seminar: islam auf dem balkan, tag 5, "Religion im Osmanischen Reich"

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al-shaaq

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May 18, 2010, 12:00:43 PM5/18/10
to Balkan Kolloquium Orientalistik Bochum, Aliye Incekan, Janina Mitwalli, Lampros Tsoutsas, Liliya Slavskaya, Luka Pilić, Lukas Augustin, Merle Poth, Miriam Merjam Ljakić, Nejla Kujović, Ouafaa Rakabi, Reyhan Aksu, Sabine Delkus, Thomas Kauert, Şevki Yildirim
liebe leute,

am kommenden freitag werden wir ohne vorträge arbeiten! wie
angekündigt werde ich dazu verschiedene gesprächs-"aufgaben"
mitbringen! ihr solltet also für kaffee und kuchen sorgen und außerdem
ein "loses mundwerk" mitbringen!

ich möchte unser nächstes treffen als eine art "zusammenfassung" der
bisherigen vier tage verstehen. in den mittelpunkt stelle ich die
begriffe:

GLAUBEN - HERRSCHAFT
RELIGION - STAAT

ihr findet im Kolloquium zwei zusätzliche texte (millet-system,
"huzur" - mit dank an Luka!)!

und nun meine ersten fragen zum kommentieren und nachdenken:

wozu brauchten die Osmanen überhaupt eine Religion?
braucht der Islam einen Staat? ist die dar al-islam nur in einem staat
möglich?
braucht ein Staat eine Religion?
Kirche und Staat? zwei Seiten einer (christlichen?) Medaille?
waren die Sultane "gute" Muslime?
war das Osmanische Reich von Anfang an ein "islamischer" Staat?
welches Staatsverständnis hatten die Osmanen?

brauche "ich" überhaupt eine religion?
wozu brauche "ich" einen staat?

also, viel spaß beim kommentieren!
liebe grüße
Stefan

al-shaaq

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May 18, 2010, 6:37:01 PM5/18/10
to Balkan Kolloquium Orientalistik Bochum
Hat vielleicht einer von unseren Bloggern Lust die Briefe von Ogier
Ghislen de Busbecq zu lesen! :)

Das könnte uns weiterhelfen bei einer Annäherung an die Osmanen im 16.
Jh.

"Istanbul: Food and the frugal Turks" - http://www.esiweb.org/index.php?lang=de&id=294&walk_ID=43

al-shaaq

unread,
May 18, 2010, 6:39:20 PM5/18/10
to Balkan Kolloquium Orientalistik Bochum
ich liebe es:

"The Turks are so frugal and think so little of the pleasures of
eating that if they have bread and salt and some garlic or an onion,
and a kind of sour milk… which they call yoghoort, they ask for
nothing more."

man ersetze die nahrung durch ćevapčići und es entsteht Stefans oft
kritisiertes Lebensgefühl in Bosnien! :)

al-shaaq

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May 29, 2010, 4:30:29 AM5/29/10
to Balkan Kolloquium Orientalistik Bochum, Aliye Incekan, Janina Mitwalli, Lampros Tsoutsas, Liliya Slavskaya, Luka Pilić, Lukas Augustin, Merle Poth, Miriam Merjam Ljakić, Nejla Kujović, Ouafaa Rakabi, Reyhan Aksu, Sabine Delkus, Thomas Kauert, Şevki Yildirim
liebe neu- und alt-balkaner,

in der letzten stunde gestern vor einer woche habt ihr mir die vorlage
zu einigen überlegungen gegeben, die ich nun hier zusammenfasse - der
Islam, die Osmanen und der staat!

ich würde mich freuen, wenn euch der folgende kleine text zu weiteren
gedanken anregen würde!

liebe grüße
Stefan

--------------

EINSTIEG

„Warum verbinden wir Osmanen sofort mit Islam?“ (Ouafaa)

ja, warum eigentlich? Diese Frage ist bei mir nachhaltig hängen
geblieben und sie zu Beginn dazu nutzen den Fokus ein wenig scharf zu
stellen:

- in Bezug auf die Osmanen, also die herrschende Elite war der
islamische Glaube von Beginn des Staatsgebildes im 14. Jahrhundert
präsent – und auch später war ein echter Osmane ein Muslim. Der
richtige Glaube war also Teil herrschaftlicher Identität
- Das Osmanische Reich als islamischen Staat zu bezeichnen bereitet
mir Unwohlsein. Das drückt dem ganzen so einen schematischen Stempel
auf. Sicher, der Islam war ein wichtiger Faktor, aber nicht alles im
Osmanischen Reich bezieht sich auf den Islam. Als Wink mit dem
Zaunpfahl rate ich den Blick auf die demographischen Verhältnisse im
15-16 Jahrhundert zu wenden!

1. STATE BUILDER

Ich hatte euch die Idee der state builder vorgeschlagen, um damit eine
Annäherung an die Osmanen und ihr Reich vorzubereiten. Diese state
builder hatte ich hervorgehoben von den Staatsgründern. Die Idee
dahinter ist, dass ein Staatsgründer sicher ein state builder ist,
aber state builder nicht unbedingt Staatsgründer sein müssen.

Hier möchte ich eine Unterscheidung zwischen state buildern und
„Staatsverwesern“ ziehen. Welchen Sinn hat das? Nun, richten wir den
Blick auf die BUILDER so erschließen sich uns (vielleicht) ihre
Logiken, nach denen sie ihren Glauben von sich selbst, ihren
Untertanen und Gott in Form eines Staates ausbildeten.

2. STAATSAUFFASSUNG – raison d’etre

Die Osmanen waren Krieger! Ihre Staatsauffassung war der Krieg und die
damit einhergehende Expansion! Das Osmanische Reich befand sich (auch
zu Friedenszeiten) in einem Zustand des PERMANENT WAR – hierzu sei
daran erinnert, dass die Bezeichnung der Herrschenden Askerî war (osm.
‏عسکری‎, von arab. al-’askar, Soldat). Das gedankliche Konstrukt dafür
war der Titel des GHAZI (arab. ‏غازي‎ ġāzī „wer einen Kriegszug
unternimmt, Angreifer, Eroberer“) – daher brauchten die Osmanen für
die Legitimation ihres Staates die Abgrenzung von den „äußeren“
Ungläubigen nach Westen.

Diese Staatsräson sagt jedoch mitnichten etwas über das Verhältnis
zwischen Muslimen und Christen IM Osmanischen Reich aus! Ebenso ist es
vorschnell daraus etwas über das Verhältnis der Osmanen als
kriegerische Staatsmänner zu „den Christen“ sagen zu können. Was man
sagen kann ist, dass die Osmanen ihre westliche Front zu „der Welt der
Ungläubigen“ als Unterpfand des Staates brauchten – und somit auch den
Balkan, den Beweis ihrer Potenz als state builder!

3. KOMPETENZEN DER STATE BUILDER

Die Kompetenzen möchte ich interpretieren als das Angebot an
Herrschaftsinstrumenten. Aus dieser Perspektive der Herrschaft ist
jeder Staat immer auch ein Rechtsstaat (nicht in der heutigen Lesart
natürlich!), d.h. der Staat organisiert und verwaltet die Oberhoheit
des Rechtswesens. Und selbst in neuzeitlicher Auffassung macht es
keinen Unterschied, da Industrie-Demokratien einen ähnlich umfassenden
Rechtskorpus aufblähen wie auch z.B. kommunistische Staaten das taten.
Aber zurück zum osmanischen Rechtswesen!

Denn von hier ist der Sprung zum Islam kein wirklicher Sprung – das
osmanische Rechtswesen IST die ulema, also die institutionalisierte
Spielart des festgezurrten sunnitischen Islams!

Die Osmanen etablierten ihre Herrschaft mit der Hilfe eines
islamischen Rechtswesens – die Steuern, die internen Reichsgrenzen,
der Städtebau ... in allem spielte der Kadi eine entscheidende Rolle!


4. DAS CHARISMA und DIE ELITE

Ich glaube, dass Charisma in der Frage der Herrschaft IMMER eine Rolle
spielt. Ja, auch in der BRD... in den Industrie-Demokratien sehe ich
ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Charisma der Macht, aber das ist
eine andere Frage.

Das Charisma der osmanischen state builder in der Zeit des 15-16
Jahrhunderts war eng verbunden mit der Frage des Kriegs. Ich glaube,
dass der Sultan sein Heer bis in das 16. Jahrhundert PERSÖNLICH in den
Krieg führte – danach entstand ein Wechsel des Charismas. Und da die
Kriegsführung eng mit der Idee des GHAZI verbunden war, war das
Charisma des Herrschers ebenfalls eng an den islamischen Glauben
gebunden.

In der Frühphase hatte dieses „islamische Kriegscharisma“ noch eine
weitere Dimension: Um die Loyalität der vielen anderen anatolischen
Turkstämme zu sichern, musste die Bedeutung der Blutsbande
herabgesetzt werden – so folgte man dem (osmanischen) Fürsten in
seinem Bild als GHAZI und verließ auf diese Art die frühere
Stammesloyalität.

Die Entwicklung der Janitscharen ab dem 15. Jahrhundert ist hier ein
weiteres Kapitel in der Auflösung „traditioneller“ Identitäten und
Bindungen, hin zu einer elitären Ausrichtung auf das Reich und den
Sultan.

Um in die höchsten Ränge der Elite, der Askeri aufzusteigen musste man
den islamischen Glauben annehmen. Gut, es gab natürlich auch Christen
in hohen Ämtern, aber je sich das Reich konsolidierte, desto
selbstverständlicher war es, dass die zentralistischen Ämter, die
DIREKT das Reich symbolisierten eine Sache der Muslime waren.

Somit war der Glauben eine (von vielen) Facetten, die eine Barriere
zwischen den Askeri und der von ihnen beherrschten rayah bildete. Und
diese Barrieren waren durchaus GEWOLLT, denn die Askeri wollten sich
von den Untertanen abgrenzen!

Und hier wäre es meiner Auffassung nach eine interessante Re-
projektion heutiger Ideen, wenn man staatlicher Unterdrückung (der
Christen zum Beispiel) sprechen würde!

MEINE THESE: Staatliche Unterdrückung kann es nur geben, wenn der
Untertan eine politische Partizipation fordert bzw. wenn der
Herrschende in die Lebenssphäre des Untertanen eindringt. Beides sind
Ideen des 20. Jahrhunderts und lassen sich nicht auf das Osmanische
Reich im 14.-18. Jahrhundert anwenden. Vergleicht man die
Staatsaufassungen z.B. der BRD, so sieht man schnell, dass UNSER STAAT
HEUTE nahezu jeden noch so kleinen Lebensbereich seines Bürgers regeln
will. Die Osmanen taten dies nicht.

5. STAATSAUFFASSUNG

Von was für einer Staatsauffassung lässt sich dann aber sprechen?

In erster Linie waren die Osmanen an Steuereinnahmen interessiert,
d.h. Geld für das Heer und für den Diwan.

Eine sehr streitbare und innovative Richtung begann mit Mehmed II. dem
Eroberer! Denn Mehmed Fatih setzte den Anfang einer neuen Art von
Reichsidentität zusätzlich zu der GHAZI-Identität.
Mehmed II. initiierte die Idee des WELTHERRSCHERS in byzantinischer
Tradition und wurde dafür bereits zu Lebzeiten von osmanischen
Geschichtsschreibern kritisiert, weil das nicht dem islamischen Ideal
entspreche. (Und wenn ihn schon die offiziellen Schreiber
kritisierten, was haben dann erst die inoffiziellen von sich gegeben!)

Die Konstantinopel-Istanbul-Idee war in jeder Hinsicht sinnbildlich
für Mehmed II. und seine Ideen des Herrschers der (bekannten) Welten.

Somit stehen GHAZI-Identität und BYZANZ-Erbschaft als Säulen der
Einheit des Reichs.
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