Ein ungewoehnlicher Blick auf die Alpen
Der Ethnologe Heinrich J. Middendorf wollte einen neuen Blick
auf die Alpen werfen, weder auf die Schoenheit der
Berge noch auf das Verhaeltnis zwischen der Natur und ihrer
menschlichen Nutzung. Er wollte die "Dritte Welt" innerhalb
der Schweiz, die "unter z.T. primitiven Verhaeltnissen lebende
... Bevoelkerung hoch oben in den Bergen"
untersuchen. Um die Alpwirtschaft "von innen heraus"
zu erfahren, heuerte er fuer einen Sommer in Graubuenden als
Alpknecht an.
Als sich sein "Koerper an die Rauheit dieser Welt gewoehnt
hatte" und er die Alphirten in seiner Nachbarschaft
kennengelernt hatte, entstand die Idee, die Erzaehlungen von
Hans Luzi Hitz auf Tonband aufzunehmen.
Das Ergebnis ist ein ungemein spannendes Buch, nicht
ueber die Aelpler, sondern von einem Alphirten selbst, in
dem der Ethnologe mal etwas nachfragt, ein Stichwort
fuer eine neue Erzaehlung gibt, die Mundart - allerdings
erst ab Seite 5 - uebersetzt und - besonders wichtig - die
uebersetzte Tonbandabschrift layoutet.
Natuerlich geht es um Luzis Leben, seine sommerliche
Wanderung ueber die Weiden und seine winterliche Arbeit
und Einsamkeit mit hundert Rindern auf der Winteralp.
Anschaulich bis ergreifend beschreibt er seinen Tagesablauf:
meterhoher Schnee, den Weg zum Brunnen frei raeumen, die
Rinder fuettern und traenken, tueckischer Nebel
und dann Weihnachten: "jaah - .... das zieht dann
schon ein wenig". Luzi weiht uns in seine Kochkuenste
ein und erklaert, warum Maenner besser kochen als Frauen.
Natuerlich sind auch das Kaesen und die diversen
Tricks dabei ein wichtiges Thema. Das herbstliche
Kaeseverteilen an die Bauern "gibt dann eine uuunheimliche
Rechnerei" und einige Losentscheide durch den Alpmeister.
Aber Luzi erzaehlt nicht nur ueber sich.
Er ist kein weltfremder Bergfreak, und er hat viel Zeit
zum Lesen und Nachdenken. Bestechend und bisweilen
ironisch erklaert er uns einige Besonderheiten der Schweizer
Demokratie, z.B. das oertliche Buergerrecht. Er erlaeutert
Zusammenhaenge zwischen Schullehrplaenen und
Frauenwahlrecht, die Tuecken des Sozial- und Tarifrechts
fuer Alphirten sowie die Agrarpolitik und das politische
Verhalten der Bauern.
Etwas ganz Besonderes ist die Gestaltung des Textes.
Er sieht aus wie ein Gedicht - manche Zeilen sind
linksbuendig, andere mittig, gesperrt und einige wieder anders
gesetzt. Ich fand diese Schreibweise zunaechst befremdlich,
dann aber bestechend: wer spricht, macht Pausen,
setzt Betonungen, springt im Gedankengang, bricht Saetze ab.
All dies beruecksichtigt das gedicht-aehnliche Layout. Beim
Lesen konnte ich mir vorstellen, einen sprechenden Erzaehler
zu hoeren. Genau dies war Middendorfs
Absicht, dass der Text "etwas von der Poesie der Sprache
freigab." Diese und andere methodische Gedanken erlaeutert er
im Anhang in einem Gespraech mit den Herausgebern.
"Der Senn ..." ist ein aeusserst informatives und
anschauliches, mal bedrueckendes, dann wieder lustiges
und immer fesselndes, einzigartiges Buch ueber das Alpleben,
die Alpwirtschaft und ihre politisch-sozialen Strukturen.
Ulrich Haepke
Heinrich J. Middendorf: Der Senn ist der Kaeser und der
Chef, Peter Hammer Verlag, D-42209 Wuppertal, Postfach
200963, DM 38,--
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