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Chor der St. Hedwigs-Kathedrale Berlin _am Ende?_

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Gundolf Barenthin

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Mar 25, 1998, 3:00:00 AM3/25/98
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_Chor der St. Hedwigs-Kathedrale Berlin am Ende?_

Ein Ende des traditionsreichen Chores der St. Hedwigs-Kathedrale Berlin in
seiner bisherigen Form zeichnet sich ab.

Naeheres dazu in dem folgenden Beitrag ueber die Geschichte und die
augenblickliche Situation der Chores:

Der Chor der St. Hedwigs-Kathedrale Berlin wurde ca. 1800 als Chor der
Berliner St. Hedwigs-Kirche gegruendet. Seit diese zur Kathedrale erhoben
wurde (1930), ist er Kathedral-Chor. Die Hauptaufgabe des Chores der St.
Hedwigs-Kathedrale war zu allen Zeiten und ist auch heute die musikalische
Gestaltung von feierlichen Gottesdiensten.
Ein besonderer "Gluecksfall" fuer den Chor war die Berufung des spaeter zum
Praelaten und Professor ernannten Herrn Dr. Karl Forster im Jahr 1934 zum
Domkapellmeister. Unmittelbar nach dem Kriege brachte er den Chor auf ein
solches kuenstlerisches Niveau, dass dieser auch ein weit ueber die Grenzen
Berlins und Deutschlands beachteter Konzertchor wurde und von vielen
beruehmten Dirigenten zur Mitwirkung bei ihren Konzerten und zu
Schallplatten verpflichtet wurde.
Damit wurde eine Tradition begruendet, die nach Karl Forsters Tod im Jahr
1963 unter den Nachfolgern Herrn Praelat Prof. Dr. Anton Lippe (1963 -
1974) und Herrn Prof. Roland Bader (1974 - 1991) fortgefuehrt wurde.
Auf seinen Konzertreisen besuchte der Chor viele Laender Europas,
schliesslich auch andere Kontinente wie Japan Amerika und Australien.
Auch auf diesen vielen Reisen fuehlte sich der Chor immer als Kathedral-
Chor und gestaltete feierliche Gottesdienste in den besuchten Laendern.
Dass in der Oeffentlichkeit der Eindruck entstanden ist, der Chor der St.
Hedwigs-Kathedrale sei primaer ein Konzertchor, liegt an der Presse, die
ausschliesslich ueber die Konzerte des Chores berichtet.
Ein einschneidendes Ereignis fuer den Chor war die Teilung der Stadt Berlin
1961 durch die Mauer. Dadurch wurde auch der Chor geteilt. Weil aber
Karl Forster und die weit ueberwiegende Mehrheit der Chormitglieder im
Westen der Stadt beheimatet waren (wie auch die Mehrheit der katholischen
Bevoelkerung Berlins - 3/4 der Katholiken Berlins wohnen im westlichen
Teil!), konnte die Tradition des Chores im Westen weiter fortgesetzt
werden. In der im Ostteil Berlins gelegenen St. Hedwigs-Kathedrale konnte
der Chor seit ihrer Zerstoerung im Jahr 1943 ohnehin nicht singen. Die
Zahl der in Ostberlin nach dem Mauerbau vom Chor der St. Hedwigs-
Kathedrale abgeschnittenen Chormitglieder war so klein, dass diese keinen
Chor bildeten.
Erst nach der im Jahr 1963 erfolgten Einweihung der wiederaufgebauten
Kathedrale war der Chor durch die Mauer von seiner Kathedrale getrennt.
Um die musikalische Gottesdienstgestaltung an der Kathedrale
sicherzustellen wurde dort, im Ostteil der Stadt, 1975 ein "Domchor von
St. Hedwig" unter Leitung von Herrn Michael Witt gegruendet. Zur
Nachwuchssicherung dieses Chores wurden weitere Ensembles (Knabenchor,
Maedchenchor) ins Leben gerufen. Wegen seiner Verdienste um die
Kirchenmusik wurde Herr Witt im Jahre 1983 von Herrn Kardinal Meissner der
Titel "Domkapellmeister" zuerkannt.
Im Fruehjahr 1989, also noch vor der Oeffnung der Mauer, kuendigte Herr Bader
seinen Vertrag zum 30. September 1991. Dann kam - fuer alle ueberraschend
- der Fall der Mauer im November 1989.
Somit ergab sich folgende Situation:
Im Westteil der Stadt existierte der traditionsreiche und weit ueber die
Grenzen hinaus bekannte Chor der St. Hedwigs-Kathedrale Berlin unter Herrn
Domkapellmeister Roland Bader, dessen Stelle bald vakant werden sollte.
Im Ostteil der Stadt existierte der Domchor von St. Hedwig, ein
Kirchenchor im besten Sinne des Wortes, unter Heim Domkapellmeister
Michael Witt.
Beide Choere erhoben Anspruch auf die musikalische Ausgestaltung der
Gottesdienste an der Kathedrale. Im Bischoeflichen Ordinariat wurden nun
Ueberlegungen angestellt beide Choere unter Leitung von Herrn Witt
zusammenzulegen.
Viele Mitglieder des Chores der St. Hedwigs-Kathedrale hatten zur Zeit der
Teilung der Stadt durch die Mauer seit 1983 mehrmals Gelegenheit zusammen
mit den Domchor unter Leitung von, Herrn Witt zu musizieren. Mit einzeln
beantragten "Passierscheinen" haben sie den Domchor bei besonderen
Gottesdiensten und Kirchenkonzerten verstaerkt. Nach dem Fall der Mauer
haben der Chor der St. Hedwigs-Kathedrale und der Domchor viele grosse
Gottesdienste unter der Leitung von Herrn Witt musikalisch gestaltet.
Bei all diesen Gelegenheiten konnte sich der Chor der St. Hedwigs-
Kathedrale ein Bild von der kuenstlerischen Qualifikation des Herrn Witt
machen. Dabei ist der Chor einhellig zu der Ueberzeugung gelangt, dass
diese fuer die Leitung des Chores der St. Hedwigs-Kathedrale mit seinem
hohen Leistungsanspruch in Kirche und Konzertsaal nicht ausreicht. Dies
haben die Sprecher des Chores auch unmissverstaendlich Herrn Witt, Herrn
Kardinal Sterzinsky und den massgeblichen Herren des Bischoeflichen
Ordinariats gesagt und darauf gedrungen, die Stelle des Leiters des Chores
der St. Hedwigs-Kathedrale Berlin neu auszuschreiben. Gleichzeitig haben
die Sprecher bei mehreren Gespraechen mit dem Kardinal, dem damaligen
Generalvikar Herrn Dr. Tobei und dem Dompropst Herrn Riedel angemahnt, vor
der Ausschreibung die Kompetenzen des neuen Domkapellmeisters genau zu
definieren. Leider ist dieses in der Stellenausschreibung nicht
geschehen. Eine durch den Kardinal einberufene Findungskommission hat
dann unter mehr als 40 Bewerbern Herrn Dr. Alois Koch-Roth aus Luzern als
neuen Domkapellmeister und Leiter des Chores der St. Hedwigs-Kathedrale
ausgewaehlt.
So existierten nun an der St. Hedwigs-Kathedrale zwei Erwachsenenchoere
nebeneinander der Chor der St. Hedwigs-Kathedrale unter Herrn Dr. Alois
Koch-Roth und der Domchor von St. Hedwig unter Herrn Michael Witt.
Zum 1. Januar 1994 wurden diese beiden Choere auf Anordnung unseres
Bischofs zum Chor der St. Hedwigs-Kathedrale zusammengelegt. Die Leitung
wurde Herrn Dr. Alois Koch-Roth uebertragen. Herrn Michael Witt wurde die
Leitung der Knaben- und Maedchenchoere sowie der Aufbau einer Domsingschule
uebertragen.
Spaeter wurde Herrn Witt auch noch die Leitung einer neu gegruendeten
Jugendkantorei und eines Ensembles fuer Alte Musik uebertragen. Die
Existenz der Jugendkantorei verhinderte einen rechtzeitigen Wechsel in den
Chor der St. Hedwigs-Kathedrale. Dadurch fehlte dem Chor der Nachwuchs
aus der Domsingschule. Das Ensemble fuer Alte Musik beschraenkte sich nicht
auf Alte Musik, sondern deckte ein aehnliches Spektrum der liturgischen
Musik ab wie der Chor der St. Hedwigs-Kathedrale.
Diese strukturellen Gruende fuehrten dazu, dass Herr Dr. Alois Koch-Roth sein
Amt zum 31. August 1998 zur Verfuegung stellte.
Ohne Wissen und Einbindung des Chores ist schon vor vielen Monaten von
unserem Erzbischof Herrn Kardinal Sterzinsky Herr Michael Witt mit Wirkung
zum 1. Sept. 1998 zum Leiter des Chores der St. Hedwigs-Kathedrale
bestimmt worden, obwohl den Chormitgliedem schon im Jahr 1990, als
seinerzeit Herr Prof. Roland Bader die Leitung unseres Chores aufkuendigte,
das Versprechen gegeben wurde, dass kein Leiter gegen den Willen des Chores
ernannt werden wurde.
Aus kuenstlerischen Gruenden lehnt die ueberwaeltigende Mehrheit des Chores
Herrn Witt als Leiter ab. In geheimer Abstimmung haben Anfang Februar
1998 nach Bekanntgabe der Entscheidung unseres Erzbischofs 83,5% der
Chormitglieder angekuendigt, unter der Leitung von Herrn Witt im Chor der
St. Hedwigs-Kathedrale nicht weiter zu singen.
Die Mitglieder des Chores der St. Hedwigs-Kathedrale kennen Herrn Wirt in
seiner Proben- und Auffuehrungsarbeit aus den oben geschilderten Gruenden,
die ehemaligen Saengerinnen und Saenger des Domchores, die seit 1994 dem aus
beiden Choeren zusammengelegten Chor der St. Hedwigs-Kathedrale angehoeren,
kennen Herrn Witt besonders gut.
Aus diesen geschilderten Gruenden ist der Chor der St. Hedwigs-Kathedrale
sehr wohl in der Lage, ein kuenstlerisches Urteil ueber Herrn Witt
abzugeben. Den Vorwurf, den insbesondere unser Erzbischof erhebt dass hier
lediglich ein Vorurteil vorliege, weisen die Mitglieder des Chores
entschieden zurueck.
Der Chor der St. Hedwigs-Kathedrale ist in den zurueckliegenden 50 Jahren
unter so grossen Leitern wie Herrn Praelat Prof. Dr. Karl Forster, Herrn
Praelat Prof. Dr. Anton Lippe, Herrn Prof. Roland Bader und Herrn Dr. Alois
Koch-Roth zu solch anspruchsvollem Musizieren erzogen worden, dass er nicht
bereit ist in dieser Hinsicht Abstriche zu machen. Die Mitglieder des
Chores wissen aus ihrer Musizier-Erfahrung, dass die Qualitaet eines Chores
mit der Qualitaet seines Leiters steht und faellt.
Allein im letzten Kalenderjahr hat der Chor der St. Hedwigs-Kathedrale 34
liturgische Dienste gestaltet und ist in 8 oeffentlichen Konzerten
aufgetreten. Dazu wurden 101 Proben durchgefuehrt. Diese ungeheure
zeitliche Beanspruchung nehmen die Mitglieder des Chores auf sich, weil
sie in solch hervorragender Weise musikalisch gefoerdert und gefordert
werden.
Sollte unser Erzbischof an seiner Entscheidung bzgl. Herrn Witt
festhalten, zeichnet sich ein Ende des traditionsreichen Chores der St.
Hedwigs-Kathedrale in seiner jetzigen Form ab.
Es ist besonders bedauerlich dass dies dann fast auf den Tag genau 35 Jahre
nach dem Tode Karl Forsters geschieht, der mit dem Chor der St. Hedwigs-
Kathedrale den Namen unserer Kathedrale weit ueber die Grenzen unseres
Landes bekannt gemacht hat und zwar zu einer Zeit als die Kathedrale
selbst noch eine Ruine war.

Sprecher des Chores der St. Hedwigs-Kathedrale Berlin
Helga Cieslik
Prof. Dr. Rudolf Heinisch (fuer Fragen: 030-314-24183)
Peter Iwanowski
Dr. Norbert Klaar

mailto:g.bar...@tbx.berlinet.de,nic...@physik.tu-berlin.de
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