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Hochschulreform

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Tobias Bevc

unread,
Feb 11, 1998, 3:00:00 AM2/11/98
to

Warum wir streiken!

Wir wollen weniger die Durchsetzung einer bestimmten eigenen
Wahrheit, als vielmehr den Kampf darum, den herrschenden
gesellschaftlichen Diskursen die Macht der Wahrheitsproduktion
zu entziehen.
Der bundesweite Streik an den Universitäten mobilisiert unerahnt
viele Studenten; merkwürdigerweise auch ungeahnt viel
Sympathiebekundungen, welche man eigentlich nur als blanken
Zynismus abtun kann, aus Kreisen, aus denen es wahrlich niemand
erwartet hätte, am wenigsten wohl die Studenten selbst. Kohl,
Herzog, Westerwelle, Gerhard - und nicht zu vergessen - fast
alle Oppositionspolitiker von Bedeutung, obwohl diese ja auch an
der derzeitigen Lage an den deutschen Universitäten nicht
schuldlos sind, meinen auf die Seite der Studenten sich stellen
zu müssen.
Wie kommt das?
Dies rührt daher, daß die Forderungen der Studenten nach
besseren Studienbedingungen im Grunde von allen eingesehen und
geteilt werden. Das Problem aber ist, daß man sich über den Weg
uneinig ist. An dieser Stelle muß nun die Politisierung des
Streiks beginnen, was aber bislang ausgeblieben ist, da niemand
sich die Mühe macht, bzw. gemacht hat, nach der Wurzel der
katastrophalen Studienbedingungen zu fanden - und, was noch
wichtiger ist - nach ihrem Ziel.
Zum einem könnte man die Universitäten reformieren, d.h. sie
demokratischer gestalten, den Studenten Mitspracherechte
einräumen - oder sie gar gleichstellen. Damit ist das Problem
der Überfüllung und mangelnden Ausstattung noch nicht gelöst.
Einhergehen müßte also auch eine Aufstockung des Bildungsetats.
Zum zweiten wird, aus konservativen Kreisen, vorgeschlagen
Studiengebühren zu erheben. Diese würden die finanzielle Lage
der Universitäten verbessern, und gleichzeitig die Anzahl der
Studierenden verringern.
Und genau hier möchte ich meinen, daß man das Ziel festmachen
kann.
Es ist nämlich genau das Ziel neoliberaler, konservativer
Kreise, daß man schon seit Jahren in ihrem Gerede von der
Notwendigkeit von "Eliten" sehen kann, als auch in dem seit
Jahren voranschreitenden Sozialabbau, der mit dem Sachzwang
"Globalisierung" begründet wird, daß sie dahin streben, eine
Bildungs - und Leistungselite zu schaffen, die dann als einzige
über ein Ausmaß an Humankapital verfügen wird, die es ihr
ermöglicht, den gesellschaftlichen Diskurs der
Wahrheitsproduktion zu steuern.
Man muß also die Lage an den Universitäten, i.e. die Lage der
Studierenden, als einen gesamtgesellschaftlichen Problemkomplex
verstehen, der nicht dadurch zu lösen ist, daß Studenten sich
hinstellen und als unterfinanzierte Minderheit sich darstellen.
Die Problematiken an den Universitäten spiegeln also
gesamtgesellschaftliche Erscheinungen wieder, und können daher
auch nicht ohne die Berücksichtigung dieser
gesamtgesellschaftliche Erscheinungen gelöst werden. Die
Faktoren sind folgende:
1. Einschränkungen demokratischer Rechte, z.B. §16a,
Einschränkung des Demonstrationsrechts, Europol (Immunität der
Europol Beamten), großer Lauschangriff, Multilateral Agreement
on Investment (MAI):
2. Disziplinierung breiter Schichten der Bevölkerung durch
scheinbare Sachzwänge, wie z.B. der stetig schrumpfende
Bildungshaushalt, "Globalisierungsdebatte" und ihre Folgen.
3. Elitenbildung, die man an den Studiengebührendiskussionen,
Kurzstudiengängen, Bafögkürzungen ablesen kann.
Was hat das jetzt alles mit dem Streik an Hochschulen zu tun?
Diese Machtkonzentration funktioniert nur, wenn die Hochschulen
nicht mehr in der Lage sind, eine breite Basis der Bevölkerung
auszubilden.
Um diese breite Basis zu verhindern, steckt folgendes hinter den
Finanzkürzungen im Bildungshaushalt:
"Der Abbau der finanziellen Grundausstattung von Lehrenden und
Lernenden durch den
demokratischen Sozialstaat - damit sie frei von obrigkeitlichen
Auflagen ihre
individuellen Rechte auf freie Entfaltung in wissenschaftlicher
Berufsausbildung und/oder
Forschung wahrnehmen können - und deren Ersetzung durch
inhaltlich steuernde
Finanzierungsformen wird als Entstaatlichung,
Entbürokratisierung und Deregulierung
schön geredet. Faktisch kommt dies aber einer
Entdemokratisierung und zugleich Stärkung
staatlicher Steuerung mit neuen bürokratischen Formen der
Leistungs-Output-Überwachung
gleich." Beispielhaft hierfür ist die geplante Einführung des
Hochschulrats in Bayern.
Die Einführung dieses Hochschulrats wird die Institution
Universität fundamental zum
Negativen verändern, sollen doch Leute aus der freien Wirtschaft
über die finanzielle
Ausstattung der einzelnen Unis entscheiden, was natürlich zur
Folge hat, daß z.B. die
Geisteswissenschaften schwere Kürzungen hinnehmen werden
müssen.
Um den herrschenden gesellschaftlichen Diskursen die macht der
Wahrheitsproduktion zu entziehen, müssen die Universitäten allen
die Chance auf angemessene Bildung ermöglichen, d.h. es dürfen
keine Studiengebühren eingeführt werden, welcher Art auch immer.
Die Universitäten müssen demokratisiert werden. Des weiteren
müssen alle Einflußmöglichkeiten der Industrie und Wirtschaft
auf die Lehre unterbunden werden, d.h. die Universitäten müssen
autonom sein (soll nicht heißen, daß die Universitäten nicht
mehr mit den o.g. zusammenarbeiten sollen).

--
Gepostet &uuml;ber das <a href="http://www.bda.de/">BDA-Forum</A>.
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Joern Solfrian

unread,
Feb 13, 1998, 3:00:00 AM2/13/98
to

Mit dem Einfuehren von Studiengebuehren tut man sich in
Deutschland scheinbar sehr schwer. Dabei ist gerade das
System des kostenlosen Universitaetsunterrichts eines der
ineffizientesten, und eines, welches Arbeitende besteuert,
damit Studierende sich nach ihrem Studium einen besser
bezahlten Arbeitsplatz beschaffen koennen. Richtig, es mag
sein, dass eine Universitaetsausbildung die Produktivitaet
der einzelnen Arbeitskraft steigert und damit nicht nur von
privatem, sonern auch von sozialem Nutzen ist, was eine
staatliche Subventionierung gerechtfertigen wuerde. Da der
private Nutzen aber wahrscheinlich den sozialen Nutzen
uebersteigt, sehe ich keinen Grund, warum alle fuer den
Privatnutzen weniger, i.e. von Studenten, in Form von
erhoehten Steuern zahlen sollen. Auch unser progressives
Steuersystem mag es nicht verhindern, dass untere Einkommens-
schichten relativ mehr fuer den einzelnen Studenten in Form
von Steuern bezahlen, als hoehere Einkommensschichten. Ist
das im Sinne der nach antielitaeren Gesellschaft "schreinden"
Studenten?
Studiengebuehren von DM2000,- pro Jahr sind laecherlich im
internationalen Vergleich: Magisterkurs an einer neueren
englischen Universitaet kostet zwischen DM4000 und DM15000.
Wer Geld hat, kann sich das leisten; wer keins hat ist entweder
begabt und kriegt ein Stipendium oder er ist es nicht,
dann kann er sich eine Kredit aufnehmen zu niedrigen Zinsen,
welcher nach dem Studium wieder abbezahlt wird...warum nicht?!

Man muss anfangen auch in Deutschland ,trotz seiner schlechten
Erfahrung, wieder geistige Eliten zu foerdern. Das geht nur
mit kleineren Universitaeten, Abschaffen des Beamtenstatus
eines Professors und anderen effizienzsteigernden Massnahmen.

Anfangen sollter man jedoch schon bei Aufnahmepruefungen
fuer das Gymnasium, einer zentraleren Gestaltung des Abiturs
und einer besseren Foerderung der anderen Schulformen.

Robert SChreier

unread,
Feb 13, 1998, 3:00:00 AM2/13/98
to

Es ist gut, das man sich mit der einfuehrung von Studien-
gebuehren schwer tut.
Es darf halt nicht nur um Elitenbildung gehen, sondern um eine
breite Volksbildung, die gerade diese Elitenbildung verhindert.
Klar duerfen Eliten weiterhin entstehen, um unsere Wirtschaft
anzukurbeln, aber das darf nicht alles sein, da dann die
Demokratie nur eine hohle Phrase ist (was sie heute auch schon
teilweise ist). Wenn naemlich nur noch ELiten regieren, kuemmern
die sich einen Dreck um Belange von Leuten, die nicht zur ELite
gehoeren. Und wenn diese Eliten auch nur nach der oekonomischen
Effizienz irgendwelcher Massnahmen gehen, dann koennen wir
unser Sozialsystem gleich auf das englische umstellen und uns
anschliessend erschiessen. Erschiessen, weil es eyh irgendwann
die Leute machen werden, deren Unterstuetzung und damit halb-
wegs menschenwuerdiges Dasein wir dann streichen.
Und das kann es nicht sein.
Die Wirtschaft hat genug Geld, sie macht Gewinne,
wie schon lange nicht mehr. Sie muesste nur erkennen, das es
langfristig auch im Ihren Interesse ist, die sozial schwachen
zu unterstuetzen. Und zu denen zaehlen waehrend des Studiums
auch einige Studis, die zugegebenermassen von Steuergeldern
finanziert werden.Aber auch Lehrstellen werden subventioniert.
Ich hab zwar keine genauen Zahlen dazu im Kopf, aber das ist
nicht wenig.
Ich weiss aber, das ein Medizin-student ca. 60000,-DM kostet
Wir koennen dort gern kuerzen, aber dann duerfen wir uns nicht
wundern, wenn in 50 Jahren die Sterblichkeitsrate wieder in
die Hoehe schnellt.
Nebenbei hat der joern richtig erkannt, das untere Einkommens-
schichten mehr Steuern bezahlen, als hoehere. Genau das ist
meiner Meinung nach ein Grunduebel des herrschenden
Steuersystems. Und ich finde das nicht richtig, das ich von den
Armen bezahlt werde. Lieber sollen die Reichen fuer mich
bezahlen,
da ich ja dann als Absolvent vermutlich Ihre Gewinne ver-
groessern werde.
Das manche Leute nicht nur wegen dem materiellen Vorteil
studieren,
ist Joern wahrscheinlich auch noch nicht in den Sinn gekommen.
Studierte Revierfoerster z.B. bekommen so ca. 2500 DM (Osttarif)
Das ist nicht unbedingt mehr als ein guter Arbeiter verdient.
Auch andere Studienabschluesse heissen nicht automatisch mehr
Geld
in der Tasche.

CIAO, RObert

Sebastian Zimmermann

unread,
Feb 13, 1998, 3:00:00 AM2/13/98
to

Es ist einfach, andere Länder heranzuziehen, um für
Studiengebühren zu werben. Dabei wird jedoch immer schnell
vergessen, daß in Ländern mit hohen Studiengebühren eine große
Vielfalt an Stipendien existiert, die in Deutschland einfach
noch nicht gegeben ist und auch nicht so schnell geschaffen
wird.
Auch sehe ich die Effizienzsteigerung nicht, die immer als Grund
für die Einführung von Studiengebühren genannt wird. Ich
verbringe zur Zeit ein Austauschjahr an einer öffentlichen US
Universität und habe den direkten Vergleich zu einer deutschen
(technischen) Universität. Ich kann an der US Universität bei
bestem Willen keine erhöhte Effizienz entdecken.
Auch sollte man Steuersystem und Bildungssystem nicht in einen
Topf werfen. Daß das Steuersystem unfair ist, kann man nicht
dadurch lösen, indem man das Bildungssystem ändert.

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