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Rätedemokratie statt Parteidiktatur
Kommunismus als Gegensatz zum Bolschewismus
(Der Artikel wurde der Zeitschrift "Sklaven" Nr. 4/5, Berlin, 1994 entnommen)
1.
»Nehmen wir an, daß die zentrale Leitung ... die Produktenmasse nach dem
Lebensniveau rechtmäßig verteilen würde, dann bleibt trotz des glatten
Ablaufs der Geschäfte die Tatsache bestehen, daß die Produzenten in
Wirklichkeit nicht die Verfügung über den Produktionsapparat haben. Es
wird nicht ein Apparat von den Produzenten, sondern über ihnen sein. Das
kann zu nichts anderem als zu einer heftigen Unterdrückung gegenüber
Gruppen führen, die zu dieser Leitung in Widerspruch stehen. Die zentrale
ökonomische Macht ist zugleich die politische Macht. Jedes oppositionelle
Element, welches die Dinge in politischer oder ökonomischer Hinsicht
anders als die zentrale Leitung will, wird mit allen Mitteln des
gewaltigen Apparates unterdrückt... So wird aus der Assoziation freier und
gleicher Produzenten, die Marx verkündete, ein Zuchthausstaat, wie wir ihn
noch nicht kannten.«
Zitiert wurde aus einer Schrift, worin vor etwas mehr als 60 Jahren
nachgewiesen wurde, daß jene Produktionsverhältnisse, die sich seit dem
Oktober 1917 in Rußland entwickelten, mit Kommunismus, so wie ihn Marx und
Engels verstanden, nichts zu tun hatten. Als sie erschien, stand die
Terrorwelle der dreißiger Jahre noch bevor. Sie wurde bloß antizipiert.
Kein politisches Ereignis, wie zum Beispiel die spätere
Schrekkensherrschaft, hatte ihre Kritik an der Sowjetgesellschaft mit
veranlaßt, sondern eine ökonomische Analyse. Auf ihrer Basis wurde der
sich damals breitmachende Stalinismus als der politische Ausdruck eines
auf staatskapitalistischer Ausbeutung beruhenden Wirtschaftssystems
betrachtet. Und nicht nur der Stalinismus allein!
Die Schrift war eine Kollektivarbeit. Ihre Verfasser gehörten einer
Richtung an, die in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg Gestalt gewann
und gekennzeichnet wurde durch eine unerbittliche Kritik sowohl an der
Sozialdemokratie wie am Bolschewismus. Außerdem war es eine Richtung, die
die täglichen Erfahrungen der Arbeiterschaft derart verarbeitet hatte, da=DF
sie zu neuen Ansichten über den Klassenkampf gekommen war. Demzufolge
verstand sie Sozialdemokratie und Bolschewismus als »alte
Arbeiterbewegung«, im Gegensatz zu einer »neuen Bewegung der Arbeiter=AB.
Zu ihren Wortführern gehörten von Anfang an deutsche und holländische
Marxisten, die seit dem Beginn ihrer politischen Tätigkeit auf dem linken
Flügel der Sozialdemokratie standen, im Laufe der Jahre ihres unablässigen
Kampfes gegen den Reformismus sich aber immer kritischer dieser Bewegung
gegenüber verhielten. Die Bekanntesten waren die beiden Holländer Anton
Pannekoek (1873-1960) und Herman Gorter (1864-1927) sowie die beiden
Deutschen Karl Schröder (1884-1950) und Otto Rühle (1874-1943). Später
wurde auch der sehr viel jüngere Paul Mattick (1904-1980) einer ihrer
bedeutendsten Theoretiker.
Pannekoek, der kurz nach der Jahrhundertwende mit Betrachtungen über
marxistische Philosophie die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte, war
von 1905 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Deutschland tätig, erst
ein Jahr in Berlin als Lehrer an der Parteischule der SPD, später -
nachdem man ihn als Ausländer aus Preußen ausgewiesen hatte - in der
Freistadt Bremen. Er gab eine Zeitungskorrespondenz heraus und
veröffentliche Artikel in der radikalen Bremer Bürgerzeitung. Hier, in
Bremen, war er nicht nur in enger Verbindung mit den sogenannten «Bremer
Linken» sondern gleichsam auch Augenzeuge einiger wichtiger spontaner
Streiks der Bremer Werftarbeiter. Diese Erfahrungen haben seine
Auffassungen über den Klassenkampf und dessen Formen spürbar beeinflu=DFt.
Sie haben, neben seiner Interpretation des Marxismus, wohl dazu
beigetragen, daß er - wie übrigens gleichzeitig auch Gorter - die
bolschewistischen Auffassungen von Organisation, Strategie und Politik
frühzeitig verwarf.
Otto Rühle, der sich in der deutschen Arbeiterbewegung nie völlig mit
irgendeiner Organisation identifizieren konnte, die allgemeinen Interessen
der Arbeiterklasse aber niemals aus den Augen verlor, tat Anfang der
zwanziger Jahren das gleiche. Er war vielleicht der erste, der darauf
hinwies, daß die proletarische Revolution etwas durchaus anderes sei als
eine bürgerliche und somit notwendigerweise andere Organisationsformen
aufweisen müsse. Deshalb bekämpfte er den Wahn, wonach die Revolution eine
Parteiangelegenheit sei und ihr Sieg ein Parteiziel. Er schrieb: «Die
Revolution ist keine Parteisache..., [sondern sie] ist die politische und
wirtschaftliche Angelegenheit der ganzen proletarischen Klasse.»
Es sind diese, später präziser ausgearbeiteten Auffassungen, die die sich
allmählich abzeichnende Richtung charakterisieren. Rätekommunismus wird
sie seit den frühen zwanziger Jahren genannt, weil sie auf Grund der
Erfahrungen der russischen und der deutschen Revolution - wie auch immer
beider Entwicklung verlief - die Rätedemokratie verteidigte und jede
Parteiherrschaft entschieden zurückwies. Außerdem sollte der Name dazu
dienen, sie von dem sich ebenfalls als kommunistisch verstehenden
Bolschewismus zu unterscheiden. Ihr Rätekommunismus aber war trotzdem
anfangs noch keineswegs gleichermaßen ausgebildet wie später. Das lä=DFt
sich an ihrem Verhalten zur Organisationsfrage wie an ihrer Deutung der
sowjetischen Gesellschaftsordnung nachweisen.
2.
Als Gorter in einem berühmten Aufsatz sich kritisch mit Lenin
auseinandersetzte, da verstand er den Rätekommunismus, der damals noch
nicht namentlich erwähnt wurde, kaum als einen Gegensatz zum
Bolschewismus. Im Gegenteil! Gorter betonte sogar, er sei in manchen
Dingen völlig mit Lenin einverstanden. Er warf ihm bloß vor, eine
grundfalsche Einschätzung des westeuropäischen Kapitalismus, der
westeuropäischen Arbeiterklasse und somit der in Westeuropa existierenden
gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen zu haben. Seine, Lenins
Weisungen und Richtlinien für die westlichen Parteien der inzwischen
gegründeten Dritten Internationale seien deshalb falsche Richtlinien,
welche diese kommunistischen Parteien nicht befolgen könnten und nach
Gorter nicht befolgen sollten.
Gorter blieb einen Schritt hinter Rühle zurück. Dieser hatte zwar, ebenso
wie Gorter, noch kein völlig klares Verständnis für den Grundcharakter der
russischen Revolution, für das, was sie geschafft hatte und noch schaffen
würde, aber er hielt die Parteien der Dritten Internationale schon nicht
mehr für kommunistisch. Es vergingen aber nur wenige Jahre, da setzte sich
der Rätekommunismus viel deutlicher gegen den Bolschewismus ab. Der
sogenannte kommunistische oder sozialistische Oktober, so sein Standpunkt,
hat mit dem Zarismus und den feudalen Verhältnissen aufgeräumt, und damit
für kapitalistische Verhältnisse den Weg frei gemacht.
Die Rätekommunisten haben sich mit dieser bloßen Feststellung nicht
zufrieden gegeben. Sie haben darauf hingewiesen, daß eine
Produktionsweise, die, wie die russische, die Lohnarbeit voraussetzt, d.h.
die Arbeitskraft als eine Ware und den Wert dieser Ware als Grundlage
aller Wirtschaftsprozesse, zu nichts anderem führt als zu
Mehrwerterzeugung und Ausbeutung der Arbeiterschaft. Sie betonten, daß es
nichts ausmacht, ob der produzierte Mehrwert zum privaten Kapitalisten
oder zum Staat als Eigentümer der nationalisierten Produktionsmittel
fließt und daß Marx schon erläuterte, daß deren Verstaatlichung keinen
Sozialismus bedeutet.
Die Rätekommunisten haben mehr getan. In der eingangs zitierten Schrift
haben sie aufgezeigt, daß im Staatskapitalismus Rußlands - den Lenin
einmal so charakterisierte, daß die Maschine nicht dorthin gehe, wohin sie
der Führer lenke und daß nicht die Bolschewisten die [Wirtschafts-]
Maschine führen, sondern umgekehrt die Maschine die Bolschewisten - die
Produktion denselben Gesetzen gehorcht wie im Fall der klassischen
kapitalistischen Privatwirtschaft.
Aufhebung der Ausbeutung, so heißt es dort (mit einem Hinweis auf Marxens
Randglossen zum Gothaer Programm und mit einem Zitat aus Engels Anti-
Dühring), kann es nur geben, wenn die Lohnarbeit aufgehoben wird, d.h.
wenn nicht länger die Menge der für einen Produzenten benötigten Güter
durch den Wert seiner Arbeitskraft bestimmt wird, sondern durch seine
Arbeit, besser gesagt: durch die verwendete Arbeitszeit. Um von einer
Assoziation freier und gleicher Produzenten sprechen zu können, muß die
Arbeitszeit die Recheneinheit der Produktion bilden.
Eine ausführliche Wiedergabe der ökonomischen Auseinandersetzungen und
Erläuterungen in der genannten Schrift ist hier nicht möglich. Worauf es
ankommt: ihre rätekommunistischen Verfasser haben zweierlei geleistet. Sie
erklärten, mit dem Zeigefinger Richtung Moskau, was der Kommunismus nicht
ist und prüften zugleich die Voraussetzungen und Bedingungen einer
wirklichen kommunistischen Gesellschaft. Damit wurde der Gegensatz
zwischen Rätekommunismus und Bolschewismus klarer als vorher
herausgearbeitet.
3.
Aus dem bisher Gesagten geht logischerweise hervor, daß der
Rätekommunismus keine Spezialkritik am Stalinismus darstellt, sondern eine
Kritik am Bolschewismus schlechthin. Die Rätekommunisten verstehen den
Stalinismus nicht als eine Art «Konterrevolution», welche die
Oktoberrevolution ihrer Früchte beraubt hätte. Für sie ist der Stalinismus
eben eine Frucht jener Revolution, die dem Kapitalismus in Rußland
endgültig die Tore geöffnet hat. Lenin durfte in seinem Testament vor ihm
warnen, Stalin war nichtsdestoweniger sein Erbe, der Stalinismus eine
Erbschaft des Bolschewismus und der bolschewistischen Revolution.
Am Bolschewismus und an dieser Revolution hatten die Rätekommunisten
wichtige Phänomene kritisiert. Allmählich jedoch, in dem Maße, wie sich
der Grundcharakter dieser Umwälzung deutlicher erkennen ließ, mündeten
diese unterschiedlichen Kritiken in eine, die ihre respektiven
Zusammenhänge aufdeckte. Da war nicht länger von «falschen»
Einschätzungen, von einer «untauglichen» Organisation oder von einer
«verderblichen» Politik die Rede. Da wurden alle Erscheinungen des
Bolschewismus und alle Stufen seiner Entwicklung als der begreifliche
Ausfluß, als die logische Konsequenz seiner gesellschaftlichen Aufgabe und
Funktion verstanden.
Diese theoretische Entwicklung aber ging langsam vor sich, analog den
gesellschaftlichen Entwicklungen, in deren Verlauf sich die
rätekommunistischen Ansichten und die rätekommunistische Praxis wandelten.
Der Rätekommunismus, der die in der russischen wie in der deutschen
Revolution gebildeten Räte als Organe der proletarischen Machtausübung
begrüßt und theoretisch erfaßt hatte, trat - paradox - anfangs als Partei
auf, ein Auftreten, das besonders Schröder äußerst aktiv initiierte. Es
entstand die K.A.P.D. in Deutschland, die K.A.P.N. in den Niederlanden,
die sich weder an die Wahlen für das bürgerliche Parlament beteiligen noch
Politik treiben wollten.
Rühle, der - wie wir gesehen haben - 1920 die Revolution «keine
Parteisache» nannte und eigentlich bis ins hohe Alter in die Partei «im
Grunde nicht eine Organisationsform des Proletariats, sondern der
Bourgeoisie» erblickte, definierte trotzdem - aus taktischen Üerlegungen -
die K.A.P.D. und ihre holländische Schwesterpartei als «neue
kommunistische Partei, die keine Partei mehr ist». So verstand sie auch
Gorter, genauso verstanden die beiden Parteien sich selbst.
Vier Jahre später, 1924, äußerte Rühle sich ganz anders: «Eine Partei mit
revolutionärem Charakter im proletarischen Sinne», schrieb er, «ist ein
Unding. Sie kann nur revolutionären Charakter im bürgerlichen Sinne haben
und da nur an der Wende zwischen Feudalismus und Kapitalismus». Aus den
hier erwähnten Gründen sind die «Undinge» denn auch innerhalb eines
knappen Jahrzehnts von der gesellschaftlichen Bühne verschwunden. Die Idee
aber flackerte bisweilen - aus bestimmten, hier zu vernachlässigen
Ursachen - wieder auf. So zum Beispiel in Fünf Thesen über den
Klassenkampf, einem Text, den Pannekoek 1946 verfaßte. Dann starb die Idee
für immer.
Mittlerweile entwuchs der Rätekommunismus seiner Kindheit. Die Tatsache,
daß er die russische Revolution als eine bürgerliche, die in Rußland
herrschenden Produktionsverhältnisse als staatskapitalistisch verstand,
erweiterte seinen Blick für Dinge, von denen einige erst heute reif für
nähere Untersuchungen sind. Andere, schon früher analysierte Phänomene
erschienen später in einem helleren Licht.
4.
Die bedeutungsvollste Leistung in dieser Hinsicht lieferte 1938 Pannekoek,
als er im Rahmen einer Abhandlung über Lenins Philosophie den ganzen
Bolschewismus nochmals einer näheren und gründlichen Betrachtung unterzog.
Pannekoek hat in dieser Schrift nicht nur nachgewiesen, daß der Marxismus
von Lenin eine Legende ist, das sein angeblicher Marxismus sich im
Widerspruch mit dem wirklichen Marxismus befindet, er hat zugleich die
Ursache dafür bloßgestellt. «In Rußland war der [auf der Tagesordnung
stehende] Kampf gegen den Zarismus im hohen Maß gleichartig mit den
früheren Kämpfen gegen den Absolutismus in Europa. Auch in Rußland waren
Kirche und Religion die stärksten Stützen des Regierungssystems... So war
der Kampf gegen die Religion hier eine gesellschaftliche Notwendigkeit.»
Daraus ergibt sich, daß, was Lenin in Bereich der Philosophie für
historisch-materialistische Auffassungen hielt, sich praktisch kaum
unterschied vom französischen bürgerlichen Materialismus des 18.
Jahrhunderts, der damals als geistige Waffe gegen Kirche und Religion
entwickelt worden war.
In ähnlicher Weise, d.h. indem auf die Übereinstimmung der
vorrevolutionären gesellschaftlichen Verhältnisse in Rußland und
Frankreich hingewiesen wurde, erklärten schon früher rätekommunistische
Texte den Blanquismus der Bolschewiki oder die Tatsache, daß Lenin für
sich und für die Mitglieder seiner Partei das Wort Jakobiner als Ehrenname
beansprucht hatte und daß sie der Auffassung waren, daß ihrer Partei die
Rolle der Jakobiner der russischen bürgerlichen Revolution zukomme.
Tatsächlich, bürgerlich nannte Lenin zu einem Zeitpunkt, als er noch keine
Legenden oder Mythen zu bewahren hatte, die bevorstehende Revolution. Die
rätekommunistischen Theoretiker konnten ihm darin nur zustimmen. Daß im
März 1918, also nur wenige Monate nach der Oktoberrevolution, die Sowjets
ihrer bereits schrumpfenden Macht endgültig beraubt wurden, ging in
rätekommunistischer Sicht aus dem Charakter dieser Revolution hervor. Die
russischen Sowjets, ob sie sich nun wirklich aus echten Vertretern der
Arbeiterklasse zusammensetzten oder nicht, paßten jedenfalls keineswegs in
ein System, das nichts anderes war und sein konnte, als der politische
Überbau staatskapitalistischer Produktionsbedingungen. Es war eine
Parteiherrschaft, die Diktatur jener politischen Instanz, die über die
nationalisierten Produktionsmittel verfügte und somit, wie sonst jeder
privater Unternehmer, auch über die Produkte.
Der Kommunismus, so wie er von der Rätebewegung verstanden wird, steht zu
diesem System in einem scharfen Gegensatz. Aus rätekommunistischer Sicht
ist eine Parteidiktatur mit einer Gesellschaftsformation, deren
ökonomische Grundlage in der Beseitigung der Lohnarbeit und der daraus
hervorgehenden Ausbeutung besteht, unvereinbar. Einer Gesellschaft, in der
die Produzenten frei und gleich sind, ist logischerweise die Demokratie
der Produzenten inhärent. Sie ist selbstverständlich etwas anderes als die
angebliche «proletarische» Diktatur und ihre zum Terror führende Gewalt.
Was den Mitte 30er Jahre unter Stalin seinen Gipfelpunkt erreichenden
Terror betrifft, so war er in rätekommunistischer Sicht nichts wesentlich
Neues. Er hatte bereits unter Lenin eingesetzt. Und seine kolossale
Steigerung später konnte nicht aus Stalins Charakter, sondern eher als
Begleiterscheinung des Industrialisierungs- und
Proletarisierungsprozesses, also als Begleiterscheinung einer
ursprünglichen Akkumulation, wie sie sich anderswo auch vollzogen hatte,
verstanden werden.
Daß die russischen Bolschewiki ihre Gesellschaft als kommunistisch
bezeichnen konnten, kam daher, daß sie zu Unrecht meinten, die
Verstaatlichung der Produktionsmittel sei der Sturz des Kapitalismus. Das
war eine schon von Marx und Engels kritisierte Auffassung, die - ach wie
lang ist's her - auch die Sozialdemokratie vertrat, als sie noch vom Sturz
der kapitalistischen Gesellschaft redete. Mit Rücksicht darauf könnten -
wie es Rühle getan hat - die Bolschewiki als (radikale) Sozialdemokraten
betrachtet werden.
Über das, was auf Grund seiner gesellschaftlichen Lage und seiner
theoretischen Auffassungen vom Bolschewismus zu erwarten war, schrieb
Pannekoek: «... die Arbeitermassen haben [wie Moskau es fordert] der
kommunistischen Partei zu folgen, ihr die Führung und nachher die
Herrschaft zu überlassen, während die Masse der Parteimitglieder in fester
Disziplin der Parteiführung zu gehorchen hat». Das Fazit: «Die für ihre
Befreiung kämpfende Arbeiterklasse wird die Philosophie Lenins auf ihrem
Weg finden als die Theorie einer Klasse, die ihre Knechtschaft und
Ausbeutung zu erhalten sucht.» Es waren prophetische Worte! Wie
prophetisch, erfuhren 1953, 15 Jahre nach ihrer Niederschrift, die
Bauarbeiter der damaligen Ostberliner Stalinallee, als der Leninismus mit
Panzern auf sie losfuhr.
Pannekoek war nicht der einzige Rätekommunist, der, indem die Theorie
immer klarer ausgearbeitet wurde, die Aufmerksamkeit auf den Unterschied
zwischen Marx und Lenin lenkte. Das gleiche tat der seit 1926 in den USA
lebende Paul Mattick, der sich schon frühzeitig mit Problemen der
Arbeiterbewegung befaßte. Mattick tat dies in indirekter Weise. Sein
Aufsatz hieß Die Gegensätze zwischen Luxemburg und Lenin. Darin
beschäftigte er sich mit der Marxschen Kritik an dem bürgerlichen
Revolutionär Arnold Ruge, um nachzuweisen, daß sie in jeder Hinsicht
übereinstimmt mit der Luxemburgschen Kritik an Lenin, weil sich Lenins
Auffassungen denen von Ruge näherten. Dabei zeigte er nicht nur, wie weit
Lenin vom proletarischen Standpunkt Marxens entfernt war. Indem er Lenin
mit dem Marx auf den Leib rückte, warf er auch ein helles Licht auf die
Marxschen Ansichten selbst.
Gegen Lenin, der die ganze Revolution zu einer Frage des bewußten
Eingreifens seiner jakobinischen Berufsrevolutionäre machte, führte
Mattick in Marxens Spuren an, daß ein Mehr an politischem Verständnis auch
ein Mehr nutzloser, irrationeller Kämpfe für das Proletariat bedeutet, da
das politische Verständnis seine viel richtigeren Klasseninstinkte
verschleiert und die Arbeiter blind gegen ihre wirklichen
gesellschaftlichen Aufgaben macht.
5.
Matticks Darlegungen streiften einen Punkt, der von rätekommunistischer
Seite immer wieder betont wurde. Nicht von einer revolutionären
Intelligenz erzogen, sondern auf Grund ihrer Klassenlage in der
Gesellschaft, die sie zum spontanen Selbsthandeln zwingt, gehen die
Arbeiter in den Kampf. Der Kapitalismus wird nicht gestürzt, weil die
Arbeiter die Revolution machen wollen, sondern die Revolution ist
unvermeidlich, weil der Klassenkampf im Kapitalismus unvermeidlich ist.
Mit dieser Auffassung verwirft der Rätekommunismus auch die Leninsche
These, daß es «ohne revolutionäre Theorie keine revolutionäre Praxis»
gäbe. Es ist, so wirft er Lenin vor, gerade umgekehrt: ohne revolutionäre
Praxis keine revolutionäre Theorie! Und das schon deswegen, weil jede
Theorie die gedankliche Zusammenfassung einer bestimmten Wirklichkeit ist.
Ohne etwas, worüber zu theoretisieren ist, gäbe es keine Theorie.
Die rätekommunistische Theorie fußt auf den in unserem Zeitalter geführten
Klassenkämpfen und auf den heutige Entwicklungstendenzen der
kapitalistischen Gesellschaft, wie die Marxsche Theorie auf den damaligen
Klassenkämpfen und den Tendenzen des Kapitalismus seiner Zeit beruht. Und
das als Ergebnis der gleichen Untersuchungsmethode. Wenn der
Rätekommunismus nachdrücklich bestreitet, daß die Arbeiter in fester
Disziplin irgendeiner Parteiführung zu gehorchen haben, wenn er
Spontaneität und Selbstbestimmung befürwortet, dann deshalb, weil die
wirklich vor sich gehende Entwicklung des Klassenkampfes immer deutlicher
einen nicht zu vernachlässigenden Beweis dafür liefert, daß eine neue,
durch Unabhängigkeit von jeder sogenannten «Vorhut» gekennzeichnete, von
welcher bankrotten Ideologie auch immer beeinflußte Bewegung der Arbeiter
selbst die einzig mögliche Perspektive bildet.
Eine selbständige, von der traditionellen völlig verschiedene neue
Arbeiterbewegung kann nach rätekommunistischer Ansicht nicht künstlich
errichtet werden. Sie wächst aus der Gesellschaft infolge sozialer Kämpfe.
Worauf sie lossteuert, ob sie dessen bewußt ist oder nicht, ist die
Rätedemokratie!
Cajo Brendel
Cajo Brendel, geboren 1915 in Den Haag (Niederlande). Nach dem Verlassen
des Elternhauses schlägt er sich abwechselnd als Arbeiter oder
Arbeitsloser durch; Sympathien für den Trotzkismus. Schloß sich 1934 der
holländischen rätekommunistischen Gruppe Internationaler Kommunisten (GIC)
an. Von Anfang 1952 bis Ende 1954 einer der Redakteure der holländischen
Zeitschrift Spartacus. Seit 1965 Mitherausgeber der Monatsschrift Daad en
Gedachte.
Wichtigste Veröffentlichungen in deutscher Sprache: Lenin als Stratege der
bürgerlichen Revolution, in: Schwarze Protokolle, Nr. 4, Berlin 1973;
Autonome Klassenkämpfe in England 1945-1972, Berlin 1974; Henriette Roland
Holst als Voluntaristin, Einführung zu ihrer Broschüre Die revolution=E4re
Partei, Berlin 1972.
--- Weiterleitung : Ende ---
ablehnung.widerstand.kampf : für eine revolutionäre perspektive
http://members.tripod.com/direnis/