Aber diese Blogs diskutieren zu wenig miteinander, sie fordern
sich gegenseitig zu wenig heraus und riskieren damit auch nicht,
ihre eigene Meinung herausgefordert zu sehen. Uns interessieren
nicht anderer Leute Meinungen als solche, sondern deren
Begründungen. Sehen wir die gleichen Tatsachen und bewerten diese
anders? Unterscheiden sich unsere Wertvorstellungen? Haben wir
ähnliche Zielvorstellungen aber unterschiedliche Annahmen über die
beste Vorgehensweise und sind diese Annahmen empirisch begründbar?
Politische Überzeugungen basieren auf einer normativen Vorstellung
von Richtig und Falsch, auf einem Menschenbild und auf einer
Interpretation der Realität. Zu viele politische Kommentare und
auch die Politik selbst diskutieren ersteres, implizieren
zweiteres, und ignorieren letzteres.
Zu oft werden Dinge bestenfalls halb verstanden, aber einfach nur
wiedergekäut und im Ungefähren belassen. Zu oft werden Fakten
zugunsten einer guten Geschichte ignoriert oder gar nicht erst
recherchiert. Zu oft gehen sowohl Autoren als auch Leser den Weg
des größten Skandals, der größten Pointe, des größten Aufregers.
Zu oft bricht sich eine "Der Feind meines Feindes ist mein
Freund"-Mentalität Bahn. Zu oft werden Dinge in Schwarz oder Weiß
gesehen. Zu oft wird "Kompromiss" als Verrat, die Diskussion als
überflüssig, das Aufgeben von unhaltbaren Positionen als Schwäche
empfunden. Einer informierten, kritischen und demokratischen
Öffentlichkeit sind all diese Phänomene abträglich.
Wir haben uns deswegen entschlossen, das Experiment einer eigenen
Multi-Autoren-Plattform zu wagen. Wir Autoren sind keinesfalls
stets einer Meinung oder auch nur untereinander kompatibel. Unsere
Hoffnung ist es vielmehr, Reibungsflächen zu erzeugen, die
Debatten und kritische Auseinandersetzungen provozieren, von denen
alle Beteiligten etwas haben - auch und ganz besonders die Leser,
die weiterhin in den Kommentaren an diesen Debatten teilhaben
sollen.

