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[A-Infos] (de) Polizeistaat in Seattle, 1

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Dec 6, 1999, 3:00:00 AM12/6/99
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A - I N F O S N E W S S E R V I C E
http://www.ainfos.ca/
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Hier der Bericht eines Mitglieds der IWW von den Protesten in
Seattle (Teil 1):

"Polizeistaat in Seattle

Der folgende Bericht basiert auf Meldungen in Nachrichten, Berichten von
Leuten und dem, was ich selbst gesehen habe.

Gleich wie Leute dazu stehen, wenn Geschäfte geplündert werden - und das
wurde nur von wenigen DemonstrantInnen getan -, was die Medien darüber
*nicht* berichten ist, daß dies erst passierte, nachdem die Polizei auf
kurze Distanz mit Gummigeschossen auf die gewaltlosen DemonstrantInnen
feuerte, die sich in einer Form des gewaltlosen Protests auf der Straße
hingesetzt hatten. Das wollte ich vorwegschicken.

Ich nahm an der Gewerkschaftsdemo mit über 35.000 Menschen teil. Als wir
in die Nähe des WTO-Tagungsortes kamen, ging ein Teil der Demo zurück zum
Ausgangspunkt und ein anderer Teil ging näher an das Kongreßzentrum heran.
Die Gruppe, mit der wir unterwegs waren, wurde abgeschnitten. Wir gingen
schließlich Hafenarbeitern aus Bellingham and Tacoma/Washington hinterher,
und die gingen in Richtung Kongreßzentrum. An einem Punkt blockierten
Polizeiketten drei Richtungen. In dem Gebiet, durch das ich kam, habe ich
keine geplünderten Geschäfte gesehen. Nach einiger Zeit fing die Polizei
an, nördlich von uns mit Tränengas und Pfefferspray zu sprühen und sie
feuerten sehr laute "concussion bombs" [sorry - keine Ahnung, was das ist;
concussion bedeutet soviel wie "Erschütterung"; d.Ü.]. Ich war ziemlich
nah dran und habe keine Vorwarnungen gehört. Die Menge, auf die geschossen
wurde, waren auch keine gewaltbereiten/gewalttätigen jungen Personen,
sondern Leute aus allen Altersgruppen, sogar kleine Kinder waren dabei.
Ich selbst, mein Sohn und meine Tochter, wir bekamen alle Tränengas ab.

Wir zogen uns von dem Tränengas zurück. Ungefähr gegenüber war ein
Lautsprecherwagen von der Teamsters Union, der bei der Gewerkschaftsdemo
mitgefahren war - der Wagen war völlig vom Tränengas eingenebelt, und sie
fingen an, über den Lautsprecher Jimi Hendrix "Star Spangled Banner" zu
spielen [Anm.: paßt gut: 1. war Hendrix aus Seattle, 2. sollte es jemensch
nicht wissen, dies ist das Lied, in dem Hendrix die amerikanischen
Nationalhymne auf seiner Gitarre zu einem Bombenangriff verfremdet; d.Ü.]
Kurz darauf ging die Polizei aus allen Richtungen gegen uns vor, schoß
Tränengas und "concussion bombs". Wir sahen zu, daß wir Richtung Pike
Place Market wegkamen und auch da war die Luft dicht vom Tränengas.

Eine andere Gruppen DemonstrantInnen war den Hügel aufwärts in ein
Wohnviertel gegangen: dort flüchteten die Leute vor dem Tränengas aus
ihren Häusern, aus Restaurants, oder gingen los und wollten wissen, warum
die Polizei ihr Viertel unter Gas setzt. Dies führte zu einigen
Konfrontationen zwischen BewohnerInnen aus dem Viertel und der Polizei. Am
30.11. wurden 68 Leute festgenommen und eine Ausgangssperre während der
Dunkelheit verhängt.

Am nächsten Tag wurde die Polizei von ca 300 "state troopers" [vermutlich
Soldaten????] und von der Nationalgarde (wieviele ist mir nicht bekannt)
verstärkt. Sie fingen morgens damit an, daß sie alle Autos anhielten und
Plakate, Transparente und Funken beschlagnahmten. Sie erklärten auch ein
großes Gebiet im Stadtzentrum zur "Protestfreien Zone". Gegen 7Uhr 30
verließ eine Gruppe DemonstrantInnen einen Park und wurde von einer
Polizeikette gestoppt - dies geschah jedoch weit entfernt von der Zone, in
der Demons verboten worden waren. Die Polizei nahm ca. 60 dieser Personen
fest. Danach wurde die "Protestfreie Zone" so vergrößert, daß der Park nun
dazugehörte.

Andere DemonstrantInnen versammelten sich auf einem Vorplatz (nicht auf
der Straße) und ungefähr 250 von ihnen wurden verhaftet. Wenn es irgendwo
im Zentrum von Seattle auch nur entfernt danach aussah, als könnten
DemonstrantInnen da sein, kam sofort die Polizei. Das möchte ich betonen,
denn heute bekamen sehr viele Leute Tränengas ab, die "normale" Passanten
waren. Ich habe heute selbst gesehen, wie eine Kundin aus einem Laden kam,
die Polizei sah und versuchte, in die andere Richtung zu gehen; sie fiel
hin und ein Bulle kam an und sprühte ihr aus wenigen Zentimetern
Entfernung Tränengas ins Gesicht. Die Bullen griffen auch Leute an, die
auf Busse warteten. Viele PassantInnen gerieten zwischen die
DemonstrantInnen, weil die Bullen alle zusammendrängten. Die meisten
Angriffe mit Tränengas und die meisten Verhaftungen passierten außerhalb
der "Protestfreien Zone". Einfach jede Person, die kein WTO-Delegierter
oder Bulle ist, wird offenbar von den Bullen angegriffen. Gerade jetzt
greifen sie Gewerkschaftsmitglieder im Norden des Stadtzentrums an, eine
kleine Demo für Mumia Abu Jamal, und auch noch andere DemonstrantInnen auf
dem Pike Place Markt und anderswo. Der Polizeistaat in Seattle versucht,
alle zu unterdrücken, die es wagen zu protestieren. Ich geh wieder raus,
später schreibe ich mehr. A.

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