Das Leben aendern - 1968
Bald ist das Jubilaeumsjahr "1968" geschafft. Eine Unmenge
meist schlechter Buecher ist erschienen und auch
sonst ist das Thema in der Kulturindustrie wieder einmal
verwertet worden. Die ProtagonistInnen von damals sind
heute meist auf der Seite zu finden, die im
zivilgesellschaftlichen Deckmaentelchen eher noch eine
Verschaerfung der Verhaeltnisse das Wort redet. Dies laesst sich
nicht
nur bei Auslandseinsaetzen der Bundeswehr, kommunaler
Sparpolitik, nachhaltiger Entwicklung oder bei der
Einfuehrung eines postmodernen Arbeitsdienstes in Form
der Buergerarbeit nachweisen. Was "1968" wirklich war,
ist nicht festzustellen. Es wird oft eindimensional nur als
Ausgangspunkt einer Modernisierung des Kapitalismus
und des Patriarchats analysiert. Was es auch war, ist heute
meist vergessen.
Lutz Schulenberg, seit Anfang der 70er Jahre linksradikaler
und sozialrevolutionaerer Verleger in Hamburg will
"1968" als Kulturrevolution gegen die genannten verkuerzenden
Sichtweisen, gegen die Mode und die "akademischen
Sterndeuter" verteidigen. Er hat in einem umfangreichen Werk
eine Vielzahl von Texten, Flugblaettern und
Berichten aus der Zeit von 1967 bis 1969 zusammengestellt.
Das Leben aendern, die Welt veraendern ist ein umfangreiches,
lesenwertes Pamphlet aus der (damaligen)
Welt des Widerstandes gegen Ware, Arbeit und Krieg.
In ihm finden sich Berichte aus Fabriken, aus besetzten
Universitaeten, Berichte von Strassenkaempfen,
internationalistische Dokumente, Reden von Funktionaeren der
Studentenrevolte und Reiseberichte von Unbekannten
(und unbekannt gebliebenen), Texte aus der gerade
entstehenden zweiten Frauenbewegung, Flugblaetter aus
vielerlei Bezuegen und von verschiedenen Orten. Die Texte
zeigen deutlich drei Tatsachen, die mensch sich heute
wieder ins Gedaechtnis rufen muss: "1968" war eine zutiefst
internationale und internationalistische Angelegenheit,
Aufruhr und Unmut gab es (fast) auf dem ganzen
Globus. Es war zweitens auch eine Sache der arbeitenden
Menschen, des Kampfs von ArbeiterInnen gegen die Fabrik und
die entwuerdigende Arbeit. Und sie war - last but
not least - eine Kulturrevolution gegen Autoritaet, Staat
und Spiessigkeit, ein Umbruch, der auch Alltag und Sexualitaet
mit einschloss, bzw. einschliessen sollte.
Schulenberg will kein repraesentatives Bild von
"1968" geben, dies waere auch unmoeglich. Er wertet
durch die Auswahl der Texte, und geht auf die Zeit der
dogmatischen Parteiversuche ab 1969 und ihre Ursachen
ausdruecklich nicht ein. Seine Lehren aus "1968"
sind: Eine Bewegung muss radikal und heterogen, sie
muss im wahrsten Sinne des Wortes ueberall sein. Schulenbergs
Textauswahl ist tendenziell verklaerend, da sie einer
Vorstellung von Rebellion huldigt, aus der dann schon
das Richtige, vor allem die richtigen Inhalte, erwachsen
wird. Dass dies nicht zwangslaeufig so sein muss, zeigt z.B.
schon allein die Geschichte der Linken, die voll ist von
autoritaeren Verkrustungen und patriarchalen Verkuerzungen.
Einer radikalen Linken sollte es um Revolution und
nicht nur um Rebellion gehen.
Bernd Huettner
Lutz Schulenberg (Hrsg.): Das Leben aendern, die Welt
veraendern! 1968. Dokumente und Berichte. Edition Nautilus
Hamburg 1998, 480 S., 39,80 DM
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