Re: Kritik Der Schwarzen Vernunft Pdf Download

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Shaneka Incomstanti

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Jul 17, 2024, 1:31:25 AM7/17/24
to cinetzmenmu

Ich habe Achille Mbembe seit dem Erscheinen seines Buchs Kritik der schwarzen Vernunft intensiv verfolgt. Sein Ansatz, das koloniale Projekt als Bedingung fr die Stabilisierung des globalen Kapitalismus zu denken, und die Fortsetzung des Kolonialismus in den Ausgrenzungspraktiken von rassistisch erniedrigten Menschen zu sehen, waren beunruhigende und erhellende Themen.

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In vieler Hinsicht schienen mir Achille Mbembes Ausfhrungen ber den Rassismus in den liberalen Demokratien, ber Migration und den neuen Kapitalismus der Ausgrenzung ein wichtiger theoretischer Rahmen fr die inhaltlichen und knstlerischen Kriterien meiner Programmierung.

Mit dem Thema ZWISCHENZEIT, das ich fr die drei Jahre der Ruhrtriennale unter meiner knstlerischen Leitung gesetzt hatte, versuchte ich, eine knstliche Zeit der Kunst auszudrcken, in der wir uns der Notwendigkeit der Vernderung aller unserer Lebensverhltnisse bewusst werden.

Ich hatte die Stimmen des globalen Sdens in den Fokus nehmen wollen und aus ihren jeweiligen Perspektiven, Fragen nach den Menschenrechten fr alle Menschen, nach dem Selbstverstndnis von Europa, nach dem Abgeben und nach einer transnationalen Gerechtigkeit stellen wollen.

Genau darber htte Achille Mbembe bei der Ruhrtriennale sprechen wollen: ber die planetarische Perspektive, wie alle Lebewesen diese Welt miteinander teilen und wie wir unsere Gesellschaften reparieren wollen. Er schlgt vor, lieber darber nachzudenken, was uns verbindet, statt darber, was uns trennt.

Ich hatte Achille Mbembe in verschiedenen Kontexten getroffen. Als er 2017 das Festival Theater der Welt in Hamburg mit einem fulminanten Vortrag in erffnete, dachte ich mir, dass ich ihn nun leider zu meiner ersten Ruhrtriennale 2018 nicht einladen konnte. Als er im letzten Frhsommer am Dsseldorfer Schauspielhaus ber das Menschenrecht, sich zu bewegen sprach und wenig spter die drei groen Vortrge an der Klner Universitt hielt, erschien mir ein weiterer Auftritt in NRW nicht originell. In meinem letzten Jahr wollte ich mir und unserem Publikum die Einladung dieses Denkers, der die Inhalte des Programmes so produktiv gerahmt htte, nicht versagen.

Ich stellte mir vor, all die jungen Leute, die ihm in Kln zugehrt hatten, wren nach Bochum gekommen. Ich hatte mit dem Vorwurf gerechnet, er sei schon zu oft in der nheren Umgebung gewesen. Dass man eine Einladung an Achille Mbembe als "Provokation" werten wrde, dass man Achille Mbembe als "Israelhasser" und Antisemiten bezeichnen wrde, htte ich mir nicht albtrumen lassen. Denn die Themen Israel, Naher Osten, auch Holocaust werden in Mbembes Bchern so gut wie kaum berhrt. Er hat keine BDS Aufrufe unterschrieben und ist mit anderen Fragestellungen beschftigt.

Es begann damit, dass der FDP Abgeordnete Lorenz Deutsch am 23. Mrz 2020 einen offenen Brief an mich schrieb, in dem er behauptete, antisemitische Gedankengnge und Formulierengen bei Achille Mbembes nachweisen zu knnen. Er bezog sich auf zwei verkrzte aus den Zusammenhngen gerissene Zitate aus dem zweiten Kapitel des 2016 (dt. 2017) erschienenen Buches Politik der Feindschaft und auf unseren Ankndigungstext ber das gerechte Teilen des Planeten, was ihn habe "den Atem stocken lassen". Ich erklrte ihm, warum ich Achille Mbembe einlud, worber er sprechen wrde, dass der Antisemitismus Verdacht nicht begrndet sei. Meine Antwort wurde nicht verffentlicht.

Verschiedene lokale Journalist*innen wiederholten dann unberprft die gleichen Vorwrfe, stellten Fragen an mich und an Achille Mbembe, die jeweils beantwortet wurden. Dann sprach der Antisemitismus Beauftragte der Bundesregierung Felix Klein sein Urteil, mit Hinweis auf die Zitate aus dem Brief des FDP Abgeordneten. Die Diffamierungskampagne, die nun folgte, war unvergleichlich, und wurde um so erbitterter gefhrt, je dnner die Argumente waren.

Es ist dazu zu sagen, dass in Achille Mbembes Werk von mehreren tausend Seiten das Thema Israel berhaupt nur in wenigen Abstzen berhrt wird. Bei den inkriminierten Texten handelt es sich um zehn Zeilen aus dem Buch "Politik der Feindschaft".

In "Politik der Feindschaft" widmet er sich dann dem Widerspruch der liberalen Demokratien des Westens, die, so seine These, die Ausgrenzung eines Teiles der Menschen, die an dieser Demokratie nicht teilhaben drfen, in sich tragen bzw. auf dieser Ausgrenzung basieren. Das ausgegrenzte Andere habe frher den Namen Neger und Jude getragen, heute hiee es auch Muslim, Araber, Flchtling. Er beschreibt die psychologisch-sozialen und konomischen Mechanismen des Ausgrenzens und nennt verschiedene Beispiele von heutiger Segregation, an denen sichtbar wird, wie es im Kapitalismus mit den Menschen gemeint ist. Er nennt insbesondere die Grenz- und Migrationsregime, die Flchtlingslager, die modernen Stadtentwicklungen mit ihren abgeschlossenen Vierteln der Armut, die palstinensischen Wohngebiete in den von Israel besetzten Gebieten mit ihren Checkpoints.

Der Antisemitismus Beauftragte der Bundesrepublik Felix Klein sprach frh sein Urteil, ohne die Vorwrfe zu berprfen und ohne sich zumindest um Sachkenntnis zu bemhen. Darf der Antisemitismus Beauftragte ohne Begrndung urteilen? Schreibende Helfer*innen sollten oder wollten in der Folge beweisen, dass er Recht hatte. An der Kampagne des erschreckend an der Kampagne des Diskreditierens und der Verleumdung war der kaum verhllte Rassismus und das geringe Interesse an dem, was der Beleidigte und Beschdigte tatschlich geschrieben und gesagt hatte.

Sein in der Wochenzeitschrift DIE ZEIT abgedrucktes Statement, verhallte auf Seiten seiner Gegner*innen ungehrt. In den vermeintlich serisen Auseinandersetzungen seiner Anklger wurden scheinbare Textanalysen betrieben, indem Teile aus Stzen Mbembes mit Teilen anderer Stze aus anderen Kontexten, sogar anderen Kapiteln zu wilden Collagen gefgt wurden, die dann einen Gedankengang suggerieren sollten, mit dem man den Antisemitismus oder "Israelhass" des Verfassers beweisen wollte.

Woher wei er das? Was will er den Leser*innen damit suggerieren? Dass alle Denker*innen aus dem Gebiet der Postkolonialen Wissenschaften BDS Aktivist*innen sind? Dass Achille Mbembe eben doch BDS untersttzt, dies aber ffentlich "bestreitet"? Wenn ich mich nicht tusche, betrachtet Mbembe sich noch nicht einmal als Theoretiker der Postcolonial Studies. Und warum sollte er es ntig haben, BDS Untersttzung, sollte er sie hegen, zu bestreiten?

Es gab und gibt auch viele sehr kluge Verteidiger*innen in diesem Streit. Sie argumentieren. Sie diskutieren. Sie machen keine Kampagne. Warum sind diese Stimmen immer viel leiser? Warum ist das Vorurteil, die grobe Behauptung, die Verleumdung so laut?

Wenn es die ursprngliche Absicht der Intrige war, nachzuweisen, dass eine Einladung an Achille Mbembe gegen den NRW-Beschluss verstie, nachdem man BDS Vertretern in NRW keine Bhne bietet, war sie gescheitert. Denn Achille Mbembe hat keine BDS Aufrufe unterschrieben. Das besttigte sogar Felix Klein. Um so heftiger wird es bis heute dennoch behauptet, oder nach sogenannter "geistiger Nhe" gesucht.

Schlielich haben die Suchmaschinen doch etwas gefunden, das Mbembes Gegner wie eine Trophe bejubeln. Es ist ein Kommentar von 2015, nicht innerhalb seines Werkes und nicht auf Deutsch erschienen, im Sammelband einer Schriftenreihe aus dem universitren Kontext, in dem verschiedene sdafrikanische Beitrger*innen, u.a. Achille Mbembe, sich zur Besatzungspolitik Israels uern. Der Sammelband steht im Zusammenhang einer offenbar immer wieder neu gefhrten Debatte in den sdafrikanischen Universitten ber deren Verhltnis zu bestimmten israelischen Universitten.

Angeblich sei der Herausgeber des Bandes ein Untersttzer der BDS Kampagne, wird behauptet. Selbst wenn das stimmen sollte, bewiese es noch lange nicht, dass auch Achille Mbembe BDS Untersttzer ist. Der Ton des Beitrages von Mbembe ist, zumal fr einen akademischen Kontext sehr zornig, und offenbar aus einem bestimmten Anlass geschrieben. Mbembe sagt dort, dass er die israelische Besatzungspolitik fr den grten Skandal dieses Jahrhunderts hlt. Das ist eine polemische und wie alle Polemik nicht angemessene Aussage. Er sagt in diesem Text allerdings auch, dass der Staat Israel selbstverstndlich geschtzt werden muss. Kann eine Polemik, geschrieben in einem Kontext, den wir nicht nachvollziehen knnen, Beweis genug fr "Israelhass" eines Autors sein, der sich in seinem gesamten Werk fr Israel gar nicht interessiert?

In dieser Phase des Inkriminierens stellt sich nun eine unbeantwortete und emotional hoch besetzte Frage: Darf ein aus Kamerun stammender Wissenschaftler, der seit 20 Jahren in Sdafrika lehrt, einen anderen Blick auf Israel haben als wir Deutsche?
Das ist eine notwendige, eine zu diskutierende Frage. Wir Deutschen nehmen Israel als Staat der Opfer wahr, der gegrndet wurde, um den von uns Verfolgten Schutz zu gewhren. Fr Menschen aus dem globalen Sden ist Israel ein Staat des Westens. Drfen wir Menschen mit kolonialen Erfahrungen und Wahrnehmungen aus anderen Teilen der Welt Antisemitismus vorwerfen, wenn sie Israels Regierung kritisieren? Drfen wir dann Knstler*innen und Intellektuelle aus arabischen Lndern insgesamt nicht mehr nach Deutschland einladen?

Jedoch staune ich, wie weit sich diese notwendige Debatte weg bewegt hat von dem, was Achille Mbembe tatschlich schreibt.
Aus Anlass Achille Mbembe wird auch von einigen, die ihn verteidigen, eine BDS Debatte gefhrt. Dabei interessiert sich Achille Mbembe doch gar nicht fr BDS, und auch nur wenig fr Israel. Es kommt in seinem Werk schlicht nicht vor. Es ist nicht sein Thema.

Wie Schtige diskutieren viele scharfsinnige Menschen nun ber berechtigte oder nicht berechtigte Israel Kritik anhand eines Autors, der ber die Geschichte Afrikas und eine gemeinsame Welt der Zukunft nachdenkt. Wrde er sich denn berhaupt als Vertreter Postcolonial Studies verstehen? Hlt er deren Positionen nicht fr berwunden? Er selber sagt: Wir sollten lieber darber nachdenken, was uns verbindet, statt darber, was uns trennt.

Aus falschen Unterstellungen ist eine richtige Diskussion entstanden. Auch wenn die mit Achille Mbembe nicht immer (und immer weniger) zu tun hat, wre daran etwas Gutes, wenn die Diffamierung Achille Mbembes nicht so bitter wre.

7fc3f7cf58
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