MDR INFO | Hörer machen Programm | 23.10.2013 : Was ist mit der Betreuung für blinde Studenten an der TU Dresden?
Gut 2.000 Blinde und schwer Sehgeschädigte studieren an deutschen Universitäten - die meisten davon an der Universität Marburg. In Mitteldeutschland ist es die TU Dresden, die einen guten Ruf unter blinden Studenten hat. Momentan studieren hier 15 Menschen ohne Augenlicht, darunter auch unser Hörer Frank Schirlitz. Doch mittlerweile scheinen die Kapazitäten der TU diesbezüglich an ihre Grenzen zu stoßen. Unser Hörer fragt deshalb: Wie kann sich die Betreuungssituation wieder verbessern?
von Secilia Pappert

Unser Hörer Frank Schirlitz studiert an der TU Dresden.
"Ich habe mich für die TU Dresden entschieden, weil sie einen guten Ruf hat, was Unterstützung von Blinden und Sehbehinderten angeht. Das Problem ist: In meinem Jahrgang haben sich ziemlich viele dafür entschieden, was zur Folge hatte, dass es zu Personalknappheit gekommen ist. Da die TU Dresden allerdings als Exzellenzuni ausgewählt wurde und damit Gelder für die Verbesserung der Lehre erhalten hat, frage ich mich: Gibt es die Möglichkeit, weiteres Personal für uns blinde Studenten einzustellen, damit sich die Betreuungssituation wieder verbessert?"
MDR um elf
23.10.2013, 11:00 Uhr | 03:04 min
Unser Hörer Frank Schirlitz hat Recht: Seit Juni 2012 gehört die TU Dresden zum erlesenen Kreis der elf deutschen Exzellenz-Universitäten. Und das bringt ihr in der Tat einiges Geld ein: 135 Millionen Euro zusätzlich für fünf Jahre. Aber: Das Geld ist ausschließlich für die Forschung bestimmt. Deutsche Unis sollen damit im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig bleiben, sagt TU-Pressesprecherin Kim-Astrid Magister: "Jeder Cent ist projektgebunden. Man konnte sich nur mit Forschungsprojekten bewerben und das muss auch so abgerechnet werden. Da ist leider null Spielraum für andere Projekte, die uns auch am Herzen liegen."
Jens Voegler und Student Frank Schirlitz
Schon seit den 90er-Jahren kümmert man sich vor allem an der Fakultät für Informatik, an der auch unser Hörer studiert, um blinde und sehbehinderte Studenten. In einem speziellen Kabinett gibt es Arbeitsplätze für einen Blinden und zwei Sehbehinderte: mit Screenreadern, Sprachausgabe und Spezialdruckern. Allein der Blindenarbeitsplatz hat einen Wert von rund 12.000 Euro, erklärt Jens Voegler, der die Studenten betreut.
Doch die Technik ist nur ein Teil der Arbeit: "Wenn ein Student von einem Professor ein bestimmtes Fachbuch empfohlen bekommt, dann kommt er zu uns. Wir gehen zu dem Verlag, lassen uns die Quelltexte geben und wandeln diese in das HTML-Format um. Dann kann der blinde Student damit arbeiten." Aber auch Vorlesungen mit allen dazugehörigen Materialien, einschließlich Folien und Computerpräsentationen, werden für die blinden Studenten aufgearbeitet.
Zwar werden die Sehbehinderten von Studentischen Hilfskräften begleitet - die Hauptarbeit liegt dennoch bei Jens Voegler und seiner Kollegin, die jeweils mit einer halben Stelle hier arbeiten. Was einmal für einen einzigen blinden Studenten eingerichtet wurde, das scheint tatsächlich an seine Kapazitätsgrenzen zu stoßen. Allein in der Fakultät für Informatik studieren mittlerweile vier Studenten, insgesamt sind es an der TU Dresden 15.
Die Braille-Zeile dient als Ersatz für eine Tastatur.
Informatik-Professor Gerhard Weber vom Lehrstuhl Mensch-Computer-Interaktion, zu dem auch das Blindenarbeitsplatzssystem gehört, sieht die Ausbildung seiner Studenten dennoch als gesichert an - mit Einschränkungen bei der Qualität der Ausbildung: "Es gibt auf jeden Fall Defizite, es kann immer noch besser werden. Die nächsten Studenten sollten eigentlich von den alten profitieren - was derzeit schlecht gelingt, da wir mit diesem kleinen Ansturm wirklich viel zu tun haben." Den Ansturm sieht Weber eher gelassen - mehr noch: Er hofft auf weitere Studenten mit Sehbehinderung.
MDR INFO
23.10.2013, 05:00 Uhr | 02:57 min
Zur Entschärfung der aktuellen Situation hat die Universitätsleitung jetzt die Kapazitäten erhöht. TU-Sprecherin Kim-Astrid Magister: "Es kommen immer mehr Studenten - und damit sind die vorhandenen Mittel auf mehr Studenten zu verteilen. Aber wir haben reagiert: Im kommenden Studienjahr werden die im fünfstelligen Bereich liegenden finanziellen Mittel für Hilfskräfte verdoppelt."
Ob das reicht sei dahin gestellt. Auch andere Interessengruppen wollen bedacht werden, so Frau Magister. Als Beispiel nennt sie Studierende mit Kind. Und es gehe letztlich nicht nur ums Geld: Ebenso wichtig sei eine Vernetzung der Hochschulen untereinander - zumindest erst einmal sachsenweit. Dresden habe vorgelegt, nun sei es an den anderen Hochschulen, ebenfalls gute Voraussetzungen für das Studium Sehbehinderter zu schaffen.
Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2013, 05:00 Uhr