KollegInnen,
ich habe gerade mit einer Kollegin aus Olympia gesprochen, heute, 2.
Dezember. Ich konnte nicht sehr lange mit ihr sprechen, aber sie ist
deutlich mitgenommen. Sie möchte, daß ihre Anonymität gewahrt bleibt und
daher werde ich sie Kollegin Marie nennen.
Kollegin Marie war unter den ersten hier in Seattle festgenommenen
Personen. Sie und ihr Partner wurden beide festgenommen. Sie hielten sich
an die Taktik der Nichtkooperation, sie weigerten sich, der Polizei
irgendwelche Angaben zu machen. Diese Taktik wird angewendet, um das
System zu blockieren und im Knast breite Solidarität zu propagieren.
Um die Kollegin Marie zu brechen, fesselte sie die Polizei von Seattle an
einen Stuhl und schlug sei. Während sie am Boden lag, wurde sie getreten.
Die Beamten trennten sie und ihren Partner und während sie allein in der
Zelle war, drohten sie ihr, sie ganz auszuziehen und öffneten ein paar Mal
ihren Gürtel und drohten ihr damit, sie würde von allen Beamten
vergewaltigt. Sie weigerte sich weiter, Informationen zu geben, obwohl sie
sogar mit Pfefferspray besprüht wurde.
Als eine weitere Gruppe von Leuten ins Gefängnis kam, steckte man Marie
und ihren Partner dazu. Diese neuen Leute wußten nichts von
Knastsolidarität und gaben der Polizei Antworten auf alle Fragen. Als
Marie und ihr Partner anfingen, diese Leute über Knastsolidarität
aufzuklären, wurden sie nochmal geschlagen und isoliert. Sie blieben 18
Stunden in Isolation.
Als die gesamte Gruppe vor Gericht kam, stellte sich heraus, daß Kollegin
Marie und ihr Partner im Gefängnis überhaupt nicht als Zugänge registriert
worden waren. Es gab keine Unterlagen zu ihrer Verhaftung oder
irgendwelche offiziellen Dokumente über ihr Vorhandensein dort. Die haben
sie einfach "verschwinden" lassen, wie in Chile, Argentinien oder
Brasilien - die einzigen, die von ihnen wußten, waren die Beamten, die sie
gefoltert haben. Vom Gericht wurden sie und ihr Partner unverzüglich
freigelassen, sie kamen traumatisiert direkt in die "riots".
Kollegin Marie schaffte es zurück ins Direct Action Network Hauptquartier
und ist seit Donnerstag 9.00 Uhr morgens sicher. Ich gebe hier nach bestem
Wissen wieder, was sie mir berichtet hat. Ich hoffe, Kollegin Marie wird
selbst eine Aussage machen, sowie sie sich dazu in der Lage fühlt.
Eine Bemerkung an alle KollegInnen... Ich schreib das hier zwischen Tür
und Angel, die Situation ändert sich dauernd, und ich bin fast nur
unterwegs und in Eile. Das Unabhängige Medienzentrum IMC ist nicht
unmittelbar bedroht - tatsächlich hält gerade Ralph Nader ungefähr 5 Meter
entfernt eine Rede gegen die WTO. Das Problem ist das Lektorat. Wenn ihr
sinnvoll kürzen könnt und auf Grammatik durchgehen, damit die Sachen an
weitere Medien herausgehen können, das wär toll. Ron Judd, der Vorsitzende
der SCLC [ich bin zu faul, in der mail von gestern nachzusehen, welche der
Gewerkschaften das ist], hat sein Büro veranlaßt, bei der IWW anzurufen
und uns zu bitten, morgen bei der großen Demo dabeizusein.
Wünscht uns alles Gute. Ich hoffe, es werden Videos gemacht, ich habe
schon wunderbare Sachen vom IMC. Seht euch die mal bei indymedia.org an.
Später mehr,
Eric aus O.... äh: aus Seattle
Translation: AS...@anarch.free.de
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