seminar: sufismus, tag 3, "Askese und Mystik in den westlichen Provinz"

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al-shaaq

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May 4, 2010, 10:42:04 AM5/4/10
to Balkan Kolloquium Orientalistik Bochum, Caner Köseoğlu, Daniela Bielefeld, Daniela Holz, Daniela Neveling, Hacer Tan, Julian Staepke, Lampros Tsoutsas, Luka Pilic, Moritz Schmereim, Ouafaa Rakabi, Said Okka, Thomas Kauert, Ursula Dreier, Waltraud Engels, Werner Timm, Ümit Özdemir
liebe freunde der mystik,

wir werden nun in der nächsten woche einen regional-räumlichen
schwerpunkt legen! hier bietet es sich an, sich mit den politischen
realitäten der so genannten "islamischen welt" in und um das 10.-11.
jahrhundert herum bekannt zu machen!

ich freue mich auf eure vorbereitungen und ideen!

viele mystische grüße
Stefan

PS: Pflichtlektüre steht im Handapparat der Orientalistik-Bibliothek!

Ulla Dee

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May 7, 2010, 6:07:07 AM5/7/10
to Balkan Kolloquium Orientalistik Bochum
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Ihr Lieben,
gehen wir am Montag eigentlich planmäßig zu den Fatimiden über? Dann
muss ich jedenfalls noch einige Bemerkungen über die Mu´tazila
loswerden:

Wenn ich das richtig verstanden habe, dann ist die Mu´tazila innerhalb
der islamischen Theologie eine rationalistisch ausgerichtete Schule.
Dabei fußt die Lehre der Mu’tazila auf zwei Hauptprinzipien: Nämlich:
at-tauhīd („die absolute Einheit Gottes“) und al-‚’adl („die
Gerechtigkeit Gottes“). Hauptargument für die Entscheidungsfindung und
Interpretation islamischer Prinzipien sollte die Vernunft sein.
Und eine weitere wichtige These war die Ableitung aus dem Koran, dass
der Koran selbst ebenfalls geschaffen sei. Dies erlaubte ihn kritisch
zu betrachten. Vor allem wegen dieser These wurde diese Schule von
orthodoxen Sunniten angefeindet und als Häresie betrachtet.

Wo aber genau liegt die Verbindung zu den Sufis? Haben diese denn eine
ähnlich rationale Auffassung von der Auslegbarkeit des Korans??

Ulla Dee

unread,
May 7, 2010, 6:56:22 AM5/7/10
to Balkan Kolloquium Orientalistik Bochum

.

PS: zu Sufis in Ägypten:


Den Artikel von Frederick de Jong habe ich mit Interesse gelesen, aber
ich musste ständig arabische Begriffe nachschlagen, die er nicht
übersetzt hatte. Ein paar erklärende Fußnoten wären nett gewesen.

Ansonsten scheint es im Wesentlichen um einen Machtkampf zwischen
Wahabiten (in Form der Muslim Bruderschaften) und den Sufi-Orden zu
gehen, wobei die Schlüsselrolle immer wieder der politischen Macht in
Ägypten zukommt (also u.a. Nasser und Saddat).
Was Reformen auf der inhaltlichen Ebene angeht, da hat das Oberhaupt
der Sufi-Orden durch Regulationen anscheinend auf Bedarf an Erneuerung
reagiert, also Verbot von bestimmten Ritualen (z.B. Glass- und
Feuerschlucken, Musikinstrumente (.. was ist eigentlich das Problem
beim Gebrauch von Musikinstrumenten?)) und dadurch auch die Hierarchie
im Ordenssystem selbst gefestigt.

Mir ist allerdings nicht ganz klar, WARUM der Wahabismus sich so
vehement gegen die mystische Dimension im Islam wehrt. Wo genau liegt
die Bedrohung?



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Caner

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May 16, 2010, 6:20:08 AM5/16/10
to Balkan Kolloquium Orientalistik Bochum
Hallo alle zusammen,

nun gebe ich auch mal einen Beitrag hierzu:

Meines Erachtens hat die Mu'tazila fünf Prinzipien, die sich in den
neueren Forschungen finden lassen. Demnach erkennen nahezu alle
Mu'taziliten folgende Prinzipien an und handeln ihnen gemäß:

1) Gemäß dem Prinzip der göttlichen Gerechtigkeit ('adl) will Gott für
den Menschen das Gute. Alles Böse in der Welt - menschlicher
Ungehorsam gegenüber den göttlichen Geboten, Lüge und Ungerechtigkeit
- ist von ihm weder gewollt, noch geschaffen. [Besonders bei dem Sufi
al-Makki ist auch dies wieder zu finden. Bei anderen natürlich auch].
Folglich ist der Mensch Herr seiner Handlunge. Er kann wählen zwischen
Glauben und Unglauben und ist in seinem Handeln keinem Zwang
unterworfen. [Auch hierin besteht ein Zusammenhang zur Sufi-Tradition.
Denn der Sufi handelt ganz in seinem Interesse, wenn er sich Gott
unterwirft]. Außerdem auferlegt ihm Gott keine moralischen
Verpflichtungen, die er nicht erfüllen könnte.
2) Gemäß dem Prinzip von Verheißung und Drohung (al-wa'd wa-l-wa'id,
الوعيد و الواعد) halten die Mutaziliten daran fest, dass Gott Seine
Verheißung für die Gläubigen und Gehorsamen und Seine Androhungen für
die Ungläubigen und die schweren unreuigen Sünder unbedingt erfüllen
wird. Es widerspräche dem Prinzip der göttlichen Gerechtigkeit, wenn
Er die Übertretung der göttlichen Gebote mit der Höllenstrafe
bedrohen, die Sanktionen dann aber nicht verwirklichen würde. [Auch
hier erinnere ich gerne an den "Urbund Gottes" mit den "zu dem
Zeitpunkt" noch nicht existierenden Menschen, an den insbesondere auch
die Sufis festhalten].
3) Die Lehre von der Zwischenstellung (al-manzila bain al-manzilatain)
betrifft die Position des schweren Sünders, der weder den Gläubigen
noch den Ungläubigen zuzurechnen ist. Hiermit grenzten sich die
Mu'taziliten einerseits gegenüber der Lehre der Kharijiten (die, die
sich von Ali, dem 4. Kalifen, lossagten) ab, nach deren Auffassung ein
sündiger Muslim einem Ungläubigen gleichzusetzen sei, und andererseits
gegenüber der Position der Murji'iten, die jeden Muslim - also auch
den schweren unreuigen Sünder - einem Gläubigen gleichsetzten. [Der
Zusammenhang zum Sufismus ist hier ganz offen gegeben. Auch er
entzieht sich dem Urteil, Gläubige mit Ungläubigen - und vice versa -
gleichzusetzen].
4) Das vom Qur'an gebotene "Auffordern zum Billigen und Abhalten vom
Verwerflichen" (al-amr bi-l-ma'ruf wa-n-nahy 'an al-munkar) meint die
Aufforderung zur Verteidigung und Verbreitung des wahren Glaubens und
den Aufruf zur Bekehrung sowie zur aktiven, auch gewaltsamen,
Durchsetzung des Rechtes. [Hier besteht definitv kein Zusammenhang zum
Sufismus, mag es auch in späterer Zeit gewaltbereite Sufis gegeben
haben].
5) Nach der mu'tazilitischen Auffassung von der Einheit Gottes
(tawhid) - von der Du schon schreibst Ulla - ist Gott allein
unendlich. Bzgl. Seiner Wesensattribute ist Gott von Ewigkeit her
lebendig, mächtig, wissend, sehend und hörend durch sich selbst -
nicht durch selbständige Attribute des Lebens, der Macht, des Wissens,
des Gesichts und des Gehörs, die wie Gott selbst von Ewigkeit her
bestehen. Übrigens liegt in dieser Auffassung von der Einheit Gottes
auch die mu'tazilitische Lehre von der Erschaffenheit des Qur'ans
begründet.

Ulla, Du hast in sofern recht mit der Erwähnung der beiden Prinzipien
von der Einheit Gottes und von der göttlichen Gerechtigkeit als
"Hauptargument", als dass sie zu den wichtigsten Lehrstücken der
Mu'tazila gehören: deswegen bezeichneten sie sich häufig selbst als
ahl al-'adl wa-t-tauhid (also als diejenigen, die Gerechtigkeit walten
lassen und die Einheit Gottes bezeugen).

Die Bedeutung der einzelnen Grundprinzipien hat sich für die Mu'tazila
im Laufe ihrer Geschichte verändert. Nicht eindeutig klar ist, ob
bereits die erste Generation der Mu'taziliten alle fünf genannten
Prinzipien formuliert und vertreten hatte. Die Forschung ist hierzu
geteilter Auffassung.

So, ich gehe jetzt mal duschen und komme gleich mit einem weiteren
Beitrag zurück.

Bis dahin...

Caner

On 7 Mai, 12:07, Ulla Dee <bochum4...@googlemail.com> wrote:

Caner

unread,
May 16, 2010, 8:31:08 AM5/16/10
to Balkan Kolloquium Orientalistik Bochum
Hallo noch einmal,

nun ist die wahhabitische Bewegung eine Bewegung der Moderne im Sinne
der Zeitepoche. D. h., dass sie wesentlich mehr "Veränderungen" im
Islam und somit auch im Sufismus wahrnehmen konnte, wie etwa die Leute
des Mittelalters. Somit spielte sowohl die Musik als auch das geistige
Denken anderer im Islam für die Wahhabiten (neutraler: Salafisten)
eine entsprechende Rolle. Man darf den Wahhabismus nicht als eine
einzig religiöse Bewegung betrachten, sondern als eine ebenfalls
"nationalistische" (im Arabischen gibt es das Wort Iqlimiyya, was eine
etwas andere Bedeutung als Nationalismus hat). Man muss ebenfalls
sehen, dass die Osmanen die Oberherrschaft über die Haramain (die
beiden Heiligen Stätte in Mekka und Medina) hatten. Ihre "neuen"
Gedanken konnten sie also ziemlich leicht in der Bevölkerung
durchsetzen, beanspruchten sie doch die wahre Religion innezuhaben.
Man konnte die Osmanen als Nicht-Muslime denunzieren und Ihnen nun
eine Fremdherrschaft vorhalten, von der sich die Araber zu befreien
hätten. Untersützung gab es ebenfalls von einem arabischen Varsallen
(Statthalter in diesem Fall).

Unter fielen Dingen, die sie als Neuerungen (bid'a) bezeichneten, war
eben auch die Musik. Sie würde die Menschen davon abhalten, Kontrolle
über sich selbst zu haben, sich zu vergessen. Auf andere Gedanken
("krumme Gedanken") zu kommen. Sie würden sich in Trance hören und
Alkohol trinken. Das ist so der Hintergrund dazu.

Was den Sufismus angeht, kann man nur sagen, dass er für die
Wahhabiten grundsätzlich ein Problem der religiösen Auffassung
darstellt. Es gibt viel zu viele Beispiele, als dass man auch nur
annähernd hier darauf eingehen kann. Bspl. Gottesliebe. Der Wahhabit
würde sich nicht "anmaßen", mit Gott solch einen persönliche Erfahrung
der Liebe machen zu können. Für sie ist es eine Form des
Anthropomorphismus, wozu auch das "Sich-Mit-Den-Attributen-Gottes-
Qualifizieren" gehört, worüber wir ja mal gesprochen hatten.

Anmerkung: Muhammad bin Abdal Wahhab (der Gründervater des
Wahhabismus) hat sicherlich auch das persönliche Bedürfnis gehabt,
Dinge zu verändern. Er ist viel herumgereist und hat gesehen, wie
"falsche Lehren" verbreitet wurden. Dann kam eben auch noch die Sache
mit der "Iqlimiyya" hinzu.

Soviel erst einmal dazu.

Bis morgen.

al-shaaq

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May 17, 2010, 12:54:51 PM5/17/10
to Balkan Kolloquium Orientalistik Bochum
und hier noch ein beitrag von DANIELA HOLZ

_____________________________________

Von: Daniela Holz

Gesprächsverschriftlichung zum Referat “Sufismus in Ägypten und
Syrien”
Zunächst wurde in der Gruppe über Dhu n-Nun al- Masri gesprochen. Mit
diesem habe in Ägypten der Sufismus begonnen. Die erste Frage war,
warum er als Gottesleugner (zindik) gesehen wurde. Dies war aus
machtpolitischen, aber auch aus religiösen Gründen der Fall. Denn aus
religiöser Sicht einiger Ägypter habe al- Masri Gott falsch
dargestellt. Er habe auch kein Vorbild gehabt, wie so manche andere
Mystiker, sondern ließ sich von seinen Träumen beeinflussen.

Dann wurde die Lehre von dem syrischen Mystiker Abu Sulayman ad-
Darani thematisiert. Nach al- Darani ist manchen Menschen die Sünde
und anderen das gute Handeln vorherbestimmt. Diese Vorherbestimmung
ist nicht beeinflussbar.

Zuletzt werden noch Begriffe geklärt, wie zum Beispiel “Mamluken“.
Diese waren die Palastsklaven der Abbasiden.
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