrmacht verschwiegen und
vertuscht und daß in der Nachkriegszeit Legenden gebastelt wurden. Sie
bewirkt Betroffenheit und zwingt zur Kenntnisnahme der Fakten. Doch
weder die Ausstellung selbst noch diese Debatte weisen über die
Forderung nach korrekter Dokumentation von Tatsachen hinaus kaum einer
fragt, warum die Legende von der sauberen Wehrmacht gebastelt wurde.
Der Zweck der Legendenbildung wird ebensowenig zum Gegenstand der
Auseinandersetzung wie der besondere Zweck, den der faschistische Krieg
hatte.
In der WMA wird das Interesse, eine Armee in diesem Fall die Wehrmacht
als eine saubere Sache darzustellen, nicht thematisiert: Eines der
Druckmittel, die Staaten zur Durchsetzung ihrer Interessen gegen andere
Staaten nutzen, ist ihre militärische Stärke. Ihr Militär wollen Staaten
als notwendigen Bestandteil ihrer selbst akzeptiert wissen. Diese
Akzeptanz versuchen sie nicht nur durch Verweis auf die Nützlichkeit der
Armee beim Kampf mit Naturgewalten oder die Dringlichkeit ihrer
,Friedensmissionen zu erhalten, sondern auch unter Berufung auf eine
lange und saubere Tradition der nationalen Armee. Dazu aber muß davon
abstrahiert werden, daß Krieg generell eine grausame Angelegenheit ist,
und daß diese Grausamkeit zumeist Morde und Vergewaltigungen
einschließt. Als eine solche Abstraktion war die Legende von der
sauberen Wehrmacht, die die Greueltaten des faschistischen Krieges der
SS zuschreibt, in der Nachkriegszeit grundlegende Bedingung für die
Rechtfertigung der Bundeswehr.
Über die Tatsache, daß Kriege und Armeen zu den ganz normalen Mitteln
und Bestandteilen von Staaten rechnen, schweigt die WMA. Vielmehr meint
sie an einem gegebenen Kriterium, der Haager Landkriegsordnung, den
verbrecherischen Krieg der Wehrmacht unterscheiden zu müssen von
normalen Kriegen, die von sauberen Armeen geführt werden. So verweigert
die WMA der Wehrmacht die Rechtfertigung, die für alle anderen Kriege
und Armeen überhaupt nicht in Frage zu stehen scheint. Die WMA
kritisiert nicht Krieg überhaupt, sondern nur Vernichtungskrieg , das
vermeintliche Spezifikum des Krieges der deutschen Wehrmacht zwischen
1941 und 1944.
Der Ausstellung geht es darum, die Glaubwürdigkeit der deutschen
Vergangenheitsbewältigung besser zu gewährleisten. Vermittels der
Verurteilung der Taten der Wehrmacht als Verbrechen soll gezeigt
werden, daß die Deutschen sich den Maßstab einer internationalen
Vereinbarung, wie normale Kriege auszusehen haben, mittlerweile zu eigen
gemacht haben. Das gibt in den Augen der Aussteller ein besseres Bild
der neuen BRD ab als ein Festhalten an den nunmehr mit Bildern des
Schreckens widerlegten Legenden, die in den Nachkriegsjahren so eifrig
geschmiedet wurden.
Die Nazis reagieren in verschiedener Weise auf die Widerlegung der
Legenden. Manche gestehen die Taten der Wehrmacht nicht nur ein, sondern
halten ihr Vorgehen und dessen Ziele für richtig: Deutsche Soldaten,
Heldentaten! Andere leugnen das Geschehen und behaupten nach wie vor,
die Bilder seien gefälscht. Die gängigste rechte Replik lautet, das habe
nicht die Wehrmacht getan, sondern die SS oder nur einzelne Soldaten
ohne Befehl von ganz oben die Institution Wehrmacht soll reingewaschen
und die Schuld an andere Stelle geschoben werden. Die letzte Variante
macht sich denselben Maßstab zu eigen wie die WMA, umstritten ist nur
das richtige Deutschlandbild: Nach Auffassung der Nazis stellt sich
Deutschland mit einer reingewaschenen Wehrmacht besser dar als mit einer
für schuldig befundenen.
Mit der Schuldzuweisung macht die WMA die Haager Landkriegsordnung nicht
nur zum Kriterium der Verurteilung der Taten der Wehrmacht als
Verbrechen , sondern darüber hinaus zum Kriterium ethischer
Verwerflichkeit. Eine solche Landkriegsordnung dient jedoch nicht dazu,
Kriege zu verhindern, sondern Kriegen die somit stillschweigend
gebilligt werden Regeln zu geben. Dazu, wie jeder Mensch sich
vernünftigerweise verhalten wollen kann, steht Krieg überhaupt im
Widerspruch. Die WMA kritisiert aber nicht Krieg überhaupt, sondern nur
solche Kriege, die nicht nach den normalen Spielregeln ablaufen sie
mißversteht diese Kriegsspielregeln als Maßstab vernünftigen Verhaltens
und als staaten- und interessenübergreifendes Recht im Interesse der
Menschheit. Dieses Recht ist aber nur von einigen Staaten untereinander
festgelegt und von keiner außer der siegenden Gewalt garantiert, und
zwar genau solange, wie sie selbst Interesse daran hat. Eine
Landkriegsordnung entspringt nicht einem Interesse der Menschheit,
sondern dem Interesse, wohlgeordnet Krieg zu führen.
Die kriegerische Auseinandersetzung ist ein durchaus eingeplantes Mittel
der Austragung von Interessenkonflikten zwischen bürgerlichen Staaten,
und jeder Staat behauptet eine saubere Armee zu haben, mit der er
gegebenenfalls einen ganz normalen Krieg macht. Ein internationales
Abkommen zwischen Staaten, die Krieg in ihre strategischen Überlegungen
einbeziehen, dient nicht nur dazu, sich gegen spätere Anschuldigungen,
der Krieg sei nicht sauber gewesen, zu versichern, sondern ist den
Interessen, die einen Krieg zwischen in Konkurrenz zueinander stehenden
kapitalistischen Staaten motivieren, geschuldet: Diese Interessen sind
,normalerweise politische, territoriale, geostrategische oder andere
ökonomische. Wenn nicht gewisse Bestandteile des gegnerischen wie des
eigenen Staates von Kriegshandlungen verschont blieben, wäre die
Absicht, das Eroberte zum eigenen, letztlich ökonomischen Gewinn zu
nutzen, nicht mehr zu verwirklichen. Ein solches Kalkül motiviert
Vereinbarungen wie das Haager Kriegsabkommen: Die gewaltsame
Auseinandersetzung gestatten Staaten sich gegenseitig, aber eben nur in
gewissem Rahmen. Bis einer der beiden Gegner aufgeben muß oder doch dazu
bereit ist, ist die Vernichtung von soldatischem Menschenleben und
Kriegsmaschinerie erlaubt, um den politischen Willen des je anderen zu
brechen. Vernichtung ist in jedem Krieg einem Staat Mittel zum Zweck,
den eigenen politischen Willen durchzusetzen, indem er den anderen zur
Kapitulation bewegt.
Die WMA verharmlost Krieg, wenn sie, dies ignorierend, den Krieg der
Wehrmacht 1941 bis 1944 als Vernichtungskrieg gegen andere, normale
Kriege abgrenzt. Weil sie sich nicht um die Gründe kümmert, aus denen
Staaten Kriege anzetteln, verfehlt die WMA letztendlich die Besonderheit
des faschistischen Krieges. Jeder Krieg stellt den Versuch dar, die
Machtmittel des gegenerischen Staates und damit notwendigerweise Teile
seiner Bevölkerung zu vernichten. Das eigentümliche Kriegsziel der
Faschisten war die Vernichtung der ,Juden als des personifizierten
Bösen. Zudem war die Versklavung der als minderwertig betrachteten
,slawischen Untermenschen zusammen mit der Kolonisierung Osteuropas
durch die ,germanische Herrenrasse beabsichtigt. Diese Ziele gehen über
den ganz normalen Wahnsinn von Kriegen zwischen kapitalistischen Staaten
hinaus. Andere Kriegsziele hatte der faschistische Krieg mit den als
,normal klassifizierten Kriegen durchaus gemein, so die Absicht, den
sowjetischen Staatssozialismus als permanente Bedrohung der eigenen
Herrschaft zu zerschlagen.
Die WMA benennt zwar die besonderen faschistischen Kriegsziele doch
nur, um sie ebenso wie die Taten der Wehrmacht als verbrecherisch zu
betiteln. Die Besonderheit im Verstoß gegen internationales Recht zu
sehen, ist zu kurzsichtig. Doch die eigentliche Besonderheit der
faschistischen Kriegsziele zu erfassen erforderte, über Kriegsziele
überhaupt nachzudenken, was auf eine Staatskritik hinausliefe. Und es
erforderte, die Kriegsziele des faschistischen Staates als dessen
Bestandteil zu begreifen das hieße Faschismusanalyse. Beides wollen
die Aussteller vom IFS nicht leisten. Stattdessen zeigt die WMA Bilder
des Schreckens. Bilder können Betroffenheit auslösen und eine
Auseinandersetzung mit Faschismus anregen, aber Analyse und Kritik des
Faschismus nicht ersetzen, denn was Faschismus ist, ist nicht zu sehen,
sondern nur zu begreifen. Und nicht nur, daß die WMA lediglich betroffen
macht, ist zu kritisieren: Zudem verharmlost sie den ,normalen Krieg,
indem sie den faschistischen nur gemessen an den internationalen
Spielregeln für Kriege verurteilt. Und sie verharmlost den
faschistischen Krieg, indem sie ihn lediglich als regelwidrig und
besonders grausam darstellt. Die WMA benennt zwar die besonderen
Kriegsziele der Faschisten, aber regt keine weitere Kritik des
Faschismus an.
Eine Analyse des Faschismus, die kein einzelnes Flugblatt leisten kann,
sowie eine Analyse des nachfolgenden Staates fehlen im
Ausstellungskonzept. Eine Auseinandersetzung mit der deutschen
Vergangenheit, die darauf verzichtet, muß in bornierter Betroffenheit
befangen bleiben. Entsprechend dient die WMA tatsächlich
der Bewältigung der Vergangenheit: Indem Geschichte wie Gegenwart des
deutschen Staates unbegriffen bleiben, wird gerade nicht erreicht, daß
so etwas nicht sich wiederhole.


>>> junge linke niedersachsen (WMA-AG)

Kontakt: junge linke NDS, Borriesstr.28, 30519 Hannover
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