seminar: sufismus, tag 2, "Häresie und Verfolgung"

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al-shaaq

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Apr 26, 2010, 10:04:56 AM4/26/10
to Balkan Kolloquium Orientalistik Bochum, Caner Köseoğlu, Daniela Bielefeld, Daniela Holz, Daniela Neveling, Hacer Tan, Julian Staepke, Lampros Tsoutsas, Luka Pilic, Moritz Schmereim, Ouafaa Rakabi, Said Okka, Thomas Kauert, Ursula Dreier, Waltraud Engels, Werner Timm, Ümit Özdemir
liebe freunde der mystik,

in der rückfrage von Daniela auf den Vortrag von Hacer war es bereits
angeklungen, das wir uns mit den REAKTIONEN innerhalb der islamischen
Welt auf die Enstehung der mystischen Bewegungen beschäftigen sollten!

was macht nun einen muslim zum HÄRETIKER?

so ich es bislang richtig verstanden habe, war die fühzeit der
islamischen mystik (8.-9. jh.) sehr stark asketisch und weltabgewandt.
liegt ggf. bereits hierin ein grund für eine verfolgung durch den
mainstream?

oder kann man den frühen sufismus auch als eine politische
oppositionsbewegung interpretieren? (dann könnten wir endlich über
politik reden!)

wovon fühlten sich die theologen provoziert und zu einer reaktion
gedrängt?

ich freue mich auf eure ideen und anregungen zur HÄRESIE!

gruß
Stefan


--
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JulianS

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May 1, 2010, 3:35:55 AM5/1/10
to Balkan Kolloquium Orientalistik Bochum
Ich denke, dass der Unmut über Leute die sich abspalten oder dgl. eine
natürliche menschliche Reaktion ist. Zumindest ist es nichts
unerwartetes oder ungewöhnliches. Resultieren tut das ganze meiner
Meinung nach einfach aus der (immer wieder gern genannten) "Furcht des
Menschen vor etwas neuem". Wenn jemand einen anderen Weg einschlägt
bzw. eine Lehre anders interpretiert, gehen andere Menschen davon aus,
dass diese Person die "klassische Denkweise" nicht mehr für richtig
erachten und ihnen demzufolge in Zukunft als "Gegner" entgegentritt.
dazu kommt dann die Angst, dass andere Menschen diesem Beispiel folgen
könnten, so dass sich die eigene Gruppe zunehmend verkleinert. Auch
muss man bedenken, dass viele Menschen eine klare und exakte
Vorstellung von ihrem Glauben haben. Wenn also beispielsweise schon
eine exakte unmissverständliche Definition von ihrer Religion
existiert, wie können dann Menschen an der Formel rumdoktorn? Sollten
nicht, durch die exakten Vorgaben einer Religion, die sich auf den
gesamten Lebensbereich eines Menschen beziehen (wie es ja beim Islam
durchaus der Fall ist), Uneinigkeiten zwischen den Anhängern von
Vorneherein ausgeschlossen werden?

Thomas Kauert

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May 2, 2010, 2:19:57 AM5/2/10
to Balkan Kolloquium Orientalistik Bochum
(Finde keinen Text für morgen unter den entsprechenden Dateien, also
keine Nr. 2)

Ich denke Julian hat vieles gesagt, was es zu dem Thema zu sagen gibt.

Für mich liegt der Hauptgrund in der Etablierung der eigenen Religion.
Wir dürfen nicht vergessen, dass wir es mit dem frühen Islam zu tun
haben. Dieser wiederum entwickelt sich in dieser Zeit zu einer
Gesetzesreligion, formt Schulen aus und etabliert sich während einer
großen Expansion. Alles drei sind Gründe die dazu führen, Abweichler -
und seien es eben nur "Verinnerlicher" der Religion - zu brandmarken
und als Opposition zu betrachten. Eine Gesetzesreligion hat natürlich
den Anspruch, dass alle Menschen dieses Glaubens genau nach diesen
Vorgaben leben. Die Rechtsschulen geben dabei exakt den Rahmen der
Möglichkeiten vor. Wer diesen sprengt, der gerät in Häresieverdacht.
Die Expansion ist dann der Aspekt, der diese Abweichungen gefährlich
macht: Die Einigkeit der islamischen Kulturen steht auf dem Spiel und
damit ein Faktor, der massgeblich zum Erfolg der Expansion beiträgt.
Die Muslime können sich zu der Zeit kein mögliches Schisma erlauben,
dass die Kräfte zersplittern könnte.

Früh und kurz heute :-)

Danyal Faqir

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May 2, 2010, 3:39:13 AM5/2/10
to Balkan Kolloquium Orientalistik Bochum
Wenn wir uns den Text 2 aus der Bib hätten besorgen sollen, bin ich
dafür wohl auch etwas spät dran. Kann mich also nur allgemein zu der
Frage äußern.

Ich glaube nicht, dass man allein schon Askese als Grund ansehen haben
könnte jemanden als Häretiker zu betrachten. Sufis werden häufig als
Häretiker bezeichnet, da man ihnen vorwirft Bida'a (Neuerungen) im
religiösen Kultus einzuführen, die eigentlich Haram (religiös
verboten) seien. Z.B. dass Sufis lautes, ekstatisches Dhikr machen,
dabei sogar oft Musik mit einbeziehen, tanzen, Alkohol oder Haschisch
konsumieren, Koranstellen zu allegorisch auslegen oder ihr Leben zu
stark an ihrem Sheikh ausrichten. Man muss aber auch immer beachten,
wer wen als Häretiker bezeichnet. Während wohl der größe Teil der
Muslime die Sonderstellung der Sufiorden respektiert und in manchen
Ländern wie z.B. im Senegal, der Großteil der muslimischen Bevölkerung
mehr oder weniger enge Verbindungen zu Sufis hat, gibt es wieder
andere, meist puritanische Gruppen, wie z.B. die Wahabis, die einzig
Koran und Sunna im wortwörtlichen Sinn als muslimischen Rahmen gelten
lassen wollen. So kann man auch öfters hören und lesen, dass Sufis
sogar Shirk (Verlassen des Islam / Allah andere anbetungswürdige Wesen
an die Seite stellen) vorgeworfen wird, da sie, anstatt sich direkt an
Gott, auch an ihren Sheikh wenden können, damit dieser bei Gott
Fürbitte einlegt, Gräber ihrer verstobenen Sheikhs besuchen um dort
durch Berührung des Shreins Segen zu erhalten und auch mitunter
geistig auf ihren Großsheikh focussiert meditieren. (Ich hoffe ich hab
jetzt nichts falsches geschrieben...)

Darüber hinaus könnte ich mir auch gut vorstellen, dass es aber auch
rein politische Gründe dafür geben kann, Sufismus als unislamisch zu
bezeichnen, oder Sufiorden sogar staatlich zu verbieten und deren
Anhänger zu verfolgen. Soweit ich weiss haben Sufis es besonders im
Iran und Saudiarabien schwer, aber auch in der Türkei sind Sufiorden
eigentlich verboten. (Wobei der Tanz der "wirbelnden Dervishe"
widerrum auch als eine Art Folklore kommerziell ausgeschlachtet wird.)
Sufiorden weisen oft ein hohen Grad an Organisiertheit auf und könnten
ihre Anhänger für staatliche "Propaganda" vielleicht
unerwünschterweise immunisieren...

al-shaaq

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May 2, 2010, 1:52:11 PM5/2/10
to Balkan Kolloquium Orientalistik Bochum
ich habe mir zwei stellen herausgenommen, über die ich oben
„gestolpert“ bin:

„Sollten nicht, [...] Uneinigkeiten zwischen den Anhängern von
Vorneherein ausgeschlossen werden?“ (JULIAN)

der anspruch auf „einigkeit“ taucht – so scheint mir – in jeder
gesellschaft und zu jeder zeit auf;
und wovor hat man denn nun wirklich angst? vor der uneinigkeit selber
oder vor etwas anderem?
wenn sufis anderen muslimen angst machen, so sagt das doch in erster
linie etwas über die aus, die
angst haben.

„Man muss aber auch immer beachten,
wer wen als Häretiker bezeichnet.“ (WERNER)

... ja genau! WER bezeichnet denn? Wer bezeichnet wird, steht doch
meistens an erster stelle,
aber wer bezeichnet denn?

Ich habe zu Husain ibn Mansur al-Hallaj gelesen (858-922) und dort
tauchten folgende gegenspieler auf:

’Amr al-Makkik (selber ein Mystiker in Bagdad)

Muhammad ibn Da’ud (rechtsgelehrter)

die wezire Ibn al-Furat und Ali ibn ’Isa

also eine volle phalanx aus politik, ulama und eigener reihe!
Brauchten die alle ein gemeinsames feindbild oder kann mir jemand die
soziopolitische lage zu diesem zeitpunkt besser erklären? Meine
kenntnisse zur abassidenzeit sind (hust, hust) erweiterungsbedürftig!


einen schönen absatz von Annemarie Schimmel möchte ich noch zur
inspiration geben:

„Denn alle fürchteten, dass die Wirkung einer religiösen
Wiederbelebung der Massen
Auswirkungen auf die soziale Organisation, ja auf die politische
Struktur des Reiches haben könnte.
Der Gedanke, die Herzen aller Muslime zu bekehren und sie das
Geheimnis persönlicher Heilung
Anstelle blinder Nachahmung zu lehren, wäre gefährlich für eine
Gesellschaft gewesen, deren religiöse
und politische Führer weder die Kraft noch die Absicht hatten, die
muslimische Gemeinde wirklich zu beleben.“
(A. Schimmel, Mystische Dimensionen des Islam, München 1992, S. 105)

Die Verfolgung von Sufis als Indikator für den Stillstand/Macht-
Konsolidierung in der Gesellschaft?

Ulla Dee

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May 2, 2010, 5:45:55 PM5/2/10
to Balkan Kolloquium Orientalistik Bochum



Also, ich denke, gerade bei der Frage nach der Häresie im Sufismus,
sollte man unterscheiden, ob es sich um die Verfolgung der frühen
Sufis handelt.

Da ist der Tod von al-Halladsch eigentlich der Prototyp: Al-Halladschs
berühmtester Ausspruch "Ich bin die (absolute) Wahrheit" (Ana l-haqq
‏انا الحقّ‎) entsprang ja dem sufischen Gedanken der Eins-Werdung mit
Gott, der Auflösung des Ichs in Gott, bezeugte aber eigentlich die
Überflüssigkeit jeglicher ulama. Aber al-Halladsch war dennoch
letzlich nur ein Einzelner, der für die islamische Orthodoxie nicht
tragbar war.

Bei der späteren Ablehnung der Sufis als Ganzes, also auch in ihrer
gesamten Ordenstruktur, stehen z.B. die Wahabiten an erster Stelle.
Aber das war erst viel später (18. Jhd.). Allerdings waren für sich
die genommen die Wahabiten ja auch eine Reformbewegung ("Zurück zu den
Wurzeln"), nur eine, die ziemlich konträr zu den Sufis verlief.

Liebe Grüße
Ursula

Luka

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May 2, 2010, 8:01:51 PM5/2/10
to Balkan Kolloquium Orientalistik Bochum
Wie wäre es denn damit:

Die Versuchung zur Vermenschlichung des Gottesbildes. Dies kann
Blasphemie werden, sobald unterstellt wird, dass die Summe der Gott
zugesprochenen Eigenschaften seine Wirklichkeit umschreibt.

Die Versuchung, Gott als Kontrast darzustellen. Dies führt zu
dualistischen Begriffskonstruktionen wie "Geist" und "Materie" oder
"Licht" und "Dunkel" und zu Religionen wie dem Zoroastrismus und
Manichäismus.
Im Reagieren hierauf führt dies aber auch zum Monismus eines Plotin
und eines Pantheismus. Wenn der islamische Mystiker al-Halladsch
sagte: "Ich bin die Wahrheit", wollte auch er nur sagen: Gott
entwickelt sich in uns allen.

Die Versuchung, Gott so sehr zur "reinen Idee" eines physikalisch-
chemisch-biologischen Urschlamms, -bewegers oder -verursachers werden
zu lassen, dass er irrelevant wird.

Sure 16:74: "Prägt also für Gott keine Gleichnisse. :-D ich steh auf
Philo :-D

http://www.enfal.de/grund37.htm

al-shaaq

unread,
May 4, 2010, 10:45:08 AM5/4/10
to Balkan Kolloquium Orientalistik Bochum
von OUAFAA kam der folgende lektürehinweis, den ich der
übersichtlichkeit halber hier einordne:

"Die Botschaft der progressiven Häretiker im Islam" in: NZZ,
28.10.2005
(http://www.nzz.ch/hintergrund/dossiers/der_islam_und_europa/
europaeischer_islamismus/articled6e6m_1.173726.html?printview=true)

dies könnte der einstieg in eine interessante diskussion darüber sein,
inwieweit der Westen es liebt, sich mit so genannten Häretikern/
Dissidenten
zu schmücken!

al-shaaq

unread,
May 4, 2010, 10:50:24 AM5/4/10
to Balkan Kolloquium Orientalistik Bochum
liebe leute,

unter den dateien im Kolloquium habe ich die ergebnisse eurer
gestrigen gruppenarbeit als PDF eingestellt
(seminar_islamische mystik, tag 2, haeresie-gruppenarbeit.pdf)

ich schlage vor, dass einige der fragen hier in dieser diskussion
versucht werden zu beantworten!

viel spaß dabei!
Gruß
Stefan
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