_Anarchismus und soziale Frage_
`Soziale Frage' - sachlich und harmlos klingt der Titel unserer
AG. Sollte es nicht besser `... und soziale Empoerung' heissen:
Empoerung gegen Ungerechtigkeit, Ausgrenzung und Benachteiligung
von Menschen unterschiedlichster Gesellschaftsgruppen auf der
einen, und gegen Egoismus, wachsendem Reichtum und Verschwendung
auf der anderen Seite? Doch verkehrt ist ein fragender, suchender
Blick nicht, und ich erlaube mir als kritischer Utopist, mit
Fragen an anarchistische Gesellschaftsvorstellungen zu beginnen.
Gibt es im Anarchismus eine soziale Frage? Muss auch der
Anarchismus sich nach gerechter Verteilung von Lebensmitteln und
Lebensmoeglichkeiten befragen lassen? Wer sich die
herrschaftsfreie Gesellschaft als Kommunismus verwirklicht denkt,
wo Geld und privates Eigentum abgeschafft und alle fuer und von
der Gemeinschaft leben, der mag der Meinung sein, dass sich im
Anarchismus die soziale Frage eruebrigt.
Es gibt Gruende, die dagegen sprechen:
1) Auch die Guetergemeinschaft muss sich ueber Traditionen und
Regeln verstaendigen nach denen Arbeit und Konsum und Ent-schei-
dungsrechte verteilt wer-den. Dabei werden bestimmte Gruppen
und Personen bevor-zugt und andere benachteiligt. Kampf und
Verstaendigung ueber Bilder und Vorstellungen von sozialer
Gerechtigkeit, an denen die Gemeinschaft ihre Be-ziehungen und
ihren Austausch gestaltet, enden auch im Kom-munismus nicht.
2) Zur anarchistischen Grundfrei-heit gehoert, seine Beziehungen
frei zu waehlen und keiner Zwangsbeziehung unterworfen zu sein.
Gilt dies, dann laesst sich der Anarchismus nur als plura-
listische Gesellschaft vorstellen, in der unterschiedlichste
Ge-meinschafts- und Beziehungs-formen nebeneinander und mit-
einander existieren.
Es gibt auch keine Berechtigung, nur eine bestimmte Lebensweise,
etwa die der Grosskommune, anzuerkennen und individuelle oder
kleingemeinschaftliche Lebensweise abzulehnen. Vielleicht werden
die sozialen Beziehungsformen in Zukunft vielfaeltiger und
Menschen werden meheren Beziehungsnetzen mit Unterschieden in
Naehe und Verbindlichkeiten angehoeren und auch haeufiger ihr
Beziehungsnetz veraendern und umgestalten.
Das wirft soziale Fragen auf:
- Welche sozialen Ansprueche und Pflichten bestehen zwischen den
verschiedenen Gemeinschaften und Beziehungsverflechtungen?
- Was steht jemanden zu, der eine Beziehung aufkuendigt?
- Welche sozialen Ausgleich und Schutz koennen Menschen sich
schaffen, die nicht in einer gro-ssen Gemeinschaft leben wollen?
3) Jede Gesellschaft, auch eine an-archistische-kommunistische
Gesellschaft, muss Nutzungs- und Entscheidungrechte und
Verantwortungspflichten auftei-len, denn kein Mensch kann oder
will alles mitentscheiden und mitverantworten. Soziale Frage
umfasst mehr als die Frage nach Arbeit, Einkommen und
Krankenkasse. Nicht weni-ger wichtig ist, seine Lebens-raeume
bestimmen und gestalten zu koennen und die Abhaengigkeit als
MieterIn, `abhaengig Be-schaeftigte/r' und Staatsuntertan
abzuwerfen. Eine anarchistische Gesellschaft sollte sich
dadurch auszeichnen, dass Entschei-dungsbefugnisse
dezentralisiert sind. Damit stellt sich die Frage, wie
Entscheidungsrechte ueber Land, Haeuser, Produktionsmit-tel und
Infrastruktur sozial ge-recht verteilt werden.
4) Manche wuenschen sich einen Anarchismus nach dem Lied von der
blinden Katharina `wir werfen einfach alle Regeln fort'. So gut
es ist, sich von einen-genden, bedrueckenden Vor-schriften und
Traditionen zu be-freien - so ist doch zu erwarten, dass ein
Beziehungsnetz ohne Regeln sozialen Ausgleichs in krasser
Ungleichheit endet. Wer bevorteilt ist, und sei es auch nur in
persoenlichen Faehigkeiten, hat eben mehr Moeglichkeiten neue
Vorteile zu gewinnen. Daher ist zu erwarten, dass die im Kapi-
talismus zu beobachtende `Ak-kumulation' (Anhaeufung) von Macht
und Reichtum sich auch in jeder ungeregelten Gesell-schaft
finden wird.
5) Andererseits beraubt ein Anar-chismus, der beansprucht alle
Unterschiede zwischen Men-schen auszugleichen, dem Men-schen
die Moeglichkeit der Selbsterfahrung. Werden alle Folgen meiner
Handlungen im Guten und im Schlechten un-mittelbar sozial
ausgeglichen, verliere ich mich als verant-wortliches
Individuum.
Wer sich einen oekonomischen Austausch ohne Konkurrenz
vorstellt, ist gezwungen jede Arbeit und jedes Arbeitsprodukt
gleichwertig anzuerkennen, auch Arbeit, die schlecht ist oder
gar nicht gebraucht wird. Gehen wir aber davon aus, dass we-
sentlich fuer den Anarchismus ist, `Ja' und `Nein' zu sagen,
dann wird es auch in einer an-archistischen Gesellschaft Kon-
kurrenz und Ungleichheit ge-ben.
Unter Beruecksichtigung dessen, was unter 4 gesagt ist, stellt
sich die soziale Frage fuer den An-archismus als Frage nach
einem ausgewogenem Verhaeltnis von Regeln sozialen Ausgleichs
und persoenlicher Selbstverantwor-tung.
6) Regeln sozialen Ausgleichs stellen Menschen Mittel und
Ressourcen fuer die Gestaltung ihres Lebens zur Verfuegung. So-
ziale Hilfe soll nicht zu Abhaen-gigkeit und Fremdbestimmung
fuehren. Die verteilten Mittel und Ressourcen sollen einen
`offe-nen' Charakter haben, und dem/r EmpfaengerIn sozialen Aus-
gleichs alle Freiheit lassen, wie und mit wem er/sie sein/ihr
Le-ben gestalten moechte. Deshalb braucht auch eine
anarchistische Gesellschaft `Geld' als neutrales Mittel um
Menschen (Lebens-)Moeglichkeiten zu geben, ohne sie ihnen
vorzuschreiben.
Ein Beispiel: Wird ein behin-derter Menschen kostenfrei ge-
pflegt, dann ist ihm geholfen, aber er ist auch in Abhaengigkeit
derer, die ihm helfen. Erhaelt er dagegen eine finanzielle
Unter-stuetzung, waechst seine Autono-mie selber zu entscheiden,
was fuer Pflegeleistungen er in An-spruch nehmen moechte oder wo-
rauf er lieber verzichtet, um sich anderes fuer ihn wichtigeres
zu leisten.
Andererseits leiden Menschen oft weniger an materiellen Man-gel
als an Beziehungsdefiziten. Ohne menschlich-herzenswar-me
Beziehung wird materielle Autonomie zum einsamen Ge-faengnis.
Ich hoffe, dass meine `Soziale Frage' an den Anarchismus deutlich
macht, dass diese Fragen sich nicht in einfachen Antworten
aufloesen. Eine gute Loesung findet sich haeufig im Austarieren
zwischen gegensaetzlichen Extremen.
Anarchismus als freie Gesellschaft wird ermoeglichen, dass
unterschiedliche Formen und Experimente sozialen Ausgleichs und
sozialer Regeln nebeneinander moeglich sind und auch miteinander
wetteifern. Anarchismus ist nicht ein bestimmtes Sozialsystem.
Anarchismus ist die Forderung, dass Menschen sich soziale
Verantwortung aneignen, sich befreien von der Bevormundung durch
den (`Sozial-')Staat und soziale Gerechtigkeit in freien
Vereinbarungen miteinander gestalten.
Jan
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aus: Graswurzelrevolution, Reader Anarchistischer Herbst 1997
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