Prager Manifest (1996)

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Karl Dietz

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Jun 23, 2010, 1:01:52 PM6/23/10
to clara-liste, bonvoles, bavelo-aktuell
>
> Wir, Mitglieder der weltumspannenden Bewegung zur Förderung des
> Esperanto, richten dieses Manifest an alle Regierungen und
> internationalen Organisationen sowie an alle einzelnen Menschen. Wir
> erklären, daß wir weiterhin entschlossen für die hier genannten Ziele
> eintreten werden, und ermuntern jede Organisation und jeden einzelnen,
> sich unseren Bestrebungen anzuschließen.
>
> 1887 als Projekt eines internationalen Verständigungsmittels aus der
> Taufe gehoben, hat Esperanto sich rasch zu einer lebendigen,
> ausdrucksreichen Sprache entwickelt und dient nun schon mehr als ein
> Jahrhundert lang dazu, Menschen über sprachliche und kulturelle
> Barrieren hinweg zusammenzubringen.
>
> Die Ziele der Esperantosprechenden haben bis heute nichts an Gewicht
> oder an Aktualität verloren. Denn selbst ein weltweiter Gebrauch
> einiger Nationalsprachen, weitere Fortschritte in der
> Kommunikationstechnologie oder die Entwicklung neuer Methoden des
> Sprachunterrichts werden die folgenden Grundsätze, die wir für eine
> gerechte und wirksame Sprachenpolitik in der Welt für unabdingbar
> halten, nicht verwirklichen können:
>
> 1. Demokratie Ein internationales Kommunikationssystem, das einen Teil
> der Menschen lebenslang privilegiert, von anderen aber verlangt,
> jahrelange Mühen auf sich zu nehmen, ohne dadurch ein vergleichbares
> Sprachniveau zu erreichen, ist von Grund auf undemokratisch. Obwohl
> Esperanto, wie jede Sprache, nicht perfekt ist, übertrifft es doch
> alle seine Konkurrenten auf dem Gebiet der weitweiten
> gleichberechtigten Verständigung bei weitem.
>
> Wir behaupten, daß sprachliche Ungleichheit auch kommunikative
> Ungleichheit auf allen Ebenen zur Folge hat -- einschliesslich der
> internationalen Ebene. Wir sind eine Bewegung für demokratische
> Kommunikation.
>
> 2. Transnationale Erziehung Jede Nationalsprache ist mit einer
> bestimmten Kultur und einem oder mehreren Völkern verbunden. So lernt
> beispielsweise ein Schüler durch den Englischunterricht Kultur, Land
> und Politik der englischsprechenden Länder, vor allem der USA und
> Großbritanniens kennen. Dagegen wird dem Schüler im
> Esperantounterricht eine Welt ohne Grenzen, in dem jedes Land ein
> Stück Heimat ist, nahegebracht.
>
> Wir behaupten, daß mit der Erziehung in einer Sprache, in welcher auch
> immer, gleichzeitig ein bestimmtes Weltbild vermittelt wird. Wir sind
> eine Bewegung für eine transnationale Erziehung.
>
> 3. Erfolgreicher Sprachunterricht Nur ein kleiner Prozentsatz
> derjenigen, die sich mit einer Fremdsprache auseinandersetzen,
> erlernen diese wirklich. Die Beherrschung des Esperanto ist dagegen
> sogar im Selbststudium erreichbar. Verschiedene wissenschaftliche
> Untersuchungen haben nachgewiesen, daß eine Kenntnis des Esperanto das
> Lernen anderer Sprachen erleichtert. Auch empfiehlt sich Esperanto als
> Übungsobjekt in Kursen zur Förderung des Sprachbewußtseins der
> Teilnehmer.
>
> Wir behaupten, daß für viele Schüler, die sonst von der Kenntnis einer
> zweiten Sprache durchaus profitieren könnten, die Schwierigkeit von
> Nationalsprachen immer ein Hindernis darstellen wird. Wir sind eine
> Bewegung für einen erfolgreichen Sprachunterricht.
>
> 4. Mehrsprachigkeit Die Esperantosprechenden stellen wohl die einzige
> weltweite Sprachgemeinschaft dar, deren Sprecher ausnahmslos zwei-
> oder mehrsprachig sind. Jedes Mitglied hat sich zur Aufgabe gemacht,
> wenigstens eine Fremdsprache bis zur Sprechbeherrschung zu lernen.
> Vielfach führt das zur Kenntnis und Wertschätzung vieler Sprachen und
> allgemein zu einem weiteren persönlichen Horizont.
>
> Wir behaupten, daß die Sprecher aller Nationalsprachen, seien diese
> nun weit verbreitete oder weniger bekannte, die ernsthafte Chance
> haben müssen, sich eine zweite Sprache auf hohem Niveau anzueignen.
> Wir sind eine Bewegung für die Chance auf Mehrsprachigkeit.
>
> 5. Sprachliche Rechte Die ungleiche Machtverteilung der Sprachen führt
> bei einem Großteil der Weltbevölkerung zu einer ständigen Gefährdung
> ihrer Sprachen bis hin zur direkten Unterdrückung. In der
> Esperantosprechergemeinschaft begegnen sich die Sprecher weit
> verbreiteter oder weniger bekannter, offizieller und inoffizieller
> Sprachen in einem bewußten beiderseitigen Entgegenkommen auf
> sprachlich neutralem Boden. Diese Abgewogenheit von Rechten und
> Pflichten weist einen Weg für die Entwicklung und Beurteilung weiterer
> Ansätze, sprachliche Benachteiligungen und Konflikte zu lösen.
>
> Wir behaupten, daß die großen Unterschiede in der Machtverteilung der
> Sprachen die Garantien für eine von der Muttersprache unabhängige
> Gleichbehandlung aushöhlen, wie sie in unzähligen internationalen
> Vereinbarungen festgelegt wurden. Wir sind eine Bewegung für
> sprachliche Rechte.
>
> 6. Sprachenvielfalt Die nationalen Regierungen neigen dazu, die große
> Sprachenvielfalt in der Welt als ein Hindernis für Kommunikation und
> Entwicklung anzusehen. Für die Gemeinschaft der Esperantosprechenden
> ist die Sprachenvielfalt hingegen eine ständige und unverzichtbare
> Quelle kulturellen Reichtums. Demzufolge ist jede Sprache, wie der
> Ausdruck jeder Lebensform, schon wertvoll an sich und damit schützens-
> und unterstützenswert.
>
> Wir behaupten, daß eine Kommunikations- und Entwicklungspolitik, die
> nicht auf der Anerkennung und Unterstützung jeder Sprache basiert,
> einen Großteil der Sprachen in der Welt dadurch zum Aussterben
> verurteilt. Wir sind eine Bewegung für Sprachenvielfalt.
>
> 7. Emanzipation der Menschheit Jede Sprache erweitert und begrenzt den
> Horizont ihrer Sprecher, indem sie ihnen einmal die Möglichkeit der
> Verständigung untereinander gibt, die Kommunikation mit
> Anderssprachigen jedoch verhindert. Als universales
> Verständigungsmittel geschaffen, stellt Esperanto eines der großen
> Unternehmen menschlicher Emanzipation dar, ein Unternehmen, das jeden
> Menschen als Individuum an der menschlichen Gemeinschaft teilhaben
> läßt, und zwar fest verwurzelt in Kultur und Sprache seiner Heimat,
> aber nicht beschränkt durch sie.
>
> Wir behaupten, daß der ausschließliche Gebrauch von Nationalsprachen
> unausweichlich Hindernisse aufwirft, sich frei auszudrücken, zu
> verständigen und zusammenzutun. Wir sind eine Bewegung für die
> Emanzipation der Menschheit.
>
>

eben gesehen. kore, karl

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