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Koennen Rassisten geheilt werden?

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CONTRASTE e.V.

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Jun 24, 1999, 3:00:00 AM6/24/99
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Aus CONTRASTE Nr. 176:

"Koennen Rassisten geheilt werden?"

"Wer nicht fragt, bleibt dumm", so weiss inzwischen jedes
TV-gewoehnte Kind aus der Sesamstrasse. Tahar Ben
Jelloun ist ein franzoesischer Schriftsteller,
marrokkanischer
Herkunft, der, durch eine Frage seiner Tochter, sich
zu diesem Buch inspirieren liess. Es ist zwar fuer Kinder
und Jugendliche verfasst, ist aber, wie so manches
`Kinder'buch, auch fuer Erwachsene sehr empfehlenswert. Die
kindliche Frage: "Papa, was ist ein Fremder?" - so auch
der Titel - fuehrt auch zu den Fragen: Was ist Rassismus?
Was ist Antisemitismus, Kolonialismus? usw.

Jelloun antwortet knapp und praezise, so dass manchmal bei
mir
der Gedanke aufkam, wozu liest man eigentlich dicke
Abhandlungen, wenn das Wesentliche doch so
einfach und klar darzustellen ist. Wenngleich in Deutschland
lebenden Kindern Namen wie Le Penn, Ernest Renan extra
erklaert werden muessten, und es sicher ein Manko der
deutschen
Uebersetzung ist, denn sie haetten ohne
weiteres auch durch in Deutschland namentlich bekannte
Rassisten ausgetauscht werden koennen, aber dadurch
wird auch ein weiteres Auseinandersetzen mit der Thematik
herausgefordert.

In Frankreich verkauften sich in den ersten vier Monaten nach
Erscheinen von "Le racisme expliqué à ma fille" - so der
Originaltitel - ueber 230.000 Exemplare, und
auch in Deutschland war schon die erste Auflage innerhalb von
Tagen vergriffen. Dieses Buch an allen deutschen Grundschulen
als Pflichtlektuere waere mit Sicherheit eine gute Waffe
gegen
den sogenannten Auslaenderhass, sowie gegen blinde
Ressentiments ueberhaupt. "Andere achten bedeutet, sich um
gerechte Urteile zu bemuehen." (S. 56) So einfach ist das
mitunter.

Trotzdem bleibt natuerlich die Hilflosigkeit gegenueber
Kindern und Jugendlichen, die selbst rassistische Parolen
den Erwachsenen nachplappern, und wo es nicht reicht,
sie nur fuer dumm zu erklaeren. So kommt denn auch die
Frage: "Sind denn alle dummen Leute Rassisten?" Die logische
Antwort: "Nein, aber alle Rassisten sind dumm."
(S. 58) Gegen diese Dummheit hilft nur Bildung und -
wie schon zur Goethezeit - das Reisen. Aber gerade dies
wird wohl bei der Industrialisierung des Tourismus immer
schwieriger. Das "All-inclusiv-system" der Reiseveranstalter
gibt dem Lernen von anderen Menschen und
Laendern so gut wie keine Chance mehr.

Auch die Erklaerung, dass es eben keine Rassen unter
den Menschen gibt, kann man nicht oft genug deklarieren. "Der
Rassismus ist ein Teil der Geschichte der
Menschheit. Er ist wie eine Krankheit." (S. 87) Auch die
Frage, ob denn Rassisten geheilt werden koennten gestaltet
sich nicht einfach, aber das Buch laesst hoffen.

Jelloun, ein in Frankreich mit hoechsten Literaturpreisen
ausgezeichneter Romancier, der im marokkanischen Fès 1944
geboren wurde, gilt seit langem als Kaempfer fuer Toleranz.
Wieder sind es die Opfer, die Betroffenen,
die hier die Arbeit an dieser `kranken' Gesellschaft leisten
muessen - nicht die TaeterInnen.

Das Nachwort von Daniel Cohn-Bendit ist dann eher
wieder was fuer Erwachsene, und eigentlich ueberfluessig
(bis auf die Daten zur Person von Tahar Ben Jelloun,
aber das haette ja wohl das Lektorat auch noch hinbekommen.

Was wirklich aergerlich ist, ist der Preis. Dass ein derartig
wichtiges Buch, mit der Zielgruppe Kinder und Jugendliche
nicht von denen, die es angeht auch selber gekauft
werden kann, ist ziemlich schaendlich. So kann man nur
hoffen, dass eine bezahlbare Taschenbuchausgabe
schnell zur Verfuegung gestellt werden wird.

Jochen Knoblauch

Tahar Ben Jelloun: Papa, was ist ein Fremder? Gespraech
mit meiner Tochter. Rowohlt Berlin 1999, 110 S., 29,80 DM

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