Derabenteuerliche Simplicissimus erschien 1669 in zweiterAuflage, die erste ging verloren. Der Volksverband derBcherfreunde bringt durch seine Neuausgabe, die 1919veranstaltet wurde, in Erinnerung, da sich das Erscheinendes fr die deutsche Literatur- und Sittengeschichteso bedeutungsvollen Kulturromanszum 250. Male jhrt.
Solchem Narrenvolk mag ich mich nicht gleichstellen,obzwar meine Abkunft und Auferziehung sich mit dereines Frsten wohl vergleichen lt. Etliche Unterschiedesollen billig vor gering angeschlagen sein.
Und rittermig wie das ganze Hauswesen war meineAuferziehung. Mit zehn Lebensjahren hatte ich diePrinzipien in obgemeldeten adeligen bungen vollauf begriffen.[S. 5]Mein Knn war vielleicht eines viel zu hohenGeistes und folgte dahero dem gewhnlichen Brauch,darnach, wer vornehm ist, sich billig um Schulpossennicht viel bekmmert, weil er seine Leute hat, die derleiPlackschmeierei abwarten. Ich konnte nicht berfnf zhlen, solches aber gar wohl. Sonst war ich eintrefflicher Musikus auf der Sackpfeifen. Und was Gottesgelahrtheitanlangt, glich keiner mir in der ganzen Christenwelt:ich kannte weder Gott noch Menschen, wederHimmel noch Hlle, nicht Engel noch Teufel, wutenichts von Gutem und Bsem, wie unsere ersten Elternim Paradies, die in ihrer Unschuld nichts von Krankheit,Tod und Sterben, desto weniger von der Auferstehunggewut haben. Also auch ich. Und gleichermaenwar ich wohlbewandert in Medizin, Juristereiund sonst den Knsten und Wissenschaften allen. Ichwar vollkommen, dann mir war unmglich zu wissen,da ich so gar nichts wute. O wahrhaft edeles Leben!
Bub, bis flissig! Los die Schof nit ze wit umananderlaffen! Un spill wacker uff der Sackpfiffa, da der Wolfnit komm und Schada dau! Dann he is a solcher veirboinigter[S. 7]Schelm und Dieb, der Menscha und Viehafrit. Un wann dau awer fahrlssi bist, so will eichdir da Buckel arauma!
Ah, dau grober Eselkopp, repliziert er hinwider,dau bleiwest dein Lewelang a Narr! Gait meich Wunner,was aus dir wera wird. Bist schun su a grusser Dlpelund weist noch neit, was der Wolf fr a veirfeussigerSchelm is!
Er gab mir noch mehr Unterweisungen und wardzuletzt unwillig, maen er mit einem Gebrmmel fortging,weil er sich bednken lie, mein grober Verstandknnte seine subtilen Unterweisungen nicht fassen.
Da fing ich an mit der Sackpfeife so gut Geschirrzu machen, da man den Kroten im Krautgarten mitmeinen Schalmeien htte vergeben mgen. Daneben sangich, da die Mutter oft gesagt, sie besorge, die Hhnerwerden dermaleins von dem Gesang sterben. Demnachich mich vor dem Wolf sicher genug zu sein bednkte.
Bis hieher und nicht weiter kam ich mit meinemGesang, dann ich ward im Augenblick samt meinerSchafherde von einem Trupp Reuter umgeben, die imWalde verirrt gewesen und durch meine Musik undGeschrei waren zurecht gebracht worden.
Hoho, dachte ich, dies seind die rechten Kauz! Dievierbeinig Schelmen und Diebe, davon mein Knn sagte!Dann ich sahe Ro und Mann vor eine einzige Kreaturan und vermeinete nicht anders, als es mten Wlfesein. Da erdappte mich einer beim Flgel, schleudertemich so ungestm auf ein leer Baurenpferd, da ichauf der andern Seite wieder herab und auf meine liebeSackpfeife fiel, die so jmmerlich aufschrie, als wolletsie aller Welt Erbarmen bewegen. Half nichts, ich mutewieder zu Pferd. Am meisten verdro mich, da dieReuter vorgaben, ich htte dem Dudelsack im Fallenweh getan, darum er so ketzerlich geschrieen htte. MeineMhre trabet stetig dahin und mir kams seltsam fr,da ich nicht also auch in einen eisernen Kerl verwandletwurde.
Sintemalen keiner von denen Reutern ein Schaf hinwegfra,gedachte ich, sie seien da, mir die Schafe helfenheimzutreiben, dann geradewegs eileten sie auf meinesKnns Hof zu. Derowegen sahe ich mich fleiig um, ob erund meine Mutter uns nicht bald entgegengehen und unswillkommenheien wollten. Aber vergebens, mein Knnund die Mutter samt unserm Ursele hatten die Hintertrgetroffen und wollten dieser Gste nicht erwarten.
[S. 10]Kurz zuvor wute ich nichts andres, als da meinKnn, die Mutter, ich und das brige Hausgesind alleinauf der Erden seien. Nun aber lernte ich meinen Herrgottim Himmel kennen. Ich erfuhr gar bald darnachdie Herkunft der Menschen in diese Welt und da siewieder heraus mssen.
Ja, ich war nur in Gestalt Mensch, mit Namen einChristenkind, im brigen eine Bestia. Gott, der allmchtige,sahe meine Unschuld mit barmherzigen Augen anund whlet aus seinen tausenderlei Wegen diesen, michzu beidem: zu seiner und meiner Erkanntnus zu bringen.
Vorerst stelleten die Reuter ihre Pferde ein, hernachhatte jeglicher seine sonderliche Verrichtung, und jedewar lauter Untergang und Verderben. Dann obzwaretliche anfingen zu metzgen, zu sieden und zu braten,als sollte ein lustig Bankett gehalten werden, so warenhingegen andere, die durchstrmten das Haus unten undoben, ja das heimlich Gemach war nicht sicher, gleichsamob wre das glden Flie darin verborgen. Anderepackten Tuch, Kleidung und Hausrat zusammen, alswollten sie einen Krempelmarkt anrichten. Was sie abernicht mitzunehmen gedachten, ward zerschlagen. Etlichedurchstachen Heu und Stroh mit ihren Degen, andereschtteten die Federn aus den Bettzchen und flltenhingegen Speck, Fleisch und sonstiges Gert hinein, alsseie alsdann besser darauf zu schlafen. Sie schlugenfen und Fensterlden ein, gleich als htten sie einenewigen Sommer zu verknden. Kupfer- und Zinngeschirrstampften sie zusammen und packten die gebogenen undverderbten Stcke. Bettladen, Tische, Sthle und Bnkeverbrannten sie, da doch viel Klafter drr Holz im Hoflag. Hfen und Schsseln muten entzwei. Unsere Magdward im Stall dermaen traktiert, da sie nicht mehr[S. 11]daraus gehen konnte. Den Knecht legten sie gebundenauf die Erde, steckten ein Sperrholz in sein Maul undschtteten ihm einen Melkkbel voll Jauche in Leib.Das nannten sie den schwedischen Trunk. Zwangen ihnso, etliche von denen Reutern anderwrts zu fhren,allda sie Menschen und Viehe hinwegnahmen und inunsern Hof brachten. Auch mein Knn, meine Mutterund unser Ursele waren darunter.
Da schraubten sie die Stein von den Pistolenhhnenab und anstatt deren die Baurendaumen auf, foltertendie armen Schelme, als wollten sie Hexen brennen,maen sie auch einen von den gefangenen Bauren inBackofen steckten und mit Feuer hinter ihm her waren,unangesehen er noch nichts bekannt hatte. Einem andernschlangen sie ein Seil um den Schdel und drehten esmit einem Holzbengel zusammen, da ihm Blut zuMund und Ohren heraussprang. In summa, es hattejeder seine eigene Erfindung die Bauren zu peinigen.
Mein Knn war meinem damaligen Bednken nachder Glcklichste, ohn Zweifel darum, weil er der Hausvaterwar. Sie satzten ihn zu einem Feuer, banden ihn,da er weder Hnde noch Fe regen konnte, riebenseine Sohlen mit feuchtem Salz, das ihm unser alteGei wieder ablecken und dadurch also ktzlen mute,da er vor Lachen htte zerbersten mgen. (Ich habGesellschaft halber vom Herzen mitgelacht.) In solchemGelchter bekannte er seine Schuldigkeit und ffneteseinen verborgenen Schatz, der von Geld, Perlen undKleinodien reicher war, als man hinter dem Baurenhtte suchen mgen.
Von den gefangenen Weibern, Mgden und Tchternvermag ich sonderlich nichts zu sagen, doch wei ichwohl, da man hin und wieder in den Winkeln erbrmlich[S. 12]schreien hrte. Schtze, es sei der Mutter und demUrsele nicht besser gegangen als den andern.
Unter all dem Elend wandte ich den Braten am Spieund half die Pferde trnken, dadurch ich zu unsererMagd in den Stall kam. Die sahe wunderwerklich zerstrobeltaus, ich kannte sie kaum und sie sprach zu mirmit krnklicher Stimme:
Als der Morgenstern im Osten herfrflackerte, saheich meines Knns Haus in voller Flamme stehen, undich schlich nher, jemand vom Hof anzutreffen. Gleichward ich von fnf Reutern erblickt und angeschrieen:
Ich hielt stockstill, das Maul offen. Sie konnten wegeneines Morastes nicht zu mir gelangen, was sie ohnZweifel rechtschaffen vexierte. Lsete einer den Karabinerauf mich, von welchem urpltzlichem Feuer undunversehenlichem Krach, den mir ein Echo durch vielfltigeVerdoppelung grausamer machte, ich dermaenerschrckt ward, da ich alsobald zur Erde niederfiel.Ich regete vor Angst keine Ader mehr. Die Reuterritten ihres Wegs und lieen mich ohn Zweifel vortot liegen. So hatte ich jedoch den ganzen Tag dasHerz nicht, mich aufzurichten.
Ganz unverstndlich wallte die Stimme weiter, vorderen Seltsamkeit ich mich entsatzte. Allein es klangherfr, da Hunger und Durst gestillet werden sollten,also riet mir mein ohnertrglich Verlangen, michauch zu Gast zu laden; fasset ein Herz und kroch hinzu.Da wurde ich eines groen Mannes gewahr, in langen,schwarzgrauen Haaren, die ganz verworren auf denAchseln lagen. Er hatte einen wilden Bart, sein Angesichtwar zwar bleich, gelb und mager, aber ziemlichlieblich. Der lange Rock starrte von tausend aufeinandergesetzten Flicken. Um Hals und Leib trug er eine schwereeiserne Kette gebunden wie St. Wilhelmus. Ich fing anzu zittern wie ein nasser Hund. Was meine Angst nochmehrete, war ein Krucifix an sechs Schuhe lang, soer an seine Brust druckte. Ich konnte mich nicht andersentsinnen: ohn Zweifel, das war der Wolf!
[S. 15]In solcher Angst wischte ich mit meiner Sackpfeifenherfr, ich blie zu, stimmte an, lie mich gewaltighren, diesen greulichen Wolf zu vertreiben. ber solchghlinger und ungewhnlicher Musik an einem so wildenOrt der Einsiedel anfnglich nicht wenig stutzte, ohnZweifel vermeinend, der Teufel wollte ihn wie St. Antoniotribulieren und seine Andacht stren. Ich retirieret inden Baum, er aber ging mich an, den Feind des Menschengeschlechtsgenugsam auszuhhnen:
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